23/01/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Interdikt

Das I. ist eine von der ma. Kirche vorgenommene Sanktion geistl. Charakters, welche die Vorenthaltung von gottesdienstl. Handlungen und Sakramenten beinhaltet. Gleich wie die Exkommunikation und die Suspension gehört das I. in der Terminologie des kanon. Rechts zu den Beugestrafen und will die Betroffenen durch Entzug der kirchl. Gnadenmittel zur Einsicht und Umkehr zwingen. Das I. kann Laien wie Kleriker treffen; mit dem I. belegte Priester dürfen Sakramente weder empfangen noch spenden. Entstanden ist das I. im 10. Jh. Da in dieser Zeit das Königtum den Schutz der Kirche vor Ort nicht mehr zu gewährleisten vermochte, begann diese dem Urheber von Gewalt, die sich gegen sie richtete, ihre Türen zu verschliessen. Bis zum 13. Jh. wurde das I. in den Auseinandersetzungen um die höchste Gewalt zwischen der Kirche und weltl. Herrschern auch zu einem Mittel päpstl. und bischöfl. Politik. Als polit. Machtinstrument diente namentlich das Lokal-I., mit dem in einem bestimmten Gebiet (Stadt, Land, Bistum) grundsätzlich alle gottesdienstl. Handlungen und Sakramentspendungen verboten wurden, dies oft mit Ausnahmen für die höchsten Feiertage und für bestimmte Personengruppen (Sterbende, Priester). Um den polit. Herrscher zu zermürben, wurden alle seine Untertanen bestraft. Beispielsweise wurde 1249 und 1330 das I. über Zürich verhängt, 1303 über Schwyz und 1482 über Basel.

Das in seinen Wirkungen der Exkommunikation gleichende Personal-I. wurde wie jenes im Hoch- und SpätMA häufig als Mittel zur Durchsetzung eines Urteils kirchl. Gerichte verwendet. Da zum einen der Ausschluss von kirchl. Gnadenmitteln ein empfindl. Strafübel darstellte und zum anderen die in der Schweiz ab Ende des 13. Jh. entstehenden kirchl. Offizialate ein summar. Streitverfahren anboten, hatte ein Gläubiger somit in Forderungsprozessen eine effiziente Möglichkeit, gegenüber einem säumigen Schuldner zu seinem Geld zu kommen. Die städt. Gerichte dagegen verfügten noch nicht über die dafür angemessenen Prozesstypen. Die schweiz. Städte, deren Gerichte von den kirchlichen konkurrenziert wurden, schlossen sich deshalb in Bündnissen gegen diese zusammen (u.a. Pfaffenbrief von 1370). Die weltl. Obrigkeit wehrte sich im SpätMA zunehmend gegen die missbräuchl. Verwendung des I.s, namentlich gegen dessen Verhängung aufgrund der Verweigerung von Abgaben an die Kirche. Die Kritik am Lokal-I. und dessen wachsende Nichtbeachtung durch die betroffene Bevölkerung führte dazu, dass das I. als Ganzes ab der frühen Neuzeit kaum mehr verhängt wurde. Das geltende Recht der kath. Kirche sieht das I. als abgeschwächte Exkommunikation zwar noch vor (Codex Iuris Canonici von 1983, Canon 1332), doch wird diese Strafe von den kirchl. Behörden faktisch nicht mehr ausgesprochen.


Literatur
– F. Elsener, «Der eidg. Pfaffenbrief von 1370», in Zs. der Savigny-Stiftung für Rechtsgesch., Kanonist. Abt. 75, 1958, 104-180
– M. Kaufhold, Gladius spiritualis, 1994
– T.D. Albert, Der gemeine Mann vor dem geistl. Richter, 1998

Autorin/Autor: René Pahud de Mortanges