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Bodensee

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571,5 km² grosser und 254 m tiefer Alpenvorlandsee im Rheinlauf mit einer Uferlänge von 273 km, geteilt in den Obersee (63,5 km lang, bis zu 14 km breit) und die Zweigbecken Überlinger- und Untersee. Seeanstösser sind Deutschland (Bayern, Baden-Württemberg), die Schweiz (St. Gallen und Thurgau) und Österreich (Vorarlberg).

Der zuerst von Strabo (63 v.Chr.-28 n.Chr.) noch ohne Namen erw. See heisst bei Mela 43 n.Chr. Lacus Venetus (Obersee) und Lacus Acronius (Untersee), seit Plinius d.Ä. setzte sich Lacus Brigantinus durch, seit der Verlagerung des Zentrums von Bregenz nach Konstanz analog dazu in den meisten europ. Sprachen Lac de Constance (zuerst 1187 lat. Lacus Constantinus). Im Deutschen konnte sich diese Bezeichnung jedoch gegenüber der früher gebildeten Form B. (Lacus Bodamicus) nicht durchsetzen. Ursprung des dt. Namens, von den Humanisten abgeleitet von griech. potamós (= Fluss = Rhein), ist die Pfalz Bodman. Den Ausdruck Schwäb. Meer (Suebicum mare) übernahmen die Humanisten von Tacitus' Benennung der Ostsee.

Die Besiedlung reicht im Ufergebiet des B.s ins Mesolithikum (9. Jt. v. Chr.) zurück. Besondere Bedeutung für die urgeschichtl. Forschung Europas haben die in Feuchtgebieten liegenden, hervorragend erhaltenen jungsteinzeitl. und bronzezeitl. Seeufersiedlungen des 4.-2. Jt. v. Chr. (u.a. Arbon, Steckborn, Eschenz, Wangen, Hornstaad, Unteruhldingen). Seit der frühen Bronzezeit ist der ganze Bodenseeraum besiedelt. Die Römer trafen um 15 v. Chr. auf eine kelt. Bevölkerung (Vindeliker, Brigantii, Helvetier), die allmählich romanisiert wurde. Um 300 n.Chr. wurde der B. Teil des Limes; eine Flotte und Kastelle (Stein am Rhein, Konstanz, Arbon) schützten die Grenze. Eine alemann. Dauersiedlung scheint nicht vor dem 6. Jh. n. Chr. erfolgt zu sein, währendessen sich die romanisierte Bevölkerung in den Kastellen hielt. Für die Zeit um 600 n. Chr. wird die Christianisierung (Kolumban, Gallus) fassbar. Die zentralistische fränk. Gauverfassung wich im Zuge der Feudalisierung und der Verleihung von Immunitäten einer starken territorialen Zersplitterung in geistl. und weltl. Fürstentümer, Reichsstädte sowie viele kleine Grafschaften und Herrschaften, die erst nach 1800 durch moderne Staaten abgelöst wurden. Der B. stand während des Konstanzer Konzils 1414-18 im Zentrum des Weltgeschehens. 1499 führte der Schwabenkrieg zu Zerstörungen, einer polit. Teilung und Entfremdung zwischen Eidgenossen und Reich. Im Dreissigjährigen Krieg wurde die schwäb. Seite des Sees wiederholt von Kriegsereignissen heimgesucht. Die rege Bau- und Wiederaufbautätigkeit in der Barockzeit (z. B. Klosteranlage St. Gallen mit Stiftsbibliothek, Kreuzlingen, Weingarten, Birnau, die Schlösser Meersburg und Tettnang) trug wesentlich zur Gestaltung der heutigen Kulturlandschaft bei.

Der B. wird durch 236 Zuflüsse gespeist, zu zwei Dritteln jedoch aus dem Alpenrhein. Eine Regulierung besteht nicht, so dass der Wasserspiegel jährlich um bis zu 2 m schwankt (Höchststand im Juli). Im Deltabereich des Rheins werden jährlich 40'000 m³ Grobsedimente abgelagert. Die "Seegfrörni", ein Zufrieren des B.s, lässt sich seit 875 insgesamt 33 Mal quellenmässig belegen, zuletzt 1963. Das milde Klima begünstigt den Wein-, Obst- und Gemüseanbau und ermöglicht auf der Insel Mainau sogar eine subtrop. Vegetation. Das Ufer weist eine dichte Besiedlung auf. Grosse wirtschaftl. Bedeutung kommt dem Fremdenverkehr zu. Eine stärkere Industrie weisen Friedrichshafen und Singen auf. Zwischen den Wasserwegen B. und Comersee liegt eine der kürzesten Alpenüberquerungen, die den B. zu einem wichtigen Bindeglied im Nord-Süd-Verkehr machte; aber auch für den Ost-West-Verkehr war der B. von erhebl. Bedeutung (Salzstrasse). Schifffahrt ist schon in röm. Zeit bezeugt. Sie blühte im 12. Jh. auf (Marktschiffe). Die Regalansprüche des Kaisers auf die Schifffahrt gingen ab dem SpätMA auf die Territorien über. Ungeachtet der Gefahren durch plötzl. Windstösse und Stürme gewann die Schifffahrt stets an Bedeutung, immer grössere Lastsegelschiffe ("Lädinen") bis zu einer Tragfähigkeit von 120-132 Tonnen wurden entwickelt. Transportgüter waren Getreide, Wein, Salz, Baumaterialien, Rebstecken; wichtig war auch die Personenschifffahrt. Die auf dem Rhein verlängerte Bodenseeschifffahrt zwischen Feldkirch und Schaffhausen suchte schon um 1400 durch eine (nicht realisierte) Kanalisierung der Schussen Ravensburg einzubeziehen. Die vom 17. Jh. an bis ins 20. Jh. immer wieder projektierte Verlängerung des Schiffsverkehrs über Schaffhausen hinaus dürfte wegen der Umweltrisiken heute endgültig gescheitert sein. Die wichtigsten Häfen waren Lindau, Bregenz, Konstanz, Überlingen, Schaffhausen, Rorschach, Langenargen und Fussach. Die auf dem Alpenrhein stark betriebene Flösserei endete in Rheineck. Die Territorialstaaten unterhielten schnelle bewaffnete Jagdschiffe für Polizeiaufgaben. Die Kriegschifffahrt hat keine selbstständige Rolle gespielt. Die Seeschlacht zwischen Römern und Vindelikern ist keineswegs gesichert; grosse Seeschiffe, wie sie im 15. Jh. von den Habsburgern gegen die Eidgenossen und 1634 von den Schweden gebaut wurden, erwiesen sich als untüchtig. 1799 und 1800 war eine Flottille gegen die Franzosen im Einsatz. Nach ersten misslungenen Versuchen 1817 ("Stefanie" des Zürchers Kaspar Bodmer) eröffneten Württemberg und Bayern 1824 mit den Dampfbooten Wilhelm bzw. Max Joseph ein neues Zeitalter; Baden folgte 1831 mit der Leopold, die Schweiz 1850 mit der Stadt Schaffhausen und zuletzt 1884 Österreich mit der Austria und Habsburg. Von grosser Bedeutung war lange Zeit der 1869 eröffnete Eisenbahn-Fährbetrieb zwischen Romanshorn und Friedrichshafen. Seit dessen Einstellung 1976 wird die Linie nur mehr als Autofähre geführt (2002 608'000 Fahrgäste, über 84'000 Motorfahrzeuge); eine zweite Autofähre besteht zwischen Konstanz und Meersburg (2002 5,2 Mio. Fahrgäste, 1,6 Mio. Personenwagen). Ausserhalb des Fährbetriebs hat die Bodenseeschifffahrt 2001 3 Mio. Passagiere befördert. Seit 1990 erfreut sich das von allen Uferanliegern gemeinschaftlich restaurierte Dampfschiff "Hohentwiel" grösster Beliebtheit. 1999 wurde ein hist. Lastensegler in Dienst gestellt. Die auf "Lustschiffe" des 16. Jh. zurückgehende Sportschifffahrt hat die Grenzen der Umweltverträglichkeit überschritten. Alle Wassersportarten werden gepflegt; der Schwimmsport hat eine wenigstens in das 16. Jh. zurückgehende Tradition (1548 Überquerung des B. von Fussach nach Lindau). Die Fischerei - schon Plinius erwähnt die Trüschenleber aus dem B. - wurde zu allen Zeiten betrieben. Besonders verbreitet ist der Blaufelchen, daneben Egli (Kretzer), Seeforelle, Äsche, Hecht u.a. Der gedörrte Gangfisch wurde in Fässchen verschickt.

Seit 1894/95 beziehen St. Gallen und Romanshorn das Trinkwasser aus dem B. Heute werden durch 18 Wasserwerke etwa 4,5 Mio. Menschen in der Ostschweiz und in Süddeutschland aus dem B. mit Trinkwasser versorgt (Wasserleitung bis in den Stuttgarter Raum). Seit 1959 besteht eine internat. Gewässerschutzkommission mit Sitz in St. Gallen. 1960 schlossen die Schweiz, Bayern, Baden-Württemberg und Österreich eine Übereinkunft zum Schutz des B.s gegen Verschmutzung; besondere Gefährdungen des Wassers gehen von den Industrieabwässern, der grossen Zahl der Motorboote und der Überdüngung der Landwirtschaft aus (hoher Phosphatgehalt des Wassers). Zahlreiche Kläranlagen haben in jüngster Zeit zu einer Besserung der Wasserqualität beigetragen.

Der B. hatte seit jeher eher eine verbindende als eine trennende Funktion. Die einheitliche kelt., rom. und zuletzt alemann. Sprache, seit der Christianisierung auch das bis 1816 bestehende gemeinsame Bistum Konstanz haben zu den verschiedensten Zeiten die kulturelle Einheit gewährleistet und gefestigt. Die Schifffahrt ermöglichte einen unproblemat. Warenaustausch und belebte den Handel, der durch bedeutende Handelshäuser (Ravensburger Handelsgesellschaft, Diesbach-Watt-Gesellschaft) gefördert wurde. Die Uferstädte fanden seit 1312 wiederholt zu Städtebünden zusammen. Die Schifffahrt liess die Anlieger auch immer wieder zu Konferenzen zusammenkommen, um gemeinsame Probleme zu lösen. Das Auseinanderleben von Schweizern und Schwaben seit 1499 hatte eine Reihe strittiger Fragen hinterlassen (z.B. Hoheitsrechte, Fischereirechte). Die Aufteilung des B.s unter die Anrainerstaaten ist nur teilweise vertraglich festgelegt, für den Untersee seit 1854 (auf eine Regelung von 1554 zurückgehend) und für die Konstanzer Bucht seit 1878-79. Der Überlingersee wird dem dt. Staatsgebiet zugerechnet. Die Grenzziehung auf dem Obersee ist ungeklärt; hier vertritt die Schweiz den Standpunkt der bei Binnengewässern üblichen Realteilung auf einer Mittellinie, dem jedoch die Annahme eines Kondominiums aller Uferstaaten über den gesamten Obersee gegenübersteht (v.a. von Österreich vertreten). Die akadem. Frage der Eigentumsverhältnisse wird heute von der Erkenntnis gemeinsamer Verantwortung überlagert.

Die sozialen, kulturellen und polit. Kontakte über den B. waren seit jeher gegeben. Nicht nur die Schifffahrt, sondern auch das gemeinsame Erleben der "Seegfrörnen" haben die zwischenmenschl. Beziehungen über den See durch das Entstehen von Brauchtum (Prozessionen, Fasnachts- und Sportveranstaltungen) immer wieder belebt. Seit der Mitte des 19. Jh. pflegen zahlreiche Vereinigungen, Berufsorganisationen und polit. Parteien die Kontakte über den See, namentlich der 1868 gegründete internat. Bodensee-Geschichtsverein, dessen Jahresschriften das Bewusstsein der kulturellen Gemeinsamkeiten stark gefördert haben, wie es auch andere Publikationsorgane, wie beispielsweise die monatlich erscheinenden Bodensee-Hefte (seit 1950) getan haben. Ein wichtiger Schritt in Richtung auf eine moderne Gestaltung der Region war die 1972 gegründete Bodensee-Konferenz. Nach längerer Anlaufzeit hat sich seit 1990 der B. als Mittelpunkt einer Region mehr und mehr gefestigt und eine polit. Dimension erhalten, wie sie im Statut der internat. Bodensee-Konferenz vom 14.12.1994 zum Ausdruck kommt. Die Mitgliedsländer Baden-Württemberg, Bayern, beide Appenzell, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau, Zürich, Vorarlberg sowie das Fürstentum Liechtenstein mit Beobachter-Status setzen sich darin zum Ziel, grenzübergreifende Politiken und Projekte zu erarbeiten und damit einen Beitrag zur Überwindung von Grenzen zu leisten, wobei es v.a. darum geht, die Bodenseeregion als attraktiven Lebens-, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern sowie die regionale Zusammengehörigkeit zu verstärken. Das gleichzeitig erarbeitete Bodensee-Leitbild ist als längerfristige Entwicklungsperspektive darauf ausgerichtet, "die unverwechselbare Eigenart und die Besonderheit dieses Raumes unter den europ. Regionen zu erhalten und sie im Bestreben nach Einklang von Natur, Kultur und Wirtschaft weiterzuentwickeln". Mehr als 20 Gemeinden gründeten im Jan. 1995 eine "Arbeitsgemeinschaft der Bodensee-Ufergemeinden", um sich bei der Lösung ähnl. Probleme abzustimmen.


Literatur
SVGB, 1869-
B.-Bibl., 1976-
Der B., hg. von H. Maurer, 1982
– K.H. Burmeister, Vom Lastschiff zum Lustschiff, 1992
Einbaum, Lastensegler, Dampfschiff, 2000
Was haben wir aus dem See gemacht?, 2001-

Autorin/Autor: Karl Heinz Burmeister