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Grundherrschaft

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G. ist ein moderner geschichtswissenschaftl. Ordnungsbegriff, der weder einfach zu umgrenzen noch völlig unumstritten ist. Er bezeichnet primär die Herrschaft über Menschen, die auf dem Grund und Boden eines Herrn ansässig sind. Der Begriff stellt den herrschaftsbildenden Charakter des Grundbesitzes in den Vordergrund gegenüber anderen Faktoren wie persönl., gerichtl. oder kirchl. Abhängigkeiten, die ebenfalls Herrschaft begründen konnten. Er wird in der dt. Historiografie breiter gefasst als in der franz. und ital. Geschichtsschreibung, welche die einzelnen Formen der ländl. Herrschaft deutlicher auseinanderhalten.

Die Quellen des MA sprechen in der Regel nur unbestimmt von dominium oder herschaft oder aber von konkreten Teilrechten wie dem Twing und Bann und von bestimmten Organisationseinheiten wie dem "Hof" (Villikation, Fronhof), dessen Rechtsorganisation im HochMA in Hofrechten erkennbar wird. Das Wort G. kommt quellenmässig erst vom ausgehenden MA an vor.

G. wird als Kernelement feudaler Herrschaft und Gesellschaftsordnung gesehen (Feudalismus), das im Lauf des Früh- und HochMA an Bedeutung gewann, um danach von anderen Herrschaftsbeziehungen (v.a. von der Landes- und Territorialherrschaft) überlagert und verdrängt zu werden. In der G. verband sich das Herreneigentum (dominium directum) von Boden und Gütern mit vielfältig kombinierten Herrschaftsrechten (Twing und Bann, niedere Gerichtsrechte, Dienste, Abgaben, persönl. Abhängigkeiten etc.) gegenüber den Personen (Hofjünger, bäuerl. Leihenehmer), die diese Güter (Höfe, Huben, Schupposen, handwerkl. und gewerbl. Einrichtungen) in der Regel unter der Rechtsform der Leihe im Nutzungseigentum (dominium utile) bewirtschafteten. Die grossen Entwicklungslinien der G. liefen von den früh- und hochma. Villikationssystemen zur Aufgliederung in die spätma. und frühneuzeitl. Rentengrundherrschaft. (die primär der Aneignung der Grundzinsen und anderer Abgaben diente) und räumlich klar umrissene lokale Niedergerichte. Die letzten Elemente der G. (Feudallasten) sind erst im Lauf des 19. Jh. verschwunden.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

1 - Die Grundherrschaft in der deutschen Schweiz

1.1 - Klassische Grundherrschaft im Frühmittelalter

Hinweise auf kleinere und grössere Grundbesitzkomplexe sowie auf bäuerl. Produzenten, die kirchl. und weltl. Herren zu Abgaben und Dienstleistungen (Frondienste) verpflichtet waren, finden sich seit dem Einsetzen einer dichteren schriftl. Überlieferung für die Gebiete der dt. Schweiz im 8. Jh. Der grösste Quellenbestand aus dieser Region, die frühen Urkunden der Abtei St. Gallen, bietet eine derartige Vielfalt von Besitz- und Rechtstiteln, Personengruppen sowie Herrschafts- und Abhängigkeitsbeziehungen, dass es schwer fällt zu entscheiden, wo Grossgrundbesitz zur G. wurde und wie Letztere von Zehnt-, Leib- oder Gerichtsherrschaft (Zehnt, Leibeigenschaft), von Schutz- oder Leiheverhältnissen abzugrenzen ist. Will man nicht jede Form frühma. Herrschaft G. nennen, so fällt ihre Definition bei der fehlenden begriffl. Differenzierung der Quellen schwer.

Die Rechts- und Verfassungshistoriker fragen nach der spezifisch rechtl. Ausstattung von Grundbesitzkomplexen in der Hand des Königs, adeliger Grundherren oder der Kirche. So interessieren sie sich primär für die Entstehung einer spezifisch grundherrl. Rechtssphäre (des Hofrechts) mit entsprechender Ämterstruktur, in Abgrenzung zur Gerichtsbarkeit des Königs und der Grafen. Dieser Prozess, der quellenbedingt fast nur an kirchl. Herrschaften untersucht werden kann, war etwa für die G. des Klosters St. Gallen erst im 10. oder 11. Jh. abgeschlossen. Im Rahmen dieser Rechtsverbände kam es zur Herausbildung einer rechtlich und funktional differenzierten Hörigenschicht sowie der grundherrl. Ministerialität. Es ist unklar, wie stark die bäuerl. Bevölkerung in der Deutschschweiz grundherrschaftlich eingebunden war bzw. wie weit bis ins HochMA mit freibäuerl. Produzenten (Allod) zu rechnen ist.

Die Wirtschafts- und Sozialhistoriker untersuchen unter frühma. G. spezifisch landwirtschaftl. Produktionsformen und die von diesen abgeleiteten Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse. Im Zentrum der Fragestellungen steht die klass. oder zweigeteilte G. bzw. die Villikationsverfassung. Bereits in den frühen St. Galler Urkunden sind die wichtigen Elemente dieses Wirtschafts- und Sozialsystems erkennbar: einerseits der Herren- oder Fronhof, dessen grundherrl. Verwalter (Vögte, Meier) die Bebauung des Herren- oder Sallands in herrschaftl. Eigenwirtschaft organisierten, andererseits die Hofstellen (Huben) der abhängigen bäuerl. Produzenten (Hörige), die neben vielfältigen Abgaben vereinzelt auch Frondienste vor dem Herrenhof leisteten.

Nach gängiger Forschungsmeinung hatte sich diese Form der Besitz-, Wirtschafts- und Herrschaftsorganisation erst ab dem 7. Jh. innerhalb des Frankenreichs ausgebreitet, gefördert v.a. durch Königtum und Kirche. Tatsächlich weisen Besitzkomplexe, die in königl. Schenkungsurkunden erscheinen, besonders früh und deutlich zweigeteilte Strukturen auf. Das gleiche gilt für das sog.Churrätische Reichsgutsurbar, das wohl der königl. Güterverwaltung des 9. Jh. zuzurechnen ist. Gerade für das lange Zeit romanisch geprägte Churrätien und vor dem Hintergrund der urkundl. Überlieferung aus diesem Gebiet stellt sich die Frage, wie weit diese angeblich fränk. Organisationsform auch auf spätröm. Strukturen zurückzuführen ist, auf das Kolonatswesen und die spätantike Fiskalorganisation.

In manchen Gebieten, etwa in den alpinen Zonen der Zentralschweiz, konnte sich die klassische G. bis ins HochMA kaum durchsetzen. Auch war sie bereits im FrühMA überall nur eine unter verschiedenen agrar. Organisationsformen; neben der G. gab es die freibäuerl. Produktion, herrschaftl. Gutsbetriebe mit unfreiem Hofpersonal ohne abhängige Hofstellen und die reine Abgabenwirtschaft ohne Frondienste. Im HochMA erfolgte der Rückgang der Villikationsverfassung, die z.T. noch in Güterverzeichnissen (Urbare) des 11.-13. Jh. erkennbar ist, räumlich und zeitlich unterschiedlich rasch.

Autorin/Autor: Sebastian Grüninger

1.2 - Rentengrundherrschaft im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit

In der hochma. Expansionsphase erfuhr die G. eine tief greifende Veränderung. Die neu entstandenen Städte konkurrierten mit den Grundherren um Menschen. Viele Bauern ergriffen die Gelegenheit, sich als Ausbürger der grundherrl. Familia zu entziehen. Auch die sich ausbreitende Verkehrswirtschaft bedrängte die G. (Agrarmarkt). Diese Entwicklungen bewogen viele Grundherren, ihre Eigenwirtschaften aufzugeben oder stark zu reduzieren. Sie richteten neue Bauernstellen auf dem Salland ein oder parzellierten dieses und teilten es den abhängigen Huben zu. Andere verliehen den Hauptteil des Fronhofs einem Bauern, der als Meier Dienstleistungen (Einzug der Zinsen, Mitwirkung am lokalen Hofgericht) für die G. versah und dafür an der Herrschaft teilhatte. Die Frondienste wurden zusehends durch Grundzinsen abgelöst und die G. entwickelte sich allmählich zu einer Rentengrundherrschaft. Dieser Wandlungsprozess wurde begünstigt durch die Entwicklung des Dorfes, das in den meisten Fällen Höfe mehrerer G.en in einem genossenschaftl. Rechts- und Wirtschaftsverband zusammenfasste und den herrschaftl. Zugriff der Grundherren auf einzelne Bauern tendenziell schwächte.

Der starke Bevölkerungsschwund und die Agrarkrise des 14. und 15. Jh. bereiteten vielen Grundherren Schwierigkeiten, u.a. weil sie nur mit Mühe Bewirtschafter für ihre Güter finden konnten. In der Eidgenossenschaft gelang es ihnen nicht, die Bauern durch ein Wiederbeleben der Leibeigenschaft stärker an die Scholle zu binden. Die Landesherrschaften der eidg. Orte entzogen den G.en herrschaftl. Rechte, besonders im Bereich des Gerichtswesens (v.a. Twing und Bann). Einrichtungen wie das Nachjagerecht und die Ungenossame (Ehegenossame), welche die Freizügigkeit der ländl. Bevölkerung einschränkten, verschwinden gegen Ende des MA aus den Quellen; der Fall verwandelte sich dort, wo er nicht abgelöst wurde, in eine Erbschaftssteuer. Vielerorts setzte sich anstelle der zeitlich beschränkten Leihe die Erbleihe durch.

Dort, wo es den Grundherren gelang, grund-, leib- und gerichtsherrl. Rechte in einem geschlossenen Territorium zu vereinen, blieben sie bedeutende Machtfaktoren (z.B. das Chorherrenstift Beromünster im Michelsamt). Einzelne konnten durch den Erwerb adeliger Herrschaften und die Intensivierung ihrer Rechte eigene Landesherrschaften aufbauen, die bis zur Helvetik Bestand hatten (Fürstabtei St. Gallen, Fürstbistum Basel).

Die Säkularisation der Kirchengüter im Gefolge der Reformation stärkte zwar die weltl. Obrigkeit, stellte aber die G. auch in den ref. Orten nicht grundsätzlich in Frage. Im Lauf der frühen Neuzeit entwickelte sich die Erbleihe in der Deutschschweiz immer mehr zu einem bäuerl. Quasi-Eigentum, das allerdings bis zur Ablösung der Feudallasten mit Grundzinsen und anderen Abgaben belastet blieb. Trotz obrigkeitl. Verboten verkauften und teilten die Bauern grundherrl. Güter oder belasteten sie hypothekarisch. Von einer G. im eigentl. Sinn kann am Ende des Ancien Régime nicht mehr gesprochen werden, weil ihre herrschaftl. Funktionen wie die Gewährung von "Schutz und Schirm" an die Grundholden längst von der frühneuzeitl. Landesherrschaft übernommen worden waren. Die grundherrl. Rechte waren deshalb zu blossen Privilegien von Kirche, Obrigkeit und besitzenden Schichten geworden.

Autorin/Autor: Gregor Egloff

2 - Die Grundherrschaft in der französischen Schweiz

Wegen der ungünstigen Quellenlage ist es schwierig, die Ursprünge der G. in der Westschweiz zu erforschen; auch zur Frage nach der Kontinuität der grossen G.en aus der Zeit der Karolinger und Rudolfinger lassen sich kaum verlässl. Aussagen machen. Urkunden des Cluniazenserpriorats Romainmôtier ermöglichen es jedoch, die wichtigsten Merkmale der G. im 11. Jh. zu benennen. Das Kloster übte Rechte öffentl. Ursprungs (den Bann) über Menschen aus, welche an seine Güter gebunden waren. Um sich gegenüber den Bauern und seinen Nachbarn durchzusetzen, stützte es sich auf Ritter, die im Dienste von - mit dem Kloster verbundenen - weltl. Herren standen, oder auf Dienstleute der klösterl. Familia. Es handelte sich wohl um eine zweigeteilte G., die sich aus abhängigen Bauernstellen und einem Fronhof mit Salland zusammensetzte. Auf Letzteres weist der in der Romandie häufige Flurname Condémine (vom spätlat. condominia in der Bedeutung von Salland) hin.

Die im 12. Jh. entstandenen G.en der neu gegr. Zisterzienser-, Kartäuser- und Prämonstratenserklöster waren eher klein, denn sie verfügten nur über eingeschränkte Herrschaftsrechte und betrieben, wenigstens zu Beginn, ihre Güter in Eigenwirtschaft; sie liessen das Land von Konversen bebauen, die den versch. Eigengütern (Grangien) zugeteilt waren.

Vom 13. Jh. an sind die grundherrl. Strukturen dank der Zunahme und der Auffächerung der Quellen (Urbare, Rechnungsbücher) besser fassbar, besonders auch diejenigen der weltl. Herren. In den savoyischen G.en im Unterwallis, im Chablais und in der Waadt (in Rue und Romont, im heutigen Kt. Freiburg) findet man die traditionelle Unterscheidung zwischen Huben und Salland (endominium). Zum Salland gehörten in der Westschweiz häufig Weinberge, deren Bewirtschaftung der Grundherr selbst oder ein Stellvertreter leitete (in den savoy. Kastlaneien, der Grafschaft Neuenburg, in Prangins). Im ausgehenden MA wurden die grundherrl. Eigenwirtschaften auch in der Romandie allmählich aufgelöst und in bäuerl. Hofstellen aufgeteilt, so in Palézieux (vor 1337) oder Belmont-sur-Yverdon (vor Ende des 14. Jh.). Vielerorts kam es zur Ablösung der Frondienste, nicht aber in der Ajoie, wo mit der cour colongère (Dinghof) eine besondere Form der G. bestand, bei welcher die Bauern gegenüber dem Grundherrn eine kollektive Verantwortung trugen.

Verbreitung und Bedeutung der G. konnten je nach Epoche und Region erheblich variieren. Während im Mittelland gegen 1300 eine gewisse Lockerung der G. erkennbar ist, v.a. wegen der Ablösung der Frondienste und Befreiung der Bauern von der Telle (grundherrl. Steuer), baute der Bf. von Basel zur selben Zeit grundherrl. Strukturen - bisweilen ohne Eigenwirtschaft - in den Freibergen auf. Andernorts wiederum minderte wohl die Abwesenheit der Grundherren, die nicht mehr persönlich in ihren Herrschaften residierten, den herrschaftl. Zwang (z.B. im Entremont).

Im SpätMA hatte die Schwächung der Macht, welche die kirchl. Grundherren durch das Bannrecht ausübten, einen Einbruch ihrer Einkünfte zur Folge. Gleichzeitig verloren weltl. G.en (Montagny FR, Cossonay) ihre Selbstständigkeit aufgrund der wechselvollen Geschichte jener Fam., welche diese Herrschaften mehrere Jahrhunderte lang besessen hatten. Die Neuordnung der G. verlief anfänglich zugunsten adeliger Landesherren (Savoyen, Neuenburg), schliesslich waren es aber die Städte Genf, Freiburg und besonders Bern, die zu Beginn des 16. Jh. wegen der Säkularisation der Kirchengüter und dem Ausscheiden Savoyens davon profitierten. Die G. dauerte bis zum Ende des Ancien Régime fort, aber sie hatte die meisten ihrer ursprüngl. Merkmale verloren, so die Verbindung von Grundbesitz und Zwangsgewalt über die Menschen, welche diesen bewirtschafteten, oder die phys. Nähe, welche oft zwischen Grundherr und abhängigen Bauern bestanden hatte.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / AI

3 - Die Grundherrschaft in der italienischen Schweiz

Die in der ital. Schweiz im FrühMA quellenmässig belegten G.en waren hauptsächlich im Sottoceneri präsent und gehörten kirchl. Einrichtungen ausserhalb des heutigen Tessins: den Klöstern S. Ambrogio in Mailand und S. Pietro in Ciel d'Oro in Pavia, wohl auch den Klöstern S. Abbondio und S. Carpoforo in Como, zu denen es allerdings weniger Quellen gibt.

Dem Benediktinerkonvent S. Ambrogio schenkte Totone von Campione Ende des 8. Jh. einen Güterkomplex mit Campione als Zentrum, zu welchem Besitzungen in versch. Tessiner Ortschaften gehörten: in Bissone, wo die Güter einen Fronhof (curtis) bildeten, aber auch in Arogno, Melide, Maroggia, Melano, im Mendrisiotto, in Canobbio, Cadro und andernorts. Ein Ordensgeistlicher amtete als Statthalter der Mailänder Abtei im Hof Campione. In diesen flossen die Abgaben der Grundholden, welche die Güter des Klosters bebauten und auch zu Arbeitsleistungen verpflichtet waren. Anfänglich waren es Leibeigene (servi) Totones, danach Halbfreie oder Freie. Die Herrschaft des Ambrosiusklosters über den Hof Campione vervollständigte sich mit der Aufnahme der Abtei in den Schutz des Hl. Röm. Reichs 873, der Beseitigung der Einmischungen des Bf. von Como 874 und der vom Ebf. von Mailand 893 gewährten Immunität für alle Besitzungen des Klosters. Im SpätMA besass der Abt, der den Grafentitel führte und in Campione alleiniger Herr war, honor et districtus, also die öffentl. Gewalt mit Schutz-, Gerichts- und Abgabenerhebungsrecht. Er übte die ungeteilte Gerichtsherrschaft über alle Einwohner Campiones aus, in den anderen Orten aber nur über die Abhängigen des Klosters. Die Herrschaft von S. Ambrogio dauerte bis ans Ende des 18. Jh.

In gewisser Hinsicht vergleichbar war die G. des Klosters S. Pietro in Ciel d'Oro in Pavia. Dieses hatte in Magliaso einen Fronhof, von dem aus Streubesitz hauptsächlich im Malcantone und Luganese, aber auch im Sopraceneri verwaltet wurde. Obwohl auch S. Pietro dank der kaiserl. Unterstützung vollständige Immunität für seine Besitztümer besass, sah sich das weit entfernte Gotteshaus zu Beginn des 13. Jh. genötigt, einen grossen Teil seiner von anderen Herren bedrängten Güter, auch diejenigen nördlich des Monteceneri, zu verkaufen.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi / AI

Quellen und Literatur

Literatur