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Greyerz (Gemeinde)

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Polit. Gem. FR, Hauptort des gleichnamigen Bez. Die Gem. setzt sich aus G., den Dörfern Epagny, Pringy, Moléson-sur-Gruyères, den Weilern Saussivue, Le Pont und Le Creux sowie dem früheren Kloster La Part-Dieu zusammen. 1138-39 de Grueri. 1850 972 Einw.; 1900 1'389; 1920 1'711; 1950 1'302; 2000 1'546. In Epagny fand man Spuren aus der Bronze- sowie der Hallstattzeit, latènezeitl. Gräber (325-250 v.Chr.), Reste einer Villa aus dem 2.-3. Jh. n.Chr. und ein frühma. Gräberfeld. Eine röm. Siedlung befand sich wahrscheinlich auf dem Hügel in G.; der Ort entwickelte sich unterhalb des Schlosses, das die Gf. von Greyerz ganz oben auf diesem Hügel bauen liessen, um das obere Saanetal zu kontrollieren. Der Flecken, der vor 1195/96 das Marktrecht besass - dieses ging dann vorübergehend auf Bulle über -, bestand aus zwei getrennten Teilen, dem Schloss mit seinen Nebengebäuden und dem ma. Städtchen, das längs einer zentralen Strasse angelegt und durch eine Mauer geschützt war (zahlreiche Wälle, Tore und Türme sind erhalten). 1397 bestätigte Gf. Rudolf IV. G. ein Stadtrecht, das sich am Vorbild von Moudon orientierte. G. hatte ab 1434 einen, ab 1455 zwei Zwölferräte, in denen Vertreter des Grafen bzw. ab 1555 der Stadt Freiburg den Vorsitz führten.

G. war bis 1555 Hauptort der gleichnamigen Grafschaft, bis 1814 der Vogtei, bis 1848 der Präfektur und von da an des Bezirks. Die Vögte und später die Präfekten residierten im Schloss. Dessen älteste Teile gehen auf das frühe 13. Jh. zurück; andere, darunter der Wohnbereich, wurden nach dem Brand von 1493 neu gebaut. Der Kt. Freiburg verkaufte das Schloss 1849 an die Genfer Fam. Bovy, dann gelangte es durch Heirat in den Besitz der Fam. Balland, die in der Uhrenindustrie tätig war. 1938 kaufte es der Kt. Freiburg zurück, restaurierte es und richtete darin ein hist. Museum ein. Einer der Vogtsäle mit Régencetäfer wurde ab 1852 von Jean-Baptiste Corot ausgeschmückt.

Kirchlich gehörte G. ursprünglich zur Pfarrei Bulle. Gf. Rudolf III. liess für die Dörfer am linken Saaneufer südlich von Bulle die Kirche des hl. Theodul errichten. Mit deren Weihung 1254 wurde G. zur Pfarrei, von der sich 1600 La Tour-de-Trème, 1609 Neirivue und 1919 Le Pâquier trennten. Die gräfl. Grabmäler befanden sich unter dem Altar des hl. Michael. Brände zerstörten 1670 und 1856 die Pfarrkirche; nur der Turm und der Chor blieben verschont. Die renovierte Kirche wurde 1860 geweiht. Das Patronatsrecht, das ursprünglich dem Kapitel und dem Propst der Kathedrale von Lausanne zustand, ging 1555 an die lokale Geistlichkeit über. Die Kapelle der Grafen auf dem Vorplatz des Schlosses war Johannes dem Täufer geweiht (zwei Glasfenster aus dem späten 15. Jh.). Die Kapelle St. Moritz im Spital geht auf das Jahr 1431 zurück. Die den hl. Sebastian und Rochus geweihte Chapelle du Berceau wurde 1612 erbaut, nachdem eine Pestepidemie im Jahr zuvor 140 Opfer gefordert hatte.

Während des Dreissigjährigen Krieges liessen sich aus Besançon und Dôle geflüchtete Bernhardinerinnen und Visitandinnen in G. nieder; letztere blieben 1639-51 und führten eine Töchterschule. Ab dem 15. Jh. bestand eine Primarschule, die vorwiegend Knaben offenstand. Im 20. Jh. fand der Sekundarunterricht in einem Schulverbund statt, der 1973 nach Bulle verlegt wurde. G. besass ein - 1341 erwähntes - Siechenhaus sowie ein Spital oder Hospiz, das Mitte des 15. Jh. gegründet wurde und noch in der 2. Hälfte des 19. Jh. in Betrieb war. Ein Nebengebäude des Spitals beherbergte bis 1988 die Primarschule und wurde nach der Renovation zu einem Alters- und Pflegeheim umgestaltet. Von 1891-1925 führten Ingenbohler Schwestern in G. das Taubstummeninstitut Saint-Joseph, das dann nach Freiburg umzog.

G. war ein wichtiger Marktort, in dem auch sechs Jahrmärkte abgehalten wurden; das Marktrecht, das dem Flecken 1195/96 zwischenzeitig entzogen worden war, wurde G. nur wenig später wieder gewährt. Man handelte mit Käse, Korn (steinerne Kornmasse) sowie mit Klein- und Grossvieh. G. gelangte zu Wohlstand, weil die Strasse in den oberen Teil der Grafschaft bis 1767 über den Hügel führte; eine andere Route verlief via Pringy und Le Pâquier. Der Niedergang der Märkte setzte ein, als in der Ebene durch Epagny die Vorläuferin der späteren Kantonsstrasse angelegt wurde. In G. bestanden mehrere Mühlen und Sägewerke sowie eine Pulverfabrik (18. Jh.). Ab 1775 wurden die Sod- durch Laufbrunnen ersetzt. G. verfügt über zwei Bahnhöfe, Pringy an der Linie Palézieux-Montbovon (1903) und Epagny an der Stecke Bulle-Broc (1913). Der Primärsektor liefert Anfang des 21. Jh. die Rohstoffe für zwei Agro- und Lebensmittelunternehmen (Käse und Fleischprodukte); die Schaukäserei in Pringy war eine der ersten in der Schweiz (1969). Das Holzgewerbe (Zimmerei und Schreinerei) spielt ebenfalls eine wichtige Rolle; die Strohflechterei verschwand zu Beginn des 20. Jh. Die meisten Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor stellt der Tourismus (Sommer und Winter). Der Skiort Moléson-sur-Gruyères entwickelte sich ab 1960 (neue Seilbahn 1998). Der Flugplatz von G. nahm 1963 in Epagny den Betrieb auf. 1998 wurde im Schloss Saint-Germain das Museum HR Giger (fantast. Kunst) eröffnet. G. ist eine bekannte Touristenattraktion und steht seit 1961 unter Heimatschutz. 2004 zählte der Gemeinderat (Exekutive) neun teilzeitlich beschäftigte Mitglieder. Der zur Debatte stehende Zusammenschluss mit der Nachbargemeinde Le Pâquier wurde von der Bevölkerung in einer Meinungsumfrage 2003 positiv aufgenommen.


Quellen
SSRQ FR 4
Literatur
– H. Gremaud, E. Chatton, Château de Gruyères, 1991
– G. Bourgarel, «Gruyères: château», in Archéologie fribourgeoise, 1994, 68-73
– G. Bourgarel, «Gruyères/Bourg 30», in Cahier d'archéologie fribourgeoise 5, 2003, 174-215
– M. Imsand, Gruyères en hiver, 2003 (Fotos)

Autorin/Autor: Jean-Marc Purro / PTO