• <b>Untertanengebiete</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 33; Geschichte des Kantons Zürich 2, 1996, 209  © 2009 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Untertanengebiete

U. oder Untertanenlande waren die von einem (eidg. oder zugewandten) Ort allein oder von mehreren Orten gemeinsam (Gemeine Herrschaften) regierten und verwalteten Herrschaftsgebiete. Die U. entstanden im Zuge der Territorialpolitik der Orte im 14.-16. Jh. Allgemein waren die U. der Städteorte grösser als jene der Länderorte: Bern bildete bis 1798 mit seinen U.n den grössten Stadtstaat nördlich der Alpen, Appenzell dagegen partizipierte lediglich an einem einzigen Untertanengebiet, der gemeinen Herrschaft Rheintal. Unter den Länderorten besass Uri mit der Leventina sowie der Beteiligung an den meisten gemeinen Herrschaften das grösste Untertanengebiet. Unter den Zugewandten Orten beherrschten die sieben Oberwalliser Zenden mit dem Unterwallis, der Freistaat der Drei Bünde mit Bormio, Chiavenna, Maienfeld und dem Veltlin sowie die Fürstabtei St. Gallen (Geistliche Territorialherrschaften) mit der Alten Landschaft und dem Toggenburg besonders grosse U.

<b>Untertanengebiete</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 33; Geschichte des Kantons Zürich 2, 1996, 209  © 2009 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/><BR/>
Untertanengebiete der eidgenössischen und zugewandten Orte 1536-1797

Der Begriff U. verschleiert die Uneinheitlichkeit und Vielfältigkeit der jeweiligen sozialen, wirtschaftl., rechtl. und polit. Verhältnisse. Die U. umfassten sowohl überwiegend ländliche, agrarisch oder heimindustriell orientierte Gebiete als auch handwerklich und gewerblich geprägte Städte. Da die Orte beim Antritt ihrer Herrschaft über die erworbenen oder eroberten U. die lokalen Gewohnheiten garantierten, koexistierten in den U. unterschiedl. Rechtsverhältnisse: Die wichtigeren Landstädte wie Burgdorf, Thun, Aarau, Zofingen, Brugg, Lenzburg, Liestal, Sursee, Willisau, Lausanne, Moudon, Yverdon, Morges, Nyon, Winterthur, Stein am Rhein, Frauenfeld oder Diessenhofen besassen weitgehende Selbstverwaltung (Ratsverfassung) und eigene (Blut)Gerichtsbarkeit; in Ausnahmefällen verwalteten sie eigene Herrschaftsgebiete (z.B. Burgdorf, Thun, Bremgarten AG). Die kleineren Städte im Untertanengebiet waren vielfach Sitz des Landvogts aus dem regierenden Ort (z.B. Büren an der Aare, Eglisau, Kyburg, Nidau). Im ländl. Raum blieben unter der Oberherrschaft der eidg. Orte die Grund- und gerichtsherrl. Rechte in adliger, patriz.-bürgerl., städt., kirchl. und klösterl. Hand bestehen (Agrarverfassung). In den ländlichen U.n existierten zudem unter derselben Obrigkeit Gem. und Landschaften mit hoher Autonomie in Verwaltungs- und Gerichtsfragen (z.B. Oberhasli, Frutigen, Saanen; Entlebuch; die Landschaft March; Toggenburg) neben solchen, die lediglich die kommunale Nutzungsordnung selbst regelten.

Die regierenden Orte setzten ab dem 15. Jh. ihre Landesherrschaft und -hoheit (Territorialherrschaft) vermehrt durch (Mannschaftsrecht, Steuer, Huldigung, Untertaneneid, obrigkeitl. Mandate) und erreichten so eine gewisse staatl. Geschlossenheit ihres Untertanengebiets. Verstärkt wurde diese durch die Reformation und Konfessionalisierung in kirchl. und kultureller Hinsicht. Die U. waren für die staatl. Macht besonders der Städteorte bedeutsam: Sie sicherten das demograf. Überleben der Städte durch Zuwanderung, versorgten diese mit Nahrung und Rohstoffen, bildeten für sie ein Steuerreservoir und stellten mit der wehrfähigen Mannschaft das Gros des militär. Aufgebots, ohne das die relativ kleinen eidg. Städte ihre Kriege vom 14. bis 16. Jh. nicht hätten führen können.

Die Abhängigkeit der U. von ihren Obrigkeiten äusserte sich in mehreren Belangen. Sie waren politisch rechtlos, von jegl. Teilhabe an den höchsten polit.-staatl. und militär. Ämtern und Entscheidungen ausgeschlossen. Söhne von Bürgern aus den vornehmsten Landstädten des Untertanengebiets konnten allenfalls zu Pfarrerstellen zugelassen werden. Die Ergebnisse der Ämteranfragen, mit denen Städteorte (Bern, Zürich, Luzern, Solothurn) im 15. und 16. Jh. in politisch sensiblen Fragen die Meinung ihrer U. einholten, blieben für die Obrigkeiten unverbindlich. Administrativ waren die U. in Ämter bzw. Vogteien eingeteilt, denen für eine bestimmte Amtszeit Ober- oder Landvögte vorstanden. Die Vögte wurden stets aus einem begrenzten Kreis von Fam. des regierenden Orts gewählt. Sie repräsentierten die Obrigkeit und vertraten deren Interessen. Ihnen schworen die mündigen Männer Treue und Gehorsam bei der period. Huldigung. In den Vogteien war der staatl. Verwaltungsapparat personell kaum ausgebaut, so dass für zahlreiche Aufgaben in der lokalen Verwaltung und Gerichtsbarkeit Ortsansässige zuständig waren. So gelangten Vertreter der dörfl.-bäuerl. Oberschicht in das Amt eines Untervogts. In ökonom. Hinsicht erfuhren besonders die städt. U. ihre Abhängigkeit in vielen Einschränkungen der wirtschaftl. Handlungsfreiheit. Die städt. Obrigkeiten (Zünfte) bezweckten mit der Auferlegung des Marktzwangs für Agrarprodukte, mit der Verhängung von Preis-, Produktions- und Absatzvorschriften für die Erzeugnisse aus den U.n und mit dem Verbot von handwerkl.-gewerbl. und kaufmänn. Aktivitäten auf dem Land sowohl eine sichere Versorgung mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln und Rohstoffen als auch die Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz für das zünftige Handwerk.

In den vielfältigen Interessengegensätzen zwischen Obrigkeiten und U.n wurzelte strukturell die hohe Konfliktanfälligkeit der alten Eidgenossenschaft. Besonders in den städt. U.n traten Protest und Widerstand der Untertanen häufiger auf. Sie richteten sich in der Phase der Territorialbildung und der ersten staatl.-administrativen Straffung der U. im 14. und 15. Jh. gegen Massnahmen zur Vereinheitlichung und Intensivierung der Territorial- und Landeshoheit. Die Kriegsdienstverpflichtungen und die Besteuerung der Untertanen sowie die Einschränkung der kommunalen Rechte waren vom 15. bis ins 18. Jh. Hauptursachen für die Ländliche Unruhen in den U.n von Bern, Basel, Freiburg, Luzern, Schaffhausen und Zürich. 1481 sicherten sich die Orte im Stanser Verkommnis gegenseitig Bundeshilfe für die Bewältigung von innerört. Untertanenkonflikten zu. In der frühen Neuzeit erregte auch die Herrschaft von Landsgemeindeorten den Widerstand der U., so z.B. 1719-21 im Werdenberger Landhandel gegen Glarus und 1755 im Livineraufstand gegen Uri. Der überört. Bundesschluss mehrerer U. gegen ihre Obrigkeiten im Bauernkrieg 1653 blieb die Ausnahme. Am Ende des Ancien Régime manifestierte sich das erwachende Selbstbewusstsein, die wirtschaftl. Stärkung und Verselbstständigung der ländl. U. etwa im Stäfner Memorial und Stäfnerhandel (1794-95), als die ländl. Untertanen die Zusicherung der bürgerl. Freiheitsrechte für die gesamte Landschaft Zürichs forderten. Damit erteilten sie dem im Ancien Régime vorherrschenden paternalist. Regierungsstil der regierenden Orte eine Absage und unterstrichen ihren Emanzipationsanspruch gegenüber der städt. Herrschaft. 1798 hob die Verfassung der Helvetischen Republik alle Untertanenverhältnisse auf. Bonaparte bestätigte dies in der Mediationsakte 1803 und ebnete damit verfassungsrechtlich den Weg der Kt. Aargau, St. Gallen, Tessin, Thurgau und Waadt zur staatl. Selbstständigkeit (Stadt-Land-Beziehungen). Die Restauration der polit. Ungleichheit zwischen Stadt und Land in einzelnen Kantonen 1815 wurde erst mit den liberalen Revolutionen 1830-31 vollends überwunden.


Literatur
Peyer, Verfassung, 44-74, 107-141
– Braun, Ancien Régime
– A. Holenstein, Die Huldigung der Untertanen, 1991
Stadt und Land, hg. von U. Pfister, 1998
Collenberg, Amtsleute
HbGR 2, 141-171
– A. Holenstein, «Polit. Partizipation und Repräsentation von Untertanen in der alten Eidgenossenschaft», in Landschaften und Landstände in Oberschwaben, hg. von P. Blickle, 2000, 223-249
– B. Stettler, Die Eidgenossenschaft im 15. Jh., 2004

Autorin/Autor: André Holenstein