06/11/2006 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Exkommunikation

Die E., auch als Kirchenbann bekannt, ist die wichtigste geistl. Strafe, die von der ma. Kirche aufbauend auf neutestamentl. Grundlagen entwickelt worden ist. Sie besteht im einstweiligen Ausschluss aus der kirchl. Gemeinschaft, der aber in der Regel nicht auch als Ausschluss aus der Mitgliedschaft der Kirche verstanden wird, die durch die Taufe unwiderbringlich gegeben sei. Anders als die Acht wurde die E. nicht von weltl., sondern von geistl. Gerichten ausgesprochen. Bis zum SpätMA mit der Busse verbunden, sanktionierte die E. wie diese begangene Sünden, allerdings nur schwere und öffentlich festgestellte. Im kanon. Recht (Kirchenrecht) wird die E. seit Papst Innozenz III. (1198-1216) zusammen mit dem Interdikt und der Suspension (Entzug der geistl. Amtsbefugnis) als Beugestrafe (lat. poena medicinalis) bezeichnet und von den kirchl. Sühnestrafen (poena vindicativa) abgegrenzt; die E. soll demnach durch Ausschluss von der kirchl. Gemeinschaft und dem kirchl. Gnadenhandeln zu Einsicht und Umkehr zwingen. Der Umfang der Sanktion variierte in der Geschichte beträchtlich: Im Früh- und SpätMA wurde der Exkommunizierte von den Sakramenten und den gottesdienstl. Handlungen ausgeschlossen, ausserdem waren ihm gesellschaftl. Beziehungen zu anderen Christen untersagt. Im SpätMA wurden mit der E. auch weltl. Rechtsfolgen verbunden wie der Verlust der Prozess- und Zeugenfähigkeit und die Unfähigkeit zum Erwerb von Lehen. Ferner wurde die Androhung der E. als effizientes Mittel zur Durchsetzung kirchl. Urteile verwendet, und die E. diente häufig der Eintreibung von Abgaben und Schulden. Auch in der Schweiz sprachen die Offizialate in Forderungsprozessen die E. als Sanktion aus. Dagegen erhob sich z.T. heftiger Widerstand. Die Orte der Eidgenossenschaft wie auch ihre Zugewandten wehrten sich - nicht zuletzt weil ihnen die geistl. Gerichtsbarkeit beim Aufbau ihrer Territorialherrschaft im Wege stand -, indem sie u.a. Bündnisse wie den Pfaffenbrief von 1370 abschlossen. In der Neuzeit wurde die E. sowohl in der röm.-kath. Kirche wie auch im Protestantismus auf ihre geistlich-kirchl. Wirkungen reduziert und immer seltener ausgesprochen. In der röm.-kath. Kirche lebt die E. als Sanktion im Kirchenrecht fort (Canon 1331 des Codex Iuris Canonici von 1983). Die prot. Kirchen kennen die E. in Form der Kirchenzucht (Sittengerichte).


Literatur
TRE 5, 159-190
– F. Elsener, «Die E. als prozessuales Vollstreckungsmittel», in Stud. zur Rezeption des gelehrten Rechts, 1989, 152-164
– R. Pahud de Mortanges, Zwischen Vergebung und Vergeltung, 1992
– T. Albert, Der gemeine Mann vor dem geistl. Richter, 1998

Autorin/Autor: René Pahud de Mortanges