• <b>Zürichsee</b><br>Panorama des Zürichsees. Plakatwerbung des Zürcher Verkehrsvereins, signiert von  M. Bieder,   1978 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Zürichsee

Der Z. bildet zusammen mit dem Obersee eine lang gezogene, vom Seedamm bei Rapperswil (SG) unterbrochene Furche. Er hat eine Fläche von 88,17 km², misst an der breitesten Stelle 3,85 km und die tiefste Stelle liegt 136 m unter dem Seespiegel. Im See liegen die Inseln Ufenau und Lützelau. Anstösserkantone sind Zürich, Schwyz mit den Bez. March und Höfe sowie St. Gallen mit dem Bez. See (heute Teil der Region See-Gaster). Die Moränenzüge des Albis im Westen und des Pfannenstiel im Osten flankieren das vom Linth-Rhein-Gletscher geformte Seebecken. Der See wird in der "Vita Sancti Galli" aus dem 8. Jh. als lacus de Turegum erstmals erwähnt, ist 1250 als lacus Turicinus bezeugt und wird seit 1286 meist Z., nicht Zürichersee genannt. Die älteste Darstellung der Seegegend zeigt Conrad Türsts Karte von 1495-97. Genauere Umrisse geben 1566 Jos Murer und 1667 Hans Conrad Gyger. Die Zuflüsse wurden mehrfach verbaut, so v.a. 1807-16 die Linth durch Hans Conrad Escher, 1883-87 der Breitenbach bei Altendorf, 1895-1900 der Küsnachter Bach, der 1778 das Dorf verwüstet hatte. Die Quaibauten in Zürich 1881-88 veränderten das Ufergebiet am Seeende. Seit der Seeregulierung von 1950 schwankt der Seespiegel nur noch geringfügig und die früher übl. Überschwemmungen bleiben aus. In den meisten Seegemeinden wurde die Uferzone mit ihren vielen Häfen, Lager- und Werkplätzen ab der Mitte des 19. Jh. durch Aufschüttungen für Bahn und Strasse sowie versch. Bauten verändert.

<b>Zürichsee</b><br>Panorama des Zürichsees. Plakatwerbung des Zürcher Verkehrsvereins, signiert von  M. Bieder,   1978 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Panorama des Zürichsees. Plakatwerbung des Zürcher Verkehrsvereins, signiert von M. Bieder, 1978 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Die Ufer des Z.s sind seit dem Neolithikum besiedelt. Berühmt wurden die 1853-54 in Obermeilen und ab 1914 in Horgen-Scheller entdeckten Stationen. 1362 verlieh Ks. Karl IV. der Stadt Zürich die Seehoheit über den Z. von der Stadt bis hinauf nach Hurden, um Zürich als Bundesgenossen gegen den Hzg. Rudolf IV. von Habsburg zu gewinnen. Damit übernahm die Stadt auch die Verpflichtung, für Landestellen zu sorgen. Gem., Schiffleute oder Wirte waren für den Unterhalt der Häfen, am Z. Haaben genannt, verantwortlich. Mit dem zunehmenden Handelsverkehr im HochMA entwickelte sich die Schifffahrt auf dem Z. zu einem bedeutenden Gewerbe. Der See war Teil der Handelsroute Rheinland-Basel-Graubünden-Italien. Im SpätMA wurde der Seeweg von Zürich bis zur 1452 eröffneten Sust in Horgen auch für den Gotthardweg benutzt. Transportiert wurde v.a. Salz und Wein, aber auch Eisen vom Gonzen, Steine, Tuch, Vieh und Käse. Für den Ortsverkehr dienten die Marktschiffe, die meist zweimal wöchentlich nach Zürich fuhren. Beim Personenverkehr stellten bis um 1850 die Einsiedler Pilger das Hauptkontingent. Von Zürich aus brachte die Gesellschaft des Oberwassers die Pilger nach Richterswil oder Pfäffikon (SZ); von dort pilgerten sie entweder über die Schindellegi oder den Etzel nach Einsiedeln. Im unteren Seebecken stand die Beförderung von Pilgern Schiffleuten aus Zürich zu, im oberen den Kahnführern von Wädenswil, Richterswil, Bäch und Pfäffikon, deren Rechte 1433 vom Zürcher Rat sowie 1484 und 1514 von Schwyz geschützt wurden. Die 1358-60 durch Hzg. Rudolf IV. von Habsburg gebaute hölzerne Seebrücke von Rapperswil nach Hurden wurde 1878 durch den Seedamm ersetzt, über den auch die Eisenbahnlinie geführt wurde.

1336 schlossen sich die städt. Schiffleute in der Zürcher Schiffleutezunft zusammen. Diese übte auf dem See hoheitl. Funktionen aus, erliess Verordnungen und besass Strafgewalt. Zwei Mitglieder des Kl. Rats beaufsichtigten zusammen mit einem Seeknecht als Seevögte die Schifffahrt. Für den Obersee waren je ein Seevogt in Rapperswil, Lachen und Schmerikon zuständig. Trotz Aufsicht ereigneten sich Unglücksfälle. 1308 ertranken 50 Menschen auf der Fahrt zur Insel Ufenau. 1345 forderte ein Schiffsunglück vor Rapperswil 40 Tote. 1764 sank vor Stäfa ein Marktschiff mit 18 Passagieren an Bord. Während Jahrhunderten unterhielt die Stadt Zürich auf dem Z. eine Kriegsflotte. Zur Zeit des Alten Zürichkriegs (1436-50) bauten die Zürcher zwei grosse Jagdschiffe sowie die mit Geschützen bestückten Kriegsschiffe Gans und Ente; 1694 kam die Neptun dazu. 1446 stiess die Flotte von Zürich bei Stäfa auf die Schwyzer Kriegsschiffe Schnecke, Gans, Kiel und Bär und vernichtete sie. Fortan übte Zürich allein die Seeherrschaft aus. 1646 wurde die Zürcher Flotte gegen die aufständ. Untertanen der Herrschaft Wädenswil eingesetzt. Im 2. Villmergerkrieg von 1712 dienten die Schiffe als Provianttransporter, später für Lustfahrten der Ratsherren mit fremden Gästen. Um zu verhindern, dass die Flotte den Franzosen in die Hände fiel, wurde 1799 ein Teil der Schiffe versenkt. Im Bockenkrieg von 1804 wurden die Kriegsschiffe zum letzten Mal eingesetzt, 1818 hatten sie ausgedient. Am 19.6.1835 startete von Zürich aus der erste Raddampfer, die in England gebaute Minerva, zur Jungfernfahrt. Da sich das Geschäft mit den Dampfschiffen zu lohnen schien, liessen die 1837 gegr. Linth-Escher AG und die 1839 geschaffene Republik AG bei der Maschinenfabrik Escher, Wyss & Cie. in Zürich je einen Dampfer bauen. 1864 entstand die Dampfbootgesellschaft linkes Ufer mit Sitz in Horgen. Sie fusionierte 1868 mit dem älteren Unternehmen Z.-Walensee-Gesellschaft AG zur Dampfbootgesellschaft für den Z. 1874 übernahm die Nordostbahn als Erbauerin der 1875 eingeweihten links- und der 1894 eröffneten rechtsufrigen Seebahn den gesamten Schiffspark. Dieser ging 1902 an die 1892 gegr. Zürcher Dampfboot-Aktiengesellschaft (ab 1957 Z.-Schifffahrtsgesellschaft), der sich auch die 1895 entstandene Dampfbootgesellschaft Wädenswil angeschlossen hatte. Seit 1933 ist die Fähre Horgen-Meilen in Betrieb.

Die Bewohner der Zürcher Seegemeinden, von konservativ-städt. Kreisen ab dem 18. Jh. Seebuebe genannt, standen oft in Opposition zur Stadt Zürich, so im Wädenswiler Steuerstreit von 1467-68, im Waldmannhandel von 1489, im Wädenswiler Handel von 1646, im Stäfnerhandel von 1794-95 und im Bockenkrieg von 1804, weshalb ihnen Angriffigkeit, Kritiklust und leidenschaftl. Temperament nachgesagt wurde. Die Textilindustrie brachte den dörfl. Oberschichten am Z. im 18. Jh. Wohlstand und Ansehen. Patriot. Männer gründeten 1790 in Wädenswil, 1793 in Stäfa, 1802 in Horgen und 1831 in Männedorf Lesegesellschaften. 1830 löste das Memorial von Küsnacht den Ustertag aus. Ulrich von Hutten verbrachte 1523 seine letzten Monate auf der Insel Ufenau. 1750 weilte Friedrich Gottlieb Klopstock, 1775, 1779 und 1797 Johann Wolfgang von Goethe am Z. Ersterer hat ihn in der Ode "Von der Fahrt auf der Zürcher-See" (1750) besungen, Letzterer u.a. im Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre" (1821) gewürdigt. Der See war u.a. auch Gegenstand in Gedichten von Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer sowie in Meyers Novelle "Der Schuss von der Kanzel" (1877). Bildl. Darstellungen der Seedörfer stammen u.a. vom Zeichner Johann Jacob Hofmann (1771) und vom Kupferstecher Heinrich Brupbacher (1794).

Fischereivorschriften, sog. Einungen, sind für den Z. ab 1370 bekannt, für den Obersee ab 1493. Die Klöster Einsiedeln und Wurmsbach hatten eigene Fischereirechte. Mit der Reformation ging der Fischkonsum am Z. stark zurück. Anfang 17. Jh. lebten am Z. rund 200 Berufsfischer, 1767 104, 2013 noch 9. Von grosser Bedeutung waren während Jahrhunderten die Fischfache bei Hurden, die dem 1244 erw. Fischerdörfchen ze den Hurden den Namen gaben. Hans Erhard Escher erwähnte 1692 34 im Z. lebende Fischarten. Zu Beginn des 21. Jh. sind noch 24 heimisch. Seit 1942 besteht in Stäfa eine Fischzuchtanlage. Seegrundwasser und seit dem Bau von Kläranlagen wieder reineres Seewasser dienen Ufergemeinden als Ergänzung zur Trinkwasserversorgung, u.a. in Zürich (Seewasserwerke Lengg und Moos), Horgen, Wädenswil, Männedorf und Stäfa (Gruppenwasserversorgung Zürich Oberland). Der Z., der 1891, 1929 und 1963 ganz zufror, dient auch als vielseitiges Erholungs- und stark genutztes Freizeitgebiet. Die Insel Ufenau und der Frauenwinkel stehen seit 1927 unter Schutz. Dazu kamen weitere Schutzgebiete, u.a. die Halbinsel Au, das Feldbacher Horn (Gem. Hombrechtikon) und 1972 die Uferzonen in den Gem. Wollerau, Freienbach und Altendorf.


Literatur
– A. Heer, Die Kriegsflotte auf dem Z., 1914
Der Z. und seine Nachbarseen, 1979
Der Z.: Fische und Fischer, hg. von E. Mühlheim, E. Liniger, 1980
– A.M. Altwegg, Vom Weinbau am Z., 1980
150 Jahre Dampfschiffe auf dem Z., hg. von J. Dürst, 1985
– P. Ziegler, Kulturraum Z., 1998
– P. Ziegler, Leben am Z., 1999
Literar. Kursbuch Z., hg. von H. Lüthi, 2009

Autorin/Autor: Peter Ziegler