Länderorte

Als L. der Eidgenossenschaft gelten Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Glarus und Appenzell. Auch Zug, obwohl eine Mittelstellung zwischen Städte- und L.n einnehmend, wird wegen seiner Landsgemeindeverfassung den L.n zugerechnet. Nicht dazu gehören die zugewandten Orte Graubünden und Wallis, trotz vieler Gemeinsamkeiten. Der Begriff L. wird v.a. für die Zeit der alten Eidgenossenschaft gebraucht: Die L. werden den städt. Orten (Zunftstädte, Patrizische Orte) gegenübergestellt, nicht nur, um auf Gegensätzliches, sondern auch, um auf Gemeinsames hinzuweisen. Während in den Urkunden des 13.-14. Jh. universitas auf die Verfassungen der L. hinweist, herrschen im 13. Jh. für die Bezeichnung der Landschaften selber die Begriffe vallis oder tal vor; so ist 1291 z.B. von den homines vallis Uranie die Rede. Im frühen 14. Jh. lauten diese Bezeichnungen lant (1318) oder landleute (1315 Morgartenbund). Seit dem Luzernerbund (1332) sind die Begriffe die lenderen, die lender, landleute in allen Bundesbriefen bis zum Appenzellerbund (1513) feststehend. Nur im Zugerbund (1352) steht "Stadt und Amt Zug". Auch die verfassungsgeschichtl. Literatur spricht bis heute von "L.n" zur Bezeichnung der oben erw. eidg. Stände.

Alle L. liegen im Alpen- und Voralpengebiet. Die schlechte verkehrsmässige Erschliessung bis ins 19. Jh., ein erhebl. Anteil der Alpweiden am produktiven Boden und das Fehlen städt. Zentren (ausser Zug) kennzeichnen die L. Die Bevölkerungsstruktur war bis ins 19. Jh. vorwiegend ländlich und das Sozialgefälle im Vergleich zu den Städteorten nicht allzu stark ausgeprägt. Die Wirtschaft war von der Land- und Alpwirtschaft bestimmt, ab dem SpätMA erfolgte eine Spezialisierung auf Vieh- und Milchwirtschaft. In allen L.n bestanden Gemeinmarchen (kollektive Ländereien), welche v.a. Wälder, Allmenden und Alpweiden umfassten. Sie wurden, wie in Uri und Schwyz, vom Land insgesamt verwaltet und genutzt oder gehörten kleineren Nutzungsgenossenschaften wie Gemeinden oder Tagwen (Genossenschaft). Die genossenschaftl. Nutzung der Gemeinmarch war eine wichtige Voraussetzung für das polit. Bewusstsein der Landleute. Am Übergang vom Hoch- zum SpätMA erlangten die Urschweizer Stände die Reichsunmittelbarkeit. Infolgedessen und wegen der relativen Ferne der Reichsherrschaft nahmen sie bald auch hoheitl. Aufgaben wahr. Die Entwicklung wurde begünstigt durch die Tatsache, dass die Urschweiz auch für die grundherrl. und grossen landesherrl. Kräfte lange eher an peripherer Lage war und deshalb einen geringen Stand der herrschaftl. Erfassung aufwies.

Im 13.-14. Jh. bildete sich in der Urschweiz eine besondere Verfassungsform heran, die "Landsgemeindedemokratie" (Demokratie) oder, wie in der neueren Geschichtsschreibung vorgeschlagen, der "kommunale Parlamentarismus" mit den Institutionen der Landsgemeinde, dem Landammann, dem Rat und dem Gericht. Ländl. Kommunen mit landsgemeindeähnl. Institutionen waren an sich weit verbreitet. Das Besondere der Urschweizer Talgemeinden war nebst ihrer Dauerhaftigkeit die Tatsache, dass sie nicht nur Gerichts-, sondern auch Rechtsetzungskompetenzen wahrnahmen. Deshalb wurde die Landsgemeinde in der Neuzeit auch als die "souveräne Gewalt" bezeichnet. Unter dem Einfluss der Urschweiz, besonders von Schwyz, setzte sich die Landsgemeindedemokratie auch in Zug (1376), Glarus (nach 1386) und Appenzell (1403) durch. In formaler Hinsicht ähnelten die Verfassungen der L. denjenigen der Städteorte: Bürgerversammlung, Bürgermeister bzw. Schultheiss, Gr. und Kl. Rat hatten ihre Entsprechungen in den L.n. Doch die Verlagerung der polit. Kompetenzen auf die Ebene der vollberechtigten männl. Einwohner (Landleute bzw. Bürger) erfolgte in den L.n früher; die Landsgemeinden blieben regelmässige, jährlich stattfindende Versammlungen und der Verfassung nach "oberste Gewalt", während die Bürgerversammlungen der Städteorte später in Erscheinung traten und in der Neuzeit Regelmässigkeit und ursprüngliche verfassungsmässige Bedeutung einbüssten.

Die polit. Führung der L. lag im 13.-14. Jh. hauptsächlich bei adeligen oder ministerialadeligen Familien. Daneben gab es auch eine bäuerl. Führungsschicht, welche in Schwyz den grössten Einfluss hatte. Im Verlauf des 14. und frühen 15. Jh. wurden Adel und Ministerialadel gestürzt oder abgelöst. Damit einher ging die Entfeudalisierung des Bodens und der Kirchen zugunsten der Bauern und der Kirchengenossen. Aus der nun v.a. aus dem Kreis der Grossbauern gebildeten Führungsschicht trat eine Gruppe von Häupterfamilien hervor, welche ihre Herrschaft in der Neuzeit durch die Teilnahme am Solddienst, durch Kapital- und Grundbesitz, teils auch durch Industrie- und Handelsgeschäfte (Appenzell Ausserrhoden, Glarus) festigten. Sie konnten die einflussreichen Landesämter weitgehend für sich beanspruchen. Das Regiment der L. glich darin demjenigen der Städte, sein demokrat. Gehalt muss kritisch hinterfragt werden; schliesslich darf nicht vergessen werden, dass auch die L. minderberechtigte Hintersassen und sogar Untertanengebiete hatten. Doch die soziale Durchlässigkeit und die Möglichkeit, in die wichtigen Ämter aufzusteigen, waren in den L.n auch im Ancien Régime grösser als in den Städten, wo die Aristokratisierung der Politik konsequenter erfolgte.

Das Verhältnis zwischen Länder- und Städteorten war in der achtörtigen Eidgenossenschaft, trotz der gegenseitigen Ergänzung, schon bald von einem gewissen Dualismus bestimmt. Gesellschaftliche, politische und kulturelle Gegensätze brachen auf. Die L. förderten unter der Führung von Schwyz das bäuerl.-freiheitl. Element, z.B. in den Appenzeller Kriegen (1401-29) oder im Siegel- und Bannerhandel (1404). Die Expansionsabsichten insbesondere von Schwyz und Obwalden kreuzten sich mit den Interessen der Städte und führten zu Unruhen und Kriegen: zum Alten Zürichkrieg (1436-50), zum Grüningerhandel (1441), zum Bösen Bund im Oberland (1445) und zum Amstaldenhandel (1478). Durch die steigende bevölkerungsmässige und wirtschaftl. Bedeutung der Städte mit den nun beachtl. Territorien wurden die Gegensätze immer ausgeprägter und führten nach den Burgunderkriegen zu einer schweren Krise, welche nur mit Not im Stanser Verkommnis (1481) überwunden werden konnte. Durch die Reformation und die daraus folgende Glaubensspaltung wurde die traditionell konkurrierende Politik der Städte und L. vom konfessionellen Gegensatz überlagert, wobei die L. -- ausser Appenzell Ausserrhoden und das konfessionell gespaltene Glarus -- im kath. Lager blieben. Der Zweite Villmergerkrieg 1712 brachte eine neue Machtverteilung zugunsten der ref. Städteorte. Darin widerspiegeln sich die seit 1500 entstandenen, tatsächl. Kräfteverhältnisse zwischen dem Mittelland mit den grossen Städten und den Alpen- und Voralpengebieten mit den vorwiegend bäuerlich geprägten L.n.

Durch die polit., wirtschaftl. und gesellschaftl. Umwälzungen seit dem beginnenden 19. Jh. verlor der Begriff der L. seine verfassungsmässige Bedeutung, und die mit ihm verbundenen wirtschaftl. Besonderheiten werden heute eher mit Begriffen wie "Berggebiete" oder "Alpenkantone" in Beziehung gebracht. Doch ein gewisser ideeller Gehalt blieb den L.n auch im 19. und 20. Jh. eigen. So traten ihre Vertreter im jungen Bundesstaat als "Landammännerpartei" in Erscheinung und wirkten mit bei der Gründung und beim Aufbau der Konservativen Partei auf nationaler Ebene.


Literatur
– H. Dommann, «Das Gemeinschaftsbewusstsein der V Orte in der Alten Eidgenossenschaft», in Gfr. 96, 1943, 115-229
AppGesch.
– B. Stettler, «Die Herren von Hunwil im Land Obwalden», in Gfr. 126/127, 1973/1974, 5-32
– L. Carlen, Die Landsgem. in der Schweiz, 1976
– Peyer, Verfassung
– J. Achermann, Die Korporationen von Nidwalden, 1980
– F. Elsener et al., 500 Jahre Stanser Verkommnis, 1981
– H.R. Stauffacher, Herrschaft und Landsgem., 1989
Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, 2 Bde., 1990
– U. Kälin, Die Urner Magistratenfam., 1991
– E. Walder, Das Stanser Verkommnis, 1994

Autorin/Autor: Hans Stadler