• Quellen: Archäologische Dienste der Kantone Freiburg, Neuenburg und Waadt; P. Corboud, C. Pugin, «Les sites littoraux du lac de Morat et de la rive sud du lac de Neuchâtel», in: Cahiers d'archéologie fribourgeoise 2, 2002, 6-19; P. Corboud, «La conservation actuelle des sites littoraux: sites lacustres ou sites terrestres?», in: Les Lacustres, hg. von G. Kaenel, P. Crotti, 2004, 26 f.  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Neuenburgersee

Der 215 km² grosse N. erstreckt sich zwischen dem Fuss des Kalkjuras und dem Molassegebiet des Mittellandes von Südwesten nach Nordosten. Er ist Teil des Gewässersystems der drei Jurarandseen: Die 1853 kanalisierte Broye verbindet ihn mit dem Murtensee, über den 1875-83 angelegten Zihlkanal (Zihl) fliesst sein Wasser in den Bielersee und weiter in die Aare und den Rhein. Der N. hatte zahlreiche Namen: Lac d'Yverdon (998 laci everdunensis, gebräuchlich bis Ende des 18. Jh.), Lac d'Estavayer (12.-14. Jh.) und Lac de Cudrefin (1319). Die Bezeichnung N. verbreitete sich ab dem 18. Jh. allmählich und setzte sich mit dem Aufstieg der Stadt und der Grafen von Neuenburg durch. Der grösste vollständig in der Schweiz liegende See gliedert sich in einen Ober- und einen Untersee und gehört zu den Kt. Neuenburg (86 km²), Waadt (74 km²), Freiburg (53 km²) und Bern (2 km²).

1 - Ur- und Frühgeschichte

Die Schwankungen des Seespiegels um schätzungsweise 7 m brachten archäolog. Zeugnisse zutage, die eine menschl. Besiedlung im Uferbereich seit dem 13. Jt. v.Chr. belegen. Am Ende der letzten Eiszeit ragte das Riff von Marin aus dem gegenüber heute 3 m niedrigeren See hervor, wodurch sich eine Lagune bildete. Am Nordufer lebten im späten Magdalénien Cro-Magnon-Menschen, die neben Pferden auch Rentiere, Steinböcke, versch. Hasenarten, Murmeltiere und Schneehühner jagten. Die 1983 in Hauterive-Champréveyres und Neuenburg-Monruz entdeckten Lagerplätze mit bestens erhaltenen Feuerstellen und Werkstätten für die Bearbeitung von Silex verliehen der Untersuchung des Jungpaläolithikums in der Schweiz neuen Auftrieb. Als Brennmaterial verwendetes Weiden- und Birkenholz liess sich mittels C-14-Methode auf ca. 13'000 v.Chr. datieren.

Quellen: Archäologische Dienste der Kantone Freiburg, Neuenburg und Waadt; P. Corboud, C. Pugin, «Les sites littoraux du lac de Morat et de la rive sud du lac de Neuchâtel», in: Cahiers d'archéologie fribourgeoise 2, 2002, 6-19; P. Corboud, «La conservation actuelle des sites littoraux: sites lacustres ou sites terrestres?», in: Les Lacustres, hg. von G. Kaenel, P. Crotti, 2004, 26 f.  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Wichtigste Ufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit

Die letzten Jäger und Sammler nutzten die Kiefern-, später Eichen-, Ulmen- und Lindenwälder, die sich mit der Klimaerwärmung ausdehnten. Lager aus dem Azilien (Spätpaläolithikum) sind in Champréveyres und in Monruz belegt. In der Zihlebene wurden geometr. Mikrolithen aus dem Mesolithikum gefunden, die als Pfeilspitzen für die Hirsch- und Wildschweinjagd dienten, so etwa in Cornaux-Près du Chêne.

Im 5. Jt. v.Chr. verbreiteten sich Getreidebau und Viehzucht auch in der Dreiseenregion. Vor den ersten Ufersiedlungen bestanden am Jurafuss neolith. Freilandstationen oder Siedlungen unter Abris. Einzelne oder in Reihen aufgestellte Menhire stehen am westl. Ende des Sees (Bevaix, Gorgier, Saint-Aubin NE, Corcelles-près-Concise, Onnens, Grandson und Yverdon-les-Bains). Ein Dolmen aus der späten Jungsteinzeit (Auvernier) gibt Hinweise auf Bestattungsriten. Sicher ab 4000 v.Chr. entstanden in den Seebuchten während über drei Jahrtausenden immer wieder Dörfer, die sich aufgrund der noch vorhandenen Pfähle dendrochronologisch datieren lassen. Die Funde bieten einen detaillierten Einblick in den damaligen Alltag, da im feuchten Milieu auch sehr unbeständige Überreste erhalten geblieben sind. Der archäolog. Befund geht über die kulturellen Unterschiede zwischen der Cortaillodkultur, Horgener Kultur, Auvernierkultur (Auvernier cordé) sowie der Früh- und Spätbronzezeit (letzte Datierung 852 v.Chr. in Auvernier-Nord) hinaus. In nahezu jeder Ufergemeinde der Kt. Neuenburg, Freiburg und Waadt finden sich eine oder mehrere neolith. und/oder bronzezeitl. Pfahlbausiedlungen, von denen einige für die Erforschung der betreffenden Epochen besonders aufschlussreich sind. Das Ende der "Pfahlbauer", die zur Kupfer-, später zur Bronzeverarbeitung übergegangen waren, lässt sich auf Klimaveränderungen zurückführen. Warmphasen bewirkten einen erhebl. Anstieg des Wasserstands, so dass an den Ufern, zumindest in unmittelbarer Seenähe, nicht mehr gebaut werden konnte. Die Hallstattkultur ist durch Fibeln und einen Dolch belegt, die am Südufer zum Vorschein kamen. Die archäolog. Fundstätte La Tène, die der jüngeren Eisenzeit den Namen (und später auch der Gem.) den Namen gab, ist wahrscheinlich die bekannteste der Schweiz. In der Zihl wurden rund 3'000 kelt. Gegenstände entdeckt, die zumindest teilweise auf Opferriten für Wassergottheiten hinweisen.

Eburodunum (Yverdon-les-Bains), im 2. Jh. v.Chr. ein helvet. Oppidum, im 1. Jh. n.Chr. ein galloröm. Vicus und im 4. Jh. n.Chr. ein Castrum, war offenbar die einzige bedeutende Siedlung am See. Die nahe gelegene Villa in Yvonand-Mordagne war vom Anfang des 2. Jh. bis ins beginnende 4. Jh. n.Chr. bewohnt. Über die gallo-röm. Besiedlung des Nordufers ist wenig bekannt; ausser der Villa in Colombier (1.-3. Jh. n.Chr.) liessen sich nur wenige Gebäude nachweisen (Auvernier, Bevaix, Gorgier, Saint-Blaise). Das Südufer dagegen gehörte zum Hinterland von Aventicum (Avenches), wohin auf dem Wasserweg, via Broye und Murtensee, Kalkstein aus den Steinbrüchen von La Lance (Gem. Concise) und Hauterive (NE) befördert wurde. Die Schifffahrt auf dem N. ist seit dem Neolithikum belegt. In Yverdon-les-Bains, Bevaix und Cudrefin gefundene Überreste von Wasserfahrzeugen (Einbäume und galloröm. Lastschiffe) lieferten wesentl. Erkenntnisse für die europ. Schiffsarchäologie. Frühma. Gräberfelder (6.-8. Jh.) wurden u.a. in Bevaix, Neuenburg-Serrières und Yverdon-les-Bains freigelegt.

In Gletterens ist seit 1996 ein nachgebildetes neolith. Dorf der Öffentlichkeit zugänglich. In Hauterive (NE) werden im Laténium, einem 2001 eröffneten Archäologiepark und -museum, die früheren Seestände und die Bewohner des Ufergebiets in der heutigen Landschaft gezeigt.

Autorin/Autor: Michel Egloff / EM

2 - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Auvernier, Font, Yvonand, Saint-Blaise und Neuenburg werden 1011 in der Urkunde über eine Schenkung des Burgunderkönigs Rudolf III. an seine Verlobte Irmingard erwähnt. Im Ufergebiet bestanden im MA komplexe lehensrechtl. Verhältnisse, die von den Herren von Grandson, jenen von Estavayer und den Gf. von Neuenburg dominiert wurden. Der See bildete keine Grenze, sondern galt lange Zeit als bevorzugter Verkehrsweg. Dies erklärt, weshalb im 13. und 14. Jh. die Herren von Stäffis und die von Grandson neben ihren Stammgütern auf der einen jeweils auch Güter auf der anderen Seeseite, in La Béroche bzw. Cudrefin, besassen. Mitte des 13. Jh. verbündete sich Peter II. von Savoyen mit den Herren von Grandson und nahm die Huldigung derer von Stäffis entgegen. Er trieb die Besiedlung des Südufers voran und gründete die neuen Städte Cudrefin (1246-55) und Yverdon (1260), einen wichtigen Etappenort zwischen Jura, Mittelland und Genferseebecken. Das Haus Neuenburg fügte sich in den Machtbereich der Herren von Chalon-Arlay ein. In und nach den Burgunderkriegen nahmen Bern und Freiburg einen Grossteil des Ufergebiets ein. Das 1475 eroberte Grandson bildete ab 1484 eine gemeine Herrschaft. Font wurde 1520, Estavayer 1536, Saint-Aubin (FR) 1691 und Cheyres 1704 freiburg. Vogtei, während der Waadtländer Teil 1536-1798 unter bern. Herrschaft stand. Aus dieser Aufteilung gingen die Enklaven am Südufer hervor. Das Nordufer von der Zihl bis Vaumarcus blieb bei der Grafschaft, später beim Fürstentum Neuenburg.

Der See diente nicht nur seinen Anwohnern, sondern auch dem internat. Handel als Verkehrsweg. Die Ein- und Ausfuhr von Zeugdrucken, Wein und Salz über den See trug ab dem 18. Jh. massgeblich zur Entwicklung des Nordufers bei. Zwar wurde das Vorhaben, Rhone und Rhein durch eine Wasserstrasse in der Schweiz (Entreroches-Kanal) zu verbinden, nie zu Ende geführt, doch kam dem Schiffsverkehr zwischen Yverdon und Solothurn spätestens ab der galloröm. Zeit grosse wirtschaftl. Bedeutung zu. Mit dem Aufkommen von Dampfschiffen (L'Union 1826-28 und L'Industriel von Philippe Suchard ab 1834) entstanden auch die ersten Schifffahrtsgesellschaften, die Passagier- und Warentransporte übernahmen. Die versch. Unternehmen genügten der steigenden Nachfrage bald nicht mehr und wurden ab 1860 durch die Konkurrenz der Eisenbahn verdrängt. 1872 ging aus dem Zusammenschluss zweier Gesellschaften die heutige Schifffahrtsgesellschaft des Neuenburger- und Murtensees mit Sitz in Neuenburg hervor. Sie hatte zunächst das Ziel, die nicht durch die Bahn erschlossenen Gebiete, insbesondere am Südufer des N.s, in das Verkehrsnetz einzubinden. Seit 1880 hat sie im Tourismus- und Freizeitbereich an Bedeutung gewonnen. 2008 transportierte sie mit ihren neun Schiffen durchschnittlich 300'000 Passagiere.

Die seit dem Neolithikum belegte Fischerei beschränkte sich zunächst auf den Uferbereich und die Flussmündungen und dehnte sich später auf den gesamten See aus. Obwohl versch. Fischerzünfte - die älteste wird 1482 erwähnt - den Fischfang reglementierten, blieb der See stets allen Anwohnern zugänglich. Seit 1871 ist die Fischerei durch ein von den Kt. Neuenburg, Freiburg und Waadt abgeschlossenes Konkordat normiert. Die Zahl der Berufsfischer ist seit den 1960er Jahren ständig zurückgegangen (2008 noch 32), während das Fangvolumen sich kaum verändert hat (2008 324 t).

Weil Überschwemmungen zwischen den drei Seen im Grossen Moos immer wieder Ernten und Gebäude zerstörten, wurden ab dem 17. Jh. auf Anregung von Bern erste Versuche unternommen, die Juragewässer zu regulieren (Gewässerkorrektionen). Die erste Juragewässerkorrektion (1868-91, Absenkung des Seespiegels um ca. 2,5 m) und die zweite Korrektion (1962-73, Absenkung um ca. 1 m) stabilisierten den N. auf einer Höhe von durchschnittlich 429,3 m ü.M. Den Unterhalt der Bauten regelt ein interkant. Konkordat von 1973. Mit der ersten Korrektion wurde nicht nur das Gr. Moos trockengelegt, sondern am Südufer traten auch Sand- und Schlickflächen aus dem Wasser, die sich zur Grande Cariçaie entwickelten. Diese ausgedehnte, vielfältige Uferlandschaft umfasst aussergewöhnl. Lebensräume und gliedert sich in neun zwischen Yverdon-les-Bains und Witzwil-Marin-Epagnier gelegene Naturschutzgebiete. Sie gilt als Vogelschutzreservat von europ. Bedeutung. Ausserdem wurde das Südufer 1976 und 1990 in die Liste der Feuchtgebiete von internat. Bedeutung (Ramsar-Konvention) aufgenommen.

Bis in die 1970er Jahre wurden sämtl. Siedlungsabwässer über die Kanalisation in den N. als Hauptauffangbecken eingeleitet. Um der Verschmutzung des Sees entgegenzuwirken und das Gewässer zu sanieren, wurden u.a. in Yverdon-les-Bains, Estavayer-le-Lac, Delley, Neuenburg, Colombier, Bevaix, Saint-Aubin und Vaumarcus Kläranlagen gebaut.

Der N. entwickelte sich im Laufe des 20. Jh. auch dank seiner guten Windverhältnisse zu einem wichtigen Sport- und Freizeitgebiet. Zwischen 1960 und 2000 stieg die Zahl der Wasserfahrzeuge um mehr als das Dreifache auf rund 11'000 Boote. Die Anlegeplätze verteilen sich auf 25 Häfen, darunter Chevroux, den grössten Süsswasserbootshafen Europas. 2002 befanden sich in Neuenburg und Yverdon-les-Bains zwei der vier Standorte (Arteplages) der Expo.02.

Autorin/Autor: Giliane Kern / EM

Quellen und Literatur

Literatur
Cahiers d'archéologie romande, 1974-
Freiburger Archäologie, 1983-
Archéologie neuchâteloise, 1986-
– M. Egloff, «Des premiers chasseurs au début du christianisme», in Histoire du Pays de Neuchâtel 1, 1989, 1-174
– M. Antoniazza et al., Le lac de Neuchâtel, 2004