• <b>Landesverteidigung</b><br>Ein im Luzerner Kontingent dienender Entlebucher Soldat während des 1. Koalitionskriegs (1792–1797) in Basel. Kolorierte Radierung von  Friedrich Christian Reinermann,   veröffentlicht von Christian von Mechel um 1795 (Staatsarchiv Basel-Stadt, BILD Falk. A 513). Beim Ausbruch des Koalitionskriegs forderte Basel zum Schutz der Nordwestgrenze und der Neutralität bei den Miteidgenossen kantonale Kontingente an.
  • <b>Landesverteidigung</b><br>Ausstellungsplakat von  Otto Baumberger,   1934 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Zwischen 1934 und 1939 sensibilisierten zahlreiche Veranstaltungen wie Ausstellungen, Flugtage und Defilees die Öffentlichkeit für die verschiedenen Aspekte der Landesverteidigung.

Landesverteidigung

Die schweiz. L. umfasst die Gesamtheit der zivilen, militär. und polit. Massnahmen zur Sicherung der staatl. Unabhängigkeit und Abwehr äusserer Bedrohung. Sie reicht in ihren Anfängen ins SpätMA zurück und hat wie kaum ein anderer Bereich staatl. Handelns die Geschichte der Schweiz bestimmt. Der Begriff taucht im 16. und 17. Jh. im Rahmen der europ. Landesdefensionskonzepte auf.

1 - Alte Eidgenossenschaft (1300-1798)

Der Wille zur gemeinsamen militär. Anstrengung war im 13. Jh. ein konstitutives Element bei der Entstehung der Eidgenossenschaft, das sich in mehreren Bündnissen niederschlug, so im westl. Mittelland in den Städtebünden zwischen Bern, Freiburg und Murten (Burgundische Eidgenossenschaft), im Nordosten in den Städtebünden von Zürich und Konstanz und im zentralen Alpenraum im Bündnis der reichsfreien Talschaften von Uri, Schwyz und Unterwalden. Diese Selbsthilfeorganisationen im Dienste der gemeinsamen Sicherheit erstrebten anfänglich v.a. die Durchsetzung einer Landfriedensordnung gegenüber sippschaftl. Rechtsansprüchen von Blutrache und Fehde, aber auch schon früh die Abwehr aller Feinde "innerhalb der Täler und ausserhalb" (Bundesbrief 1291). Der Morgartenkrieg (1315) stärkte die gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen der drei Waldstätten. Der Bund von Brunnen (1315) umschrieb die Beistandsverpflichtungen bei kriegerischen Verwicklungen konkreter als der Zusammenschluss von 1291; er sah auch aussenpolit. Massnahmen vor. Der Wille, fremde, v.a. habsburg. Einflüsse abzuwehren, führte zur Ausweitung des Urschweizer Bundes zur achtörtigen (1353), zehnörtigen (1481) und schliesslich dreizehnörtigen (1513) Eidgenossenschaft.

Kern des eidg. Kriegswesens bildete das Recht der Orte, die Verbündeten zur Hilfe zu rufen, zu "mahnen", und die Pflicht der "Gemahnten", Hilfe zu leisten. Kamen diese rechtzeitig, wurde etwa ein Entsatz möglich wie jener von Laupen (Laupenkrieg, 1339-40) oder von Murten (1476); verzögerte sich aber der Auszug, kam die Rettung für die Belagerten wie bei der Schlacht von Grandson (1476) zu spät. Das System der Mahnungen und Zuzüge setzte einen gemeinsamen polit. Willen und eine zweckmässige Mobilmachungsorganisation voraus. Es schränkte damit die militär. und aussenpolit. Handlungsfreiheit der eidg. Orte ein und brachte eine Übertragung von hoheitl. Rechten an das gemeinsame Bündnis mit sich.

In den versch. Bundesbriefen, Landrechten und Stadtrechten waren das Mahnrecht, die Kosten des Zuzuges und die geogr. Ausdehnung der Hilfsverpflichtung (Hilfskreis) unterschiedlich festgelegt. Die Beschaffung von Waffen und Rüstung war in der Regel die Pflicht des einzelnen Wehrmanns. Erst ab dem SpätMA wurden Zeughäuser eingerichtet. Die zusammengeführten Wehraufgebote der einzelnen Orte unterstellte man einem gemeinsamen Kommando, dem Kriegsrat. Die Kriegführung suchte die Entscheidung in der Schlacht und praktizierte den Kleinkrieg; weniger häufig wurde die Belagerungstechnik angewendet. Zu den militär. Vorbereitungen gehörten Befestigungen zur Verteidigung von Städten und Talschaften. Im Sempacherbrief und im Stanser Verkommnis legten die Eidgenossen die wichtigsten Regeln für den Krieg fest. Die Expansionspolitik des 15. und noch des 16. Jh. hatte die Eidgenossen zum Rhein, in die Täler südlich des Gotthards und zum Genfersee geführt. Ziel war die Festlegung der Grenzen an topografisch günstigen Linien und die Verteidigung wirtschaftl. Interessen.

Mit der verlorenen Schlacht von Marignano (1515) nahm die expansive Phase der eidg. Politik ihr Ende. Seit der 1. Hälfte des 16. Jh. beschränkten sich die eidg. Orte auf die Defensive. Ab dem 16. Jh. gewann die Aussenpolitik auch für die L. an Bedeutung. Die grossen Staatsverträge, etwa 1511 die Erbeinigung (Ewige Richtung) mit Österreich oder 1521 der Vertrag mit Frankreich (Allianzen), enthielten wichtige Grundsätze der L.: sich gegenseitig nicht anzugreifen, keinen Dritten zu unterstützen sowie sich im Kriegsfall militärisch und finanziell zu helfen. Zudem verankerten die meisten Verträge mit ausländ. Mächten das eidg. Gebiet im Völkerrecht.

Zu Beginn des 17. Jh. reorganisierten als Erste die Städteorte Bern und Zürich ihr Wehrwesen nach dem Modell der oranischen Reformen und der sog. Landesdefension. 1638 beschloss die Tagsatzung, dass die Eidgenossenschaft sich im Dreissigjährigen Krieg neutral zu verhalten habe. 1647 einigten sich die Stände auf das Defensionale von Wil (Defensionalordnungen), das eine eidg. Armee von 40'200 Mann in drei Auszügen vorsah. Die militär. Vorbereitungen, deren Qualität unterschiedlich war, oblagen den einzelnen Orten. Während die wohlhabenden Städte mit der neuzeitl. Rüstungsentwicklung Schritt halten konnten und mächtige Befestigungsschanzen erbauten, blieben die Verteidigungsanstrengungen der Länderorte bescheiden. Im Gegensatz zum Ausland, wo stehende Heere aufgebaut wurden, bewahrten die eidg. Orte das Milizsystem. Bedeutsam war das von Soldaten und Offizieren in Fremden Diensten erworbene militär. Können. Sie trugen zur Sicherheit der Schweiz bei, weil die europ. Monarchen, allen voran der franz. König, die Rekrutierung von schweiz. Söldnern für ihre Heere nicht gefährden wollten.

<b>Landesverteidigung</b><br>Ein im Luzerner Kontingent dienender Entlebucher Soldat während des 1. Koalitionskriegs (1792–1797) in Basel. Kolorierte Radierung von  Friedrich Christian Reinermann,   veröffentlicht von Christian von Mechel um 1795 (Staatsarchiv Basel-Stadt, BILD Falk. A 513).<BR/>Beim Ausbruch des Koalitionskriegs forderte Basel zum Schutz der Nordwestgrenze und der Neutralität bei den Miteidgenossen kantonale Kontingente an.<BR/><BR/>
Ein im Luzerner Kontingent dienender Entlebucher Soldat während des 1. Koalitionskriegs (1792–1797) in Basel. Kolorierte Radierung von Friedrich Christian Reinermann, veröffentlicht von Christian von Mechel um 1795 (Staatsarchiv Basel-Stadt, BILD Falk. A 513).
(...)

Obwohl sich die Defensionalordnungen in den versch. Grenzbesetzungen des 17. und 18. Jh. bewährt hatten (so nach Ausbruch des 1. Koalitionskrieges), versagte die auf den spätma. Bünden und den Defensionalen des 17. Jh. beruhende Eidgenossenschaft 1798 beim Angriff der modernen franz. Revolutionsarmee (Franzoseneinfall). Primär Berner und Schwyzer Truppen leisteten den franz. Invasoren zwar punktuell Widerstand, doch das Fehlen einer zentral geleiteten, modern gerüsteten und gesamteidgenössisch konzipierten L. führte zum militär. Debakel und trug zum Untergang der alten Eidgenossenschaft und zur einzigen Phase der Fremdherrschaft in der Schweizer Geschichte bei.

Autorin/Autor: Marco Jorio, Hans Stadler

2 - Helvetik und Mediation (1798-1815)

Die Helvet. Republik entzog das Wehrwesen der Zuständigkeit der Kantone. Damit wurde die L. erstmals zentralisiert. Die Militärorganisation beruhte auf dem Grundsatz der allg. Wehrpflicht und sah ein Milizheer für die L. und ein kleines stehendes Heer, die sog. Helvet. Legion, für die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung vor. Nach dem Ende der Helvetik wurde das Konzept eines nationalen stehenden Heers aufgegeben. Mit der Mediationsverfassung von 1803 verfügte die Tagsatzung über das Bundesheer (rund 15'000 Mann), das von einem General kommandiert wurde. Ausbildung und Ausrüstung der Truppen waren wieder Sache der Kantone. 1804 wurde mit dem militär. Reglement die erste Militärorganisation geschaffen. 1805, 1809 und 1813-15 fanden Grenzbesetzungen statt. Für Napoleon mussten vier Regimenter (16'000 Mann) ausgehoben und bewaffnet werden. Mit der von ihm verfügten Kontinentalsperre von 1806 war die Schweiz erstmals in erhebl. Ausmass in einen Wirtschaftskrieg einbezogen und sah sich gezwungen, Massnahmen zur wirtschaftl. L. zu treffen (Wirtschaftliche Landesversorgung).

Autorin/Autor: Marco Jorio, Hans Stadler

3 - Das 19. Jahrhundert (1815-1914)

Nach Napoleons Scheitern konnte die Schweiz die L. wieder selbst gestalten. Strateg. Ziel war neben der Sicherstellung von Ruhe und Ordnung im Innern die Verteidigung des Territoriums der 22 Kantone. Die Defensivstrategie wurde durch die auf dem Wiener Kongress (1815) von den europ. Mächten anerkannte, wiederhergestellte Neutralität vorgegeben, welche sich im 19. und 20. Jh. zur zentralen aussenpolit. Maxime entwickelte. Der Bundesvertrag von 1815 bzw. das Militärreglement von 1817 erhöhte den Bestand der aus kant. Kontingenten zusammengesetzten Bundesarmee auf 35'000 Mann. Die Tagsatzung bestimmte über die Armee (und verfügte mit der Kriegskasse über eigene finanzielle Mittel), wählte den General, den Generalstab sowie die eidg. Obersten und entschied über Krieg und Frieden sowie über Bündnisse mit dem Ausland. Damit gingen zentrale Kompetenzen der L. und wichtige Souveränitätsrechte von den Kantonen an die Tagsatzung über.

Die Bundesverfassung von 1848 nannte als ersten Zweck des Bundes die Behauptung der Unabhängigkeit nach aussen und die Handhabung von Ruhe und Ordnung im Innern. Die L. wurde eine zentrale Aufgabe des jungen Bundesstaates. Das Bundesheer wurde auf 100'000 Mann in Auszug und Reserve erhöht. Der Bund übernahm die Ausbildung von Spezialtruppen und des höheren Kaders und hatte die militärischen Leistungen der Kantone zu beaufsichtigen.

Bereits in den versch. Aktivdiensten, v.a. aber im Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) stellte sich heraus, dass das System der kant. Kontingente nicht mehr genügte. Auf der Basis des Reformprojekts von Bundesrat Emil Welti von 1868 übertrug die Bundesverfassung von 1874 das Wehrwesen mit wenigen Ausnahmen dem Bund: Militärgesetzgebung, Bewaffnung und Ausbildung wurden ausschliesslich Bundessache; die Bestände der Armee setzten sich nicht länger aus kant. Kontingenten zusammen. In der folgenden vierzigjährigen Friedenszeit wurde die militär. L. systematisch aufgebaut (Durchsetzung der allg. Wehrpflicht, Erhöhung der Bestände, moderne Rüstung, Bau von Befestigungen), nicht zuletzt weil sich die strateg. Lage des schweiz. Kleinstaats aufgrund der nationalen Einigung Italiens und Deutschlands, dem Bau der grossen Eisenbahntunnels durch die Alpen und der wachsenden Kriegsbereitschaft der Nachbarländer immer schwieriger gestaltete. Die militärische L. wurde nun unterstützt durch eine aktive Aussenpolitik (z.B. beim Aufbau der ersten, teilweise in der Schweiz domilizierten Internationalen Organisationen), die Entwicklung einer professionellen Diplomatie und Massnahmen zur wirtschaftl. Landesversorgung.

Autorin/Autor: Marco Jorio, Hans Stadler

4 - Die Weltkriege (1914-1945)

Die Vorbereitungen für die militärische L. bewährten sich im Ersten Weltkrieg. Nicht zuletzt der systemat. Festungsbau am Gotthard und bei Saint-Maurice und die in Anwesenheit von Ks. Wilhelm II. durchgeführten Manöver in der Ostschweiz schufen Vertrauen in die bewaffnete Neutralität; die Schweiz blieb in den Operationsplänen Deutschlands und Italiens weitgehend ausgeklammert. Während des Kriegs wurde die Schlagkraft der Armee unter General Ulrich Wille weiter ausgebaut. Im Aktivdienst standen zwischen 30'000 und 100'000 Mann unter den Fahnen. Durch Truppenkonzentrationen im Pruntruter Zipfel, wo die dt.-franz. Front, und im Unterengadin, wo die ital.-österr. Front an die Schweizer Grenze stiessen, versuchte die Armeeleitung, ein Übergreifen des Krieges auf die Schweiz zu verhindern. Trotzdem kam es zu über 1'000 Grenzverletzungen (inkl. Luftraumverletzungen).

Das militärisch gut gerüstete Land war jedoch auf die neue, totale Kriegführung, die sämtl. Lebensbereiche, v.a. die Wirtschaft, umfasste, nicht vorbereitet. Der Wirtschaftskrieg der streitenden Mächte bedrängte die Schweiz und erzwang die konsequente Ausweitung der L. auf die Wirtschaft. Die sozialen Spannungen entluden sich 1918 im Landesstreik, der zur Einsicht führte, dass auch die Sozialpolitik Bestandteil einer modernen L. ist.

Nach den vier Kriegsjahren, in denen das gesamte Leben von der L. dominiert war, machte sich Kriegsmüdigkeit breit ("Nie wieder Krieg"). Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland liess die L. wieder zum zentralen Politikbereich aufrücken. Aufgrund der im 1. Weltkrieg gemachten Erfahrungen gewannen neben der nach wie vor zentralen militär. L. die wirtschaftl. L. (Kriegswirtschaft), die Geistige Landesverteidigung zur Abwehr totalitärer Ideologien und die soziale L. (Einführung der Erwerbsersatzordnung, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit) als teilweise neue Elemente der staatl. Selbstbehauptung weiter an Bedeutung. Das Schweizer Volk unterstützte trotz der hohen finanziellen und personellen Opfer den Ausbau der nun "totalen L."

<b>Landesverteidigung</b><br>Ausstellungsplakat von  Otto Baumberger,   1934 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Zwischen 1934 und 1939 sensibilisierten zahlreiche Veranstaltungen wie Ausstellungen, Flugtage und Defilees die Öffentlichkeit für die verschiedenen Aspekte der Landesverteidigung.<BR/><BR/>
Ausstellungsplakat von Otto Baumberger, 1934 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs steckte der Aufbau der L. erst in den Anfängen. Trotz der noch nicht behobenen Lücken in der militär. L. zog es das nationalsozialist. Deutschland vor, den für die Schweiz gefährlichen Westfeldzug 1940 - wie schon 1914 - nicht über schweiz. Territorium zu führen. Nach der Einschliessung der Schweiz durch die Achsenmächte basierte der Kampf um die Unabhängigkeit einerseits auf der militärischen, politisch-rechtsstaatlichen und geistigen L., andererseits auf Kooperation im wirtschaftl. Bereich mit den Beherrschern Europas. Wie im 1. Weltkrieg hielt die Schweiz während fast sechs Jahren dauernd mehrere 10'000, in krit. Perioden mehrere 100'000 Mann unter der Fahne. Das private und öffentl. Leben hatte sich der L. unterzuordnen.

Beide Weltkriege verlangten individuelle Dienstleistungen und Entbehrungen (Aktivdienst, Mangelwirtschaft und Rationierungen). Daneben hatte der Bund für die L. enorme Summen aufzuwenden, die trotz der versch. Kriegssteuern die Schuldenlast massiv steigerten. Im 1. Weltkrieg beliefen sich die kriegsbedingten Ausgaben 1914-20 auf ca. 2,35 Mrd. Fr., die Schulden stiegen bis 1920 auf 1,4 Mrd. Fr. Im 2. Weltkrieg schnellten die Ausgaben für die L. von 212 Mio. Fr. (1938) auf 1,13 Mrd. Fr. (1940), die Schulden von 2,6 Mrd. Fr. (1939) auf 8,8 Mrd. Fr. (1945) hoch.

Autorin/Autor: Marco Jorio, Hans Stadler

5 - Kalter Krieg (1945-1989)

Der Kalte Krieg war gekennzeichnet durch Konzeptionsstreitigkeiten in der militär. L., den weiteren Ausbau der totalen L., die sich zur Gesamtverteidigung wandelte, Pläne zum Einbezug der Frauen in die L., eine polit. Isolation, die sich im Fernbleiben von Organisationen wie der Nato, der UNO und der EG äusserte, den Verzicht auf Atomwaffen (Unterzeichnung des Atomsperrvertrages 1969) sowie eine einseitige Neutralitätspolitik, der eine vorsichtige aussenpolit. Öffnung folgte. Die Konzeption der militär. L. von 1966 bestimmte die Abwehr als Hauptkampfform und verband damit mobile und statische Elemente. Die Armee sollte einen Angriff auf die Schweiz als nicht lohnend erscheinen lassen (Konzept des "hohen Eintrittspreises") und eine Verletzung der Neutralität verhindern. Die Herausforderung der totalen Kriegführung und der Massenvernichtungswaffen schlug sich 1969 im Bericht der Studienkommission für strateg. Fragen unter Karl Schmid nieder, welche erstmals eine gesamtheitliche strateg. Konzeption vorschlug. Die L. begegnete den versch. Bedrohungen mit der Armee, den Luftschutztruppen, dem Anfang der 1960er Jahre geschaffenen Zivilschutz, dem Staatsschutz und der wirtschaftl. Landesversorgung. Die L. wurde damit in einen militärischen und einen zivilen Bereich aufgeteilt. Die Koordination der versch. Mittel wurde 1970 der Leitungsorganisation (Stab und Zentralstelle für Gesamtverteidigung) und dem Rat für Gesamtverteidigung übertragen.

Im Hinblick auf einen konzertierten Einsatz von zivilen und militärischen Mitteln wurden 1973 die Koordinierten Dienste geschaffen. Im gleichen Jahr stimmte das Parlament dem Bericht zur Sicherheitspolitik zu. Dieser neue Begriff umfasste von der Aussenpolitik gestaltete, friedenserhaltende Bemühungen und die zivil-militär. Abwehrbereitschaft. Als Ziele wurden die Wahrung des Friedens in Unabhängigkeit und der Handlungsfreiheit, der Schutz der Bevölkerung und die Behauptung des Staatsgebietes definiert. Mit der dissuasiven Zielsetzung wurde die Aufrechterhaltung einer 625'000 Mann umfassenden Armee legitimiert, die durch ihre Stärke und Bereitschaft vor Kriegshandlungen abschrecken sollte. Die Dissuasionsstrategie verzichtete auf ein über die Landesgrenzen ausgreifendes operatives Konzept.

Infolge der Erfahrungen in den beiden Weltkriegen und der Angst, der Kalte Krieg könnte in einen heissen übergehen, genoss die L. bis in die 1960er Jahre uneingeschränkte Akzeptanz. Mit der Entspannung des Ost-West-Konflikts, der offenkundigen Schwäche des sowjet. Ostblocks und der militärtechn. Entwicklung wurde die L. ab den frühen 1980er Jahren v.a. von der Friedensbewegung zunehmend in Frage gestellt. 1989 befürworteten 35.6% des Stimmvolkes eine Volksinitiative zur Abschaffung der Armee.

Autorin/Autor: Marco Jorio, Hans Stadler

6 - Vom 20. ins 21. Jahrhundert

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich die internationale polit. Lage. 1990 folgte auf den Neutralitätsbericht der bundesrätl. Bericht "Schweiz. Sicherheitspolitik im Wandel", dessen Umsetzung sich jedoch verzögerte. Neu war die Absicht, die internat. Stabilität v.a. in Europa zu stärken und die Sicherheitspolitik auf Bedrohungen unterhalb der Kriegsschwelle (Terrorismus, Umwelt- und Zivilisationskatastrophen) auszurichten. Die Armee erhielt mit dem Armeeleitbild 95 und dem Militärgesetz 95 über die militärische L. hinaus die Aufgabe, einen Beitrag zur Friedenssicherung und zur allg. Existenzsicherung zu leisten. Als neue Einsatzdoktrin wurde die "dynamische Raumverteidigung" festgelegt. Volk und Stände lehnten 1994 den Einsatz von Schweizer Soldaten als UNO-Blauhelme ab, stimmten aber 2001 der Bewaffnung von Blaumützen zu.

1996 beschloss der Bundesrat die Teilnahme am Nato-Programm Partnerschaft für den Frieden, um am Erfahrungsaustausch mit der Nato und den ost- und mitteleurop. Staaten zu partizipieren und durch Militärbeobachter am Aufbau einer künftigen europ. Sicherheitsordnung mitzuwirken. 1998 gingen neue Impulse vom Militärdepartement (VBS) und dem Strategiebericht der Kommission Brunner aus, die in eine Reihe von Reformprojekten im Bereich der L. (z.B. Armee XXI, Zivilschutz XXI) mündeten, wobei der Begriff L. zugunsten des Begriffs Verteidigung aufgegeben wurde. In der Bundesverfassung von 1999 wird die L. im gleichen Abschnitt wie der Zivilschutz und die Sicherheit behandelt (Art. 57-61 BV). 2002 trat die Schweiz der UNO bei, womit die internat. Öffnung der L. einen Schritt weiter getrieben wurde. Die Armee XXI, in der Volksabstimmung 2003 angenommen und auf Anfang 2004 in Kraft gesetzt, wurde mittels Bestandesreduktion, verkürzten Dienstzeiten, der Einführung von Zeitsoldaten sowie Durchdienern und einer abgestuften Bereitschaft auf die veränderte sicherheitspolit. Lage ausgerichtet. 2005 schlug der Bundesrat vor, neue Prioriäten zu setzen sowie zwischen 2008 und 2011 die Mittel für die klassische L. zu verringern und diejenige für Sicherungseinsätze auszubauen. Das Vorhaben, v.a. die Reduktion der Panzerverbände, stiess im Parlament und in der Öffentlichkeit auf Widerstand. Das Geschäft - vom Nationalrat zurückgewiesen, vom Ständerat aber akzeptiert - gelangte 2007 ins Differenzbereinigungsverfahren.

Quellen und Literatur

Literatur
– Bonjour, Neutralität
– A. Ernst, Die Konzeption der schweiz. L. 1815-1966, 1971
– A. Aebi, Der Beitrag neutraler Staaten zur Friedenssicherung untersucht am Beispiel Österreichs und der Schweiz, 1976
– Peyer, Verfassung
– H.R. Kurz, Die Gesch. der Schweizer Armee, 1985
Texte zur Schweizer Sicherheitspolitik 1960-1990, hg. von Pierre Baur et al., 1991
Neues Hb. der schweiz. Aussenpolitik, hg. von A. Riklin et al., 1992
– K.R. Spillmann et al., Schweizer Sicherheitspolitik seit 1945, 2001

Autorin/Autor: Marco Jorio, Hans Stadler