• <b>Gregor Girard</b><br>Porträt. Öl auf Leinwand, um 1840  © Museum für Kunst und Geschichte Freiburg. Mit dem in der rechten oberen Ecke dargestellten Ordenskreuz eines Ritters der französischen Ehrenlegion wurde Père Girard, wie der Porträtierte genannt wurde, 1838 ausgezeichnet.

No 6

Girard, Gregor

geboren 17.12.1765 Freiburg, gestorben 6.3.1850 Freiburg, kath., von Freiburg. Sohn des Jean-François, Kaufmanns, und der Marie-Françoise de Landerset. Bruder von Jean-François ( -> 7) und Jean-Louis ( -> 8). Von seiner Mutter, die ihm den ersten Unterricht zu Hause erteilte und unter deren Aufsicht er die jüngeren Geschwister belehrte, lernte er religiöse Toleranz und straflose Erziehung. Im ehem. Jesuitenkollegium besuchte er die Lateinschule, war aber vom mechan. Unterrichtsbetrieb enttäuscht. 1781 trat G. in Freiburg in den Franziskanerorden ein. Das Noviziat absolvierte er 1782 in Luzern, die phil. und theol. Studien 1783-88 in Würzburg, wo er beeindruckt war vom sozialen Wirken des Fürstbf. Ludwig von Erthal. Den Ausgleich zwischen aufklärer. Philosophie und dogmat. Theologie fand er in der Lektüre der Hl. Schrift. Nach der 1788 in Freiburg empfangenen Priesterweihe wirkte G. bis 1789 in Überlingen, ab 1790 wieder in Freiburg als Philosophielehrer und Prediger. Da er auf den Aufruf des helvet. Unterrichtsministers Philipp Albert Stapfer hin 1798 ein "Projet d'éducation publique" eingereicht hatte, wurde er von diesem als Archivar nach Luzern berufen. Von dort kam er als Regierungspfarrer bis 1803 nach Bern, wo er den ersten kath. Gottesdienst seit der Reformation zelebrierte. Seine ökumen. Einstellung und die von ihm schlicht und teils in dt. Sprache gestaltete Liturgie trugen wesentlich dazu bei, dass die Katholiken sich auch nach der Helvetik in Bern behaupten konnten.

Nach Freiburg zurückgekehrt, leitete G. 1805-23 die Knabenschule, die er zu einer vorbildl., öffentl. Primarschule entwickelte. In den Mittelpunkt stellte er einen lebendigen Sprachunterricht, der zugleich religiös-moral. Werte vermittelte. Hiefür schuf er eine "Grammaire des campagnes à l'usage des écoles rurales du canton de Fribourg" (1821). Nach der Rückkehr der Jesuiten kam es zu Spannungen mit der kirchl. Obrigkeit, die im Gegensatz zu G.s Staatsschule wieder die kirchl. Gewalt über die Schule verkündet hatte. Man griff G. wegen seiner Methode des wechselseitigen Unterrichts (Lancasterschulen) an; auch konnten sich die Jesuitenanhänger mit seiner Idee einer auf die Bedürfnisse von Gewerbe (Geometrie) und Handel (Englischunterricht) ausgerichteten Sekundarschule nicht abfinden. Die Landpfarrer hielten sich an den "Kanisi" (Katechismus des Petrus Canisius) und verstanden den Wert von G.s Lehrmittel nicht. Um dem Streit zu entfliehen, zog G. nach Luzern, wo er 1823-34 als Philosophielehrer, als Mitglied des Erziehungsrates und im Rahmen der Schweiz. Gemeinnützigen Gesellschaft als Förderer der Mädchen- und der Lehrerausbildung wirkte. Nach seiner Rückkehr nach Freiburg (1835) verfasste er sein pädagog. Hauptwerk "De l'enseignement regulier de la langue maternelle [...]" (1844), das in Paris von der Académie de Montyon preisgekrönt wurde. 1850 starb G., schmerzlich betroffen von der Säkularisation seines Klosters durch die radikale Regierung.

<b>Gregor Girard</b><br>Porträt. Öl auf Leinwand, um 1840  © Museum für Kunst und Geschichte Freiburg.<BR/>Mit dem in der rechten oberen Ecke dargestellten Ordenskreuz eines Ritters der französischen Ehrenlegion wurde Père Girard, wie der Porträtierte genannt wurde, 1838 ausgezeichnet.<BR/>
Porträt. Öl auf Leinwand, um 1840 © Museum für Kunst und Geschichte Freiburg.
(...)

G. war ein Hauptgestalter der Volksschule in der Schweiz, von den Pestalozzianern verkannt, weil er 1810 in seinem "Rapport sur l'Institut Pestalozzi à Yverdon" zwar die moral. und method. Bedeutung dieses Unternehmens anerkannte, es zugleich aber als nicht in die Wirklichkeit einer öffentl. Volksschule übertragbar beurteilte. Im Unterschied zu Pestalozzi ging G. der Sinn für die Schulverwaltung und die staatl. Belange nicht ab. Dies macht seine Bedeutung als Schulreformer aus. Aus kath. Sicht verzieh man G. indessen sein Bekenntnis zur Staatsschule nicht, und in ref. Kreisen ging er rasch vergessen. Eine 1990 in Freiburg ins Leben gerufene Stiftung (Fondation du père Grégoire G.) will die G.-Forschung neu beleben.


Archive
– Teilnachlässe in: BiA Freiburg, KlA Franziskaner Freiburg, KUBF, Fondation du père Grégoire G., StAFR
Literatur
– E. Egger, Pater Gregor G., 1948
HS V/1, 91, 187-189, (mit Werk- und Literaturverz.)
– T. Weisskopf, «Pater Gregor G. aus prot. Sicht», in Bildungspolitik im schweiz. Föderalismus, 1985, 175-186
Père Grégoire G. 1765-1850, hg. vom F. Oser, R. Reichenbach, 2002

Autorin/Autor: Eugène Egger