Allod

Das Wort A. ist zusammengesetzt aus ahd. al (= alles, ganz) und ôd (= Gut, Vermögen). Erstmals erw. wird A. in der fränk. Lex Salica um 508, dann wieder im frühen 7. Jh. in der ebenfalls fränk. Lex Ribuaria sowie mehrfach in der Lex Baiuvariorum (743-748). In fränk. Zeit verstand man darunter insbes. das Familienerbgut, das sich vom Kauf- und vom Lehensgut unterschied. Immer mehr bezog sich der Begriff auf liegende Güter. Immer mehr auch wurde A. (al[l]odium) als im vollen Eigentum stehender und unbelasteter Besitz in Gegensatz zum Lehen (beneficium, feudum) als abgeleitetem Besitz gestellt. So wurde 1226 in einer Schenkung an die Kirche Frienisberg betont, die Vergabung erfolge non per beneficium sed per proprietatem als liberum allodium, d.h. "nicht zu Lehen, sondern im Eigentum als freies A."

In den durchfeudalisierten Ländern Frankreich und (ab 1066) England gab es prakt. kein A. Die Rechtsvermutung sprach hier nach dem Grundsatz nulle terre sans seigneur gegen allodialen Besitz. Anders im Reich, wo es in der Hand des Adels und der Kirche, später auch der Städte, viel A. gab. Die Stadt Lausanne war beispielsweise von 896 an A. des Bf. von Lausanne. Auch gerodetes Land (Landesausbau) wurde als A. behandelt. Der Reichsherr war also nicht oberster Inhaber des gesamten Reichslandes. Hohe weltl. und kirchl. Herren veräusserten ihr A. zu Lehen an Vasallen, die nicht notwendigerweise dem Reichsverband angehörten. Dadurch entstanden partikulare Lehensketten ohne Beziehung zur Krone. Es kam vor, dass selbst der Kg. Güter zu A. abtrat. So schenkte der burgund. Kg. Rudolf III. 997 seinem Kanzler Güter zu Lutry bei Lausanne. Auch finden sich kgl. Bestätigungen von A., z.B. 1152 durch Kg. Friedrich I. zugunsten des Klosters Beinwil, wobei u.a. 18 allodiale Güter genannt werden.

A. stärkte die Macht des Adels gegenüber dem Kg., und die Allodifikation (Umwandlung von Lehen in Eigentum) förderte im Hoch- und SpätMA den Ausbau von Landesherrschaften (Territorialherrschaft). Grundherrl. Allodialbesitz umfasste auch herrschaftl. Rechte, namentl. über die Bebauer der entsprechenden Güter, aber auch die niedere Gerichtsbarkeit (Grundherrschaft). Auf bäuerl. A.ien ("freies Eigen") dagegen lasteten zwar keine grundherrl. Abgaben, doch waren damit keine Herrschaftsrechte verbunden (Freiheit). Weltl. und geistl. Grund- und Landesherren bedrängten über das gesamte MA hinweg das bäuerl. Eigen, das immer seltener wurde, aber noch im 15. Jh. und später in versch. Gebieten, z.B. der Waadt, des Neuenburger Juras, des Aargaus, Thurgaus und Appenzellerlandes, in grösserer Zahl nachgewiesen werden kann. Insbes. in unsicheren Zeiten begaben sich viele freie Bauern unter den Schutz mächtiger Herren oder Klöster, denen sie ihr Eigen aufgaben, um es wiederum als Lehen zu empfangen (Lehensauftragung). Im SpätMA löste sich die Verbindung zwischen persönl. und sachl. Rechtsstellung der bäuerl. A.-Besitzer, d.h. auch persönl. unfreie Bauern konnten A.ien besitzen. Vom ausgehenden 15. Jh. an wandelte sich zwar auch der bäuerl. Inhaber eines Erblehens zum fakt. Besitzer, blieb jedoch, im Unterschied zum Eigentümer eines A.s, weiterhin grundzinspflichtig. Die rechtl. Stellung der Lehensherren schwächte diese Entwicklung dennoch ab. Auch lehensrechtl. gebundene Adelsgüter wurden zu freiem Eigen. Entgegen dem Trend der Allodifizierung wurden in der Waadt von der 2. Hälfte des 17. Jh. an zahlreiche bäuerl. und auch adlige A.ien zu Lehen der bern. Obrigkeit. Schliessl. leitete die Helvetik 1798 eine umfassende Ablösung der Feudallasten ein, die indes erst um die Mitte des 19. Jh. ihren Abschluss fand und zum Eigentum nach modernem Rechtsverständnis führte.


Literatur
– H. Rennefahrt, Grundzüge der bern. Rechtsgesch. 1, 1928, 83, 189
– H. Mitteis, H. Lieberich, Dt. Rechtsgesch., 111969, 123, 126
HRG 1, 120 f., (mit Lit.)
LexMA 1, 440 f., (mit Lit.)
– P.-R. Monbaron, «La propriété féodale sous l'Ancien Régime bernois», in RHV, 1991, 108

Autorin/Autor: Peter Walliser