23/12/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Reuss

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Die R. ist mit 164,4 km Länge der viertlängste Fluss der Schweiz. Sie entspringt bei Hospental zwischen Furka und Oberalp, fliesst bei Flüelen in den Vierwaldstättersee, verlässt den See bei Luzern und mündet bei Windisch in die Aare. Ihr Einzugsgebiet umfasst 2'425 km2 im zentralen Alpenraum, in den Voralpen und im Mittelland. Ursprünglich hiess die R. Silenen, 1296 Rusa, vom 16.-19. Jh. bisweilen Ursa.

Der Oberlauf der R. bildet den Hauptfluss des Kt. Uri. Bis ins HochMA war die Reussschlucht in der Schöllenen unbegehbar und trennte Uri von Ursern. Die R. wirkte bei der Entwicklung von Gem. und Pfarreien grenzbildend. Die Reussebene wurde zum Hauptsiedlungsgebiet des Kantons. Wegen häufiger Überschwemmungen entstanden private Wuhrgenossenschaften sowie zur Kontrolle des Wasserbaus das 1493 erstmals erw. Gericht zu R. und Schächen. Das Alte Land Uri und im 19. Jh. dann der Bez. Uri leisteten Beiträge an den Gewässerunterhalt. 1891 ging die R. in den Besitz des Kantons über, der 1980 die Aufgaben der Wuhrgenossenschaften übernahm. 1850-63 wurde die R. von der Attinghauserbrücke bis zur Reussebene kanalisiert, die Verlängerung des Kanals im Mündungsbereich erfolgte 1900-12. Durch die Kanalisierung der R. vergrösserte sich die landwirtschaftl. Kulturfläche. Die links- und rechtsufrige Reussebene wurde in der 1. Hälfte des 20. Jh. melioriert. Seit der Umgestaltung des Mündungsgebiets 1985 besteht wieder ein natürl. Delta. Nachdem das Hochwasser von 1987 die Dämme durchbrochen hatte, wurde 1995-99 zwischen Flüelen und Attinghausen ein Hochwasserschutzprojekt verwirklicht. 1875 entstand in der Schöllenen ein kleines Kraftwerk für den Bau des Gotthardtunnels. Die grossen Elektrizitätswerke sind das SBB-Kraftwerk Amsteg (1922) das Kraftwerk Wassen (1949) und das Kraftwerk Göschenen (1962). Die Geschiebefracht der R. von jährlich rund 100'000 m3 wird im Urnerseebecken seit 1891 industriell ausgebeutet.

Am Unterlauf von Luzern bis zur Einmündung in die Aare bei Windisch folgen sich drei beckenähnl. Talabschnitte (ehem. Glazialseen), nämlich Dietwil-Oberrüti, Sins-Hermetschwil und Eggenwil-Stetten (AG). Alte Flussübergänge liegen auf Endmoränen, die Taldörfer auf Seitenmoränen über einst moorigem Talgrund. Ab 1291 gehörte das Reusstal mit allen Regalien am Fluss zur österr. Herrschaft. Erst unter den Eidgenossen entwickelte sich die Flussmitte ab 1415 allmählich zur Staatsgrenze, 1429 zwischen Luzern (Merenschwand) und Zürich (Maschwanden), später zwischen den eidg. Landvogteien (Freie Ämter, Grafschaft Baden) und zwischen Zug und Zürich; Bern (Königsfelden) hielt dagegen an der ursprüngl. Hoheit über beide Ufer fest. Seit 1803 liegt der untere Teil der R. im Kt. Aargau; oberhalb wurden die alten Landes- zu Kantonsgrenzen. Die Reusstaldörfer dagegen kannten bis weit ins 19. Jh. hinein keine Flussgrenze: Gemeinde- und Privatland liegt noch heute an beiden Ufern.

Bezüglich der Schifffahrt und der Flösserei galt die R. als "freie Reichsstrasse". Aufsicht übten die österr. Verwaltung und ab 1415 die eidg. Landesherren, die 1427 das Gebot des offenen Schifffahrtswegs erliessen. Bis 1798 oblag dessen Inspektion mit Räumung hinderl. Fischerei- und Stauwehre den sog. Reussherren Luzern und Zug. Die Konzession des Schiffstransports von Luzern auf der R. an die Zurzacher Messen, nach Basel und weiter wurde den Reussschiffern der Luzerner Niederwässerer übergeben, deren sechs Schifferrechte städt. Lehen waren. Die Schiffe wurden am Ziel verkauft, selten flussaufwärts gestakt. Mit dem Ausbau der Transitstrassen im 18. Jh. schwand die Bedeutung der Schifffahrt.

Von grosser Wichtigkeit war die Querschifffahrt der privilegierten öffentl. Fähren, die den Personen-, Vieh- und Warentransport besorgten. Unter den ma. Fähren - Lunkhofen (erw. um 1160), Windisch, Sins, Mühlau, Oberrüti und Dietwil - war die Erstgenannte dank ihrer Lage am Transitweg von Zürich in die Westschweiz bis ins 15. Jh. die wichtigste; sie gehörte wie die frühe Reussbrücke in Luzern dem dortigen Kloster im Hof, später der Stadt Luzern, und war älter als die Brücken von Bremgarten (um 1230), Mellingen (erw. 1253) und Gisikon (1432). Als die kath. Orte die alten Ost-West-Transitwege über Bremgarten bzw. Baden-Mellingen für Reformierte blockierten, baute Bern ab 1528 seine Fähre in Windisch zur sicheren Verbindung zwischen Bern und Zürich aus.

An Fähren und Brücken bezogen die Regalinhaber vom Verkehr Zölle und Geleite. Gegen ihren Widerstand entstanden bei zunehmendem Verkehr neue Fähren, doch es wurde nur eine einzige Brücke gebaut, nämlich 1640 im Auftrag von Zug die militärstrategisch wichtige Brücke Sins. Erst nach 1798 folgten neue Brücken, teils als Ersatz von Fähren (u.a. 1799 Windisch, 1864 Ottenbach und 1940 Mühlau). Zu Beginn des 21. Jh. gibt es über zwei Dutzend Reussübergänge, darunter Eisenbahn- und Autobahnbrücken, die im Ost-West-Transit am oberen Talende vor Luzern und am unteren bei Windisch, aber nicht an den ma. Übergängen bei Bremgarten und Mellingen liegen.

Das Reusstal ist mit Ausnahme der Zentren Bremgarten (seit 1803 Bezirksverwaltung, Industrie) und Windisch (Industrie, Fachhochschule) mit Gemüse- und Obstbau landwirtschaftlich geprägt, wobei die Talgründe ober- und unterhalb Bremgartens unter Hochwassern und Laufwechseln des mäandrierenden Flusses litten. Die von den Anwohnern ab dem 16. Jh. angebrachten Uferverbauungen halfen wenig. Obrigkeitl. Projekte zur Begradigung der R., z.B. 1648 von Hans Conrad Gyger und 1809 von Johann Gottfried Tulla, blieben unausgeführt und die um 1840 von der aarg. Regierung veranlassten Korrektionen ohne längerfristigen Nutzen. Erst seit der Reusstalsanierung 1971-85, einem kantonsübergreifenden Pionierprojekt mit Laufkorrektion, Melioration und Urbarisierung, das unter Einbezug der Elektrizitätswirtschaft sowie von Natur- und Heimatschutz realisiert wurde, lässt sich die Talsohle landwirtschaftlich nutzen. Die zur Stromgewinnung im Kraftwerk Bremgarten-Zufikon (1893, Neubau 1975) zum Flachsee gestaute R. ist ein bekanntes Naturschutzreservat.


Quellen
SSRQ AG II/9; II/10
Literatur
– A. Schaller-Donauer, Chronik der Naturereignisse im Urnerland, 1000-1800, 1937
– P. Tresch, «Wasserkraftnutzung und Elektrizitätswirtschaft», in Uri, Land am Gotthard, 1965, 385-392
– H. Jäckli et al., Sanierung der Reusstalebene, 1982
Die Reussmündungslandschaft am Urnersee, 1984
– K. Wernli et al., Wasserschloss, 22000
– A.-M. Dubler, «Reusstal und R. als Kommunikations- und Lebensraum», in Wege und Gesch., 2008, Nr. 1, 10-15

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler, Hans Stadler