• <b>Schweiz</b><br>Stammbaum der Eidgenossenschaft. Flugblatt, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). Die Darstellung der Schweiz als Baum, aus dem die Kantone – repräsentiert durch die Weibel – chronologisch von unten nach oben hervorgehen, entspricht nicht der historischen Entwicklung des Landes. Vielmehr war das politische System vor 1798 instabil und alles andere als homogen. Ausserdem besassen nicht alle Bevölkerungsgruppen dieselben Rechte. Diese Darstellung der Schweiz in Form des Stammbaums sollte, nur kurze Zeit nach der Bundesverfassung von 1848, das Land als harmonische Familie abbilden, um das Nationalgefühl zu festigen und interne Konflikte zu beruhigen.

Schweiz

Die Landesbezeichnung S. leitet sich von der Kantonsbezeichnung Schwyz ab. Die erstmalige Erwähnung Suittes (972) gilt nicht dem Land, sondern der Bevölkerung. Auch im Fall des Begriffs S. spielen das Substantiv Schweizer und das Adjektiv schweizerisch eine wichtige Rolle: Wo die Schweizer wohnen und wo die Dinge schweizerisch sind, da ist die S. Für die Übertragung des Namens Schwyz auf die gesamte Eidgenossenschaft gibt es mehrere Erklärungen: Eine liegt in der herausragenden Stellung des Kt. Schwyz in der Gruppe der Waldstätte. Der Sieg im Morgartenkrieg 1315 machte die Schwyzer in Süddeutschland bekannt und förderte die Bezeichnung Switzer, Switenses oder Swicenses für Eidgenossen. Der Wortgebrauch kommt also nicht von den auf Unterscheidung bedachten alten Orten, sondern spiegelt die verallgemeinernde dt. Aussenperspektive; deswegen kam es auch zur mittelhochdt. Transformation mit dem Diphthong von Schwiz zu S. In dieser Schreibweise gelangte der Begriff im 14. Jh. vereinzelt in die Eidgenossenschaft zurück, wo er auch für den Kt. Schwyz verwendet wurde. Erst Johannes von Müller machte in seinem 1786-1808 erschienenen Werk zur ma. Geschichte der Eidgenossenschaft aus den Schwyzern wieder "Schwyzer".

Die Schreibweisen im Deutschen und Französischen (Soisses, Suysses, Souyces) blieben bis ins 16. Jh. hoch variabel, erst danach wurden sie fixiert. Im Italienischen existierten die Ausdrücke Sviceri oder Suyzeri, bei Niccolò Machiavelli die Variante Svizzeri (um 1515) für das ungebildete, aber kriegstüchtige Volk. Schon früh bestehen auch span. und engl. Belege.

Der Name S. galt jeweils für den ganzen Bund und bezog sich immer auch auf die neu eingetretenen Bundesgenossen. So konnte Niklaus von Flüe aus Obwalden 1482 zum Bruoder Claus aus Switz werden. Vorerst blieb aber die lobliche oder gemeine Eidgenossenschaft als Selbstbezeichnung weit geläufiger, bis der Ausdruck S. im 17. und 18. Jh. an Boden gewann. Davon zeugen Albrecht von Hallers "Versuch Schweiz. Gedichten" (1732), Johann Kaspar Lavaters "Schweizerlieder" (1767) oder die dt. Reiseliteratur. Gleichzeitig bestanden die konkurrierenden Begriffe Helvetia und helvetisch. 1760 kritisierte Johann Jakob Leu im 16. Band seines Werks "Allg. Helvetische, Eydgenössische oder Schweitzerische Lexicon" (20 Bände, 1747-65), dass für das "ehemalige" helvet. Land und die "dermalige" Eidgenossenschaft der Allgemeinbegriff S. verwendet wird, da letzterer "Missverstand" verursache und nur für eine der Republiken (Schwyz) reserviert sei.

In der 2. Hälfte des 19. Jh. stieg der Name S. zur dominierenden Selbstbezeichnung auf. Zugleich erweiterte sich das Bedeutungsfeld: Anfänglich eher geografisch aufgefasst, meinte der Begriff mehr und mehr auch den Staat. Die Ausdrücke Helvetia, Confœderatio, Confédérés, Confoederatio helvetica, Liga, Bund, Treize Cantons und Corpus helveticum traten in den Hintergrund.

Die Entwicklungslinien der Begriffsgeschichte lassen sich an den Karten und Nationalgeschichten ablesen. Johannes Stumpf veröffentlichte 1554 aus seiner Chronik "Gemeiner lobl. Eydgnoschafft [...] beschreybung" (1548) einen Auszug unter dem Titel "Schwytzer Chronica". 1582 stand auf einer Karte Christoph Murers neben der lat. Überschrift "Helvetia cum Confederatis" zugleich auf Deutsch "Schwytzerland sampt den zugewanten". 1624 publizierte Pfarrer Johann Jakob Gasser ein "Schweitzerisch Heldenbuoch". Michael Stettler legte 1631 eine "Schweitzer-Chronic" vor. 1656 äusserte sich Anthoni Kornhoffer über "Euser ganz liebes Vatterland Schwitz". Mit Johannes von Müllers "Die Geschichten der Schweizer" (1780) setzte sich der Begriff mehr und mehr durch, was Heinrich Zschokkes Werktitel "Des Schweizerlands Geschichte für das Schweizervolk" (1822) unterstreicht. Doch auch in dieser Phase hält sich die Bezeichnung Eidgenossenschaft in Kombination mit dem grossgeschriebenen Adjektiv Schweizerisch (Schweizerische Eidgenossenschaft), u.a. bei Johannes Dierauers Abriss "Geschichte der Schweiz. Eidgenossenschaft" (5 Bände, 1887-1917). Die nach 1900 erarbeiteten nationalen Nachschlagewerke, das "Geogr. Lexikon der S." (1902-10) und das "Hist.-Biogr. Lexikon der S." (1921-34), sprechen dann nur noch von der S., wobei S. in erster Linie den geogr. Raum bezeichnet, aber auch als Synonym für die polit. Einheit verwendet wird.

Anfänglich war das Schweizerische in der Aussensicht negativ als rebellisch, gottlos und unzivilisiert konnotiert. Wilhelm Oechsli bemerkte dazu 1917, dass der Name S. schon im 14. Jh. in den Ohren des ausländ. Adels einen schlechten Ruf hatte. Dieser wurde im Schwabenkrieg 1499 zusätzlich mit Verachtung und Hass aufgeladen, was jedoch im eidg. Lager die Bereitschaft zur stolzen Selbstbezeichnung "Hie Schwytz!" förderte. In Frankreich galten die Schweizer noch im 18. Jh. als rückständig, ungebildet und unzivilisiert, auch wenn der Begriff infolge einer Aufwertung wegen der Solddienste nicht mehr so negativ konnotiert war, wie dies noch im 16. Jh. der Fall gewesen war, und die Charakterisierung Suisses zu einem Ehrennamen wurde. Die im 16. Jh. anzusiedelnde Parole point d'argent, point de Suisse, die durch Jean Racines Stück "Les plaideurs" (1668) bekannt wurde, hebt den Geldhunger der Schweizer, aber auch deren Vertragstreue und das Kostenbewusstsein der Franzosen hervor. Im Ausland, etwa in Frankreich, stand der Begriff Schweizer auch für Hoteltürsteher (17.-18. Jh.) oder Kirchenwächter (ab Ende 18. Jh.), in Deutschland oft für Melker.

<b>Schweiz</b><br>Stammbaum der Eidgenossenschaft. Flugblatt, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).<BR/>Die Darstellung der Schweiz als Baum, aus dem die Kantone – repräsentiert durch die Weibel – chronologisch von unten nach oben hervorgehen, entspricht nicht der historischen Entwicklung des Landes. Vielmehr war das politische System vor 1798 instabil und alles andere als homogen. Ausserdem besassen nicht alle Bevölkerungsgruppen dieselben Rechte. Diese Darstellung der Schweiz in Form des Stammbaums sollte, nur kurze Zeit nach der Bundesverfassung von 1848, das Land als harmonische Familie abbilden, um das Nationalgefühl zu festigen und interne Konflikte zu beruhigen.<BR/>
Stammbaum der Eidgenossenschaft. Flugblatt, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
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In dem Mass, wie der Bundesstaat nach 1848 erstarkte (Nation), fügten Vereine, Organisationen und Institutionen ihrem Namen das Adjektiv schweizerisch bei. Dies steigerte wiederum das Bewusstsein für das Schweizerische, wovon die offiziellen Bezeichnungen des 1897 eröffneten Schweiz. Landesmuseums und der ab 1902 schrittweise aus der Verstaatlichung von Privatbahnen hervorgegangenen Schweiz. Bundesbahnen zeugen. Entsprechend dieser Logik wurde das fusionierte Luftfahrtunternehmen 1931 Swissair getauft. Die vor 1914 international aufkommende Werbung für Güter führte auch in der Schweiz zu Anstrengungen, den Konsum einheim. Produkte zu fördern, z.B. mit Hilfe der 1917 gegr. Basler Mustermesse und der 1920 geschaffenen Lausanner Comptoir suisse oder der Schaffung des Schweizerischen Ursprungszeichens 1931. Mit der Globalisierung bekam die nationale Markierung durch die Hervorhebung der sog. Swissness im Auslandmarketing eine zusätzl. Bedeutung.

In seiner Studie zur Geschichte des Begriffs S. aus dem Jahr 1917 entschuldigte sich Oechsli noch dafür, dass er in Kriegszeiten mit derart antiquar. Untersuchungen an die Leserschaft gelange. Er rechtfertigte sich mit dem Hinweis, dass er über die Ursprünge gewisser Bezeichnungen keine Antwort gewusst habe. Oechslis Beitrag steht für eine vaterländ. Wissenschaftspublizistik, die wie die "Schweizer Kriegsgeschichte" (12 Hefte, 1915-33) hauptsächlich der alteidg. Zeit galt. Sie beschäftigte sich in erster Linie mit dem frühen Gebrauch (14.-16. Jh.) des Worts S. und schenkte der Semantik nur bedingt Beachtung. Die neuere Forschung hingegen, wie sie u.a. Ulrich Im Hof initiierte, interessierte sich weniger für den einmal etablierten Begriff, sondern richtete ihre Aufmerksamkeit auf die inhaltl. Fragen des Selbstverständnisses, des Bewusstseins und der Identität.


Literatur
– W. Oechsli, «Die Benennungen der Alten Eidgenossenschaft und ihrer Glieder, Tl. 2», in JSG 42, 1917, 87-258, v.a. 177-233
Idiotikon, 9, 2263-2273
– U. Im Hof, Mythos S., 1991
– M. König, «Von der wahren Nationalität der Waren», in Weiss auf Rot, hg. von E. Pellin, E. Ryter, 2004, 129-140
– T. Maissen, Die Geburt der Republic, 2006
– G.P. Marchal, Schweizer Gebrauchsgesch., 2006, 393-412
– V. Weibel Schwyzer Namenbuch, 4, 2012, 402-408

Autorin/Autor: Georg Kreis