Landstädte

Der Begriff L. bezeichnet kleine, in raumbezogene Herrschaftsstrukturen eingegliederte Städte, die nur begrenzt Autonomie entfalteten und in enger Abhängigkeit zur Herrschaft standen (Untertanengebiete). Er setzt das Bestehen eines Landes als beherrschten und verwalteten Gebietes voraus und wird erst mit der Herausbildung der Territorialstaaten gebräuchlich (Territorialherrschaft).

Zu L.n wurden mehrheitl. Städtegründungen geistl. und weltl. Herrschaftsträger aus dem 13. Jh. Diese Städte verfügten in einem bereits ausgebildeten Städtenetz über begrenzte Entwicklungschancen. Sie dienten als Grossburg, Verwaltungszentrum und Markt bei der Erfassung und Strukturierung von Herrschaftsraum. Entsprechend ihrer Funktion beim herrschaftl. Landesausbau wurden L. mit Vorrechten privilegiert. Die Herrschaft bestimmte die Schultheissen und Leutpriester. Mit der Ausbildung von Bürgergemeinde und Ratsverfassung im 14. Jh. übernahmen die L. jedoch sukzessive stadtherrl. Befugnisse. Sie entwickelten Anziehungskraft, bildeten z.T. Vorstädte aus und verstärkten ihre Befestigung. Ihre Einwohnerzahl erreichte aber nicht mehr als 2'000 Personen. Wie in den grösseren Städten vollzog sich im 15. Jh. auch in den L.n eine Verfestigung der bürgerl. Führungsschicht. In dieser Zeit begannen einige L., ein eigenes kleines Herrschaftsgebiet im Stadtumland zu erwerben (u.a. Burgdorf, Murten, Stein am Rhein, Diessenhofen).

Neue Formen der Herrschaftsausübung und der Zerfall adeliger und insbesondere habsburg. Macht ab dem ausgehenden 14. Jh. bedingten den Übergang der L. in die Herrschaft einzelner Städte und Länderorte oder in die Gemeinherrschaft der Eidgenossen. Die meisten L. wurden zu Untertanen der Städteorte. Bern konnte mit bernischen, aargauischen und waadtländischen L.n die grösste Anzahl in einem Herrschaftsgebiet vereinen. Eine Sonderstellung hatten die L. unter gemeineidg. Herrschaft (u.a. Baden, Rapperswil, Brissago) inne.

In den neu entstehenden Gebietsherrschaften der eidg. Orte erfüllten die L. v.a. Funktionen als Landvogteisitz (Vogteien), als Nah- oder Regionalmarkt sowie als Verteilzentrum für Fernhandelswaren. Herrschaftl. Kontrolle unterlagen nicht nur die Steuer- und Mannschaftsleistungen der L., sondern auch ihre durch Landwirtschaft und - seltener - spezialisierte Handwerke gekennzeichnete Wirtschaft. Im Unterschied zu anderen Landschaften im spätma. Hl. Röm. Reich entwickelten die L. unter eidg. Herrschaft kein polit. Gewicht als Landstand (Ständeversammlung). Die Ständetage der savoy. Waadt in Moudon verloren nach 1536 unter bern. Herrschaft an Bedeutung. Hingegen erhielt sich eine landständ. Verfassung bis zum Ende des Ancien Régime im Fürstbistum Basel und im Fürstentum Neuenburg.

Am Ende des Ancien Régime formierte sich in den L.n der Widerstand gegen die Hegemonie der herrschaftstragenden Städte und die Rechtsungleichheit. Die folgende Neuordnung der polit. Verhältnisse bildete die Basis für eine eigenständige Entfaltung der L. Die helvet. Verfassung wertete sie zu Munizipalstädten auf, und schrittweise vollzog sich der Übergang zur vereinheitlichten Gemeindeverfassung. V.a. verkehrsgünstig gelegene L. haben sich seit der 2. Hälfte des 19. Jh. als Industriestandort, als Kantonshauptort oder als Ausflugsziel, in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg als Wohnort innerhalb der Agglomerationen des schweiz. Mittellandes zu regionalen Zentren entwickelt.


Literatur
– H. Ammann, Die schweiz. Kleinstadt in der ma. Wirtschaft, 1928, 158-215
– H. Ammann, «Über das waadtländ. Städtewesen im MA und über landschaftl. Städtewesen im Allgemeinen», in SZG 4, 1954, 1-87
HAS, 15
– R. Gmür, «Die Städte in der schweiz. Verfassungsgesch. von 1798 bis 1848», in Städteordnungen des 19. Jh., hg. von H. Naumin, 1984, 46-102
– U. Im Hof «Burgdorf und Thun als schweiz. Munizipalstädte des Ancien Régime», in Burgdorfer Jb. 52, 1985, 95-111
– B. Mesmer «Burgdorf und Thun», in Burgdorfer Jb. 52, 1985, 112-132
– D. Tappy, Les états de Vaud, 1988
– A. Radeff, «Des villes sujettes», in De l'Ours à la cocarde, hg. von F. Flouck et al., 1998, 281-309
– M. Stercken «Reichsstadt, eidg. Ort, städt. Territorialherrschaft. Zu den Anfängen der Stadtstaaten im Gebiet der heutigen Schweiz», in A Comparative Study of Thirty City-States Cultures, hg. von M.H. Hansen, 2000, 321-342
– M. Stercken, «Kleinstadtgenese und herrschaftl. Raumerfassung», in Raumerfassung und Raumbewusstsein, hg. von P. Moraw, 2002, 209-249
– M. Stercken, Städte der Herrschaft, 2006

Autorin/Autor: Martina Stercken