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Vierwaldstättersee

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Der V. umfasst mit einer Uferlinie von 115 km Länge eine Fläche von 114 km2. Das mehrarmige, bis zu 214 m tiefe Gewässer verzweigt sich in den Urnersee, der Richtung Westen um das Gersauer Becken verlängert wird, daran anschliessend öffnet sich die Vitznauer Bucht gegen den sog. Chrütztrichter, von dem der Küssnachter- sowie der Luzernersee abgehen und der über die Horwer Bucht und den Stanser Trichter mit dem Alpnachersee verbunden ist. Hauptzuflüsse des V.s sind die Engelberger Aa bei Buochs, die Sarner Aa bei Alpnachstad, die Muota bei Brunnen sowie die Reuss bei Flüelen, die zugleich auch Hauptabfluss in Luzern ist. Im MA als Luzerner See bezeichnet, setzte sich im 16. Jh. in Anlehnung an die drei bzw. seit dem 15. Jh. sog. vier Waldstätte der Name V. - franz. Lac des Quatre-Cantons, ital. Lago dei Quattro Cantoni, rom. Lai dals quatter Chantuns - durch. Der ursprüngl. Name lebt im auch verwendeten ital. Lago di Lucerna oder im engl. Lake Lucerne weiter.

Zu den spärlichen ur- und frühgeschichtl. Zeugnissen gehört die erste Fundstelle neolith. Seeufersiedlungen (5.-4. Jt. v.Chr.) am Alpennordrand bei Stansstad-Kehrsiten. In Alpnach wurde eine röm. Villa ausgegraben. Zahlreiche Ortsnamen weisen auf eine kelt. und galloröm. Besiedlung hin. Spätestens im 7. Jh. liessen sich Alemannen nieder. Am Ausfluss der Reuss entstand im 12. und 13. Jh. die Stadt Luzern, rund um den See bildeten sich die Orte Uri, Schwyz sowie Unterwalden. Die Gemeinwesen erlangten die Gebietshoheit über den See von ihrem Uferbereich aus bis hin zur Seemitte. Eine Ausnahme bildet die Seefläche in der Verlängerung des Bürgenbergs bis vor Hertenstein, diese gelangte 1378 zusammen mit dessen Nordflanke an Luzern. Bis ins 20. Jh. hinein kam es im Zusammenhang mit Fischereirechten regelmässig zu Grenzstreitigkeiten. Die letzten wurden 1967 zwischen Nidwalden und Luzern bereinigt. Trotzdem wirkte der See mehr vereinend als trennend, nicht zuletzt, weil seine Topografie die Anlage von Strassen entlang der Ufer bis ins 19. Jh. beinahe verunmöglichte. Ein erster polit. Bezug sind in den Urschweizer Bünden von 1291 bzw. 1315 (Urschweiz) und dem Luzerner Bund von 1332 erkennbar. In der spätma. Befreiungstradition manifestierte sich dann ein eigentliches polit. Selbstverständnis der Waldstätte. Im 20. Jh. entwickelte sich über Konkordate und Behördenkonferenzen eine weitere Form der Zusammenarbeit. Kirchlich bildete der Raum ab dem HochMA bis 1821 das Dekanat Luzern bzw. das Vierwaldstätterkapitel im Bistum Konstanz. Danach wurde der Raum auf die Bistümer Chur und Basel aufgeteilt.

Auf dem offenen See durfte zuerst frei gefischt werden. Der Uferstreifen jedoch gehörte zur Gemeinmarch der Siedlungsgenossen und war ihren Fischern vorbehalten. Es entwickelten sich auch herrschaftl. Sonderrechte wie die Fischämter von St. Leodegar in Luzern, woraus z.T. private Fischereirechte entstanden (z.B. 1465 Luzerner Rohrgesellen, 1607 St.-Niklausen-Bruderschaft von Stansstad). Die Fischenzen deckten sich oft nicht mit den Hoheitsrechten und waren umstrittener als diese. 1655 beispielsweise, kam es zwischen Luzern und Nidwalden zum Streit um Fischereirechte im Stanser Trichter. Vorschriften für den Fischmarkt sind ausser für Uri in allen Anrainerständen überliefert. Für Luzern sind solche bereits im ältesten Ratsbüchlein (um 1318) festgehalten. Zahlreich sind die einzelörtischen, ab 1480 z.T. auch überörtischen Vorschriften zu Schongebieten, Schonzeiten und Fanggeräten. Nach der Helvetik wurde die Fischerei in allen Orten zu einem kant. Hoheitsrecht. 1890 schlossen sich die Kantone zum Fischereikonkordat V. zusammen. Ende des 20. Jh. lebten 27 Betriebe mit rund 40 hauptberufl. Arbeitskräften von der Fischerei.

Zwei Hauptverkehrsachsen in Nord-Süd-Richtung durchziehen das Gebiet des V.s. Die eine führt von Luzern nach Flüelen, die andere von Luzern über den Alpnachersee Richtung Brünig. Nebenachsen stossen bei Küssnacht (Zürich-Zug-Immensee) und Brunnen (Ostschweiz-Sattel-Schwyz) an den See. Der regionale Markt mit Luzern als Mittelpunkt und der Gotthardverkehr bewirkten ab dem SpätMA in Luzern und Flüelen den Aufbau eines Transportwesens: In Flüelen wird 1313 ein Reichszoll erwähnt, Anfang 14. Jh. sind für Luzern Lagerhäuser bezeugt und auch in Alpnach, Küssnacht und Brunnen entstand eine entsprechende Infrastruktur. In Uri und Luzern wurden bis ins 16. Jh. mehrere Schifffahrtsgesellschaften gegründet. Im 17. Jh. gab es in Alpnach fünf Fahrrechte, in Brunnen arbeiteten 60 organisierte Schiffsleute. Zahlreiche Spannungen zwischen den Orten und den versch. Gesellschaften führten 1687 zum Abschluss eines Schifffahrtsvertrags, der bis ins 19. Jh. gültig blieb. Die 1837 einsetzende Dampfschifffahrt, seit 1870 in der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee organisiert, verdrängte die lokalen Schifffahrtsgenossenschaften. Nach dem Anschluss Luzerns ans Netz der Schweiz. Centralbahn 1859 entstand im Einzugsgebiet des V.s ein dichtes Eisenbahn-, Bergbahn- und Strassennetz. Dank einer leistungsfähigen Hotellerie am Wasser und auf Aussichtspunkten wie der Rigi, dem Bürgenstock oder dem Seelisberg entwickelte sich die Region zu einer beliebten europ. Reisedestination. Im späten 19. Jh. wurde die Sand- und Kiesgewinnung zu einem bedeutenden Industriezweig.

Bis zur Einführung des Wehrreglements 1867 führten Schwankungen des Seespiegels zu Überschwemmungen der Uferzonen. Als Folge lag das am Reussabfluss gelegene Luzern häufig im Streit mit den Urkantonen. 1859-60 wurde mit dem Bau des Luzerner Nadelwehrs die Basis für ein Wasserstandsregime gelegt. Ab Ende des 19., v.a. aber ab Mitte des 20. Jh. wurden Landschaft und Wasser durch anthropogene Faktoren stark belastet (u.a. Kiesabbau, Uferverbauung, Gewässerverschmutzung, Wassersport). Um Abhilfe zu schaffen, wurde 1916 in Kastanienbaum (Gem. Horw) das Hydrobiolog. Laboratorium gegründet, das 1960 in die ETH Zürich integriert wurde. Es forscht und lehrt im Bereich des integralen Gewässerschutzes und berät die Kantone. 1953 wurde der Gewässerschutz in der Bundesverfassung verankert, aber erst das revidierte Gewässerschutzgesetz von 1971 vermochte griffige kant. Massnahmen durchzusetzen, so dass die Anrainer die abwassertechn. Sanierung des V.s 1987 beenden konnten. Ab 1980 versorgten Tiefwasserwerke die Stadt Luzern, den Bürgenstock sowie die Gem. Küssnacht, Horw und Weggis mit Trinkwasser aus dem V. Seit 1973 ist der von den Uferkantonen erlassene Landschaftsschutzplan in Kraft, für dessen Umsetzung sich der 1984 gegr. Landschaftsschutzverband V. einsetzt.

Wegen seiner Lage an der Gotthardachse war der Raum rund um den V. offen für unterschiedliche polit., religiöse und kulturelle Strömungen. Um den See entwickelte sich eine Kulturlandschaft einheitl. Prägung: Bemerkenswert sind der Kommunalismus, die eigenständige Rezeption der ital. Renaissance und des Barock oder der einheitl. Einfluss der kath. Reform. Die landschaftl. Zerklüftung und polit. Kleinräumigkeit führten aber auch zu einem reichen lokalen Brauchtum und zu mannigfachen Mundarten. Das in der Aufklärung aufblühende Interesse an Alpen, Hirtentum und Urschweizer Befreiungstradition führte zur literar. Auseinandersetzung mit dem V., etwa durch Johann Wolfgang von Goethe ("Schweizerreise vom Jahr 1797", 1832), Friedrich Schiller ("Wilhelm Tell", 1804) oder ebenso Carl Spitteler. Der Raum fand Eingang ins bildner. Schaffen, so in das Werk Gabriel (Fils) Lorys, Alexandre Calames oder Charles Girons. Mit der Bundesstaatsgründung entstand ein Integrations- und Identifikationsbedürfnis, durch das die Tellskapelle und v.a. das Rütli zu nationalen Symbolen erhoben wurden. Letzteres sah seine myth. Dimension 1940 im Rütli-Rapport gestärkt.


Literatur
– L. Birchler, Vielfalt der Urschweiz, 1969 (Neuausg. 2000, mit Beitr. von H. Stadler-Planzer)
Seegesellschaften, 1983 (21994)
– J. Gwerder et al., Die Gesch. der Schiffahrt auf dem V., 1987
– M. Primas et al., Archäologie zwischen V. und Gotthard: Siedlungen und Funde der ur- und frühgeschichtl. Epochen, 1992
– H. Baumann, S. Fryberg, Der Urnersee, 1993
– P. Felder, Die Kunstlandschaft Innerschweiz, 1993
– J. Bloesch, Gewässerschutz im Einzugsgebiet des V.s, 1994
Die Urner Fischerei, 2000
– B. Piatti, «Der V. - eine literar. Landschaft von europ. Rang», in HNU NF 59, 2004, 79-92
– H. Burkhardt, Befestigung "Seesperre Nas" und Schweizer Marine auf dem V., 2005 (22009)
– U. Hügi, «Stansstad NW-Kehrsiten: Neolith. Seeufersiedlungen am Alpennordrand», in JbSGUF 89, 2006, 7-23
V.: Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen, hg. von P. Stadelmann, 2007
– P. Stadler, H. Stadler-Planzer, Susten rund um den V., 2007

Autorin/Autor: Hans Stadler