Naturrecht

Im weitesten Sinn kann das N. als die Gesamtheit der menschl. Verhaltensnormen in einer Gesellschaft definiert werden, die je nach philosoph. Richtung auf die Natur des Menschen als Lebewesen (Ulpian), als Vernunftwesen (Gaius, Thomas von Aquin, Hugo Grotius) oder auf seine Eigenheit des Seins (Thomas Hobbes, Baruch Spinoza) zurückgehen. Aufgrund ihrer verschiedenen philosoph. und methodolog. Fundamente wird zwischen klass. N. (antik, christlich oder scholastisch) und neuzeitl. N. (Jusnaturalismus) unterschieden. Ersteres ist eng mit einer finalist. (aristotel. Entelechie), geordneten (stoizist. Kosmos) oder providenziell-transzendenten (Schöpfung und göttl. Plan der christl. und scholast. Tradition) Weltanschauung verbunden und postuliert die Übereinstimmung der Ordnung der Natur mit der menschl. Vernunft. Dies erlaubt es, von der Ordnung des Seins auf die Normen des Sollens zu schliessen. Das neuzeitl. N. geht von einem funktional-immanenten Ansatz des Universums aus: Dabei wird das Universum zu einem Komplex von Phänomenen reduziert, welche Gegenstand von Experimenten und Beobachtungen sind, und von Zusammenhängen, die in Form mathemat. Gleichungen und Gesetze dargestellt werden. Damit ist die Basis gelegt für die Beweisführung und die systemat. Herleitung der Rechte und Pflichten des Individuums sowohl im Naturzustand (status naturalis) als auch im Zustand der Gesellschaft (status civilis). Daraus resultierte eine Reihe rationalist. und individualist. Lehren, die am Ursprung der amerikan. und der franz. Erklärung der Menschenrechte des 18. Jh. standen und auf die die Auffassung der Grundrechte des 20. Jh. zurückgeht (Menschenrechte).

Autorin/Autor: Alfred Dufour / AHB

1 - Geschichte

Sowohl in den kath. Kollegien und Priesterseminarien der Schweiz als auch an den ref. Akademien war die klass. Naturrechtslehre in der traditionellen ma. Moraltheologie und der Moralphilosophie der frühen Neuzeit von Bedeutung, was etwa am Stellenwert von Aristoteles in der prot. Scholastik an der Akad. Genf deutlich wird. Eine zentrale Rolle spielte die Schweiz dann in der abendländ. Geistesgeschichte bei der Verbreitung des modernen N.s, da Schweizer Wissenschafter in Lehre und Rechtskommentaren als eigentl. Vermittler zwischen der dt. Kultur (Samuel von Pufendorf, Christian Thomasius, Christian Wolff) und der französischen (Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Diderot, d'Alembert, die "Encyclopédie") auftraten: Jean Barbeyrac mit seinen Vorlesungen an der Akad. Lausanne 1711-17 und seinen franz. Übersetzungen von Pufendorf und Hugo Grotius, Jean-Jacques Burlamaqui mit seinen Vorlesungen an der Akad. Genf 1723-39 und seinen populärwissenschaftl. Abhandlungen sowie der Neuenburger Emer de Vattel mit seinem Werk. Diese école romande strahlte in der Waadt mit den Juristen und Professoren der Akad. Lausanne, Charles Guillaume Loys de Bochat, Béat-Philippe Vicat, Jean Georges Pillichody und Jacques Abram Daniel Clavel de Brenles, und dem Verleger Fortunato Bartolomeo de Felice in Yverdon weiter aus. Später wurde der Einfluss der Schule an der Akad. Lausanne 1772-1801 durch Christian Dapples und an der Akad. Genf durch die Dynastie der Cramer gefestigt (1723-38 Jean, 1757-89 Jean-Manassé, 1789-93 Jean-Antoine). Zu dieser Tradition des N.s gehörten u.a. auch die "Elementi del diritto naturale" des konvertierten ital. Jesuiten Don Bernal de Quiros, 1752-58 Prof. für Geschichte und Kirchenrecht, die populärwissenschaftl. Werke von Samuel Porta, die Vorlesungen von Vicat in Lausanne 1741-70 sowie die Abhandlungen von Louis Bourguet in Neuenburg, jene des Rechtsgelehrten Pierre Mussard und jene des späteren Staatsanwalts Jean Robert Tronchin in Genf.

Das moderne N., das in der Waadt unter bern. Herrschaft intensiv gepflegt wurde, war auch an der Berner Hohen Schule gut vertreten, 1680-86 durch Johann Caspar Seelmatter und 1718-22 durch Johann Rudolf von Waldkirch, der 1722-57 in Basel berühmt wurde. Die bern. Tradition des N.s wurde 1723-25 durch Nicolaus Bernoulli und 1726-48 durch Gottlieb Jenner fortgesetzt. Von 1706 an war das moderne N. an der Univ. Basel Teil des jurist. Studiums. Es wurde auch am Carolinum in Zürich während des ganzen 18. Jh. gelehrt, wo ab 1694 der Theologe und Hellenist Johann Heinrich Schweizer die Werke von Grotius kommentierte und ab 1714 Johann Jakob Ulrich, Prof. für Ethik, eine Vorlesung über Natur- und Völkerrecht hielt. 1731 löste ihn der grosse Theologe Johann Jakob Zimmermann ab, der formell einen Lehrstuhl für N. erhielt, und der Theologe Johann Rudolf Ulrich wurde 1763 zum Prof. für N. ernannt. Ausserhalb des Carolinums räumte Johann Jacob Leu dem N. in den vier Bänden seines "Eydgenössischen Stadt- Und Land-Rechts" (1727-46) einen wichtigen Platz ein. Zwar standen Natur- und Völkerrecht auch auf dem Programm der 1763 eingeweihten Freiburger Rechtsschule, ausser der Vorlesungen von Tobias Barras 1775-98 fanden aber keine Lehrveranstaltungen dazu statt. Nach der Wiedereinrichtung des Lehrstuhls für Jurisprudenz 1812 wurde das N. dort 1812-24 von Jean-François Ducros wieder unterrichtet. Ein kontinuierl. Lehrangebot in privatem und öffentl. Natur- und Völkerrecht auf der Grundlage von Burlamaqui gab es jedoch erst 1825-53 durch Jean-François-Marcellin Bussard. Unter dem Einfluss des Neothomismus erneuerte sich das Lehrangebot an der Freiburger Rechtsschule, die 1882 zur Fakultät erhoben und 1889 in die kath. Univ. Freiburg integriert wurde.

Die herausragendsten Vertreter der Westschweizer Naturrechtsschule trugen nicht nur zur Verbreitung der dt. Naturrechtslehre in Frankreich und in der angelsächs. Welt bei. Sie leisteten in der Schweiz einen Beitrag zur polit. Diskussion der Hauptthesen des Naturzustands und des Gesellschaftsvertrags. Sie taten dies in einem konservativen, die bestehende Ordnung rechtfertigenden Sinn, wie etwa Barbeyrac 1731 in der Affäre Jacques-Barthélemy Micheli du Crest oder Mussard und Burlamaqui 1734-35 in der Steuerfrage in Genf. Ihre Ideen wurden im Ancien Régime zwar kaum praktisch umgesetzt, sie beeinflussten aber das polit. Denken Rousseaus und dessen systemat. Erarbeitung einer Doktrin der Volkssouveränität auf der Grundlage einer naturrechtl. Interpretation der Genfer Verfassungsgeschichte.

Autorin/Autor: Alfred Dufour / AHB

2 - Renaissance in neuerer Zeit

Als die Thesen der hist. Rechtsschule und des Rechtspositivismus einen Aufschwung erfuhren und deren wichtigste Vertreter einen prägenden Einfluss auf die schweiz. Rechtslehre und die jurist. Literatur des 19. Jh. ausübten, geriet das N. stark in den Hintergrund. Erst im 20. Jh. erfuhr es in der Schweiz einerseits durch den Neothomismus, andererseits durch das Interesse an der Natur- und Völkerrechtsschule eine doppelte Renaissance. Das Werk des Wallisers Viktor Cathrein und die Lehrveranstaltungen des Freiburgers Jean-Baptiste Jaccoud 1891-1924 führten an der Univ. Freiburg mit Arthur Fridolin Utz und Jean Darbellay zu einer bedeutenden Neubelebung des klass. N.s der aristotel.-thomist. Tradition. Zudem folgte an verschied. Rechtsfakultäten eine eingehende Erforschung der Quellen, der Entwicklungsstufen und des Werks der wichtigsten Vertreter des modernen N.s, in Neuenburg mit Edouard Béguelin, in Lausanne mit Philippe Meylan, in Genf mit Bernard Gagnebin, Alfred Dufour, Peter Haggenmacher und Bénédict Winiger sowie in Zürich mit Johannes J. Manz und Simone Zurbuchen.

Autorin/Autor: Alfred Dufour / AHB

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Rommen, Die ewige Wiederkehr des N.s, 1936
– H. Thieme, Das N. und die europ. Privatrechtsgesch., 1947
– E. Wolf, Das Problem der Naturrechtslehre, 1955
– M. Villey, «Abrégé du droit naturel classique», in Archives de philosophie du droit 6, 1961, 25-72
HRG 3, 933-940
– F. Elsener, Die Schweizer Rechtsschulen vom 16. bis zum 19. Jh., 1975
– J.-F. Poudret et al., L'Enseignement du droit à l'Académie de Lausanne aux XVIII et XIXe siècle, 1987
– A. Dufour, Droits de l'homme, droit naturel et histoire, 1991
– A. Dufour, «L'ambivalence politique de la figure du contrat social chez Pufendorf et chez les fondateurs de l'Ecole romande du droit naturel au XVIIIe siècle», in Gesellschaftl. Freiheit und vertragl. Bindung in Rechtsgesch. und Philosophie, hg. von J.-F. Kervégan, H. Mohnhaupt, 1999, 35-74
– A. Dufour, L'histoire du droit entre philosophie et histoire des idées, 2003

Autorin/Autor: Alfred Dufour / AHB