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Schweizergarden

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Als S. werden Truppeneinheiten in Fremden Diensten bezeichnet, die den Auftrag hatten, einen Herrscher oder seinen Stellvertreter zu beschützen und dessen Residenzen zu bewachen. Die Rekrutierungskriterien für diese dem Machtzentrum nahestehenden Elitetruppen waren besonders streng. Die Gardeeinheiten rangierten vor den gewöhnl. Schweizerregimentern. Offiziere und Soldaten genossen Privilegien, und ihr Sold war relativ hoch.

Söldner dieser Art kamen erstmals in Frankreich zum Einsatz. 1497 stellte Kg. Karl VIII. die Gardetruppe der Hundertschweizer zusammen, die erste permanent im Dienst eines fremden Herrschers stehende Schweizer Einheit. Sie war eher ein Parade- als ein Militärkorps und wurde 1792 von der franz. Nationalversammlung abgeschafft. 1814 wurden sie von Ludwig XVIII. aber wieder eingesetzt und blieb bis 1830 bestehen. Nach dem Vorbild der Hundertschweizer wurde 1506 die Päpstliche Schweizergarde gegründet. Eine ähnl. Einheit stand ab 1579 im Dienst Savoyens, später des Königreichs Sardinien-Piemont und wurde 1798 aufgelöst. Hundertschweizer gab es auch in der Toskana, in Österreich (1745) und in Brandenburg (1696-1713).

Die oft mythisch überhöhte Sichtweise der S. als Verkörperung der absoluten Treue geht auf die Söldnerelite in franz. Diensten zurück. Karl IX. schuf 1567 ein Regiment aus Schweizer Gardetruppen. Von da an standen bis zu Heinrich IV. stets einige auf den Gardedienst spezialisierte Schweizerkompanien im Einsatz. 1616 stellte Ludwig XIII. ein permanentes Schweizergarderegiment auf. Während die Hundertschweizer für die Wache im Innern der königl. Paläste zuständig waren (innere Garde), versahen die S. den Dienst ausserhalb (äussere Garde). Die Offiziere wurden ausschliesslich in der Adelsschicht und im Patriziat rekrutiert, einzelne Chargen waren erblich.

Das Regiment diente bis 1792 und nahm an zahlreichen Feldzügen teil, oft mit heldenhaftem Mut und Erfolg, noch öfter zum Preis von blutigen Verlusten. In den letzten noch friedl. Jahrzehnten des 18. Jh. beschränkten sich seine Aufgaben auf den Gardedienst in Paris und der umliegenden Region, wo es auch untergebracht war (Rueil, Courbevoie), sowie in Versailles. Weil die Söldner der Pariser Bevölkerung nahe standen, relativ lange dienten und sich am Ende ihrer Dienstzeit häufig endgültig in Paris niederliessen, sind in den Archiven ergiebige Quellen zu den S. und deren Integration in die franz. Gesellschaft erhalten.

Zu Beginn der Revolution übte die polit. Propaganda einen starken Einfluss auf das Regiment aus. Im Aug. 1789 kam es zur Meuterei des 2. Bataillons und zu einer Reihe von Desertionen, doch das Gros der Truppe blieb ihrem Eid treu. Der Tuileriensturm vom 10.8.1792 und die Septembermorde setzten den S. ein trag. Ende. Die Einheit wurde zu Beginn der Restauration unter der Bezeichnung Königl. Schweizergarde für kurze Zeit neu gebildet; sie diente 1823 im Spanienfeldzug und verteidigte die Bourbonen noch 1830 bei Ausbruch der Julirevolution, wo sie mehrere hundert Mann verlor.

Weitere Staaten stellten auf der Basis von Kapitulationen ähnl. Einheiten auf, hauptsächlich die Niederlande (ein Regiment, 1748-96), das Königreich Neapel (ein Bataillon, dann ein Regiment, 1734-89) und das Königreich Sachsen (ohne Kapitulation 1730-57 und 1763-1814).


Literatur
– P. de Vallière, Le régiment des Gardes-suisses de France, 1912
– P. de Vallière, Treue und Ehre, 1940 (franz. 1913)
– G. Hausmann, Suisses au service de France: étude économique et sociologique (1763-1792), 1980
– J. Chagniot, Paris et l'armée au XVIIIe siècle, 1985
Les gardes suisses et leurs familles aux XVIIe et XVIIIe siècles en région parisienne, 1989
– A.-L. Head, «Intégration ou exclusion: le dilemme des soldats suisses au service de France», in Die Schweiz in der Weltwirtschaft, hg. von P. Bairoch, M. Körner, 1990, 37-55
– D. Pedrazzini, «Le régiment des Gardes suisses d'après le "Livre d'ordres" de son commandant», in La prise des Tuileries le 10 août 1792, 1993, 10-17
– A.-J. Czouz-Tornare, Les troupes suisses capitulées et les relations franco-helvétiques à la fin du XVIIIe siècle, 1996
– R. Walpen, La Garde suisse pontificale, 2005

Autorin/Autor: Philippe Henry / AHB