• <b>Offnungen</b><br>Titelseite des Bandes über die Offnungen des Kantons Freiburg aus der Reihe der "Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen" (Schweizerische Nationalbibliothek).
  • <b>Offnungen</b><br>Letzter Band der in Göttingen gedruckten "Weisthümer" des deutschen Philologen und Märchensammlers Jacob Grimm, mit Namens- und Sachindex, 1878 (Schweizerische Nationalbibliothek).

Offnungen

O. bezeichneten in der Deutschschweiz die Auskunft (offnen = verkünden, offenbaren) rechtskundiger Herrschaftsangehöriger über einen bestehenden Rechtszustand oder geltendes Gewohnheitsrecht anlässlich der jährl. Gerichtsversammlung. Die ursprünglich mündl. Rechtsverkündung aus der Erinnerung der Gerichtssässen wurde nach der Aufzeichnung dieser Rechte von der period. Vorlesung am Gericht abgelöst. Damit ging der Begriff O. auf diese Rechtsurkunden über, bezeichnete aber bisweilen auch die Gerichtsversammlung selbst, an der geoffnet wurde, oder den Bezirk, in welchem eine Offnung galt. Der Vorgang des Offnens und der Verschriftlichung des Rechts (Schriftlichkeit) war europaweit verbreitet: In der Südschweiz hiessen die O. ordini, in Süddeutschland und Österreich Recht und (Bann-)Taiding, im Elsass und im Schwarzwald Dingrodel und im Mittelrhein- und Moselgebiet Weistum. Letzter Ausdruck setzte sich als Fachbegriff in der 2. Hälfte des 19. Jh. in Deutschland und Österreich durch; er wird daher von Schweizer Historikern mitunter verwendet, obwohl er für das Gebiet der Eidgenossenschaft nicht durch Quellen belegt ist.

In der rechtsgeschichtl. Forschung der Schweiz werden jene ländl. Rechtsquellen des späten MA und der frühen Neuzeit als O. bezeichnet, die zur bleibenden Klärung strittiger Rechtsverhältnisse im Bereich von Grund- und Landesherrschaft niedergelegt wurden und im Ingress oft, aber nicht zwingend, auf die Befragung der Gerichtssässen durch den Gerichtsvorsitzenden nach dem mündlich überlieferten Recht und auf dessen Offnen unter Eid hinweisen. Es handelt sich um unterschiedl. Rechtsquellen wie Dorfrechte, Hofrechte, Landrechte und Twingrechte (Twing und Bann). In erweitertem Sinn werden diese etwa auch dann als O. bezeichnet, wenn sie auch Satzungsrecht (Statutarrecht) beinhalten.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

1 - Entstehung der Offnungen

Das Rechtsinstrument der O. entstand am Übergang von der alten feudalen Rechtsordnung zur neuen Ordnung von Städten und Länderorten. Allg. Rechtsunsicherheit führte seit dem 14. Jh. zur allmähl. Verschriftlichung des alten, mündlich tradierten ländl. Rechts. Grund- und Gerichtsherrschaften griffen dann zum Mittel des Offnens und der Aufzeichnung, wenn sie sich der Übergriffe von oben (Landesherr) oder unten (bäuerl. Dorfgemeinde) zu erwehren hatten. Landesherren liessen zur Positionssicherung gegenüber Twingherren neu erworbene Herrschaftsrechte an Landtagen offnen und schriftlich fixieren. In der Regel verlangte die Herrschaft die Rechtsoffnung vom öffentl. Gericht (Hof-, Twing-, Landgericht), stützte sich aber bei der Durchführung wesentlich auf die Mitwirkung aller am Gericht anwesenden Hof- oder Dorfgenossen. Die Umfrage des Gerichtsvorsitzenden nach dem tradierten Recht richtete sich an die Gerichtssässen (Mitglieder des Gerichts im Ring) mit oder ohne Umstand (anwesende Gerichtsgenossen ausserhalb des Rings) oder an eigens aufgebotene "älteste" Männer, deren Aussage unter Eid aufgezeichnet wurde; oft sind die Namen der Befragten in Zeugenlisten festgehalten. Die Umfrage fand oftmals öffentlich statt. Besiegelt und teilweise notariell beglaubigt, sind O. als Pergamenturkunden, -hefte oder -rödel sowie meist auch als gleichzeitige Eintragung im Herrschaftsurbar überliefert.

Die O. sind nur eine der versch. Gattungen ländl. Rechtsquellen, oft aber die ältesten schriftl. Zeugen des ländl. Rechts und der spätma. Hof- und Dorforganisation. Auf "ewig" angelegt, wurden sie vom 15. bis ins 18. Jh. häufig mehrfach und meist ohne jede Änderung bestätigt, so dass sie mit ihrer archaischen Form und ihrem überholten Inhalt bereits im 17. oder 18. Jh. zum Rechtsdenkmal erstarrt waren. Noch im 15. und 16. Jh. wurde zur Erneuerung der O. das Gericht einberufen; nach Verlesen der O. hatte jeder die Richtigkeit der einzelnen Artikel, wie er dies "von Vordern und Eltern" gehört habe, zu bestätigen. Im 17. und 18. Jh. zog die Landesobrigkeit die Bestätigung an sich. Dieselbe Offnung ist deshalb meist mehrfach überliefert.

Die alte Form des Offnens vor Gericht überlebte in der Zeugenaussage (kuntschaft) aus der Erinnerung im Dienste der Urteilsfindung und Rechtsprechung.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2 - Inhalt

In den O. werden die Verhältnisse zwischen dem Grundherrn und seinen Hofleuten (Eigenleuten) oder Dorfgenossen oder der Genossen unter sich, nämlich ihre wechselseitigen Rechte und Pflichten geregelt. Alle Rechtssätze zielen auf die Vermeidung von Konflikten, sei es in der Hof- bzw. Dorfwirtschaft oder im dörfl. Zusammenleben. Die Inhalte der O. spiegeln die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen wie zwischen den rechtl. Körperschaften, die O. veranlasst haben: Überliefert sind Offnungstypen mit Schwerpunkten im herrschaftl. Recht der Grund-, Gerichts- und Leibherren (Hof-, Twingrechte) oder im bäuerl.-genossenschaftl. Recht der Hofverbände und Dorfschaften (Dorfrechte). Offnungsrecht war stets mehrschichtig und umfasste neben Brauchtum und Gewohnheitsrecht auch Verträge, Urteile, Privilegien und Satzungsrecht. "Weistumsfamilien" von unter sich ähnl. O. entstanden in Territorien mächtiger Herren wie z.B. der Fürstabtei St. Gallen oder in versch. Herrschaften desselben Ordens.

Dem Herrschaftsrecht entstammen das Leiherecht (Leihe- und Zinsmodi, Ehr- oder Friedschatz, Verkauf und Heimfall von Leihegut), das Leibrecht (Genossame, Todfall, Erbrecht der Eigenleute) und das Gerichtswesen (Besetzung, Zuständigkeit, Tätigkeit, Verfahren, Strafrecht), ferner Aufsichtsrechte des Herrn über Hofgüter, Ansprüche auf Fronen, Zwangsrechte bei Bannbetrieben (Mühle, Taverne), eigenen Massen, Gewichten und Märkten. Aus dem bäuerl.-genossenschaftl. Rechtsgut kommen Normen für die dörfl. Wirtschaft und Gemeinschaft: Geregelt werden mussten die Flurnutzung (Allmend, Weide, Wald, Wasser), der Weidebetrieb (Termine, Auftriebsrechte) sowie die Brache- und Wegrechte; Hof- und Dorfgenossen sicherten sich Vorrechte vor Zuzügern (Zug-, Güter-, Erbrecht); örtl. Selbstverwaltung zeigte sich im dörfl. Gemeinwerk mit eigenen Dorfbeamten (Hirt, Bannwart).

Auch bei Zwist unter Herrschaften, im Kompetenzstreit zwischen Hoch- und Niedergerichten etwa, offneten Gerichtssässen oder der Landtag einzelne strittige Rechte oder ganze Kataloge an Rechten (Twing-, Landrechte). Im Zeichen spätma. Grenzbildung erhielten Grafschaften, Herrschaften, Hoch-, Nieder-, Freigerichtsbezirke, auch Wälder, Fischerei-, Zehntbezirke usw. durch Offnen ihre erste Grenzbeschreibung.

Eine besondere Form der O. stellen die Urbare (Güterverzeichnisse) der Grundherrschaft dar, bei deren Abfassung der Lehenbauer vor dem herrschaftl. Beamten seine Grundstücke, Zinsbelastungen und -termine, Sonderrechte und Servitute unter Eid anzugeben hatte.

Die Erstaufzeichnungen der O. erfolgten fast überall im 14. oder 15. Jh.; nur für wenige Regionen sind O. aus der Zeit vor 1300 bzw. nach 1500 tradiert. Die ältere Forschung war überzeugt, dass die Rechtssätze zum Zeitpunkt ihrer schriftl. Fixierung schon lange bestanden hatten und immer mündlich verkündet worden waren. Indes lassen die formelhaften Hinweise auf altes Herkommen der O. (als die von alterhar komen sint, gwonheit und alter bruch, das nieman von alters har anders gedenket), die urtüml.-irrational wirkenden Formen bäuerl. Rechtssetzung (z.B. Sichelwurf) sowie die Vorliebe für Paarformeln, Reim und Stabreim (wunn und weid) keinen Schluss auf das tatsächl. Alter der entsprechenden Rechtsinhalte zu. Aufmerken lässt vielmehr, dass sich jüngere O. von älteren durch einen "moderneren" Rechtsstand unterscheiden. Das mündlich tradierte Recht hatte also an der Rechtsentwicklung teil bzw. machte sie mit; es kann somit kaum als direkter Zeuge des "alemann. Volkstums" angesprochen werden. Viele der Rechtssätze dürften, dem Erinnerungsvermögen der Zeugen entsprechend, höchstens 60 Jahre vor die Aufzeichnung zurückreichen.

<b>Offnungen</b><br>Titelseite des Bandes über die Offnungen des Kantons Freiburg aus der Reihe der "Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen" (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Titelseite des Bandes über die Offnungen des Kantons Freiburg aus der Reihe der "Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen" (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

3 - Ergänzung der Offnungen durch neues Satzungsrecht

Die O. schrieben eine momentane Rechtssituation fest, die auf dem Konsens von Herrschaft und Untertanen beruhte. Nach der schriftl. Fixierung war sie, durch wiederholte Beglaubigung zementiert, kaum mehr zu ändern und entzog sich der Rechtsentwicklung. Ähnlich wie die Stadtrechte mussten die O. deshalb durch erneuerbares Satzungsrecht ergänzt werden. In der Tat wurden die O. nach 1500 von der Entwicklung überrollt: Bevölkerungswachstum und wirtschaftl. Wandel machten allenthalben neues Recht nötig. Neue Dorfordnungen beinhalteten teils Absprachen mit oder unter Dorfgenossen, teils obrigkeitl. Verordnungen; sie regelten v.a. die dörfl. und interkommunale Gemeinnutzung mit Reglementen für Weide, Pflanzland, Wald und Wasser oder setzten organisator. Ordnungen für das Gemeinwesen (Bau-, Gemeinwerks-, Steuer-, Niederlassungs-, Hintersässenordnungen). Nach der Aufhebung interkommunaler Weidgänge entstanden vom 15. bis ins 17. Jh. durch Rechtsprechung zahlreiche Gemeindegrenzen. In Abwehr landesherrl. Eingriffe verzeichneten neue Twingrechte Kompetenzen, Gerichtsbehörden (Gast-, Wochen-, Geschwornen-, Zivilgericht), -verfahren und Bestellung des Gerichts.

Ab dem 16. Jh. lag das fixierte lokale Offnungsrecht auch zunehmend quer zur polit. Entwicklung: Landesobrigkeiten drängten auf Vereinheitlichung des Rechts in ihren Territorien und zogen die Rechtssetzung auch auf kommunaler Ebene immer mehr an sich; obrigkeitl. Mandate, Amtsrechte, Polizei- und Sittenordnungen liefen den O. faktisch den Rang ab. Gleichwohl blieben diese weiterhin in Kraft und wurden trotz verminderter Geltung jährlich vor Gericht verlesen. Mit der Abschaffung des Feudalwesens 1798 wurden die O., obwohl nie aufgehoben oder ungültig erklärt, gegenstandslos.

<b>Offnungen</b><br>Letzter Band der in Göttingen gedruckten "Weisthümer" des deutschen Philologen und Märchensammlers Jacob Grimm, mit Namens- und Sachindex, 1878 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Letzter Band der in Göttingen gedruckten "Weisthümer" des deutschen Philologen und Märchensammlers Jacob Grimm, mit Namens- und Sachindex, 1878 (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

4 - Forschung und Editionstätigkeit

Am Anfang der Weistumsforschung im dt. Sprachraum stand Jakob Grimms "Weisthümer"-Sammlung, die auch zahlreiche schweiz. O. enthielt. Sie löste ab den 1840er Jahren eine rege, immer auf einzelne Regionen begrenzte Sammel- und Editionstätigkeit aus. Schweizer Forscher nahmen am Gelehrtenstreit über die Definition der Weistümer und deren Urheberschaft teil. Nachdem in Österreich ebenfalls ein landesweites Editionsunternehmen begonnen worden war, fasste der Schweiz. Juristenverein 1894 den Beschluss, eine nationale Rechtsquellensammlung herauszugeben. Bereits 1898 erschien der erste Band der "Sammlung Schweiz. Rechtsquellen" (SSRQ). In dieser Reihe bildet jeder Kanton eine eigene Abteilung mit "Stadtrechten" und "Rechten der Landschaft". Im Unterschied zu den anderen nationalen Unternehmen nimmt die SSRQ somit nicht nur O., sondern alle ländl. und städt. Rechtsquellen auf; bis 2009 sind 108 Bände und Halbbände erschienen. Die SSRQ macht den reichen Bestand an O. nicht nur für wirtschafts-, sozial-, rechts-, verfassungs- und lokalgeschichtl. Forschungen zugänglich, sondern erschliesst dieses aussagekräftige Quellenmaterial auch Disziplinen wie der rechtl. Volkskunde, der Rechtsarchäologie und der Sprachforschung. Zu den bekanntesten Promotoren der in Europa einzigartigen Quellenedition zählen die Rechtshistoriker Andreas Heusler (1834-1921), Ulrich Stutz, Walther Merz, Max Gmür, Friedrich Emil Welti und Hermann Rennefahrt. Daneben prägten v.a. Hans Fehr, Walter Müller, Theodor Bühler und Karl Siegfried Bader die schweiz. Weistumsforschung.

Quellen und Literatur

Quellen
– J. Grimm, Weisthümer, 7 Bde., 1840-1878 (mit schweiz. O.)
SSRQ
Literatur
– K.S. Bader, Stud. zur Rechtsgesch. des ma. Dorfes, 3 Bde., 1957-73
– W. Müller, Die O. der Fürstabtei St. Gallen, 1964
– W. Müller, «Die O. des Freigerichts Thurlinden», in Fs. Karl Siegfried Bader, hg. von F. Elsener, W.H. Ruoff, 1965, 301-320
– T. Bühler, Gewohnheitsrecht und Landesherrschaft im ehem. Fürstbistum Basel, 1972
– P. Blickle, Landschaften im Alten Reich, 1973
Dt. ländl. Rechtsqu., hg. von P. Blickle, 1977
– T. Bühler, Rechtsquellenlehre, 3 Bde., 1977-85
HRG 5, 1239-1252

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler