16/02/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken
No 1

Rousseau, Jean-Jacques

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

geboren 28.6.1712 Genf,gestorben 2.7.1778 Ermenonville (Picardie), ref., ab 1728 kath., ab 1754 erneut ref., bis 1763 von Genf. Sohn des Isaac, Uhrmachers, und der Suzanne Bernard. ∞ 1768 Thérèse Levasseur, Wäscherin, Französin. Kurz nach seiner Geburt verlor R. die Mutter, wurde zunächst von seinem Vater aufgezogen, dann in ein Internat in Bossey gebracht und schliesslich bei einem Graveur in Genf in die Lehre gegeben. Im März 1728 verliess er Genf und wurde in Annecy von Françoise-Louise de Warens aufgenommen, die kurz zuvor zum Katholizismus übergetreten war. Auch R. konvertierte im April 1728 in Turin und kehrte anschliessend zu Madame de Warens zurück. Zusammen zogen sie nach Chambéry, zuerst in die Stadt, dann auf das Gut Les Charmettes. Hier bildete sich R. autodidaktisch weiter. 1730-31 unternahm er eine lange Fussreise durch die Schweiz, die ihn nach Nyon, Freiburg, Lausanne, Vevey, Neuenburg und Solothurn führte. 1740 wurde er Hauslehrer der Kinder von Jean Bonnot de Mably, Generalpächter in Lyon, und arbeitete eine neue Musiknotenschrift aus. In Venedig, wo er 1743 Sekr. des franz. Botschafters war, erhielt seine Vorliebe für ital. Musik neue Nahrung. 1745 liess R. in Paris seine "Muses galantes" aufführen und zog sich die Feindschaft Jean-Philippe Rameaus zu. Dennoch überarbeitete er dessen Oper "La princesse de Navarre" nach einem Libretto von Voltaire. Im gleichen Jahr begann er mit Thérèse Levasseur zusammenzuleben, die ihm nach seinem Geständnis in den "Bekenntnissen" fünf Kinder gebar, die alle ins Hospiz für Findelkinder in Paris gegeben wurden.

Als Sekr. der Louise Marie Madeleine Dupin verkehrte R. in den Kreisen der "philosophes" und schrieb Beiträge für die "Encyclopédie". 1750 veröffentlichte er die von der Akad. Dijon preisgekrönte "Abhandlung über die Frage, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen hat?" (dt. 1752) und 1755 die "Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen" (dt. 1756). Daneben widmete er sich weiterhin der Musik. Es gelang ihm, seine Oper "Le devin du village" 1752 vor Ludwig XV. aufführen zu lassen. 1752-54 beteiligte sich R. am berühmten Opernstreit, dem sog. querelle des Bouffons. Auf der Durchreise in Genf trat er wieder zum Calvinismus über. 1756 liess er sich in Montmorency nördlich von Paris nieder, zuerst in der Ermitage, einem Landhaus im Besitz der Louise Lalive d'Epinay, wo er die ersten Briefe des Briefromans "Die neue Héloïse" verfasste. Nachdem er sich mit seiner Gastgeberin zerstritten hatte, lebte er im Gartenhaus von Mont-Louis und 1759 beim Hzg. Charles II. Frédéric de Montmorency-Luxembourg. 1758 vollendete er den "Brief an d'Alembert über das Schauspiel" (z.T. dt. 1761), 1761 "Julie oder Die neue Héloïse" (dt. 1761/1776), 1762 "Emile oder Von der Erziehung" (dt. 1762) sowie 1762 "Vom Gesellschaftsvertrag" (dt. 1782).

Das Jahr 1762 markiert einen Bruch in R.s Leben: "Emile", dessen viertes Buch das heftig umstrittene Glaubensbekenntnis des savoy. Vikars enthält, wurde vom Pariser Parlament verurteilt. R. musste fliehen. Es folgte ein unstetes Wanderleben von mehreren Jahren, das ihn nach Yverdon zum Bankier Daniel Roguin, nach Môtiers (NE) zum Pfarrer Frédéric-Guillaume de Montmollin und auf die St. Petersinsel führte. Im Val-de-Travers unternahm er botan. Exkursionen und lernte Pierre-Alexandre DuPeyrou kennen, einen der späteren Verleger seines Gesamtwerks und sein Testamentsvollstrecker; später vermachte dieser der Neuenburger Bibliothek alle Manuskripte, die ihm R. anvertraut hatte. Zudem suchten ihn mehrere Deutschschweizer, v.a. Zürcher Gelehrte wie Johann Heinrich Füssli, Leonhard Usteri und Johann Kaspar Lavater in Môtiers auf. Im Jan. 1766 gelangte der Flüchtling nach London und liess sich in Wootton (Staffordshire) nieder. Noch im selben Jahr zerstritt er sich dort mit dem Philosophen David Hume. Zu diesem Zeitpunkt begann er mit der Niederschrift seiner "Bekenntnisse". 1767 kehrte er nach Frankreich zurück, heiratete Thérèse Levasseur und liess sich in Paris nieder, wo er bis April 1778 blieb. In dieser Zeit verfasste er seine drei letzten grossen Werke: 1769 vollendete er " Die Bekenntnisse" (dt. 1782/1790), 1772-76 verfasste er "Rousseau richtet über Jean-Jacques" und 1776-78 "Die Träumereien eines einsamen Spaziergängers" (dt. 1782); im fünften "Spaziergang" spricht er über seinen Aufenthalt auf der St. Petersinsel. R. starb in Ermenonville beim Marquis René Louis de Girardin, wo er auch bestattet wurde. Seine sterbl. Hülle wurde 1794 nach Paris ins Panthéon überführt.

R.s polit. Werk, das sogar als Keimzelle der Franz. Revolution gedeutet wurde, stiess bei den Genfer Patriziern kaum auf Zustimmung. Zum polit. Gegensatz kam noch ein religiöser Konflikt hinzu, der seine Ursache wesentlich im erklärten Agnostizismus des savoy. Vikars hat. Dies erklärt die oft sehr heftigen Spannungen, die R.s Beziehungen zu seiner Vaterstadt kennzeichneten. Nach der Verurteilung des "Emile" und des "Gesellschaftsvertrags" durch den Kl. Rat 1762 verzichtete der Philosoph 1763 feierlich auf sein Bürgerrecht der Republik Genf. Die Stadt steht trotzdem im Zentrum seines Werks, zunächst mit ihren Sitten und Gebräuchen: In einem Abschnitt des "Briefs an d'Alembert über das Schauspiel" erwähnt R. die Welle der Brüderlichkeit, welche die Bevölkerung bei einem patriot. Fest im Quartier Saint-Gervais ergriffen hatte. Ferner spielte die Geschichte eine wichtige Rolle, denn die Stadt Calvins tritt als der Ort in Erscheinung, in dem polit. Erneuerung oder Erprobung möglich ist. Schliesslich ist die Stadt symbolisch ständig präsent, als R. seine "Bekenntnisse" niederschrieb. Von Genf und Neuenburg gingen im 20. Jh. die Bestrebungen aus, Werk und Denken R.s bekannt zu machen. 1905 wurde in Genf die Société Jean-Jacques Rousseau gegründet, ab 1959 begannen seine "Œuvres complètes" zu erscheinen.

Dank R.s Werk rückte die Schweiz auch in den Fokus der Aufklärungsbewegung. Mit der Figur der Julie stellt "Die neue Héloïse" der mondänen Pariser Welt das einfache Glück einer Waadtländer Fam. am Ufer des Genfersees - Schauplatz ist Clarens - gegenüber. Die zahlreichen Beschreibungen der von R. durchstreiften Orte vom Wallis bis ins Val-de-Travers regten zu einer Landschaftsbetrachtung an, die in der Literatur berühmte Nachahmungen finden sollte. Sogar die Musik, namentlich die Volksmusik, verdankt R. einige ihrer späteren Entwicklungen. Wegen dieser Wirkungen sah man in R. lange den Begründer der Romantik. Dazu beigetragen hat auch der Umstand, dass R. in seinen drei letzten Hauptwerken eine Praxis des autobiogr. Schreibens entwickelte, die sowohl in Frankreich (François René de Chateaubriand, George Sand) als auch in der Schweiz (Henri-Frédéric Amiel) beträchtl. Widerhall fand.

Eine grosse Bedeutung kommt auch R.s polit. Philosophie zu. Einige ihrer Schlüsselbegriffe wie Naturzustand oder Gemeinwille sind weltbekannt. Zudem steht sie am Beginn einer Beschäftigung mit dem Wesen der Macht und den Regierungssystemen. Das polit. Denken ist bei R. allgegenwärtig und nicht auf die im engeren Sinn polit. Schriften beschränkt. Es beruht auf einer oft unerbittl. Analyse der bestehenden Systeme, z.B. in den 1764 publizierten "Briefen vom Berg" (dt. 1782/87), und prägt seit dem Ende des 18. Jh. die Debatten über das Wesen der Demokratie und ihre mögl. Umsetzungen mit.

Nach seinem Tod entwickelte sich v.a. während der Franz. Revolution ein veritabler R.-Kult, der schon zu Lebzeiten des Philosophen eingesetzt hatte. Dieser Kult findet im Künstlerischen einen Niederschlag in den Werken von Jean-Pierre Saint-Ours, Jean-Antoine Houdon oder James Pradier und in der Aufwertung der Insel als idealisierten Naturraum. Er führte zudem sowohl in der Schweiz als auch in Frankreich in regelmässigen Abständen zu grossen Feiern.


Werke
Œuvres complètes, hg. von B. Gagnebin, M. Raymond, 5 Bde., 1959-95
Correspondance complète de Jean-Jacques R., hg. von R.A. Leigh, 52 Bde., 1965-98
Archive
– Teilnachlässe in: BGE, BPUN und Société Jean-Jacques R.
Literatur
Annales de la Société Jean-Jacques R., 1905-92, 1997-
– F. Jost, Jean-Jacques R. suisse, 2 Bde., 1961
– J. Starobinski, R.: eine Welt von Widerständen, 1988, (franz. 21971, überarbeitete Neuaufl. 2006)
Botanisieren mit Jean-Jacques R., hg. von R. Schneebeli-Graf, 2003
Dictionnaire de Jean-Jacques R., hg. von F.S. Eigeldinger, R. Trousson, 1996
– M. und B. Cottret, Jean-Jacques R. en son temps, 2005
– G. Bedeschi, Il rifiuto della modernità: saggio su Jean-Jacques R., 2010

Autorin/Autor: François Jacob / AHB