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Bifrun, Jachiam

geboren 8.4.1506 Samedan,gestorben 13.12.1572. Sohn des Johannes, Notars, Ammanns und späteren Podestaten von Tirano, und der Ursina Tütschett. ∞ 1531 Anna Andreola. Ab 1518 besuchte B. die Lateinschule in Zürich, wo er mit der Reformation in Kontakt kam. Nach dem Rechtsstud. 1523-26 in Paris wurde er 1527 Notar im Veltlin. Zwischen 1532 und 1556 amtierte er wiederholt als Landammann des Oberengadins, 1537-58 auch als Richter. 1556 verfasste er eine lat. Abhandlung über Milchprodukte, welche 1563 in der "Ars magirica" des Iodochus Willichius Raselli bei Jacob Gessner erschien. Dem franz. Parteigänger B. beschlagnahmte ein Strafgericht 1565 u.a. 18 Kühe, 3 Rinder sowie Heu, weil er die Busse von 340 Gulden nicht sofort entrichten konnte. Diese und weitere kulturhist. Angaben sind in einer kurzen lat. Autobiografie erhalten.

B. war einer der Hauptförderer der Reformation in Graubünden, die 1551 in Samedan eingeführt wurde. 1552 publizierte er den ersten gedruckten rätorom. Text: die Übersetzung des Churer Katechismus, die "Fuorma", sollte der Jugend das ref. Bekenntnis näherbringen, die "Taefla", eine beigefügte Fibel, als Lehrmittel dienen. B.s grösstes Verdienst stellt aber seine auf eigene Kosten 1560 gedruckte Übersetzung des Neuen Testaments dar. Sie folgte v.a. der lat. Übersetzung des Erasmus von Rotterdam von 1521. Ein rätorom. Wörterbuch stand B. nicht zur Verfügung; er wurde durch seine Leistung zum Begründer der rätorom. Literatursprache. Als solcher wurde er oft gewürdigt. Seine Absicht war wohl eine andere: als Humanist im Dienst der Reformation zu stehen. Seine Sprache trägt die Spuren der Anfangsschwierigkeiten: Gelegentlich werden Formen und Konstruktionen des Lateins kritiklos übernommen, es kommt zu syntakt. Kompliziertheit. Die Übersetzung erreichte jedoch ihren Zweck, nicht zuletzt weil die rätorom. Sprache bereits auf eine lange mündl. Tradition zurückschaute.


Literatur
Bedeutende Bündner aus fünf Jahrhunderten 1, 1970, 84-94
– C. Bonorand, H.-P. Schreich, Die Engadiner Reformatoren Philipp Gallicius, Jachiam Tütschett B., Durich Chiampell, 1987

Autorin/Autor: Ottavio Clavuot