27/10/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken

Marly

Polit. Gem. FR, Saanebez., 5 km südlich von Freiburg an der Ärgera gelegen. Industrieort und regionales Zentrum. 1970 Fusion der Gem. M.-le Grand und M.-le Petit, 1976 von M. und Chésalles. 1055 in marlensi, 1466 dt. Mertellach, dt. früher Mertenlach 1850 435 Einw.; 1900 774; 1950 1'334; 1980 4'329; 2000 7'184 (davon 17,3% deutschsprachig).

In Le Port wurden zwei hallstattzeitl. Grabhügel nachgewiesen, in Les Râpettes eine galloröm. Villa (1. Jh. - 2. Hälfte 3. Jh. n.Chr.). Aus dem FrühMA datieren die Gräber bei Le Publiet. Zwischen dem 12. und dem 14. Jh. traten die lokalen Vasallenfamilien der Herren von Arconciel, de Marly, de Vuicherens und Messel als Wohltäter des Klosters Hauterive auf. Spätestens ab 1442 war M. Teil der Alten Landschaft der Stadt Freiburg (Burgpanner). 1798-1848 gehörte es zum Bez. Freiburg und wechselte dann zum Saanebezirk. Die nach 1157 zum Dekanat Freiburg gehörende Pfarrei M. umfasste im SpätMA die Gem. M., Pierrafortscha, Villarsel, St. Silvester, Giffers und Tentlingen. Die 1294 erstmals erw. Pfarrkirche St. Peter (seit 1663 St. Peter und Paul) wurde 1491 der Kirche St. Niklaus in Freiburg inkorporiert. Sie ist bekannt für ihre Schreinmadonna aus mehrfarbig bemaltem Holz (um 1360), ihre Taufbecken (1511) und ihren barocken Altaraufsatz. 1630 wurde die Pfarrei auf die Gem. M.-le Grand (um 1650 40 Haushalte), M.-le Petit (4), Pierrafortscha (18) und Villarsel (6) reduziert, sie umfasste also ca. 400 Personen. Dabei spielten sprachl. Gründe keine unerhebl. Rolle, war die neue Pfarrei doch mehrheitlich französischsprachig. Die ersten Gemeindestatuten von M.-le Grand datieren von 1600, jene von M.-le Petit wurden 1764 verfasst. Ein Herrenhaus von 1664 wurde im 18. Jh. renoviert. Entlang der Ärgera siedelten sich im 12. und 13. Jh. Gewerbebetriebe an, so eine Schmiede, eine Sägerei, Mühlen und Hammerwerke. Vom 16. bis 18. Jh. bestanden eine Walke und eine Pulverfabrik. Im 19. Jh. kamen Käsereien auf. Eine bekannte Papiermühle war 1411-1921 in Betrieb. 1886-1920 wurden in M. Akkumulatoren produziert, 1962 siedelte sich die Uhrenindustrie, 1978 der Chaletbau an. 1963 eröffnete Ciba-Geigy ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Fotografie, 1980 eine Abteilung für Kunst- und Zusatzstoffe und beschäftigte damals rund 1'000 Mitarbeiter in M. In der Krise der 1990er Jahre wurde die Fabrik aufgegeben, nachdem die Ciba-Gruppe entschieden hatte, 1999 ihre Forschungstätigkeit in Basel zu konzentrieren. In den 1960er Jahren liessen sich 2'534 Neuzuzüger, davon 651 Deutschsprachige, in M. nieder. Dies führte zu Wachstumsproblemen und einer Identitätskrise. Im 19. Jh. hatten zeitweise zweisprachige Klassen bestanden. Ab 1963 bzw. 1970 gestatteten M.-le Petit und M. den deutschsprachigen Schülern, auf Gemeindekosten die dt. Schulen in Freiburg zu besuchen. Diese Massnahme löste zu Beginn der 1990er Jahre Diskussionen und einen jurist. Streit über das Territorialprinzip der Sprachen aus.


Literatur
– G. Andrey, «Du moulin à papier à la bibliothèque […]», in Annales fribourgeoises, 1977-78, 201-233
M., son histoire, hg. von L. Monteleone, 1992

Autorin/Autor: Claude Simonet / AHB