03/03/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Berninapass

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Wichtiger Bündner Nord-Süd-Übergang (2328 m) zwischen Pontresina und Poschiavo. Für den ma. Transitverkehr war er noch von untergeordneter Bedeutung, da sich dieser über die westl. Pässe und Chiavenna abwickelte. 1410 verpflichteten sich die Bündner Talgemeinden Oberengadin, Poschiavo und Brusio gegenüber mehreren Veltliner Gemeinden, den Weg bis Piattamala am Ausgang des Puschlavs zu unterhalten. Wichtig wurde die Berninaroute mit der Eroberung des Veltlins durch die Bündner 1512 und als kürzeste Verbindung mit dem befreundeten Venedig. Aus dieser Zeit stammen die ersten Angaben über den Wegverlauf. Die Strecke Poschiavo-Pontresina betrug 20 Meilen (ca. 34 km). In den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. wurde auf der Südseite die sog. Ostroute über Pisciadel (1478 m), damals eine Dauersiedlung, benutzt. Diesen Weg schlug 1526 eine venezian. Gesandtschaft ein, die im Winter (25./26.12.) den B. unter Strapazen überschritt. Zeitweise nahm der Verkehr auch die Westroute über Cadera-Cavaglia-Val Pila zum Pass. 1555 wurde diese Strecke ausgebaut. Obwohl das Gemeindegebiet Poschiavos über den Pass hinweg nach Norden reicht, endete die Pflicht zum Strassenunterhalt für beide Anliegergemeinden auf der Passhöhe bei zwei beim Lagh da la Cruseta gesetzten Kreuzen. In deren Nähe befand sich schon 1519 ein von Thomas Maurici aus Pontresina erbautes und mit einer Kapelle versehenes Hospiz. Hier, an der Piazza vecchia, stand zudem eine Sust, die 1570 an den Piano dal Cambrena am nordwestl. Ufer des Lago Bianco verlegt wurde. Berninahäuser (Bernina Suot, 2046 m) war damals eine Ganzjahressiedlung mit Pferdestallungen. Die Gerichtsgemeinde Oberengadin regelte 1544 neu die Strassenunterhaltspflicht auf der Nordseite. Danach war es Pontresinas Aufgabe, die Passstrasse im Winter offenzuhalten; dafür durfte ein Weggeld erhoben werden.

Der Berninaverkehr erlebte seinen Höhepunkt um die Mitte des 16. Jh., nachdem Frankreich 1548 einen Postverkehr zwischen Chur und Aprica eingerichtet hatte, um seine Kontakte mit Venedig sicher und rasch pflegen zu können. Es gab auf dieser Strecke acht vertragl. verpflichtete Postagenten, so in Pontresina, Poschiavo, Tirano und Aprica. Mit der Eröffnung der neuen Markusstrasse von Bergamo nach Morbegno 1593, mit Fortsetzung über den Splügenpass, verlor der Berninaverkehr an Bedeutung. Trotzdem wies der B. eine kontinuierl. Benützung auf. 1650 wurden Zölle erhoben für Kastanien, Hanf, Leinen, Seife, Eisen, Tuch, Seide, Käse und Ziger, ferner Gebühren für fremdes Vieh wie Pferde, Ochsen, Schafe und Ziegen. 1842-65 wurde, in etwa der alten Ostroute folgend, die Kunststrasse für den Wagenverkehr gebaut, 1908-10 im Bereich der Westroute die ebenso kunstreich geführte Linie der Berninabahn (RhB). Seit den 1960er Jahren sind entlang der Passstrasse Bergbahnen und Skilifte entstanden. Umstrittene Projekte der Elektrizitätswerke Brusio AG, wie z.B. der Höherstau des Lago Bianco um 25 m, drohen die Passlandschaft stark zu verändern.


Literatur
– R. Tognina «Der B. im Wandel der Zeiten», in Fs. 600 Jahre Gotteshausbund, 1967, 408-438
– R. Bornatico, La strada del Bernina, 1974
– M. Bundi, «Über die Bündnerpässe nach Venedig», in Schweizer Hotel-Journal, Frühjahr 1991, 36-38

Autorin/Autor: Martin Bundi