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Fremde Dienste

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Unter F.n versteht man sowohl das freie Söldnertum - ein militär. Führer wirbt auf eigene Rechnung Reisläufer und führt sie einem Herrscher zu - als auch die Stellung von Söldnern kraft zwischenstaatl. Verträge, der sog. Kapitulationen.

1 - Historiografische Aspekte

Die F. spielen in der militär. wie der polit. Geschichte der Schweiz v.a. in der Zeit vom 15. bis zum Ende des 18. Jh. eine wichtige Rolle. Die Militärhistorie hat sich im Laufe des 20. Jh. tief greifend gewandelt und sich immer mehr von der traditionellen Schlachten- und Kriegsgeschichte entfernt. Sie hat ihre alten Schranken überschritten, sich internationalisiert und von der Geschichte des Militärs zu derjenigen der Soldaten und Offiziere entwickelt. Sie befasst sich nicht mehr allein mit vergangenen nationalen Heldentaten und den militär. Institutionen, sondern untersucht als Teil der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte allgemein die vielfältigen Beziehungen zwischen dem Militärwesen und der Gesellschaft des jeweiligen Landes.

Diese Entwicklung ist auch in der Schweiz deutlich erkennbar. Die F., deren Untersuchung die nationale Historiografie vom 18. Jh. an einen bedeutenden Platz eingeräumt hatte, waren lange verrufen; man betrachtete sie als ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte, schädlich für die Herausbildung und den Zusammenhalt der Schweizer Nation. Erst seit Beginn des 20. Jh. betont die Forschung dagegen auch die positiven Seiten der F. Insbesondere Paul de Vallière hat sie rehabilitiert und ihre Bedeutung für die Herausbildung der nationalen Identität unterstrichen. Man anerkannte jetzt in Kampfgeist, Treue und Selbstlosigkeit der eidg. Söldner patriotische, um nicht zu sagen urschweiz. Tugenden. Die vor dem Hintergrund zwei Weltkriege verständliche mytholog. Verklärung verzögerte aber lange die Modernisierung der Forschung über die F. Erst seit den 1970er Jahren wurde den gesellschaftl. und wirtschaftl. Aspekten sowie auch den polit. und diplomat. Gegebenheiten, den Geisteshaltungen und Mentalitäten, den familiären und lokalen Traditionen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Heute ist man sich bewusst, dass die F. ein sehr komplexes und vielschichtiges Phänomen darstellen und dass sie Gesellschaft, Wirtschaft, Bevölkerungsentwicklung und Kultur der Eidgenossenschaft nachhaltig beeinflusst haben.

Dieser neue Zugang bedingte die Erschliessung zusätzl. Quellen militärischer oder ziviler Art sowohl in den Ländern, in denen Schweizer Söldner dienten, wie auch in der Schweiz selbst. Man studierte etwa statistisch auswertbare Truppenverzeichnisse und rekonstruierte mit deren Hilfe die Zusammensetzung der Truppen, die Karrieren und wirtschaftl. Bedingungen des Söldnerdaseins. Andere aufschlussreiche Dokumente, z.T. aus Truppenarchiven, waren reglementar. Natur, wie die Kapitulationen, Herrschererlasse oder Dienstanweisungen. Ausserdem zog man die klass. Quellen der Sozialgeschichte wie Standesamts- und Notariatsregister sowie Gerichtsakten bei. In der Schweiz sind diesbezüglich die Register der Rekruten- oder Werbungskammern von besonderer Bedeutung.

Autorin/Autor: Philippe Henry / AW

2 - Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts

2.1 - Grundzüge der Entwicklung

Das goldene Zeitalter der F. waren die Jahrhunderte zwischen den Mailänderkriegen und der Franz. Revolution. Die Praxis hatte sich im SpätMA herausgebildet und um 1515 feste Formen gefunden. Ab dem 18. Jh. verloren die F. an Bedeutung, da sich Mentalitäten und Militärorganisation gewandelt hatten und die Söldner immer weniger den zeitgenöss. Anforderungen derjenigen Staaten entsprachen, die sie bisher angeworben hatten. Nach der Franz. Revolution lebte die Tradition der F. nur mehr kurz und schwach wieder auf.

Die rund 280 Jahre des goldenen Zeitalters lassen sich in zwei Perioden aufteilen. Die erste Periode, die bis ca. 1670 dauerte, war die der Reisläuferei; charakteristisch für sie waren zeitlich begrenzte Anwerbungen - diese galten oft nur für einen Feldzug, also einige Wochen oder Monate - von Söldnerhaufen oder später ganzer Kompanien durch Militärunternehmer. Nach 1670, als die Mächte zum Unterhalt stehender Heere übergingen, entstanden zunächst in Frankreich, dann auch in anderen Ländern permanente Söldnertruppen. Die Grösse der Einheiten wuchs, die Dauer des Dienstes wurde länger und genau festgelegt. Das Dienstreglement wurde strenger, die Rangordung stärker betont und die Disziplin verschärft. Da die Bedeutung der Technik für die Kriegskunst zunahm, gewannen die techn. Aspekte in der Soldatenausbildung an Gewicht. Die Bewaffnung (Waffen, Rüstung) hatte sich mit der Einführung des Steinschlossgewehrs und des aufpflanzbaren Seitengewehrs sowie dem Fortschritt der Artillerie weiterentwickelt. Die Taktik des Schlachthaufens war überholt, was zum Verschwinden der Spiessträger führte; der zeitgenöss. Einsatz der Infanterie bzw. der jetzt aufkommenden Grenadiere in der Schlacht erforderte eine Aufsplitterung der Verbände, eine Ausdünnung der Kampflinie und genaue Bewegungen der Einheiten. Die Kriegsführung wurde zunehmend weniger brutal; hatte die Beute lange einen Teil der Entlöhnung des Söldners abgegeben, so setzte sich das Verbot der Plünderung immer mehr durch, und Gefangene und Verwundete wurden nicht mehr wie früher kurzerhand niedergemacht.

Autorin/Autor: Philippe Henry / AW

2.2 - Die Hauptetappen der Entwicklung

Schon im frühen 13. Jh. standen "Schweizer" im Dienste der Kaiser; gegen Ende des Jahrhunderts kämpften Schweizer Söldner z.B. für Rudolf I. von Habsburg. Während des 14. Jh. nahm das Reislaufen weiter zu; v.a. Italien und das Mailand der Visconti lockten Schweizer Söldner an. Der Sempacher Brief versuchte 1393 vergeblich, diese Entwicklung einzudämmen.

Die Unterscheidung zwischen den mit Bewillung der Obrigkeit - also unter Abschluss einer Kapitulation - ausgehobenen Kontingenten und denjenigen, die Mann für Mann oder in kleinen Scharen angeworben wurden, bildete sich nun rasch heraus. Das nicht offizielle, wilde Söldnertum war häufig verboten, wurde aber dennoch bisweilen stillschweigend geduldet. Die F. wurden zunehmend eine Angelegenheit des Staates; sie wurden der Kontrolle der Regierungen unterstellt, die mit einer regelrechten Söldnerpolitik die Fluktuationen des Reislaufens in den Griff zu bekommen suchten. Dasselbe Ziel strebte auch die eidg. Tagsatzung an, blieb dabei aber erfolglos. Im 15. Jh. vervielfachten sich die Anwerbungen, auch wenn die Kantone, die nun zusehends Soldaten für ihre eigenen Eroberungsziele benötigten, diese Entwicklung etwas bremsten.

Im 15. Jh. nahm v.a. der Dienst für den franz. König einen grossen Aufschwung. Das erste diesbezüglich geschlossene franz.-eidg. Bündnis von 1453 bildete eine dauerhafte diplomat. Grundlage. Die Siege in den Burgunderkriegen vergrösserten die Wertschätzung für die Schweizer Söldner. Kg. Ludwig XI. stellte 1480 ein Schweizer Hilfskorps regulär auf und gewährte von 1481 an Schweizer Soldaten Privilegien v.a. fiskal. Art, die später noch weiter ausgebaut wurden. 1497 wurde die Gardetruppe der Hundertschweizer in Paris geschaffen; sie war die erste ständige schweiz. Truppeneinheit. Aber nicht nur Frankreich, auch anderen Ländern wie Spanien, Österreich, Savoyen und Ungarn dienten Schweizer Söldner.

Die schweiz. Teilnahme an den Mailänderkriegen liess die Zahl der Schweizer Söldner in die Höhe schnellen; zeitweise standen 10'000 bis 20'000 Schweizer im Dienste Frankreichs. Die bis dahin überlegene Schweizer Infanterie traf jedoch mehr und mehr auf eine wohl organisierte Artillerie und erlitt in den Schlachten von Marignano (1515), Bicocca (1522), Sesia (1523) und v.a. Pavia (1525) schwere Niederlagen. Auch wurde es zunehmend schwieriger, die höheren Interessen der einzelnen Orte oder der Eidgenossenschaft von den persönl. Interessen der jeweiligen Führungsschichten zu unterscheiden. Diese Probleme und die sich daraus ergebenden Unstimmigkeiten führten schliesslich zu einer Debatte über die F. und zur Opposition gegen jegl. Söldnertum. Als entschiedenster Gegner der Reisläuferei erwies sich der Reformator Huldrych Zwingli.

Der Erfolg des Söldnerwesens hatte spezifisch militär. Gründe. Das eidg. Verteidigungssystem basierte auf dem Milizsystem; das war ein moderner Zug, denn das für alle obligator. Aufgebot stellte vor der Franz. Revolution in Europa eine Ausnahme dar (Wehrpflicht). Die Pflicht zum Waffendienst, zur Verteidigung des eigenen Vaterlands, wurde in allen Orten und Talschaften der Eidgenossenschaft akzeptiert (Militärwesen). Das Schweizer Volk war vollständig von dem damals dem christl. Abendland eigenen krieger. Geist erfasst; die Lust an Waffen und Gewalt war überall lebendig. Im Übrigen gelangten die Schweizer infolge der militär. Erfolge, die freilich häufig gegen uneinige oder schwache Gegner errungen worden waren, in den Ruf der Unbesiegbarkeit. Ihre Kriegslust und Kriegstüchtigkeit sprachen ein Bedürfnis der europ. Herrscher an, denen das alte allg. Lehensaufgebot nicht mehr genügte, es aber auch nicht gelang, die eigenen Untertanen zum Militärdienst zu verpflichten. Indem sie sich für die Anwerbung bezahlter Berufssoldaten entschieden, knüpften sie an eine alte Tradition an; schon die Armeen des Altertums hatten sich zu einem beträchtl. Teil aus Söldnern zusammengesetzt.

In diesem hist. Kontext entstand gegen Ende des MA das Militärunternehmertum, für das der Typ des vom Herrscher bezahlten, privat Truppen rekrutierenden Zwischenhändlers charakteristisch war, wobei dieser die angeworbenen Einheiten oft nicht selbst befehligte. In der Schweiz bildete sich ein besonderes System heraus, indem sich die Kantone schliesslich an die Stelle dieses Vermittlers setzten; sie verhandelten sowohl mit den Herrschern als auch mit den Truppenführern und strichen einen Teil des Gewinnes aus den von ihnen kontrollierten Operationen ein.

Bei weitem am bedeutendsten war der Dienst für die Kg. von Frankreich, v.a. nachdem das Verhältnis zwischen der Eidgenossenschaft und Frankreich durch den Ewigen Frieden von 1516, den Bündnisvertrag von 1521 und dessen spätere Neuauflagen dauerhaft geregelt war und die geschlossenen Kapitulationen - die allg. Kapitulation von 1561 war bis 1671 gültig - die unerlaubten Anwerbungen einschränkten. In den franz. Religionskriegen dienten Schweizer Söldner in grosser Zahl auf kath. wie auf prot. Seite, ohne dass sie sich jedoch auf dem Schlachtfeld je begegneten. Die Organisation der Söldnertruppen verfestigte sich: Von 1526 an erfolgte monatlich eine Truppenschau, die Bezahlung wurde regelmässig, Obersten kommandierten die Regimenter und die ersten schweiz. Arkebusier-Regimente kamen auf. Ab 1571 fungierte der Generaloberst der Schweizer und Bündner Truppen, der freilich keine Befehlsgewalt hatte, als Verbindungsmann zwischen der franz. Regierung und den Schweizern. Dieses ertragreiche und ehrenvolle Amt bekleideten stets Mitglieder der vornehmsten Adelshäuser Frankreichs. Ludwig XIII. gründete 1616 als zweite ständige Schweizer Einheit das Regiment der Schweizergarden. Ausser mit Frankreich wurden auch mit vielen anderen europ. Staaten Kapitulationen ausgehandelt, so v.a. während des Dreissigjährigen Krieges mit Spanien sowie mit Savoyen, Venedig und Genua. Auch der nicht durch Kapitulationen geregelte Dienst nahm zu, in erster Linie für Schweden, Sachsen und Bayern.

Kg. Ludwig XIV., dem viele "freie", d.h. nicht durch Kapitulationen gegründete Kompanien dienten, schuf 1671 permanente Schweizer Regimenter, die nun den Namen ihres Obersten trugen. Das 1672 aufgestellte Berner Regiment von Erlach war das erste von elf Linienregimentern, die bis zur Revolution dem franz. König dienten. Die Einführung ständiger Regimenter, die sich bald in ganz Europa verbreitete, erklärt sich aus dem bereits oben angesprochenen Wandel der Kriegsführung, die nun eine längere und gründlichere Ausbildung der Soldaten erforderte. Man verpflichtete die Söldner jetzt für drei oder vier Jahre, manchmal sogar für noch längere Zeit. Die schweiz. Soldaten verloren infolge dieser Reformen die letzten Reste ihrer früheren Überlegenheit, aber diese Entwicklung war langsam und wurde wettgemacht durch Waffentaten, die den guten Ruf der Söldner aus der Eidgenossenschaft wach hielten.

Der franz. König unterhielt bei weitem die meisten Schweizer Söldner; 1678, am Ende des franz.-holländ. Krieges, kämpften sieben Regimenter und 40 freie Kompanien für ihn, was einem theoret. Mannschaftsbestand von 25'000 Mann entsprach. Daneben standen auch mehr und mehr schweiz. Soldaten im Dienst anderer Länder. So schlossen die kath. Kantone bis zum Ende des 18. Jh. viele Kapitulationen mit Spanien, während die Reformierten neben Frankreich für die Vereinigten Niederlande kämpften. Ausserdem dienten Schweizer Söldner auch England, Polen, Österreich (bis um 1740), Piemont-Sardinien und Venedig (bis 1719).

Die elf Schweizer Linienregimenter im französischen Dienst 1672-1792
Regimentsname 1792Rekrutierungs- gebietRegimentsbesitzerRegimentsname 1792Rekrutierungs- gebietRegimentsbesitzer
WattenwylBern1672ErlachChâteauvieuxdiverse Orte1677Stuppa (Johann Baptist)
63. Inf. Rgt. 1694Manuel79. Inf. Rgt. 1692Surbeck
  1701Villars-Chandieu  1714Hemel
  1728May  1729Besenval
  1739Bettens  1738Joffrey de la Cour-au-Chantre
  1751Jenner  1748Grandvillars
  1762Erlach von Riggisberg  1749Balthasar
  1782Ernst  1754Planta von Wildenberg
  1792Wattenwyl  1760Darbonnier de Dizy
Salis-SamedanSolothurn1672Stuppa (Johann Peter)  1763Jenner
64. Inf. Rgt.Aargau1701Brendlé  1774Aubonne
 Freiburg1738Seedorf  1783Lullin de Châteauvieux
 Graubünden1752BoccardDiesbachdiverse Orte1689Salis
  1785Salis-Samedan85. Inf. Rgt. 1702May
SonnenbergBern1672Salis-Zizers  1715Buisson
65. Inf. Rgt.Neuenburg1690Polier  1721Diesbach-Steinbrugg
 Schwyz1692Reynold  1764Diesbach de Belleroche (Romain)
 Luzern1702Castella  1785Diesbach de Belleroche (Ladislas)
 Graubünden1722Bettens  1792Diesbach
  1739MonninCourtenWallis1690Courten (Jean-Etienne)
  1756Reding86. Inf. Rgt. 1723Courten (Melchior-François)
  1763Pfyffer von Wyher  1724Courten (Pierre-Anne)
  1768Sonnenberg  1744Courten (Maurice)
CastellaLuzern1672Pfyffer von Wyher  1766Courten (Antoine-Pancrace)
66. Inf. Rgt.Glarus1689Hässi  1790Courten (Jean-Antoine)
 Freiburg1729BurkySalis-Grisons/   
 Solothurn1737TschudiSalis-MarschlinsGraubünden1734Travers von Ortenstein
  1740Vigier von Steinbrugg95. Inf. Rgt. 1741Salis-Soglio
  1756Castella  1744Salis-Maienfeld
VigierSolothurn1673Greder (Wolfgang)  1762Salis-Marschlins
69. Inf. Rgt. 1691Greder (Hans Ludwig)SteinerZürich1752Lochmann
  1703Greder (Balthasar)97. Inf. Rgt. 1777Muralt
  1714Affry  1782Steiner
  1734WidmerReinachevtl. Fürstbistum Basel1758Eptingen
  1757Waldner von Freundstein100. Inf. Rgt. 1783Schönau
  1783Vigier von Steinbrugg  1786Reinach

Quellen:Autor

Im 18. Jh. setzte der Abstieg des Schweizer Söldnertums ein. Dieser Niedergang war nach Richard Feller zunächst wirtschaftl. und moral. Natur, bevor er sich dann auch zahlenmässig auswirkte. Die Lasten und die finanziellen Risiken nahmen damals für die Besitzer der Truppeneinheiten zu: Die Ausrüstung der Soldaten ging mit Ausnahme der Waffen auf ihre Kosten und die Verluste infolge von Desertionen (Fahnenflucht) waren beträchtlich. Die Schweizer Soldaten selbst stellten sich immer häufiger die Frage nach den Vor- und Nachteilen des Söldnerdaseins. Für sie verlor der Dienst an Anziehungskraft, da Plünderungen nicht mehr gestattet waren und der Sold durch die Geldentwertung an Kaufkraft verlor. Die Verschärfung der Truppendisziplin und die Einführung des Drills änderten zudem das Ansehen des Dienstes; das Soldatenleben wurde zunehmend als erniedrigend empfunden und das Waffenhandwerk negativ beurteilt. Wichtig für diesen Wandel war auch die Schlacht von Malplaquet 1709, in der Schweizer sowohl auf der Seite des franz. Königs wie auch auf derjenigen der Koalition (Reich, England, Preussen, Niederlande) dienten und sich gegenseitig niedermetzelten; 8'000 Schweizer fielen damals. Die Reformen des franz. Ministers Etienne François de Choiseul von 1764 missfielen, da sie die Aufsicht des Staates über die Söldnertruppen verstärkten. Schliesslich verlor die militär. Auswanderung infolge des wirtschaftl. Wandels in der Schweizer Gesellschaft grundsätzlich an Bedeutung. Das Ende des 18. Jh. war als Zeit des Friedens ohne grössere Kriegshandlungen ohnehin wenig günstig für den Fortbestand des Söldnertums.

Die Franz. Revolution und das napoleon. Kaiserreich beschleunigten den Niedergang des Söldnerwesens, das infolge der Einführung der allg. Wehrpflicht und des Volksheers jetzt grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Nachdem sich die Disziplin der eigentlichen franz. Truppen erheblich verschlechtert hatte, wurden im Juli 1791 per Dekret alle fremden Regimenter mit Ausnahme der schweizerischen aufgelöst. Die disziplinar. Probleme hatten unter dem Einfluss revolutionärer Propaganda auch schon vorher die in Frankreich immer unpopulärer werdenden Schweizer Regimenter teilweise erfasst; von 1789 an waren Desertionen von Soldaten der Schweizergarden zu beobachten, und im August 1790 hatte das Regiment Châteauvieux in Nancy gemeutert; diese Revolte war brutal unterdrückt worden. Der Widerstand der Schweizergarden während des Tuileriensturms am 10.8.1792 rief im ganzen Land Entrüstung hervor und führte schliesslich zur Entlassung aller Schweizer Truppen durch das Dekret der Gesetzgebenden Versammlung vom 20.8.1792. Bis 1798 begaben sich keine Schweizer Soldaten mehr in franz. Dienste. Als die Praxis der F. unter Napoleon wieder aufgenommen wurde, hatten sich diese völlig geändert; sie wurden erzwungen, eigentlich handelte es sich um verschleierte Aushebungen. Diese Praxis wurde während des gesamten franz. Kaiserreichs beibehalten. Allerdings dienten überaus viele Schweizer als Einzelpersonen in den Revolutionsheeren oder Napoleons Armee.

Nach dem Sturz Napoleons lebte die Tradition der F. wieder auf. Schweizer traten gerne in den Dienst Kg. Ludwigs XVIII., und die königl. Schweizergarde wurde neu gegründet. 1816 wurde die letzte Kapitulation für vier Linien- und zwei Garderegimenter mit insgesamt 14'000 Mann unterzeichnet. Die Neubelebung der F. währte nur kurz. Das Söldnerwesen wurde in Frankreich wie auch in der Schweiz attackiert. Während der Julirevolution von 1830 fielen 300 Schweizer bei der Verteidigung des Louvre und der Tuilerien. Die Tagsatzung rief daraufhin im August alle Regimenter zurück und setzte damit den F.n für Frankreich ein Ende. Zwar dienten auch Schweizer in der 1831 gegründeten franz. Fremdenlegion - insofern könnte man von einem Weiterleben der Tradition sprechen -, doch handelt es sich hier um Einzelpersonen, die ohne Beteiligung der kant. Behörden angeworben wurden.

In der Schweiz wurden die Angriffe auf das Söldnertum, das als archaisch kritisiert wurde, immer heftiger; sein Untergang war infolge der Festigung des Nationalgefühls und der Demokratisierung der Institutionen sowie der öffentl. Meinung nur mehr eine Frage der Zeit. Zudem entwickelten sich nun neue Formen der Emigration, welche die Probleme der relativen Überbevölkerung auf eine akzeptiertere Weise lösten.

Der Dienst für Spanien wurde durch einen Entscheid der Cortes im Jahre 1823 abgeschafft, der für die Niederlande, mit denen 1814 eine Kapitulation über die Stellung von vier Regimentern abgeschlossen worden war, dauerte bis 1829. Der Dienst für Sardinien-Piemont endete 1815 - die Hundertschweizer der Garde dienten freilich noch bis 1832 -, der für England im Jahre 1816. Am längsten hielten sich die Dienste für den Papst und das Königtum Neapel. 1832 war mit dem Vatikan die Kapitulation zweier Regimenter vereinbart worden, die während der röm. Revolution aufgelöst und danach unter dem Namen "Fremde Regimenter" neu gebildet wurden. Eines dieser Regimenter bestand bis 1870. Die Dienste für Neapel dauerten bis 1859; sie waren 1789 aufgegeben, dann aber 1825 neu begründet worden.

Der Fall Neapel stand im Mittelpunkt der Diskussion, die schliesslich zur Aufhebung der F. führte. Artikel 11 der Bundesverfassung von 1848 verbot den Abschluss neuer Kapitulationen, ohne die bereits geschlossenen aufzuheben oder die Anwerbung von Einzelpersonen zu verbieten. Erst 1859 wurde jeder Waffendienst für eine fremde Macht ohne ausdrückl. Erlaubnis des Bundesrats verboten - Kraft dieses Gesetzes sollten später die Schweizer Kombattanten im Span. Bürgerkrieg strafrechtlich vefolgt werden - und damit dem Söldnertum juristisch ein Riegel geschoben. Nur in einigen marginalen Formen wie z.B. der Päpstlichen Schweizergarde tritt das Söldnertum heute noch auf, ohne dass ihm wie früher die Bedeutung eines sozialen Phänomens zukäme.

Autorin/Autor: Philippe Henry / AW

3 - Demografische Bedeutung

Es ist äusserst schwierig, das Gewicht dieser militär. Emigration zu bestimmen, auch wenn einige Forscher schon vor langer Zeit sogenannt verlässl. Zahlen vorbrachten. Wilhelm Bickel etwa behauptete 1947, dass zwischen dem 15. Jh. und 1850 zwischen 900'000 und 1,1 Mio. Schweizer in der Fremde gedient hätten, während Vallière sogar von 2 Mio. sprach. Andere Betrachter wie Markus Mattmüller, welche die in den Kapitulationen angegebenen Mannschaftsstärken nicht ungefiltert wiedergeben, sondern diese einer quellenkrit. Überprüfung unterziehen, kommen dagegen auf deutlich niedrigere Zahlen, die freilich auch nicht schlüssig beweisbar sind. Immerhin weiss man jetzt, dass die tatsächl. Stärke der kapitulierten Einheiten sehr häufig unter der in den Kapitulationen genannten Stärke lag und dass in den Schweizer Regimentern immer auch Soldaten aus anderen Ländern dienten. Bisweilen machten diese mehr als 50% einer Einheit aus.

Eine Untersuchung der einzelnen Soldatenschicksale offenbart die hohe Sterblichkeit während der Dienstzeit; Willy Pfister schätzt die Sterblichkeit der 8'000 Soldaten aus dem Berner Aargau, die im 18. Jh. Frankreich, den Niederlanden und dem Königreich Sardinien dienten, auf 18%, wobei Krankheiten und Epidemien mehr Soldaten dahinrafften als Schlachten. V.a. unter den jungen Rekruten war die Sterblichkeit überdurchschnittlich hoch. Ein anderes Ergebnis der neueren Forschung ist die grosse Bedeutung der Fahnenflucht, die während des Ancien Régime geradezu eine Geissel der Armeen darstellte. Gründe für die Fahnenflucht waren die oft unkorrekten Formen der Anwerbung, die Abneigung gegen Disziplin und Soldatenleben, ganz allgemein aber auch die wirtschaftl. Not des gemeinen Soldaten, der häufig bei seinem Hauptmann verschuldet war und nach dem Ablauf der Dienstzeit von diesem zur Vertragsverlängerung gezwungen wurde. Die traditionelle Geschichtsschreibung hat die Schweizer Söldner stets vom Vorwurf der Desertion ausgenommen; im 18. Jh. begingen aber anscheinend die Schweizer nicht weniger häufig Fahnenflucht als andere Söldner. Von den oben angeführten Aargauern setzte sich etwa ein Viertel von seiner Truppe ab.

Der Einfluss dieser - von den Beteiligten als zeitlich begrenzt aufgefassten - militär. Emigration auf die Bevölkerungsentwicklung ist nicht genau zu fassen. Betrachtet man ein grösseres Gebiet oder gar einen ganzen Kanton, so beträgt die Zahl der Söldner gegen Ende des 17. und während des 18. Jh. nie mehr als einige Prozent der Gesamtbevölkerung. Dennoch konnten die Folgen dieser Abwanderung für kleinere Räume bedeutend sein; dies wird sofort klar, wenn man die Zahl der Söldner mit der Gesamtzahl der diensttaugl. Männer (z.B. im Kt. Glarus), also der Generation, die wirtschaftlich am aktivsten war und die im zeugungsfähigen Alter stand, in Zusammenhang stellt. Zum rein zahlenmässigen Bevölkerungsschwund durch den Fortzug der Söldner sind die Auswirkungen von deren Abwesenheit auf die Natalität und das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen zu addieren: Die Zahl der unverheirateten Frauen stieg an, was diese ihrerseits zur Emigration veranlasste. Die F. konnten also das Bevölkerungswachstum durchaus verlangsamen.

Autorin/Autor: Philippe Henry / AW

4 - Wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte

Die wirtschaftl. Auswirkungen der F. berührten die verschiedensten Bereiche. So zahlten z.B. auf Söldner angewiesene Herrscher den Kantonen, welche die Anwerbung gestatteten, Pensionen, von denen die Staatsfinanzen erheblich profitierten. Zu diesen Staatspensionen konnten nun noch private hinzukommen, die bestimmten hochgestellten, für die Verhandlungen wichtigen Personen ausgerichtet wurden. Die Praxis der Pensionen setzte im 15. Jh. ein und wurde im 16. Jh. allgemein üblich. Die gezahlten Gelder erhöhten sich immer mehr und bildeten v.a. in den kleinen Landsgemeindekantonen einen wichtigen Teil des Staatshaushalts. Im 18. Jh., in dem die Staatshaushalte allgemein wuchsen, nahm die Bedeutung der Pensionen als Einnahmequelle freilich wieder ab.

Die Gewinnaussichten der Offiziere waren sehr ungewiss; die Einnahmen der Hauptmänner, die eine Kompanie besassen, hingen von ihren Führungsfähigkeiten, den Bedingungen der Kapitulation, dem Einsatz der Kompanie und der Finanzkraft des Herrschers ab. Die Unwägbarkeiten waren sehr gross und die tatsächl. Einkünfte sehr unterschiedlich. Im 16. und 17. Jh. waren spektakuläre Reichtumsanhäufungen zwar selten, aber die Gesamtlage war verhältnismässig günstig. Gegen Ende des 17. Jh. begann sie sich zu verschlechtern; die Kosten der Anwerbung stiegen, die Fahnenflucht wurde etwas Alltägliches, die Verluste auf den Schlachtfeldern nahmen zu und die finanzielle Kontrolle des Dienstherrn verstärkte sich. Die schlechte Finanzlage der Militärunternehmer war charakteristisch für das 18. Jh., viele waren hoch verschuldet. Während in den vorhergehenden Jahrhunderten die F. mancher Fam. zu Wohlstand verholfen hatten, konnten sich jetzt nur mehr wenige höhere Offiziere, Oberste und Generäle an ihnen bereichern. Die Unteroffiziere hatten Mühe, ohne Hilfe ihrer Fam. für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen; zudem benötigten sie, um befördert zu werden, zunehmend die Unterstützung einflussreicher Leute, Beziehungen und Geldmittel. Aus diesem Blickwinkel erscheint es paradox, dass gewisse Gesellschaftsschichten an der Praxis der F. festhielten oder ihr Engagement noch verstärkten. Das Beibehalten der Tradition entsprang aber noch anderen Motiven, wie z.B. in Zürich der Sorge um den Erhalt oder den Gewinn polit. Einflusses und der Anziehungskraft des adeligen Lebensstils. Zudem stellten die F. für das Stadtbürgertum auch ein Mittel des sozialen Aufstiegs dar.

Das Elend des gemeinen Soldaten war im 18. Jh. offenkundig. Im Vergleich zu den vorhergehenden Jahrhunderten, in denen der Solddienst zweifellos guten Verdienst versprach, war der reale Wert des Soldes spürbar gesunken. Die Abzüge vom Sold oder vom Handgeld vervielfältigten sich, und es wurde unmöglich, für die Zeit nach der Rückkehr ins Heimatland Geld beiseite zu legen. Die Verminderung des Einkommens führte zum wirtschaftl. Abstieg und schliesslich zum Absinken der Söldnerzahlen, wobei es auch eine Rolle spielte, dass das Angebot an alternativen Verdienstmöglichkeiten in der Schweiz zunahm. In den Jahrzehnten vor der Reformation war beklagt worden, dass es der Eidgenossenschaft wegen des Reislaufens an Arbeitskräften fehle. Während des 16. und 17. Jh. hatten die Hauptleute ohne Schwierigkeiten genügend Männer gefunden, um ihre Regimenter zusammenzustellen. Im 18. Jh. entwickelte sich die Lage wieder in die andere Richtung, was zu korrupten Anwerbungsmethoden und zur Zunahme von Fremden und Randständigen in den Schweizer Regimentern führte.

Bis zum Ende des 17. Jh. trugen die F. zum Abbau der relativen Überbevölkerung in der Schweiz und zur Bildung des Nationaleinkommens bei, auch wenn die eingeführten Geldsummen eher bescheiden waren. Die F. standen nicht im Widerspruch zu den Erfordernisssen der Binnenwirtschaft, sondern wirkten sich vielmehr in vielfältiger Hinsicht positiv auf diese aus, v.a. in Zeiten von Konjunkturkrisen. Im 18. Jh. wurden diese positiven Auswirkungen langsam schwächer und verschwanden dann vollständig. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stiegen jetzt die Söldnerzahlen nicht mehr massiv an. Das Waffenhandwerk verlor seine frühere Popularität nicht nur in den gesellschaftl. und kulturellen Führungsschichten, sondern in der gesamten Bevölkerung. Verantwortlich für diesen Gesinnungswandel war die Geistlichkeit, v.a. die den Solddienst seit jeher ablehnenden ref. Pfarrer, Erzählungen ehemaliger Söldner und die offenkundig unlauteren Praktiken bei der Anwerbung. Der Untergang des Söldnertums, das zum Verlustgeschäft geworden war und sein soziales Ansehen eingebüsst hatte, war besiegelt; der im 18. Jh. einsetzende Niedergang beschleunigte sich im 19. Jh.

Autorin/Autor: Philippe Henry / AW

Quellen und Literatur

Literatur
– R. Feller, «Alliances et service mercenaire 1515-1798», in Histoire militaire de la Suisse, 1916, H. 6, 5-64
– H. Dubler, Der Kampf um den Solddienst der Schweizer im 18. Jh., 1939
– P. de Vallière, Treue und Ehre, 1940 (franz. 1913)
– J.J. Aellig, Die Aufhebung der schweiz. Söldnerdienste im Meinungskampf des 19. Jh., 1954
– A. Corvisier, L'armée française de la fin du XVIIe siècle au ministère de Choiseul, 2 Bde., 1964
– H. Suter Innerschweiz. Militär-Unternehmertum im 18. Jh., 1971
– M.F. Schafroth, «Der Fremdendienst», in SZG 23, 1973, 73-87
– W. Bührer, Der Zürcher Solddienst des 18. Jh., 1977
– W. Pfister, Aargauer in fremden Kriegsdiensten, 2 Bde., 1980-84
– H.C. Peyer «Die wirtschaftl. Bedeutung der F. für die Schweiz vom 15. bis 18. Jh.», in Könige, Stadt und Kapital, hg. von L. Schmugge et al., 1982, 219-231
– M. Mattmüller, Bevölkerungsgesch. der Schweiz, Tl. 1, 2 Bde., 1987
– A.-L. Head, «Intégration ou exclusion: le dilemme des soldats suisses au service de France», in La Suisse dans l'économie mondiale, hg. von P. Bairoch, M. Körner, 1990, 37-55
– A.-J. Czouz-Tornare, Les troupes suisses capitulées et les relations franco-helvétiques à la fin du XVIIIe siècle, 2 Bde., 1996
– N. Furrer et al. Gente ferocissima, 1997
– D. Bregnard et al., Des Jurassiens à la conquête de la Corse, 2002
– A.-J. Tornare, Les Vaudois de Napoléon, 2003
– L. Gally-de Riedmatten «Le soldat valaisan au service de l'Empereur Napoléon», in Vallesia, 59, 2004, 1-197
Schweizer in "F.n", hg. von H.R. Fuhrer, R.-P. Eyer, 2005
Schweizer Solddienst, hg. von R. Jaun et al., 2010
– P. Rogger Die Pensionenunruhen 1513-1516, Diss. Bern, 2010