Oligarchie

Der griech. Begriff O. (dt. "Herrschaft Weniger") wird seit der Antike zur Beschreibung von Staats- und Gesellschaftsformen verwendet und gilt seit Platon und Aristoteles als Fehlform der Aristokratie. O. steht für eine gesetzlose Herrschaft der auf den Eigennutz bedachten Reichen, während die aristokrat. Herrschaft dem Gemeinnutzen verpflichtet und deshalb legitim ist.

Nach Max Weber war die O. typisch für Regimente mit Kooptation. Entsprechend ist der Terminus in der Geschichte der Schweiz namentlich für die Periode der Aristokratisierung vom 16. bis 18. Jh. bedeutend. Tendenz zur O. zeigten neben Patrizischen Orten auch Zunftstädte und Länderorte. Der Vorwurf der O. widersprach aber dem republikan. Selbstverständnis der eidg. Orte, weshalb der Begriff in der zeitgenöss. Rechtsliteratur bzw. Geschichtsschreibung ohne Bezug zur aktuellen Politik gebraucht wurde. Allenfalls wurden Regime früherer Zeiten als O.n taxiert oder darüber spekuliert, warum bzw. wann eine Republik in eine O. zu kippen drohe.

In polit. Konflikten tauchte der Begriff seit der Reformation auf. Heinrich Bullinger gab seinen Gegnern zu bedenken, Zürich sei keine "Oligarchia, sondern eine Demokratia". Jacob Petri brandmarkte das Basler Regiment in den Bürgerprotesten von 1691 als "pure Tyranney oder Oligarchey". Der Genfer Jacques-Barthélemy Micheli du Crest sah Bern, Zürich und Genf naturgemäss dem Zerfall zu ungezügelten O.n geweiht (1744).

Frédéric-César de La Harpe benutzte O. in der Helvet. Revolution als polit. Kampfbegriff. Für Guillaume Brune, General der franz. Invasionstruppen, richtete sich seine Mission in der Schweiz ausdrücklich "contre l'oligarchie armée" (1798). Mit dem Niedergang der eidg. Aristokratien in der 1. Hälfte des 19. Jh. verlor der Begriff im polit. Diskurs an Bedeutung.


Literatur
– H.R. Merkel, Demokratie und Aristokratie in der schweiz. Geschichtsschreibung des 18. Jh., 1957
Hist. Wb. der Philosophie 6, 1984, 1178-1182
– S. Burghartz, «Das "Ancien Régime"», in Basel - Gesch. einer städt. Gesellschaft, hg. von G. Kreis, B. von Wartburg, 2000, 116-147

Autorin/Autor: Daniel Schläppi