Töss (Fluss)

Der 57 km lange Fluss entsteht aus mehreren Bächen, die an der Höchhand (1314 m) und der Schindelegg (1288 m) im Kt. St. Gallen entspringen. Nördlich des Tössstocks auf Zürcher Kantonsgebiet vereinigen sich Hintere und Vordere T. zur T. Diese durchfliesst das östl. Zürcher Oberland Richtung Norden und mündet bei Teufen (345 m) in den Rhein. Das Tösstal gliedert sich in einen oberen Teil zwischen Steg (Gem. Fischenthal) und Sennhof (Gem. Winterthur), einen Mittelteil bei Winterthur und einen unteren Teil zwischen Wülflingen und der Mündung. 853 wird die Toissa erstmals erwähnt. Gerold Meyer von Knonau bezeichnete die T. 1844 als den "schädlichsten" aller Zürcher Flüsse, da sie bisweilen mächtig anschwelle, die Ufer übersteige, das Land mit Steinen bedecke und fruchtbaren Boden wegreisse. In regenarmen Zeiten trocknet die T. jedoch häufig aus, da der Talgrund aus eiszeitl. Schottern besteht, die als Wasserspeicher dienen. Mehrere Tösstalgemeinden sowie die Stadt Winterthur beziehen ihr Wasser grösstenteils aus diesem Grundwasserstrom. Nachdem 1876 eine Überschwemmung riesige Schäden angerichtet hatte - die letzte folgte schon 1877 -, reagierte die Zürcher Regierung mit Wiederaufforstungen im Quellgebiet sowie 1881-1910 mit Flusskorrektionen zwischen Steg und Dättlikon.

Während für das untere und mittlere Tösstal Überreste vorliegen, die auf eine röm. Besiedlung hinweisen, wurde das waldreiche Hügelgebiet des oberen Tösstals erst in alemann. Zeit besiedelt. Im Hoch- und SpätMA waren die Gf. von Kyburg und jene von Habsburg sowie die Frh. von Teufen die dominierenden Adelsgeschlechter im mittleren und unteren Tösstal; im oberen Talabschnitt herrschten die habsburg. Dienstherren von Landenberg. Der grösste Teil des Tösstals kam mit der Grafschaft Kyburg 1424 pfandweise und 1452 definitiv an die Stadt Zürich.

Nach 1800 führte die Mechanisierung der Baumwollindustrie zu einer starken Industrialisierung des ganzen Tösstals mit Fabrikkomplexen, die z.T. durch Kanalsysteme miteinander verbunden waren. Das obere Tal wurde 1832-44 durch die befahrbare Strasse von Winterthur nach Fischenthal und 1876 durch die Tösstallinie Winterthur-Wald erschlossen. 1836-44 erfolgte der Bau der kant. Landstrasse von Winterthur nach Rorbas und 1876 nahm die Eisenbahnlinie Winterthur-Bülach ihren Betrieb auf. Zwischen 1980 und 2010 wurden die Spinnereien und Webereien in Steg, Bauma, Wila, Turbenthal, Rämismühle und Kollbrunn (beide Gem. Zell), Pfungen, Freienstein sowie Rorbas stillgelegt; einzig die Spinnerei in Sennhof bestand 2012 noch. Das Tösstal entwickelte sich zu einem Wohngebiet mit zahlreichen Pendlern nach Winterthur bzw. in die Flughafenregion im Glatttal.


Literatur
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992, 409-411, 444-452
– H.-P. Bärtschi, Industriekultur im Kt. Zürich, 1994, 72-96
Das Tösstal, hg. von D. Bruderer, 2007

Autorin/Autor: Ueli Müller