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Horgen (Gemeinde)

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Polit. Gem. ZH und Hauptort des gleichnamigen Bezirks am linken Zürichseeufer. Die grossflächige Gem. reicht vom Seeufer (408 m) über das Zimmerberg-Plateau mit der Streusiedlung Horgenberg (660 m) und das Sihltal bis zum Kamm des Albis (915 m). Sie besteht aus den Wachten (bis 1919 Zivilgemeinden) Dorf, Arn sowie Horgenberg und umfasste bis 1773 auch Oberrieden und Hirzel. Der Sihlwald, welcher der Stadt Zürich gehörte, wurde 1803 dem Gemeindegebiet von H. zugewiesen; die Stadt erkannte diesen Entscheid erst nach dem Bundesgerichtsurteil von 1877 an. 952 Horga. 1467 67 Haushalte; 1634 1'175 Einw.; 1654 1'560; 1780 2'837; 1836 2'886; 1850 4'844; 1900 6'883; 1930 9'320; 1950 10'118; 1970 15'691; 2000 17'432.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Die bislang ältesten Funde aus der Gem. H. stammen von der Station Dampfschiffsteg/Bootshabe. Sie wurden 1950 bei einem Aushub der Fahrrinne entdeckt; weitere Baggerungen erfolgten 1961 und 1973, Sondierungen 1973 und 1988. Vier durch Seekreidebänder voneinander getrennte Kulturschichten sind gut zu fassen (weitere, jüngere Schichten waren bereits vollständig zerstört bzw. sind nur als Steinlage erhalten). Alle Schichten enthielten Lehmlinsen und Pfähle, die unterste endet als Brandhorizont. Die zweitunterste Schicht ist sehr fundreich, ein Hausgrundriss in ihr ist dendrochronologisch auf das Jahr 3713 v.Chr. datiert. Es lassen sich zwei Siedlungskonzentrationen feststellen. Die Station wurde mehrfach überflutet. Alle Schichten lieferten Material der Pfyner Kultur, v.a. Keramik, zwei Schmelztiegel aus Ton (für die Kupferverarbeitung), Webgewichte, Klopf-, Schleif-, Reib- und Mahlsteine, Steinbeile, Silexobjekte, Knochen- und Geweihgeräte (Griffe, Ahlen, Spatel, Hacken, Hechelzähne, eine Harpune), Holzobjekte (Schalen, Beilschäfte, Griffe, Webmesser, Netzschwimmer), Fragmente von Rindenschachteln, Schnur- und Textilreste, ferner Rötelbrocken, Hüttenlehm mit Rutenabdrücken und Schlachtabfall (v.a. Rind). Die Keramik der untersten Schicht ist typologisch dem mittleren, die der oberen Schichten dem späten Pfyn zuzuordnen. Dendrodaten ohne Schichtzusammenhang belegen eine schnurkeram. Siedlungsphase zwischen 2722 und 2695 v.Chr. Aus dieser Zeit stammen auch einzelne Scherben; ferner fand sich ein Angelhaken aus Bronze und eine konische Schale der Spätbronzezeit.

Die zweite bedeutende Seeufersiedlung ist die Station Scheller, die eponyme Fundstelle der Horgener Kultur (die Bezeichnung wurde 1934 durch Emil Vogt geprägt). Erste Fundbeobachtungen wurden 1914 bei Baggerarbeiten für Werftanlagen gemacht, weitere bei Aushüben 1917, 1921, 1923 und 1972. Sondierungen erfolgten 1973, 1978, 1981 und 1982, Flächengrabungen unter Wasser und an Land 1987-90. Schon 1923 wurden zwei Kulturschichten auseinander gehalten. Die untere, eine Brandschicht, war fundleer; die obere zeichnete sich dagegen durch viel Material aus, darunter auch lehmbefestigte Herdstellen. Die späteren Flächengrabungen unterschieden dann vier bis sieben Schichten der Horgener Kultur; trennende Seekreidebänder belegen Überflutungsperioden. Die Schlagphasen des dichten Pfahlfelds waren 3051-49, 3045-44, 3039 und 3037 v.Chr. Aufgrund der Analyse der Dendrodaten handelt es sich wohl um zwei benachbarte Siedlungsstandorte, die vermutlich alternierend belegt wurden. Nur wenige, meist nicht vollständige Hausstandorte wurden erfasst. Die unteren Schichten weisen v.a. organ. Material auf; die oberen zeichnen sich dagegen durch vielfältiges Fundmaterial aus. Keramikgefässe, Webgewichte, Steinbeile und deren Herstellungsabfall (Sandsteinsägeplättchen und Steine mit Sägespuren), Klopf- und Poliersteine, einzelne Silexgeräte, Knochen- und Geweihgeräte (Beilfassungen, Pfrieme u.a.), Holzobjekte (Hechel, Knieholm mit Schnurbindung), Schnur- und Geflechtreste, ferner unbearbeitete Tierknochen (hoher Anteil von Hirsch), ein menschl. Unterkiefer sowie Getreide- und Obstreste wurden hier entdeckt. Unter den Holzarten dominieren Erle, Weide und Eiche.

Eine jüngere Besiedlungsphase ist durch Dendrodaten (Schlagphasen 2465-2459 v.Chr.) und Funde der Schnurkeramik datierbar, die Schicht ist aber nur als Reduktionshorizont erhalten. Einzelfunde stammen aus der Pfyner Kultur und der Frühbronzezeit; Letztere gehören wohl zur benachbarten Station Scheller-Südost. Die kulturelle Stellung der Steinbeile vom Unterwiesenweg und von der Flur Moorschwand (beides Hanglage) ist unklar.

Rund 100 m südöstlich vom Scheller wurde 1987 ein Siedlungsplatz der Spätbronzezeit (Dendrodaten 1087-1072 v.Chr.) mit Fundmaterial (Töpfe, kon. Schalen, Becher, bronzene Meisselchen, Angelhaken und eine Kette mit Rollenkopfnadel, mehrheitlich 1060-1000 v.Chr. datiert) entdeckt. Etwas verschoben wurde auch ein Siedlungsplatz der Frühbronzezeit lokalisiert. Im Talacher fanden sich 1840/41 und 1842 bei Bauarbeiten zwei Körperbestattungen der Mittellatènezeit (2. Hälfte 3. Jh. v.Chr.). Aus röm. Zeit sind bislang nur zwei Münzen und ein kaum zu beurteilendes Ziegelfragment bekannt. Ein frühma. Gräberfeld wurde 1907 an der Stockerstrasse entdeckt.

Autorin/Autor: Gisela Nagy-Braun

2 - Vom Hochmittelalter bis in die Gegenwart

Vom Seeufer aus erfolgte ein hochma. Siedlungsstoss gegen die höheren Lagen des "Albisforstes", die gemäss einem kaiserl. Privileg von 952 Besitz des Fraumünsters Zürich waren. Für einen Fall ist die Rodungstätigkeit im Albisforst urkundlich (1153) bezeugt. Zudem deuten die Streusiedlung Horgenberg sowie Waldnutzungsrechte versch. Gem. und Höfe am Fraumünsterwald auf eine späte Landnahme vom See her hin. Eine wichtige Rolle dürfte der Meierhof des Fraumünsters (1369 erw., Güteraufteilung schon im 15. Jh.) bei der Erschliessung und Bewirtschaftung der höheren Lagen gespielt haben. Das Fraumünster besass auch Mühlen in H.-Dorf (1263 erw., später "Obermühle") und Käpfnach (vor 1319, später wohl nach H.-Dorf verlegt, "Untermühle"). Die Eröffnung des Gotthardpasses machte H. zum wichtigen Umschlagplatz der Nord-Südroute und der Verbindung Walensee-Innerschweiz. Hier wurden Waren vom Schiff aufs Saumpferd und umgekehrt verladen. Der Säumer- bzw. ab dem 17. Jh. der Karrenweg führte über Hirzel-Sihlbrugg nach Zug. Die älteste Sust- und Säumerordnung datiert von 1452. Mit der Erneuerung der Sustordnung 1528 richtete Zürich eine Zollstätte in H. ein. Das Zürcher Sustgebäude wurde um 1558 erstellt. H. bildete hoch- und niedergerichtlich den einen Kern des im 14. Jh. habsburg. Amts H.-Maschwanden. Durch Kauf ging der Ort 1406 an die Stadt Zürich, die dort die bis 1798 bestehende Obervogtei einrichtete. Nach der Säkularisation des Fraumünsters 1526 verfügte Zürich neben dem Sihlwald, der schon vor 1300 städtisch war, auch über die Reste des Albisforstes.

Die Pfarrkirche H. erscheint Mitte des 13. Jh. als Besitz des Fraumünsters. Bis 1620 bzw. 1760 gehörten auch Hirzel und Oberrieden zur Pfarrei H. 1345 verkaufte die Abtei die Patronatsrechte ohne den halben Zehnten der Johanniterkomturei Klingnau bzw. Leuggern-Klingnau. Um den Reformationswirren ein Ende zu setzen, verlieh Leuggern 1543 seine Rechte an den Zürcher Rat, der schon 1565 den Lehenszins ablöste. Das rom. Gotteshaus, das bei der Renovation 1975 zum Vorschein kam, wurde in got. Zeit sowie 1676 erweitert, 1780 abgebrochen und bis 1782 durch eine neue Rokokokirche von Johann Jakob Haltiner ersetzt. Kath. Gottesdienste werden seit 1865 gehalten, die kath. Kirche besteht seit 1872, die Pfarrei seit 1874.

Im SpätMA bildeten sich im Umfeld von H. mehrere Dorfschaften, die sich 1462 für den Bau eines Gemeinde- und Gesellenhauses zusammenschlossen. Im 16. Jh. festigte sich dieser Gemeindeverband, und in Anlehnung an die militär. Organisation nahmen die einzelnen Dorfschaften die Bezeichnung "Wacht" an. Der Verband als ganzes bildete die Gem. H. Den grösseren Wachten standen Geschworene vor, den kleineren die Seckelmeister. Zwischen der Gem. und den Wachten gab es häufig Kompetenzstreitigkeiten. Die Wahl der Richter und Ehgaumer, das Feuerlöschwesen und die Verwaltung des Gesellenhauses war Sache der Gem., die Flurpolizei sowie die Verfügung über Allmenden und Wälder blieb dagegen in den Händen der Wachten. 1466 liess die Gem. eine Gesellenhausordnung aufzeichnen, um den Einkauf, die Wahl des Stubenmeisters sowie das Verhalten in der Wirtsstube zu regeln. Die Fluren der seenahen Wachten waren verzelgt, in den Hofgebieten herrschte Egartenwirtschaft vor. Das Beispiel der Reite, der Allmend der Dorfwacht, zeigt die Dynamik der angeblich starren vorindustriellen Agrarverfassungen: Ursprünglich war die Reite eine Ackerzelg. 1466 wurde sie nach einem Streit, der wegen der Einzäunung der Brache ausgebrochen war, in eine Viehweide umgewandelt. Schon 1545 begannen die Nutzungsberechtigten wieder, das Land zu bepflanzen (Einteilung in sechs bis zehn Rotten, Landzuweisung durch den Baumeister der Korporation). Im 18. und 19. Jh. wurde das Land turnusgemäss genutzt (drei Jahre Ackerbau, sieben Jahre Weide). 1911 erfolgte die Landzuweisung durch Pachtsteigerung. Im 15. Jh. erscheint mit der Allmend Reite auch das Eggholz, ein Waldgebiet an der östl. Kante des Zimmerbergs. Nur ein kleiner Kreis von Nutzungsberechtigten durfte darin Eichen, Tannen und Buchen schlagen, während den Leuten der Dorfwacht H. nur minderwertiges Holz zustand. Nach langem Rechtsstreit ging das Eggholz 1923 an die polit. Gem. über, die Nachfolgerin der Zivilgemeinde. Ende des 18. Jh. entsprach die Ackerfläche der Rebfläche (ca. 65 ha). Auf Horgenberg und in Arn entstanden Sennereigenossenschaften, die Käse und Butter nach Zürich und Zug vermarkteten.

1681-88 wurde für den Zürcher Seidenfabrikanten und späteren Bürgermeister Andreas Meyer das Landgut Bocken errichtet. Gewerbe, Handel und Verkehr waren in H. so bedeutend, dass der Ort 1639 das Marktrecht erhielt. Als Gewerbe sind eine Ziegelhütte, ein Kalkofen in Käpfnach (1400 erw., auf Boden des Fraumünsters, ans Spital Zürich verliehen), eine Schmiede (vor 1452) sowie eine Färberei (1591) belegt. Die wohl älteren Gerbereien tauchen im 16. Jh. auf. Der Chronist Johannes Stumpf beschrieb 1548 erstmals die Braunkohlevorkommen von H., deren Ausbeutung wegen des mangelnden bergmänn. Wissens bis Ende 18. Jh. Probleme stellte. Während des Dt.-Franz. Kriegs und der Weltkriege wurde der Abbau forciert, 1947 dann aber eingestellt (seit 1989 Bergbaumuseum). Die textile Heimindustrie fasste v.a. in den Hofgebieten Fuss. 1787 beschäftigte die Baumwollspinnerei ca. 29% der Bevölkerung; ausserdem gab es 131 Mousselinewebstühle in H. Im 19. Jh. löste die fabrikindustrielle Textilproduktion die heimindustrielle allmählich ab. Die 1825 gegr. Jaquard-Weberei von Johann Jakob Staub war eine der ersten in der Schweiz. Wegen der Bedeutung seiner Seidenindustrie (1847 zehn Fabrikationsbetriebe) erhielt H. den Beinamen "Klein Lyon". 1863 hielt die mechan. Seidenweberei in H. Einzug. Der beträchtl. Umfang des Seidenexports nach Übersee bewog die USA, 1878 eine Konsularagentur in H. zu eröffnen (1882-98 Konsulat). In den Krisen der Zwischenkriegszeit brach die Seidenindustrie in H. zusammen. An die Textilindustrie knüpfte die Textilmaschinenindustrie an, die seit 1944 als Interessengemeinschaft "Die 4 von H." auftritt und weltweit ein gemeinsames Marketing betreibt.

Wegen der Grösse und Bedeutung der Gem. stellten überregionale Ereignisse wie der Stäfner Handel, der Bockenkrieg und der Generalstreik auch in der engeren Ortsgeschichte Zäsuren dar. Seit 1831 ist H. Bezirkshauptort. Das 1927 eingeführte Gemeindeparlament wurde 1938 wieder abgeschafft. Auch 1973 verwarf das Volk eine neue parlamentar. Gemeindeordnung. 1846 wurden die Seestrasse Zürich-Richterswil und die Zugerstrasse H.-Sihlbrugg angelegt. Gegen die 1835 auf dem Zürichsee eingeführten Dampfschiffe wehrten sich die H.er Schiffsleute; erst 1839 bewilligte die Gem. eine Anlegestelle bei der Haab. 1838 erwarb die Gem. die Sust (Ortsmuseum seit 1958). Die 1883 gegr. Wasserwerkgesellschaft Aabach versorgte das Gewerbe mit Druckwasser (32 Turbinen, insgesamt 200 PS, 1901 Springbrunnen mit 60 m-Fontäne bei der Sust, 1895 Stromproduktion, 1905 Rückkauf des Werks durch die Gem.). Die Autofähre H.-Meilen ist seit 1933 in Betrieb. Kurz nach Eröffnung der linksufrigen Eisenbahnlinie 1875 rutschte das Bahnhofgelände in den See. Die anfänglich nur provisorische Behebung des Schadens blockierte lange Zeit die Entwicklung des Ortskerns. 1897 wurde die Eisenbahnlinie Thalwil-Zug mit der Station H.-Oberdorf eröffnet. Die Linienführung der A3 (1966) über die Horgeneregg führte zum Verlust von 12 ha Wald.

Autorin/Autor: Martin Illi

Quellen und Literatur

Literatur
– P. Kläui, Gesch. der Gem. H., 1952
Horgner Jahrh., 1977-
– J. Bill, «Die latènezeitl. Gräber von H.», in ZAK 38, 1981, 173-177
JbSGUF 71, 1988, 257
SPM 2, 312; 4, 328
– C. Achour-Uster, Die Seeufersiedlungen in H., 2002