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Schwabenkrieg

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Der S., ausserhalb der Eidgenossenschaft auch Schweizerkrieg genannt, war eine krieger. Auseinandersetzung der zehnörtigen Eidgenossenschaft und ihrer Zugewandten mit dem Haus Habsburg-Österreich und dem Schwäbischen Bund als dessen massgebl. Verbündeten im Jahr 1499.

1 - Ursachen

Die Kriegsursachen lagen in verschiedenen, teilweise bereits längere Zeit bestehenden Konfliktfeldern, die erst in ihrer Verknüpfung zur Eskalation führten. Das Verhältnis zwischen Eidgenossenschaft und Habsburg war im 15. Jh. durch eine konfliktträchtige, beiderseits auf Territorialgewinne und Herrschaftsarrondierung abzielende Aussenpolitik geprägt. Die Eroberung des Aargaus 1415 und des Thurgaus 1460 schuf eine durch Hochrhein sowie Bodensee gestaltete eidg. Grenze. In den versch. Grenzregionen existierten jedoch weiter umstrittene Herrschaftsverhältnisse. Problempunkte waren u.a. das Thurgauer Landgericht im Pfandbesitz der Stadt Konstanz, der Konflikt des Zehngerichtenbunds mit der habsburg. Landeshoheit sowie der Streit zwischen dem Gotteshausbund und der habsburg. Grafschaft Tirol um Herrschafts- und Steuerrechte im Vinschgau. Belastend auf die Situation wirkte sich das Vorgehen des 1488 gegr. Schwäbischen Bunds aus, der von den Habsburgern gegen die nach Norden über den Rhein und ins Elsass ausgreifende eidg. Bündnispolitik instrumentalisiert wurde. Besonders der 1498 erzwungene Beitritt von Konstanz wurde von den Eidgenossen als Provokation angesehen. Zudem verschlechterten sich ab 1495 die Beziehungen der Eidgenossen zu Kg. Maximilian I. Nach dessen Regierungsantritt 1486 hatte sich die Lage entspannt - u.a. dank der Anerkennung der Ewigen Richtung von 1474 -, dann aber sorgte die eidg. Anlehnung an das mit Maximilian verfeindete Frankreich für Missstimmung. Das Verhältnis wurde weiter strapaziert durch die Weigerung der Eidgenossen, die Wormser Reichsreformbeschlüsse von 1495 anzunehmen. Entscheidend war jedoch ihr Wille, einen Krieg zu führen, um alle Grenzkonflikte auf einen Schlag zu bereinigen. Diese Idee fand Unterstützung in der emotional aufgeladenen Atmosphäre, die Ende des 15. Jh., nach einem Prozess der polit. und sozialen Differenzierung, herrschte: Eidgenossen und schwäb. Nachbarn hatten sich auseinandergelebt. Das von adliger Denk- und Lebensweise geprägte polit. System in Schwaben stand im Gegensatz zum Stolz auf Freiheit und Herkunft, den der Kampf gegen Habsburg und den Adel in den Eidgenossen hervorgerufen hatte, sowie der gesamteidg. Betonung einer bäuerl. Identität. Dazu kamen die wirtschaftl. Konkurrenz der grösseren Städte sowie der militär. und ökonom. Wettbewerb zwischen eidg. Reisläufern und der Söldnertruppe der Landsknechte.

Autorin/Autor: Andre Gutmann

2 - Verlauf

Auslöser des S.s war die Eskalation des Vinschgau-Konflikts im Winter 1498. Auf ein Eingreifen von Tiroler Truppen im Etschtal reagierte der Gotteshausbund Mitte Jan. 1499 mit einer Besetzung des Münstertals. Sein Beistandsgesuch an den Grauen Bund löste die Bündnisverpflichtungen aus. Der Graue Bund war ab 1497, der Gotteshausbund ab 1498 zugewandter Ort der sieben östl. Orte der Eidgenossenschaft. Bern, Freiburg und Solothurn traten wenig später ebenfalls in den Konflikt ein. Die oberösterr. Regierung wertete die Besetzung des Münstertals als Angriff auf die österr. Erblande und aktivierte ihr Bündnis mit dem Schwäb. Bund.

Ein vermutlich am 26.1.1499 in Glurns vereinbarter Waffenstillstand und Frieden wurde von beiden Parteien nicht anerkannt. Eidg. wie österr. Verbände bezogen Stellungen im Rheintal und um Sargans. Angeblich verbale Provokationen führten am 5.2. zu Überfällen durch Urner Knechte über den Rhein bei Gutenberg. Der Gegenschlag österr. Verbände über die St. Luzisteig und die Einnahme der Stadt Maienfeld am 7.2. liessen den Konflikt eskalieren. Mit der Schlacht bei Triesen am 12.2. wurde der Landkrieg eröffnet. Danach dehnte sich der Grenzkrieg auf drei weiträumige Frontabschnitte aus: auf Graubünden, Tirol und Vorarlberg, auf das Gebiet um Konstanz, den Hegau und Klettgau sowie auf das Rheintal von Waldshut bis Basel und in den Sundgau hinein.

In den ersten Kriegsmonaten gelang es den Eidgenossen mit deutl. Siegen in den Schlachten bei Hard nahe Bregenz (22.2.), am Bruderholz bei Basel (22.3.) und im Schwaderloh vor Konstanz (11.4.) ein Vordringen des Gegners auf eidg. Territorium zu verhindern. Die Zerstörung der Talsperre bei Frastanz (20.4.) beendete die Kämpfe in Vorarlberg.

Zwischen Februar und Mai unternahmen eidg. Verbände mehrere Feldzüge in den Hegau, Klettgau und Sundgau, in deren Verlauf zahlreiche Burgen und Ortschaften zerstört und geplündert wurden. In der zweiten Aprilhälfte eroberten und zerstörten die Eidgenossen im Klettgau und Hegau die Städte Tiengen, Stühlingen und Blumenfeld. Ein dritter Hegauzug Ende Mai wurde wegen Versorgungsproblemen abgebrochen.

Im April schaltete sich auch der bis dahin in den Niederlanden weilende Kg. Maximilian I. in den Krieg ein. Er liess am 22.4. den Reichskrieg gegen die Eidgenossen ausrufen. Am 27.4. traf der König am Bodensee ein und zog weiter nach Tirol. Sein Plan, mit einem Heereszug der Bedrohung Tirols durch die Bündner ein Ende zu setzen, wurde durch den erfolgreichen Angriff Letzterer am 22.5. auf die Talsperre an der Calven bei Glurns durchkreuzt (Schlacht an der Calven). Einen Rachefeldzug Maximilians ins Engadin Anfang Juni beantworteten die Eidgenossen mit einem Gegenzug, der weite Teile des tirol. Vinschgaus verwüstete (22.6.-1.7.). Ende Juli versammelte Maximilian in Konstanz ein Heer von über 10'000 Mann. Der geplante Vormarsch gegen die Eidgenossen im Schwaderloh scheiterte jedoch an der Weigerung seiner Hauptleute zum Angriff, worauf sich der König enttäuscht nach Lindau zurückzog. Auf die Nachricht von der Niederlage in der Schlacht bei Dornach (22.7.) stoppte Maximilian seine Kriegsbemühungen und willigte in Friedensgespräche ein. Neben einer Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten kamen bei den Eidgenossen auch wirtschaftl. Probleme und Versorgungsengpässe hinzu, die sie zu einer diplomat. Lösung drängten. Nach mehrwöchigen Verhandlungen unter Vermittlung des Hzg. von Mailand in Schaffhausen und Basel wurde am 25.8. Waffenstillstand und am 22.9. Frieden geschlossen (Frieden von Basel).

Autorin/Autor: Andre Gutmann

3 - Folgen

Der Frieden förderte die Aussonderung der Interessengebiete zwischen Habsburg und der Eidgenossenschaft. Deren einziger territorialer Gewinn war das Thurgauer Landgericht, das die eidg. Herrschaft über den Thurgau endgültig festigte. Habsburg war abgesehen von einigen Positionen in Graubünden grösstenteils aus dem eidg. Territorium verdrängt. Andererseits mussten die Eidgenossen ihre expansive Bündnispolitik nach Norden aufgeben. Mit dem Hochrhein, Bodensee und Alpenrhein bildete sich eine feste polit. Grenze, welche die Voraussetzung für eine dauerhafte friedl. Lösung darstellte. Allerdings verblieben auch jenseits des Rheins mit der Eidgenossenschaft verbündete Territorien. Die Beziehungen zum ehem. Gegner wurden in der Folgezeit normalisiert. Kg. Maximilian I. erneuerte bereits im Okt. 1500 eine mit Zürich, Bern, Uri und Unterwalden geschlossene Vereinigung, die u.a. die Ewige Richtung von 1474 bestätigte.

Im Verhältnis der Eidgenossen zum Heiligen Römischen Reich brachte der S. kaum Veränderungen. Im Wortlaut des Friedens von Basel findet das Reich keine Erwähnung, womit die Sicht der Eidgenossen betont wird, sie hätten gegen Maximilian I. als Ehzg. von Österreich und Gf. von Tirol und nicht als Reichsoberhaupt Krieg geführt. Im Ergebnis sicherte der Frieden den Eidgenossen allerdings eine weitgehende Selbstständigkeit innerhalb des Reichs, wie sie in ähnl. Form auch andere Glieder genossen.

Zu den unmittelbaren Folgen des S.s gehörte die Aufnahme Basels und Schaffhausens im Juni und Aug. 1501 als vollberechtigte Mitglieder in die Eidgenossenschaft. Die gemeinsame Bewältigung des S.s stärkte das Selbstbewusstsein der Eidgenossen. Zudem gaben die Schlachtenerfolge der bereits nach den Burgunderkriegen begonnenen Entwicklung zu einer militär. Grossmacht weiteren Auftrieb.

Autorin/Autor: Andre Gutmann

4 - Deutung

Während der S. weder in der zeitgenöss. noch der modernen dt. Geschichtsschreibung je eine grössere Rolle spielte, erfuhr er innerhalb der Eidgenossenschaft eine breite historiograf. Aufarbeitung, die bereits um 1499/1500 einsetzte, u.a. mit Kaspar Frei, Niklaus Schradin und Johann Lenz. Die ältere schweiz. Historiografie, so etwa Wilhelm Oechsli (1890), pflegte lange die Vorstellung des S.s als eines Kampfs der Eidgenossenschaft um die Unabhängigkeit vom Reich. Hans Sigrist (1947) und Karl Mommsen (1958) wiesen unter Berufung auf die Akten der Friedensverhandlungen und die zeitgenöss. Chronistik nach, dass der S. mehrheitlich als Konflikt der Eidgenossen mit dem Haus Habsburg-Österreich gesehen und die Vorstellung eines Kriegs gegen das Reich von den Eidgenossen explizit zurückgewiesen wurde. Die Loslösung vom Reich war kein Ziel der Eidgenossen, die sich auch nach 1499 weiterhin als Reichsglieder bezeichneten. Die moderne Forschung vertritt die Auffassung, dass der S. zwar die schon bestehende Tendenz zum Auseinandergehen von Eidgenossen und Reich verstärkte, an der grundsätzl. Stellung der Eidgenossenschaft im Reichsverband aber nicht viel änderte.

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Sigrist, «Reichsreform und S.», in Schweiz. Beitr. zur allg. Gesch. 5, 1947, 114-141
– K. Mommsen, Eidgenossen, Kaiser und Reich, 1958, 11-16, 287-289
– B. Meyer, «Der Thurgau im S. von 1499», in ThBeitr. 116/117, 1979/80, 5-218
HbSG 1, 338-348
– H. Maurer, Schweizer und Schwaben, 21991
– P. Niederhäuser, «"Kriegs"-Gesch. im Wandel», in Vom "Freiheitskrieg" zum Geschichtsmythos, hg. von P. Niederhäuser, W. Fischer, 2000, 155-179
Gesch. der Schweiz und der Schweizer, 32004, 316-326
– A. Gutmann, Die Schwabenkriegschronik des Kaspar Frey und ihre Stellung in der eidg. Historiographie des 16. Jh., 2010, 21-38

Autorin/Autor: Andre Gutmann