19/06/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Murtensee

Der M. als kleinster der drei Jurarandseen (23 km2) liegt mit dem kleineren westl. Teil im Kt. Waadt, mit dem unteren östlichen im Kt. Freiburg. 961 Lacus Muratensis, 1297 Lacus de Mureto, 1445 Lacus Mureti; franz. Lac de Morat. Mit dem Neuenburger- und dem Bielersee bildete er in postglazialer Zeit eine einzige Wasserfläche von Orbe bis Solothurn, aus welcher der Mont Vully (dt. Wistenlacherberg) als Halbinsel herausragte. Seit dem Neolithikum gehören die Ufer des M.s, besonders bei Muntelier und Greng, mit hochwasserbedingten Unterbrechungen zu den dicht besiedelten Regionen der Schweiz. Der steigende Seespiegel in der Hallstattzeit (800-480 v.Chr.) zwang zur Umsiedlung in höhere Lagen. Auf dem Mont Vully wurde in der späten Latènezeit ein bedeutendes kelt. Oppidum errichtet, dessen Benutzung ca. 150-50 v.Chr. belegt ist. In galloröm. Zeit (1. Jh. v.Chr.-5. Jh. n.Chr.) stand die Seegegend unter dem Einfluss der nahen Metropole Aventicum, die am wichtigen Transitweg zwischen Genfersee und Rhein durch das Mittelland lag. Der Hafen von Aventicum lag am damals näher gelegenen See; er war mit der Stadt durch einen Kanal und eine Strasse verbunden.

Der fischreiche, von der Broye durchflossene M. gehörte samt den Sümpfen am oberen (Marais d'en Haut) und am unteren Ende (Grosses Moos) ab 1318 zur savoy. Herrschaft Murten. Der Stadtherr von Murten bewilligte seinen Bürgern freien Fischfang; von den Berufsfischern bezog er Abgaben (Stadtrecht um 1245). Unter den Gf. von Savoyen erliess der savoy. Schultheiss gemeinsam mit dem Rat und der Gem. Bestimmungen zu Fischgeräten sowie Schonzeiten und büsste Delinquenten (1394-96). Er vereidigte die Fischer und beaufsichtigte den Fischmarkt (1434).

Die Fischereirechte umfassten den M., den "kleinen See" (Hochwasserüberlauf bei Salavaux) und die Broye zwischen M. und Neuenburgersee samt Kanälen und Gräben im Gr. Moos. Unter der gemeinen Herrschaft von Freiburg und Bern beanspruchte die Stadt Murten in all diesen Gewässern die ganze Jurisdiktion, die ihr 1478, 1521 und 1690 bestätigt wurde. Während der Fischfang für Murtner Bürger weiterhin frei war, hatten auswärtige Fischer nach Vereidigung vor dem Rat das Fisch-Ungeld pro Boot sowie Fische pro Fang (1706) den vom Rat ernannten Seevögten zu erlegen. Auf Berns Betreiben wurden 1711 und 1766 zum Schutz der etwa 30 Fischarten detaillierte Fischereiordnungen erlassen; ab 1757 galten die Schutzbestimmungen auch für die auswärtigen Fischer aus den Ämtern Avenches und Erlach. Die Fischerei war für die Seedörfer bis zu Beginn des 20. Jh. von wirtschaftl. Bedeutung.

Ab 1803 machte Murten, nunmehr als Landstadt im Kt. Freiburg, unangefochten das Eigentum am M. und an der Broye mit dem Recht zur Verpachtung seiner Fischenzen geltend. Eine vom städt. Rat eingesetzte Seekommission beaufsichtigte und reglementierte die Fischerei (1806). Erst 1849 verlor Murten die Eigentumsrechte am See an die Kt. Freiburg und Waadt.

Im Schiffsverkehr ist der M. mit den anderen Jurarandseen über den schiffbaren Broye-Unterlauf verbunden. Die Tieferlegung der Broye (1874-76) während der 1. Juragewässerkorrektion (Gewässerkorrektionen) bewirkte eine Senkung des Seespiegels um 3,3 m, verbunden mit einem grösseren Seeufergewinn. Nach der Murtenschlachtfeier 1876 begann die tourist. Vermarktung Murtens, kurz vor 1900 erstmals in der Symbiose "hist. Stadt - liebl. See" und mit dem Strandbad (Lido) ab 1930 auch als Seebadeort. Doch erst die bessere Verkehrserschliessung (Strassenbau ab 1810, Eisenbahn ab 1876 und Autobahn ab 1981) und die tourist. Dreiseenschifffahrt verhalfen der Murtenseeregion ab den 1960er Jahren zu einem florierenden Tagestourismus. 2002 wurde der M. in die Landesausstellung Expo.02 einbezogen.


Quellen
SSRQ FR I/1
Literatur
– J.F.L. Engelhard, Statist.-hist.-topograph. Darstellung des Bez. Murten, 1840, (Nachdr. 1979)
– M. Richter, A. Colombi, Der M., 1947
– J. Gwerder et al., Die Gesch. der Schiffahrt auf den Juragewässern, 1982
– M.F. Rubli, Murten, 2002

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler