23/10/2006 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Fahnenflucht

Ein Fahnenflüchtiger oder Deserteur verlässt seine Truppe ohne Erlaubnis mit unbekanntem Ziel, ein Überläufer geht zum Feind über. Ein Dienstverweigerer hingegen will aus religiösen, philosoph. oder polit. Gründen keinen Militärdienst leisten (Dienstverweigerung).

Bereits im Sempacherbrief (1393) wurde das Verlassen der Einheit untersagt. Dies galt auch für Verwundete. Bis zum Ende des MA kehrte jedoch ein Teil der Männer regelmässig eigenmächtig nach Hause zurück, um die Felder zu bestellen.

1 - Schweizer Regimenter in fremden Diensten

In fremden Diensten war die F. wie in allen Berufsheeren nach dem Tod die Hauptursache für die Verminderung des Bestandes. Zwischen 1766 und 1792 wurden im Regiment Eptingen im Mittel jährlich 22 Fahnenflüchtige auf einen Bestand von rund 1'000 Mann gezählt. Diese Anzahl entspricht indessen kaum der Wirklichkeit, da die Hauptleute nicht alle Fahnenflüchtigen meldeten oder diese für tot erklärten.

Wenn der Feind nahe war, kam F. selten vor. Die Fälle häuften sich aber nach Feldzügen und in Friedenszeiten. Ursachen dafür waren betrügerische oder gewaltsame Rekrutierungsmethoden, elende und eintönige Lebensbedingungen, eine zu harte Disziplin, Schuldenmacherei, Furcht vor der Regimentsjustiz, Angst vor einem Feldzug, Heimweh oder die Verpflichtung bei einer anderen Einheit, um erneut Handgeld zu nehmen. Die Versammlung der Hauptleute milderte häufig die vom Kriegsgericht verhängten Strafen, und nur selten wurden Fahnenflüchtige gehängt oder erschossen. Gewisse eidg. Stände und zugewandte Orte verbannten Wiederholungstäter. Bis 1815 galten Offiziere, die zu einer anderen Macht übergingen, nicht als fahnenflüchtig.

Autorin/Autor: Hervé de Weck / AA

2 - Milizsystem und Fahnenflucht

Das zuerst kantonal geregelte, ab 1874 eidg. Milizsystem schloss lange Dienstperioden aus, was die F. verminderte. Das Militärstrafgesetz von 1927 unterschied F. in Friedenszeiten, die weniger streng bestraft wurde, F. in Kriegszeiten und F. vor dem Feind, wobei letztere die Todesstrafe nach sich ziehen konnte. Bestraft wurde auch, wer Beihilfe zur F. leistete, selbst Zivilisten. Die Strafen wurden in den Dienstreglementen der Jahre 1933, 1967 und 1980 in Erinnerung gerufen, in demjenigen von 1995 sind sie nicht mehr erwähnt.

Die polit. und religiösen Spannungen zwischen 1830 und 1850 liessen die Anzahl der Dienstverweigerer und Fahnenflüchtigen bei der Mobilisation der kant. Milizen ansteigen. Im Sonderbundskrieg wurden 1-2% Fahnenflüchtige gezählt. In ihren Berichten über den Aktivdienst erwähnen die Generäle Hans Herzog (1870-71), Ulrich Wille (1914-18) und Henri Guisan (1939-45) die Frage der F. nicht. Die Akten der Fahnenflüchtigen, die sich einem Justizverfahren zu stellen hatten, liegen im Bundesarchiv. Bis 2004 gab es darüber keine Untersuchungen, auch wurde keine Statistik geführt.

Autorin/Autor: Hervé de Weck / AA

3 - Ausländische Fahnenflüchtige während der zwei Weltkriege

Ausländ. Militärpersonen, die sich während der zwei Weltkriege in der Schweiz aufhielten, waren Fahnenflüchtige, Dienstverweigerer oder Internierte (Internierungen). 1914-18 gestattete der Bundesrat auch den beiden erstgenannten Gruppen den Aufenthalt. Im April 1916 waren es 701 Personen, Ende Sept. 1917 15'278, im Mai 1919 25'894 (11'818 Italiener, 7'203 Deutsche, 2'463 aus Österreich-Ungarn, 2'451 Franzosen, 1'129 Russen). Sie mussten selber für ihren Aufenthalt aufkommen und konnten deshalb den Wohnort frei wählen.

1935 befanden sich etwa 40 dt. Fahnenflüchtige in der Schweiz. Während des 2. Weltkriegs wurde deren Behandlung durch das Völkerrecht nicht geregelt. Die Schweiz wies diese Fahnenflüchtigen nicht zurück. Im Juli 1942 wurden 102 aus Deutschland gezählt, Anfang 1944 deren 72. Vom Herbst an überquerten täglich rund 150 Fahnenflüchtige die Grenze; bei Kriegsende waren es beinahe 4'700. Dazu kamen einige hundert (?) Sowjetrussen, die freiwillig in der Wehrmacht oder der Waffen-SS gedient hatten. Nach dem Krieg gab der Bundesrat dem Druck aus Moskau nach und schickte sie in ihre Heimat zurück; viele von ihnen sollen dort hingerichtet worden sein.

Autorin/Autor: Hervé de Weck / AA

Quellen und Literatur

Literatur
– W. Schaufelberger, Der alte Schweizer und sein Krieg, 1952 (31987)
– F.W. Seidler, F., 1993
– B. Durrer, «Auf der Flucht vor dem Kriegsdienst», in Zuflucht Schweiz, hg. von C. Goehrke, W.G. Zimmermann, 1994, 197-216
– D. Bregnard, Le parcours du combattant, 1997, 93-101