• <b>Julierpass</b><br>Überreste des im 3. Jahrhundert errichteten Orientierungspunkts auf der Passhöhe, in der Nähe eines Heiligtums. Von  Johann Melchior Füssli  nach einem Entwurf von  Johann Jakob Scheuchzer  gestochene Tafel, von diesem in seiner "Natur-Historie des Schweitzerlandes" 1716 veröffentlicht (Schweizerische Nationalbibliothek). In der Römerzeit bildeten die beiden Säulentrommeln aus Lavezstein, die heute noch die Strasse säumen, zusammen mit einem dritten, verschwundenen Stück eine einzige monumentale Säule zur Markierung des Passübergangs. Während der Ausgrabungen in den 1930er Jahren wurden in der Nähe zudem die Fundamente eines kleinen Gebäudes mit einem Kultbild und einem Altar entdeckt.

Julierpass

Bündner Alpenübergang (2284 m) zwischen Bivio im Oberhalbstein und Silvaplana im Engadin. 1365 an den Berg Julien, rätorom. Pass dal Güglia. Bereits für die Bronzezeit lässt sich im Oberhalbstein ein reger Handel über die Alpenpässe hinweg nachweisen. Das "Itinerarium Antonini" (3. Jh. n.Chr.) zeigt einen Strassenzug mit den Stationen Tinnetione (Tinizong im Oberhalbstein) und Murus (wohl Castelmur-Müraia, nahe Promontogno, im Bergell). Es muss sich also um die Route über den J. bzw. den Septimerpass handeln. Grabungen auf der Passhöhe des J.es haben ein röm. Heiligtum zu Tage gebracht, zu dem auch die beiden Säulen gehörten, die heute die Strasse säumen. Zahlreiche Münzfunde und insbesondere röm. Strassenüberreste nördlich der Passhöhe sowie oberhalb von Sils und Silvaplana deuten darauf hin, dass der J. einer der wenigen Alpenpässen war, der bereits in röm. Zeit intensiv befahren wurde, wenn auch nur mit zweirädrigen Karren und auf steilen und holprigen Wegen. Möglicherweise spielte sich über den J. der Nord-Süd-Verkehr mit den beladenen Wagen ab, während die leeren Karren auf dem Rückweg den kürzeren, aber steileren und lawinengefährdeten Septimer vorzogen, der das Oberhalbstein und das Bergell ohne den Umweg über das Engadin verbindet. Eine der Sage nach bestehende Sebastianskapelle auf dem J. ist nicht belegt. Das Urbar des Reichsgutes aus dem 9. Jh. nennt am J. eine Herberge in Marmorera, Heuspeicher in Bivio und in Sils im Engadin sowie den Zoll in Castelmur. Ob dem Septimer oder dem J. grössere Bedeutung zukam, ist unklar. Im Zeitalter des Saumverkehrs fielen die topograf. Schwierigkeiten des Septimers allerdings weniger ins Gewicht. Mit der Erstellung eines Fahrsträsschens über den Septimer geriet der J. nach 1387 endgültig ins Hintertreffen. Zum Portenverband (Verband der Fuhrleute) der Oberen Strasse (Septimer und J.) zählten bezeichnenderweise die vier Transportgenossenschaften an der Septimerroute, nicht aber diejenige des Oberengadins an der Julierstrecke. Einen weiteren Bedeutungsverlust brachte 1473 der Ausbau der Viamala an der Unteren Strasse (Splügen- und San Bernardinopass). Der J. blieb wichtig als Zugang zum Oberengadin und weiter zum Berninapass. Zur Fahrstrasse ausgebaut wurde zuerst die Untere Strasse. Beim späteren Ausbau der Oberen Strasse erhielt nun der J. den Vorzug vor dem Septimer, zum einen aus topografischen, zum anderen aus staatspolit. Gründen, um das Engadin nicht zu umgehen. Die Passstrecke über den J. wurde 1820-26 erstellt, die Zufahrten ab Chur bzw. durchs Bergell aber erst nach dem Hochwasser von 1834, das die Obere Strasse grösstenteils zerstört hatte. Erstmals trat der Kanton bei einem grossen Strassenprojekt als Bauherr auf. Die Leitung hatten Richard La Nicca und Ulysses von Gugelberg inne. Im Laufe des 19. Jh. wurden am J. einige Trasseeänderungen vorgenommen. Ab der 2. Jahrhunderthälfte lag die Bedeutung des J.es v.a. im Zubringerverkehr für die aufstrebenden Oberengadiner Kurorte, während der alpine Transitverkehr den Splügen bevorzugte. Die Eröffnung der Albulabahn 1903 brachte den Verkehr über den J. weitgehend zum Erliegen. Pläne für eine Bahn über den J. wurden nie realisiert. Als Graubünden 1923 auf Druck des Bundes eine Durchgangsroute für das Auto öffnen musste, wählte es den J. 1935-40 wurde die Strasse für den zunehmenden Verkehr saniert. Als erste Schweizer Alpenstrasse bekam der J. einen Asphaltbelag. Heute bildet er den wichtigsten nördl. Zugang zum Engadin.

<b>Julierpass</b><br>Überreste des im 3. Jahrhundert errichteten Orientierungspunkts auf der Passhöhe, in der Nähe eines Heiligtums. Von  Johann Melchior Füssli  nach einem Entwurf von  Johann Jakob Scheuchzer  gestochene Tafel, von diesem in seiner "Natur-Historie des Schweitzerlandes" 1716 veröffentlicht (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>In der Römerzeit bildeten die beiden Säulentrommeln aus Lavezstein, die heute noch die Strasse säumen, zusammen mit einem dritten, verschwundenen Stück eine einzige monumentale Säule zur Markierung des Passübergangs. Während der Ausgrabungen in den 1930er Jahren wurden in der Nähe zudem die Fundamente eines kleinen Gebäudes mit einem Kultbild und einem Altar entdeckt.<BR/>
Überreste des im 3. Jahrhundert errichteten Orientierungspunkts auf der Passhöhe, in der Nähe eines Heiligtums. Von Johann Melchior Füssli nach einem Entwurf von Johann Jakob Scheuchzer gestochene Tafel, von diesem in seiner "Natur-Historie des Schweitzerlandes" 1716 veröffentlicht (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Literatur
– A. Planta, Verkehrswege im alten Rätien 2, 1986, 15-64
– J. Rageth, «Röm. Verkehrswege und ländl. Siedlungen in Graubünden», in JHGG 116, 1986, 46-55

Autorin/Autor: Jürg Simonett