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Alpen

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Beinahe zwei Drittel des schweiz. Territoriums zählen zum Alpenraum, und die A. haben die gesamte Gesch. der Schweiz stark geprägt. Es ist somit angebracht, in einem Artikel zusammengefasst die hist. Entwicklung der schweiz. Alpenregionen in einer knappen, grob periodisierenden und nach Themen gegliederten Übersicht zu charakterisieren.

Eine genaue und einheitl. Umschreibung des Begriffs A., wie sie die Geographie aufgrund phys. (Höhenlage), humangeogr. (Besiedlung) oder polit. Kriterien (Gebirgskantone) vorschlägt, kann diesem Artikel nicht zugrunde gelegt werden. Zu unterschiedl. sind die Begriffsinhalte, wenn die hist. Entwicklung in den A. über alle Zeiten hinweg und unter den versch. Aspekten zur Darstellung gelangen soll. Es bleibt die allg. verbreitete Vorstellung der A. als eines grossen Raumes mit einem ausgeprägten, von Gletschertälern durchfurchten Relief. Zu den A. im engeren Sinne hinzuzuzählen sind die Voralpen, deren Gesch., von regionalen Nuancierungen abgesehen, jener der A. in vielem vergleichbar ist. Der Begriff A. steht hier v.a. auch als Kontrastbegriff zu Mittelland und Jura, den beiden anderen grossen Naturräumen der Schweiz. Gegenstand ist nur der schweiz. Teil der A. (rund 14% des gesamten Alpenbogens), auch wenn viele der hier dargestellten Realitäten auf Teile der A. übertragen werden könnten, die jenseits der im Laufe der Gesch. willkürl. gezogenen polit. Grenzen liegen.

Eine umfassende und kohärente Gesch. der A. wurde bisher noch nicht vorgelegt. Ein solches Unterfangen steht denn auch erst in den Anfängen, trotz zahlreicher Monographien zu einzelnen Räumen und einiger breiter angelegter Studien zu bestimmten Themen. Deshalb kann der folgende Beitrag selbst für das schweiz. Alpengebiet nicht als Synthese gelten. Er stellt die versch. Fachdisziplinen, Ansätze, Aussagen und Perspektiven der Verfasserinnen und Verfasser zwar zusammen, aber auch nebeneinander. Wiederholungen, Widersprüche und auch Brüche liessen sich so nicht völlig vermeiden. Sie legen Zeugnis ab von der Komplexität des Gegenstandes.

Autorin/Autor: Jean-François Bergier / AZ

1 - Natur- und Frühgeschichte

1.1 - Der Naturraum

1.1.1 - Gebirgsbildung, Gesteinsarten und Oberflächenformen

Die naturräuml. Gliederung der Schweiz ist weitgehend von der Gebirgsfaltung her bestimmt. Im Tertiär (vor 66-1,5 Mio. Jahren) wurde infolge der Kontinentaldrift der kristalline Untergrund (v.a. Granit, Gneis) zusammen mit den darüber liegenden Sedimenten des sog. Tethysmeeres, die sich im Mesozoikum (vor 230-66 Mio. Jahren) am nördl. Küstensaum (helvet. Decken), im mittleren Tiefseebereich (pennin. Decken) und am Südrand (ostalpine Decken) gebildet hatten, in mehreren Schüben von Süden her gehoben, in Falten gelegt und übereinander geschoben. Abtragungsschutt füllte im Lauf der Jahrmillionen das Molassebecken nördl. der A. und die Poebene.

Bedingt durch Klimaänderungen stiessen im Pleistozän (vor 1,5 Mio.-10'000 Jahren) die alpinen Gletscher mehrmals bis weit ins Mittelland vor (Eiszeiten). Sie prägten die Morphologie der A. besonders stark, bildeten Talstufen aus, überflossen niedrige Pässe und räumten grössere Täler stark aus. Die nacheiszeitl. Alpenrandseen reichten urspr. weit alpeneinwärts, wurden jedoch teilweise aufgefüllt. Bergstürze, Erosion und Ablagerungen der Nacheiszeit veränderten die Oberflächengestaltung vergleichsweise wenig. Zuweilen trennen die auf Bergstürzen entstandenen Waldgebiete Talabschnitte mit versch. gesch. Entwicklung (z.B. Pfynwald zwischen Ober- und Unterwallis, Kernwald zwischen Ob- und Nidwalden, Flimser Bergsturz zwischen Surselva und Sutselva). Auch die Schuttkegel, auf denen viele Dörfer (oberhalb der bis ins 19. und frühe 20. Jh. oft überschwemmten Talböden) gebaut wurden, sind grossenteils kurz nach der letzten Eiszeit entstanden.

Autorin/Autor: Margrit Irniger

1.1.2 - Klima, Böden, Flora und Fauna

Zusammen mit den Oberflächenformen und dem Gewässernetz bilden Klima, Böden, Flora und Fauna ein komplexes System von naturräuml. Voraussetzungen für eine Besiedlung und Bewirtschaftung der A. durch den Menschen. Die alpinen Lebensräume weisen demzufolge eine ausgeprägte Vielfalt auf.

Für das Klima der A. ist der vertikale Aufbau mit ausschlaggebend. Die Temperaturen nehmen mit der Höhe ab, die Niederschläge dagegen meist zu. Im gesamten Alpenraum sind indes die Niederschlagsmengen sehr ungleich verteilt. Atlant. Meeresluft bringen v.a. Westwinde. Exponierte Gipfelpartien der Berner und Walliser Hochalpen weisen max. Niederschläge von über 400 cm pro Jahr auf, während inneralpine Walliser und Bündner Täler Trockeninseln sind (Sitten: 51 cm pro Jahr). Nord- und Südwinde bringen jeweils auf der Luvseite der Gebirge infolge Staulage ergiebige Niederschläge und auf der Leeseite v.a. in quer zum Hauptkamm liegenden Tälern warme, trockene Fallwinde (Föhn).

Der Alpenkamm bildet eine Klimagrenze. Entsprechend liegen die Vegetationsstufen kollin, montan, subalpin, alpin und nival nördl. und südl. davon auf unterschiedl. Höhe: Auf der Alpennordseite ist die klimat. Schneegrenze bei etwa 2400 m, die Waldgrenze bei etwa 1800 m; auf der Alpensüdseite liegen beide Grenzen ca. 400-600 m höher. Zudem hat das Relief zur Folge, dass Sonneneinstrahlung und Tageslänge kleinräumig stark ändern (Mikroklima). So sind die Wärmeunterschiede zwischen Nord- und Südhang in west-östl. verlaufenden Tälern besonders gross, und die klimat. Höhenstufen -- damit auch Vegetation und landwirtschaftl. Nutzung -- weichen beträchtl. voneinander ab.

Die in den A. vorherrschenden Böden lassen sich anhand der chem. und mineralog. Zusammensetzung in Silikat- und Karbonatböden einteilen. Auf der silikatreichen Felsunterlage (z.B. Granit, Gneis) der alpinen Höhenstufe bildeten sich oft flachgründige, steinhaltige oder felsige Böden mit geringer Verwitterungsfähigkeit und einer modrigen, sauren Humusdecke, die sich für eine land- oder alpwirtschaftl. Nutzung wenig eignen (ausgesprochene Nadelwaldböden). Dagegen sind tiefgründige alkal. Karbonatböden (z.B. Mergelkalk, Dolomit, Flysch) eine Grundlage für die Alpwirtschaft. Weitere Faktoren der Bodenfruchtbarkeit sind Temperatur- und Nährstoffhaushalt, Durchlüftung und Gründigkeit, welche Wachstum und Wurzelraum der Pflanzen massgebl. beeinflussen. In den südl. Alpentälern und Terrassenlagen sind warme, sandige oder steinige Böden charakterist., die oft von starken Regen durchwaschen werden, in längeren Trockenperioden jedoch tief austrocknen (z.B. Tessin, Puschlav). Die Bodentypen in den inneralpinen, sonnenreichen, warmen Trockentälern sind durch Wasserarmut gekennzeichnet, während die oft überfluteten Talsohlen mineralstoffreichere und fruchtbarere Böden aufweisen (z.B. Rhonetal, Unterengadin). Ein eher regenreiches und kühles Klima prägt die Böden des nordalpinen Hügellandes. Sie sind tiefgründig, lehmig oder sandig, und schwer durchlässige Mergel führen zeitweise zu Wasserstau. Versumpfungen im Flysch (feinkörnige Schiefer, Sandsteine) zeigen sich durch ein Überwiegen von Binsen sowie anderen für die Viehfütterung wenig beliebten Pflanzenarten. In besonderen Lagen haben sich Hochmoore (z.B. Lenzerheide, Saanenland), Flachmoore (z.B. zwischen Hohgant und Pilatus) und Aueböden gebildet (v.a. Talausgänge der grossen Flüsse).

Die Vegetationsstufen sind am Alpennordrand besonders klar ausgebildet: Nach den alpinen Rasen und Matten folgt eine Krummholzstufe (Legföhre, Grünerle), die sukzessive in einen dichter werdenden Fichtenwald übergeht. Diesem folgt auf der montanen Stufe ein Laubmischwald, vorwiegend mit Buchen und Tannen, denen sich auf der kollinen Stufe Eichen beigesellen. An den trockenen Südhängen des Tessins und Wallis dominieren auf diesen Stufen Flaumeichen oder Blumeneschen, und in den inneralpinen Tälern folgt unter der Fichten- eine Kiefernstufe anstelle eines Laubwaldes. Im Norden bildet die Fichte oder Rottanne die Waldgrenze, in inneralpinen Tälern und in den Südalpen sind es die Lärchen und Arven.

Die postglaziale Vegetationsgesch. der A. zeigt, dass die Flora seit dem Neolithikum massgebl. durch den Menschen verändert worden ist. Die Getreide-, Gras- und Unkrautpollen stiegen gegenüber Fichten- und anderen Baumpollen stark an. Rodung, Wald- und Alpweide lichteten den Wald allmähl. auf und drängten ihn zurück. Die besten, tiefgründigen Böden in Talsohlen und an Talrändern dienten als Erste der landwirtschaftl. Nutzung. Als Folge des Ackerbaus trat in steileren Lagen eine Erosion ein, weshalb neue, flachgründige Standorte gesucht wurden. Die von menschl. Eingriffen geprägten Pflanzengemeinschaften werden als Kulturformationen bezeichnet, so z.B. die seit der Römerzeit bewirtschafteten Edelkastanienwälder auf der kollinen Stufe der Alpensüdseite.

Die A. haben auch eine vielfältige Fauna hervorgebracht. Unterschieden werden die fünf zoogeogr. Regionen Nordalpen, Wallis, Südalpen, Graubünden und Engadin, jeweils unterteilt in Gebirgs- und Talzone. Die Wildtierarten der A. sind in Bestand und Zusammensetzung durch den Menschen stark verändert worden. Durch Jagd, Sammel- und Landwirtschaft, später durch Siedlungs- und Meliorationstätigkeiten und neu auch durch Tourismus und Sport hat der Mensch die alpine Fauna massiv beeinflusst. Gewisse Tierarten (z.B. Steinbock, Wolf, Bär, Bartgeier, Murmeltier, Gemse, Luchs) wurden bis ins frühe 20. Jh. vollst. oder beinahe ausgerottet und erst im Zeichen des Naturschutzes z.T. wieder angesiedelt.

Autorin/Autor: Margrit Irniger

1.1.3 - Klimageschichte

Die klimat. Entwicklung im schweiz. Alpenraum seit dem Ende der letzten Eiszeit lässt sich mit gletscher- und vegetationsgesch. Methoden rekonstruieren (Klimatologie, Glaziologie). Sie nahm nach gegenwärtigem Kenntnisstand ungefähr folgenden Verlauf: Zur Zeit des Wärmeoptimums zwischen ca. 7400-4900 v.Chr. lag die Schneegrenze ca. 200-300 m höher als heute, die Waldgrenze erreichte ihre max. Höhe. Seither bewirkten menschl. Einwirkungen (v.a. Rodung, Beweidung, Bergbau, Holzausfuhr) eine Depression gegenüber der potentiell-natürl. Waldgrenze. Zwei Klimarückschläge (ca. 4100-3800 und 3600-3200 v.Chr.) lassen sich in das Neolithikum datieren. Die längere Warmzeit (ca. 2800-1000 v.Chr.) des späteren Neolithikums und der Bronzezeit ermöglichte die Ausdehnung der Siedlungs- und Wirtschaftstätigkeit in höhere Lagen. Zwischen den kühlen Phasen in der Eisenzeit (ca. 1000-300 v.Chr.) und im Übergang von der Spätantike zum FrühMA fiel die Zeit der röm. Herrschaft in eine warme Periode (ca. 250 v.Chr.-400 n.Chr.), welche Siedlung, Wirtschaft und Verkehr in den A. begünstigte.

Die hochma. Gunstphasen beschränkten sich auf das 10. und das 13. Jh. (um 1100 kleinerer Gletschervorstoss). Mit einer raschen Abkühlung der Winter begann um 1300 die Kleine Eiszeit. In dieser Zeit zogen insbes. Häufungen von kalt-feuchten Sommern die alpine Landwirtschaft wiederholt in Mitleidenschaft: Die höher gelegenen Weiden blieben ganzjährig schneebedeckt, der Alpnutzen war infolge häufiger Schneefälle gering, die verregnete Heuernte zog grosse Einbussen an winterl. Milchleistung nach sich, und viele Feldfrüchte kamen nicht zur Reife. Dies führte vor dem späten 19. Jh. immer wieder zu Mangeljahren. Den Blüemlisalp-Sagen liegt womögl. der Gletschervorstoss von 1340-70 zugrunde, und um 1600 stiessen Talgletscher wie der Untere Grindelwaldgletscher erneut auf Kulturland vor. Feuchte Winter führten 1718-27 wiederholt zu Lawinen-Katastrophen. Die sommerl. Kaltperiode von 1812-60 war die ausgeprägteste seit dem HochMA. Häufige Starkregen im Spätsommer und Herbst lösten 1829-76 eine Reihe von verheerenden Überschwemmungen aus, die als Folge der Entwaldung gedeutet wurde.

Im 20. Jh. verfrühte sich die Schneeschmelze bis zum sommerl. Wärmegipfel (1945-53) und verspätete sich anschliessend wieder bis um 1980, vorwiegend infolge vermehrter Niederschläge im Winter und im Frühjahr. Während die Häufung von Hochwassern und Murgängen in der 2. Hälfte der Klimaperiode 1961-90 nicht als Signal einer sich abzeichnenden Klimaänderung gedeutet werden darf, weist eine aussergewöhnl. Serie von milden Wintern seit Ende der 1980er Jahre auf deutl. veränderte klimat. Verhältnisse hin. Über den Anstieg der Permafrostgrenze liegen noch keine gesicherten Angaben vor.

Autorin/Autor: Christian Pfister

1.2 - Ur- und Frühgeschichte

Die naturräuml. Dynamik prägt in den A. die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Sie schränkt die Subsistenzgrundlagen stark ein und verlangt ein grosses Mass an Anpassungsfähigkeit. Dass die A. trotzdem sehr früh, bereits vor den letzten Vorstössen des Würmglazials, begangen und spätestens vom Neolithikum an auch dauerhaft besiedelt wurden, erklärt sich aus dem spezif. Potential an Aktivitätszonen und Ressourcen, welche der Alpenraum dem prähist. Menschen bot: Hochwild und Alpweiden, Erze und andere Mineralien, Transitwege für den Gütertausch und Handel.

Die Naturgewalten wirken sich allerdings auch massgebl. auf den archäolog. Quellenstand aus. Oft führen sie zur Überschüttung, Umlagerung oder Zerstörung von Fundplätzen. Somit ist die Natur, zusammen mit dem Zufall der Auffindung und der, v.a. vor 1970, nur selektiven Forschungstätigkeit an topograf. markanten Stellen, entscheidend an der Ausprägung des Fundbildes mitbeteiligt. Erst moderne, grosse baul. Veränderungen des Untergrunds ermöglichten die Aufdeckung z.B. der neolith. Strukturen in 5-8 m Bodentiefe in Tec Nev (Gem. Mesocco) oder Sous-le-Scex (Gem. Sitten).

Die bisher ältesten Spuren menschl. Aktivität in den Schweizer A. finden sich in einigen Höhlen der Ostschweiz (Drachenloch, Wildenmannlisloch, Wildkirchli), des Simmentals und im Unterwallis (bei Vouvry). Es handelt sich dabei um saisonale Lagerplätze wildbeuter. Gruppen des mittleren und späten Paläolithikums (vor ca. 50'000-10'000 Jahren). Bald nach dem Rückzug der Gletscher, vom 8. Jt. v.Chr. an, stiessen mesolith. Bevölkerungsgruppen in den Alpenraum vor. Die entsprechenden Belege, etwa aus dem Abri in Collombey-Muraz oder Lagerspuren in Château-d'Œx, sind noch nicht sehr zahlreich, doch lassen die auf über 2000 m im ital. Teil des Splügengebiets entdeckten Jägerlager weitere Funde für die Schweiz erwarten.

Die Situation änderte sich ab dem 5. Jt. v.Chr., als im Zuge der Neolithisierung Europas Ackerbauer- und Viehzüchtergemeinschaften in die A. vordrangen. Die archäolog. Belege stammen nun hauptsächl. aus den Tälern; die Standortwahl der Siedlungen scheint sich an der Qualität der Böden und am Klima orientiert zu haben -- die Station Heidnisch-Bühl (Gem. Raron) liefert dazu ein gutes Beispiel. Die neue Subsistenzform des Getreideanbaus, später auch grössere Rodungstätigkeiten, finden ihren Niederschlag in den Pollenprofilen aus alpinen Seen und Mooren.

Die Nutzung natürl. Ressourcen wurde im Laufe des Neolithikums intensiviert und diversifiziert, so auf dem spätneolith. Fundplatz Petrushügel (Gem. Cazis), der das Spurenbild einer auf Hirschjagd spezialisierten Bevölkerungsgruppe zeigt, oder am Fundort Rossplatten (Gem. Hospental), wo Geräte aus dem Bergkristall der umliegenden Klüfte gearbeitet wurden. Bereits zu dieser Zeit war der Alpenraum in das Bezugssystem europ. Kulturgruppen voll integriert. In Petit-Chasseur (Gem. Sitten) installierte sich beispielsweise eine neue Bevölkerung mit charakterist. Glockenbechern in den Grabinventaren.

Die Bronzezeit (2000-800 v.Chr.) brachte die Fortsetzung des expansiven Trends in der Land- und Ressourcennutzung. Siedlungen finden sich nun auch in entlegenen Talschaften, wie auf Crestaulta (Gem. Lumbrein) im Lugnez, und Einzelfunde streuen im Bereich von Alpweiden und hochalpinen Passübergängen. Die Suche nach Erzen zur Gewinnung der neuen Werkstoffe -- Kupfer, später auch Eisen -- mag ihren Teil zur intensivierten Besiedlung beigetragen haben. Erzverhüttung und Metallverarbeitung sind insbes. im Oberhalbstein durch prähist. Schlackenhalden und Spuren des Metallhandwerks in der Siedlung auf dem Padnal (Gem. Savognin) belegt.

Die eisenzeitl. (800-15 v.Chr.) Raumnutzung scheint sich, trotz eines Rückgangs der Quellen, nicht grundsätzl. von der bronzezeitl. unterschieden zu haben. V.a. über das Material aus Gräbern, wo sich, wie in Tamins, nord- und südalpine Formen vermischten, wird die Wichtigkeit des die Alpen querenden Verkehrs und Handels greifbar. Davon zeugen auch die auffällig reich mit Metall ausgestatteten Gräber von Castaneda am Ausgang des Calancatals oder die Hortfunde von Erstfeld und Burvagn mit ihren kelt. Edelmetallobjekten und Münzen.

Autorin/Autor: Philippe Della Casa

1.3 - Römerzeit

Die Römer haben sich lange Zeit kaum um die A. gekümmert. Deren Bewohner -- ob Kelten oder Räter -- galten als feindselige Barbaren, und die Gefahren bei der Überschreitung der Alpenpässe wurden in den schrecklichsten Farben ausgemalt. Man wusste jedoch, dass die A. überwindbar waren, denn kelt. Völkerschaften hatten sie durchquert und Norditalien (Gallia cisalpina) besetzt. Nachdem die Römer dieses im 2. Jh. v.Chr. erobert hatten, schützten sie sich gegen erneute Einfälle durch die Gründung oder den Ausbau befestigter Städte, wie etwa Eporedia (Ivrea, I) eingangs des Gr. und Kl. St. Bernhards oder Comum (Como, I) am Weg zu Splügen-, Septimer- und Julierpass.

Um die Alpenübergänge frei zu halten, schlossen die Römer zunächst mit den lokalen Notabeln oder Herrschern Verträge. Ein erster Versuch Caesars, den Gr. St. Bernhard zu besetzen, scheiterte 57-56 v.Chr. vor Octodurus ("De bello gallico" III, 1-6). Erst 15 v.Chr. -- nach dem Feldzug von Drusus und Tiberius gegen die Räter und Vindeliker, durch welchen die Grenzen des Röm. Reichs bis an Rhein und Donau vorgeschoben wurden -- fiel der schweiz. Alpenraum unter röm. Herrschaft. Das Südtessin und das Bergell kamen zur alten Provinz Gallia Cisalpina, die übrigen eroberten Alpentäler zum grossen Verwaltungsbez., der Räter, Vindeliker und das Wallis umfasste, und dessen Hauptstadt Augusta Vindelicum (Augsburg, D) war. Das Wallis wurde später, wahrsch. unter Ks. Claudius (41-54 n.Chr.), abgetrennt und bildete die neue Provinz Vallis Poenina, die längere Zeit (oder immer?) mit der Provinz Alpes Graiae vereint war und vom selben kaiserl. Statthalter verwaltet wurde. Dieser hatte seinen Sitz zeitweise in Axima (Aime-en-Tarentaise, F), zeitweise in Octodurus, die beide um 41-47 n.Chr. gegr. worden waren. Man kann diese Neuordnung der Provinzen mit dem Ausbau des Übergangs über den Gr. St. Bernhard zur auf ihrer ganzen Länge befahrbaren Reichsstrasse in Verbindung bringen, denn dieser Pass war die kürzeste Verbindung zwischen Italien und Grossbritannien, das Claudius zu Beginn seiner Herrschaft zu erobern sich anschickte. In dieser Zeit erhielten wahrsch. die Stämme des Wallis und die Ceutrones am Fusse des Kl. St. Bernhards in der Tarentaise das latin. Recht.

Bei der Eroberung des Alpenraums ging es den Römern nicht darum, neue Territorien zu gewinnen, sondern um Beherrschung, Ausbau und Unterhalt der Transitwege. Sie errichteten Zollstationen, die manchmal ältere Zahlstellen ersetzten, und erhoben die Quadragesima Galliarum, eine Gebühr von 2,5%, auf alle Waren, welche die A. in beiden Richtungen überquerten. Mit Ausnahme einiger Verbände, welche die Strassen sicherten oder zum Stab der Provinzstatthalter gehörten, wurden in der frühen Kaiserzeit keine Truppen im Gebiet der heutigen Schweizer A. stationiert und auch keine Siedlungen befestigt.

Einkünfte boten den Alpenbewohnern der Waren- und Personentransport, der Strassenunterhalt und der Militärdienst, Getreidebau, Imkerei und Viehwirtschaft (Schafe, Ziegen, Schweine, Rinder) sowie die Ausbeutung der Wälder und Bodenschätze (Silber, Kupfer, Eisen, Marmor, Kalk- und Speckstein, Bergkristalle). Holz wurde bis nach Rom ausgeführt, wo auch der Alpenkäse hoch geschätzt war.

Die Romanisierung zeigte v.a. entlang oder nahe der grossen Transitwege Wirkung, sichtbar etwa zwischen Martigny und Massongex, in Chur, in den Villen von Sargans und Nendeln (Gem. Eschen, FL) sowie in Bellinzona, weiter an Warenumschlagplätzen, Ausgangspunkten auch zweitrangiger Pässe (z.B. Locarno-Muralto), in regionalen Zentren und Gutshöfen lokaler Notabeln (z.B. Fully, Ardon, Conthey, Sitten, Siders auf der Sonnenseite des Walliser Rhonetals) sowie an den Umspannstellen (mutationes) und Rasthäusern (mansiones), wie z.B. in Riom, schliessl. auch an den Heiligtümern entlang der grossen Durchgangsstrassen. Andernorts war der röm. Einfluss sehr viel weniger ausgeprägt, trotz der weiten Verbreitung zahlreicher Importwaren (Geschirr, Schmucknadeln, Gewänder), der Zirkulation röm. Münzen und der Ausbreitung des Lateins als Verkehrssprache. So lebten etwa die Einw. von Gamsen am Fusse des Simplonpasses, der zwar nur von regionaler Bedeutung war, weiterhin in Hütten wie ihre Vorfahren zur Eisenzeit und hatten keinen Anteil an den Annehmlichkeiten, derer sich viele andere Bewohner des Alpenraums erfreuten. Ein Grund für die offensichtl. schwächere Romanisierung Graubündens war die um 50 n.Chr. eröffnete Via Claudia Augusta, die den Hauptverkehr zwischen Italien und der Region Augsburg östl. an Graubünden vorbei über den Reschen- und den Fernpass führte, bevor sie selbst durch die noch weiter östl. liegende Brennerstrasse abgelöst wurde.

Die Provinz Raetia wurde je nach den Truppen, die dort stationiert waren, durch einen Legaten senator. Rangs oder einen Statthalter ritterl. Standes verwaltet. In der späten Kaiserzeit wurden im rät. Alpenraum befestigte Höhensiedlungen angelegt, so in Schaan-Krüppel (FL), Castiel-Carschlingg, Tiefencastel und Chur. Das Wallis scheint in jenen unsicheren Zeiten dank der Abwehr am Felsriegel von Saint-Maurice nicht unter den Zügen der Völkerwanderungszeit gelitten zu haben. Spätestens 381 war Martigny Bischofssitz, während für Chur, damals Hauptstadt der Provinz Raetia Prima, erstmals Mitte des 5. Jh. ein Bf. belegt ist.

Autorin/Autor: François Wiblé / AW

2 - Sozialgeschichte

2.1 - Siedlung, Herrschaftsbildung und Sozialstruktur im Mittelalter

2.1.1 - Siedlung und Bevölkerung

Vom 4. Jh. an bildete der nördl. Alpenrand einen Fluchtraum für die galloröm. Bevölkerung, die vor dem Druck der Alemannen zurückwich. In diesem Rückzugsgebiet hielten sich rom. Elemente noch lange. In die südalpinen Täler drangen schon vom späten 6. Jh. an Langobarden ein, die in der Folge aber romanisiert wurden. In den Zentralalpen begann die Landnahme alemann. Siedler im 7. Jh. In Rätien setzte die Germanisierung erst im 11. Jh. ein. Die alemann. Besiedlung erreichte in der Trockenzone des Wallis Höhenlagen bis 1500 m. Von hier aus setzte sich die Siedlungsbewegung vom 12. Jh. an fort: Walser zogen zurück ins Berner Oberland, über den Alpenkamm in die angrenzenden südalpinen Hochtäler und ostwärts in die Ausbaugebiete Graubündens. Diese Wanderungen gehörten bereits zum hochma. Landesausbau.

Im Zug der Binnenkolonisation wurden nun auch weniger günstige Siedlungsräume erschlossen: höhere und schattenseitige Hanglagen, Seitentäler, Talhintergründe. Die Besiedlung solcher Gebiete erfolgte vorwiegend durch Einzelhöfe mit Graswirtschaft. Auf Talböden und in Hangfusszonen mit Mischwirtschaft verdichteten sich Hofgruppen und Weiler zu Dörfern. Dieser Prozess setzte sich bis in die frühe Neuzeit fort. In den Haupttälern lagen rechtl. privilegierte Siedlungen bzw. solche mit Zentrumsfunktion: die Bischofsstädte Chur und Sitten sowie einige Klein- bzw. Burgstädtchen. Die wichtigste Form des alpinen Marktorts war jedoch der offene Flecken.

Die demograf. Entwicklung im schweiz. Alpenraum lässt sich für das MA nur in groben Umrissen nachzeichnen. Die Quellen liefern selten verlässl. Zahlenangaben, am ehesten noch zur Sterbeziffer. Eine sehr summar. Schätzung ergibt für die Nordabdachung der Schweizer A. um 1300 eine Einwohnerzahl von 150'000-180'000 bzw. 7-10 Einw./km². Anhaltspunkte für Trends sind leichter zu gewinnen: Ein allg. Wachstum, das noch im 9./10. Jh. einsetzte, wurde zweimal gebremst. Der erste Rückschlag fiel in das frühe 11. Jh.; er war mit einer Verödung von Kulturland und Siedlungen verbunden (Wüstungen). Die zweite Krise begann mit klimat. Ungunst im frühen 14. Jh. und verschärfte sich dramat. mit der Pest von 1349 und den folgenden Seuchenzügen. Auch in diesem Zusammenhang sind wieder Wüstungen zu beobachten. Allerdings scheinen die Seuchen in manchen alpinen Regionen weniger heftig gewütet zu haben als im Flachland. So äusserte sich auch die mit der Epidemie verbundene sog. Krise des Spätmittelalters im Alpenraum weniger deutlich. Die Forschung diskutiert gar eine relative Übervölkerung als Push-Faktor für die vom HochMA an auftretenden Wanderungsbewegungen sowie für die Reisläuferei des SpätMA.

Autorin/Autor: Florian Hitz

2.1.2 - Herrschaftsbildung und -strukturen

Die stabilsten Herrschaftsgebilde im schweiz. Alpenraum waren im Früh- und HochMA die Bistümer Chur und Sitten. Beide unterstanden vom 6. Jh. an dem Frankenreich; doch dessen Herrschaftsanspruch setzte sich nur allmähl. durch, in Churrätien nicht vor dem 8. Jh.

Ausgangspunkte für die polit. und wirtschaftl. Erschliessung des Alpenraums waren Klöster. Das älteste alpine Kloster war Saint-Maurice im Unterwallis, gestiftet im frühen 6. Jh. als Hauskloster der altburgund. Kg. (Burgunder). Es bildete auch für das Königreich Burgund ein ideelles Zentrum. Im Zug der karoling. Erschliessungspolitik erfolgten die wichtigsten Klostergründungen in Rätien: Pfäfers, Disentis und Müstair. Insbes. Disentis wurde im Rahmen der otton. Reichskirchenpolitik und der stauf. Passpolitik weiter gefördert. Eine ganze Reihe von Klöstern und Stiften unterstützte die herrschaftl. Durchdringung der Zentralalpen: Säckingen (Glarus), Schänis (Glarus und Schwyz), Einsiedeln (Schwyz), Fraumünster Zürich und Wettingen (Uri), Luzern-Murbach, Beromünster, Muri und Engelberg (Unterwalden), Interlaken (oberer Aareraum) und das Domkapitel Mailand (Blenio und Leventina, samt Bedretto und Riviera).

Vom 12. Jh. an wurden die Alpentäler in die Herrschaftsbildung des Hochadels einbezogen. Vom Genfersee her drangen die Gf. von Savoyen ins Unterwallis vor, in ständiger Auseinandersetzung mit dem Bf. von Sitten. Aus dem Mittelland erfolgte ein kolonisator. bzw. territorialpolit. Zugriff durch die Gf. von Lenzburg (auf Glarus, Schwyz, Obwalden, Leventina und Blenio) und die Hzg. von Zähringen (auf das Berner Oberland). Neben diesen Dynastenhäusern etablierten sich weitere Hochadlige als Grundherren und Vögte geistl. Institutionen: die Herren von Rapperswil (Schwyz, Uri), Attinghausen (Uri), Brienz-Ringgenberg-Raron (Uri, Obwalden, Berner Oberland, Oberwallis), Strättligen und Weissenburg (Berner Oberland), vom Turn (Berner Oberland, Oberwallis) sowie die Gf. von Greyerz (am Oberlauf der Saane). Vögte des Bf. von Chur waren die Herren von Vaz (in der Umgebung von Chur und am Hinterrhein) und von Matsch (Unterengadin, Münstertal, Poschiavo).

Bis in die 2. Hälfte des 13. Jh. gelangten die wichtigsten Herrschaften und Vogteirechte zwischen dem Oberrhein und dem Alpenkamm an das Haus Habsburg. In den Alpentälern konnte sich dessen Territorialherrschaft aber nicht durchsetzen. Die Talschaften von Uri und Schwyz beriefen sich auf ihre unter den Staufern erworbene Reichsfreiheit, einen Status, der in der Folge auch auf Unterwalden ausgedehnt wurde. Um die Mitte des 14. Jh. entzogen die drei Waldstätte auch das Land Glarus der österr. Herrschaft. Bis zum Beginn des 15. Jh. kam das Berner Oberland unter die Kontrolle der Stadt Bern, in den Burgunderkriegen 1475 das Gebiet von Aigle.

In Graubünden hielten sich bis zur Mitte des 15. Jh. die eigenständigen Herrschaften des Hochadels (Toggenburger und Nachfolger, Matsch, Werdenberg-Sargans, Werdenberg-Heiligenberg, Rhäzüns, Sax-Misox) neben der Abtei Disentis. Einige dieser Herren waren führend beteiligt am Oberen Bund (Grauer Bund) um 1400. Dieser und der Gotteshausbund vereinigten sich in der 2. Hälfte des 15. Jh. mit dem Zehngerichtenbund, dem vormaligen toggenburg. Herrschaftsverband, zu den Drei Bünden. In deren Führungsschicht behaupteten sich Vertreter der bischöfl. Ministerialität (Planta, Marmels, Schauenstein, Lumbrein) neben Aufsteigern aus bäuerl. Schichten (Capaul, Sprecher).

An polit. Bedeutung gewannen im SpätMA die Talschaften, Gerichtsgemeinden und Zenden. Sie erscheinen als typ. alpine Vergesellschaftungsform: gross als Gem., klein als protostaatl. Gebilde. Im Wallis wie in Churrätien nahmen die Zenden bzw. Gerichtsgem. Einfluss auf die Territorialverwaltung. Der Landrat der Oberwalliser Zenden beanspruchte noch weiter gehende Rechte als der Gotteshausbund, v.a. hinsichtl. der Bischofswahlen. Die Machtstellung der Frh. von Raron und vom Turn wurde von den Landleuten gebrochen. Der savoy. Adel wurde aus dem Sittener Domkapitel verdrängt, und in den Burgunderkriegen eroberten die Oberwalliser das Unterwallis.

Nach 1400 verstärkten sich die polit. Kontakte zwischen den Talgem. der versch. Regionen. Die Waldstätte (ohne Schwyz) verbündeten sich mit den Oberwalliser Zenden. Beide Teile stiessen in der Folge militär. ins Eschental vor. Nach wiederholten Anläufen gewannen die Innerschweizer bis 1500 die Kontrolle über Leventina und Blenio. Der Obere Bund verbündete sich mit Glarus und nahm im späten 15. Jh. das Misox auf.

Autorin/Autor: Florian Hitz

2.1.3 - Sozialstruktur und Lebensweisen

Weite Teile des Alpengebiets wurden von der Feudalisierung nicht so stark erfasst wie die tiefer liegenden Regionen. Hörigkeit bzw. Leibeigenschaft dürften hier weniger verbreitet gewesen sein. Zudem bot der Landesausbau die Chance der Kolonisationsfreiheit. Eine verbreitete Erscheinung der spätma. Agrarverfassung war der Niedergang der grundherrl. Eigenwirtschaft. In mehreren alpinen Regionen wurden zudem Feudallasten abgelöst, insbes. in der 2. Hälfte des 14. Jh., so im Berner Oberland, in Uri und Obwalden. Nicht der Fronhof, sondern die Nachbarschaft (im Oberwallis auch Bauernzunft), ein Lokalverband von bäuerl. Produzenten, bildete den Mittelpunkt der Wirtschaftsverfassung und der sozialen Organisation. Sie regelte die Nutzung von Flur und Allmende (Einteilung, Abgrenzung, Bewässerung usw.). Die Praxis der genossenschaftl. Selbstverwaltung (Genossenschaft) führte häufig zur institutionellen Verfestigung: Der Siedlungsverband wurde zur Dorfgemeinde. Die dörfl.-bäuerl. Gesellschaft war indessen nicht homogen. Die Schwäche der grundherrl. Gewalt ermöglichte eine zunehmende Individualisierung der Besitzverhältnisse -- wenigstens soweit die nachbarschaftl. Kontrolle dies zuliess. Güter wurden vermehrt geteilt, veräussert und mit Schuldzinsen belastet. Eine so entstandene Oberschicht besetzte die wichtigen Ämter; Niedergelassene ohne Bürgerrecht (Beisassen, Hintersassen) waren benachteiligt. In der Innerschweiz ging damit ein Wandel der Führungsgruppen einher: Geschlechter, deren Macht auf der Grundherrschaft beruhte (Attinghausen, Meier von Silenen, Wolfenschiessen, Hunwil), wichen einer neuen, viehbäuerl. Führungsgruppe (Beroldingen, Reding, Wirz, Zelger).

Der zentrale Lebensbereich der Alpenbewohner wurde von der Fam. bestimmt. Diese bildete auch im MA die soziale Primärgruppe: eine in Koresidenz lebende Produktions- und Konsumtionsgemeinschaft. Der gemeinsame Haushalt konnte allerdings unterschiedl. Strukturen aufweisen. Zumindest im SpätMA war die Kernfam. (Eltern und Kinder) der häufigste Typus. Das Zusammenleben von Grossfam. oder Sippen war seltener als von der älteren Forschung angenommen. Erweiterte Fam. (unter Einbezug zusätzl. Verwandter) traten zwar auf, doch zeigten die entsprechenden Haushalte eine polynukleare Struktur: Sie zerfielen in mehrere Kernbereiche mit jeweils eigenen Feuerstätten.

Die Familienstruktur stand in Wechselbeziehung zur Besitz- und Betriebsstruktur. Während der saisonalen Wanderungen zwischen Tal, Maiensäss und Alp verteilten sich die Familienmitglieder auf die versch. Stufen. Im Allg. besorgten die Frauen den inneren Bereich (Erntearbeiten), die Männer den äusseren (Viehhut und Milchverarbeitung). Diese Geschlechterrollen -- die innerhalb der A. manche Ausnahme kannten -- waren für nicht-alpine Beobachter ganz ungewohnt und im 15. Jh. Ansatzpunkt für anti-eidg. Stereotype.

Nicht spezif. alpin, sondern kennzeichnend für jede ma. Gesellschaft ländl.-agrar. Prägung waren lebensweltl. Aspekte wie verbreitete Gewalttätigkeit und anarch. Kriegertum, öffentl. bekundete Religiosität (mit vielleicht heidn. Traditionen innerhalb der Volkskultur) oder exzessive, mit der Alltagsarbeit scharf kontrastierende Festfreude. Die Festanlässe waren meist kirchl. Natur -- gefeiert wurde aber mit Vorliebe auf weltl. Weise, und Fasnacht wie auch Kirchweih bildeten den Rahmen für karnevalist. Ausbrüche.

Autorin/Autor: Florian Hitz

2.2 - Siedlung, politische und soziale Strukturen in der frühen Neuzeit

2.2.1 - Siedlung und Bevölkerung

Die im ausgehenden SpätMA bestehende Siedlungsstruktur im Alpenraum blieb in der frühen Neuzeit weitgehend unverändert. Die Bevölkerung jedoch verdichtete sich, und damit auch das Siedlungsbild. Um 1800 herrschten unter den Siedlungsformen zwei Typen vor: im Wallis, Tessin und in Graubünden die geschlossene und dichte Dorfsiedlung, in den nordalpinen Tälern neben den Dörfern und Weilern die über Ebenen, Täler und Hänge zerstreuten Einzelhöfe.

Bevölkerung des schweizerischen Alpenraumsa 1500-1800
Jahr1500160017001800
Bevölkerungszahl289 000390 000408 000466 000
Jährliche Wachstumsrate 3o/oo0,5o/oo1,3o/oo
Anteil an der Schweizer Bevölkerung50%43%34%28%

a Berechnungsgrundlage (in % der Gesamtflächen der Kt.): UR, SZ, OW/NW, ZG, GL, AI/AR: 100%; TI: 90%; GR, VS: 80%; BE: 20%; VD: 10%.

Quellen:M. Mattmüller, Agricoltura e popolazione nelle Alpi centrali, in Le alpi per l'Europa, hg. von E. Marinengo, 1988, 65

Der Anteil der Bevölkerung des Alpenraums an der schweiz. Gesamtbevölkerung sank 1500-1800 von 50% auf 28%, wobei die Wachstumsrate regional sehr unterschiedl. war. Am langsamsten wuchs die Bevölkerung in den inneralpinen Tälern (Wallis, Graubünden, Berner Oberland), wo sie um 1800 eine Dichte von 9 (Unterengadin) bis 19 Einw. (Oberhasli) pro km² erreichte. Ein mittelmässiges Wachstum bis zu einer Dichte von 19 (Bleniotal) bis 32 Einw. (Schwyz) pro km² wiesen die Zentralalpen und das nördl. Tessin auf. Markant schneller wuchsen Glarus und Appenzell Ausserrhoden, die um 1800 34 bzw. rund 200 Einw. pro km² zählten.

Das geringere bevölkerungsmässige Wachstum in den A. der frühen Neuzeit erklärt sich kaum aus Epidemien, v.a. nicht mit der Pest, welche bis 1668 die Bevölkerung in der gesamten Schweiz immer wieder heimsuchte. Denn die Seuche drang meist von Basel oder Genf her ein, und manche abgeschiedenen Täler blieben bisweilen verschont. Die Zentralschweiz und das Tessin waren dank der strengen sanitätspolizeil. Massnahmen der oberital. Städte weniger stark betroffen. Hingegen führten Lebensmittelteuerungen im Alpenraum, wo der Getreidebau vielerorts fehlte, zu häufigen Subsistenzkrisen mit Hungersnöten und erhöhter Sterblichkeit. Gleiche Folgen zeitigten die Revolutionsjahre 1798-1803 infolge der Besatzungstruppen und der Alpenfeldzüge fremder Armeen.

Das Wanderungsverhalten schaffte einen Ausgleich zwischen Ernährungsbasis und Bevölkerungsgrösse. Der Bevölkerungsanteil, welcher den Geburtsort dauerhaft verliess, schwankte in der 2. Hälfte des 18. Jh. in einigen untersuchten Gegenden von 39% (Einsiedeln) über 64% (Appenzell Ausserrhoden) bis zu 75% (Kerns). Die Wanderung erfolgte v.a. von Gem. zu Gem., von Randgebieten in Zonen mit aufkommender Heimindustrie, seltener in andere Kt. oder ins Ausland. Die im 18. Jh. Auswandernden bevorzugten die europ. Länder inkl. Russland; die überseeische Auswanderung spielte erst eine geringe Rolle. Besondere Formen waren die v.a. vom Tessin und von Graubünden aus praktizierte saisonale Berufswanderung (Saisonarbeit) nach Norditalien und in andere Länder sowie die "Schwabengängerei" von Bündner Jugendlichen nach Süddeutschland, welche bis weit ins 19. Jh. anhielt. Der Solddienst spielte für die Alpenregionen eine nur geringfügig grössere Rolle als für das Mittelland. Während nach vorsichtigen Schätzungen gesamtschweiz. jedes Jahr etwa 1,4% des Rekrutierungsreservoirs für den Solddienst angeworben wurden, waren es z.B. für Uri im 18. Jh. um die 1,5%. Von den Söldnern kehrten rund 50% wieder in die Heimat zurück. Die bevölkerungsgesch. Bedeutung des Solddienstes darf also nicht zu stark veranschlagt werden. Er bot v.a. in Notzeiten eine gewisse Entlastung.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.2.2 - Politische Strukturen

Der Alpenraum wies in der frühen Neuzeit versch. Staatsformen auf, die nicht ohne Einfluss auf die sozialen und wirtschaftl. Verhältnisse waren. In den Zentral- und Ostalpen lagen die eidg. Länderorte mit Landsgemeindeverfassungen und ohne Untertanenverhältnisse im Innern. Sie besassen versch. Untertanengebiete, v.a. im Tessin. Im Osten lag der Freistaat der Drei Bünde, der sich aus einem halben Hundert unterschiedl. verfasster Gerichtsgem. zusammensetzte. Die Landschaft Wallis bestand aus sieben Zenden und dem Unterwallis als Untertanengebiet. Das Berner Oberland war in die Landvogteien Oberhasli, Interlaken, Frutigen, Nieder- und Obersimmental sowie Saanen (mit dem Pays-d'Enhaut) eingeteilt und wurde von Bern regiert, wobei sich das ehem. reichsfreie Oberhasli besonderer Freiheiten im Innern erfreute. Das Greyerzerland wurde von freiburg. Landvögten regiert. Im ganzen Alpenraum verdichtete sich die lokale polit. wie kirchl. Gemeindeorganisation, verbunden mit einem Gewinn an polit. Selbstbestimmung. In den Seitentälern wurden neue Kirchen gestiftet, und Filialkirchen lösten sich von den Mutterpfarreien. Grund- und territorialherrl. Feudalrechte wurden abgelöst, und die lokalen Selbstverwaltungsstrukturen verdichteten sich. All dies zeigt ein gesteigertes polit. Selbstbewusstsein der wachsenden Bevölkerung an.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.2.3 - Sozialstruktur und Lebensweisen

Das Wachstum der marktorientierten Vieh- und Milchwirtschaft war begleitet vom Aufkommen kapitalintensiver Grossbetriebe und förderte eine Oberschicht von reichen Bauern, Vieh- und Käsehändlern, z.B. im Glarner-, Greyerzer- und Saanenland. Magistraten und Aristokraten legten ihr Geld z.T. in der lukrativen Alpwirtschaft an. Die kollektiven Ressourcen standen im Besitz der alteingesessenen Fam., Zuzüger waren davon ausgeschlossen oder hatten ein kleineres Nutzungsrecht. Durch Beschränkungen wurde auch ein Gleichgewicht zwischen Ressourcen und Bevölkerung angestrebt.

Die Ernährungsweise der Bevölkerung der A. war je nach Agrarzone unterschiedlich. In den inneralpinen Zonen mit ausreichendem Ackerbau waren Brot und Mehlspeisen dominant. In den Gebieten der Viehwirtschaft herrschten Milchprodukte (Milch, Käse, Butter, Ziger) vor. Hinzu kamen Gemüse (Kohl, Bohnen, Mangold), gedörrtes Obst und vom 18. Jh. an Kartoffeln. Fleisch kam seltener als im SpätMA auf den Tisch. Brot war keine alltägl. Speise und v.a. den Kranken vorbehalten. Jagd und Sammelwirtschaft (Beeren, Waldfrüchte) konnten die Ernährung bereichern. In normalen Zeiten reichte die Ernährungsgrundlage aus für einen mittelgrossen Haushalt (vielleicht sechs Personen, fünf bis sechs Kühe, ca. 300 m² Pflanzland), der in Krisenzeiten (Missernten, Viehseuchen, Teuerung) jedoch bald an die Hungerschwelle geriet. Die Ernährung v.a. durch Milchprodukte war durch ein Übermass an Eiweissen und Fetten sowie durch geringe Mengen an wichtigen B-Vitaminen und Eisen gekennzeichnet.

Vorherrschende Lebensgemeinschaft war die Kernfam. mit einer durchschnittl. Grösse von 3,5-5 Personen. Festes Gesinde fand sich nur bei der begüterten Oberschicht. Häufiger waren Taglöhner oder Störhandwerker für gewisse Arbeiten. Vielerorts war die Kooperation von Verwandten und Nachbarn ein festes Element der Arbeitsorganisation (z.B. Hausbau, in den Urner Bergen Wildheutransport, im Unterengadin Pflügen oder Milchverarbeitung im Winter). Überall waren genossenschaftl. oder kommunale Wirtschaftsformen (Alpgenossenschaften, Transportorganisationen) und Ressourcen (Allmenden) für den Familienbetrieb notwendige Ergänzungen. Eine geschlechtsspezif. Arbeitsteilung war insofern nur teilweise vorhanden, als wegen der Stufenbetriebe (Tal, Berg/Maiensäss, Alp) die Mitglieder der Fam. im Laufe eines Landwirtschaftsjahres oft längere Zeit (Männer und Frauen im Bergell z.B. rund acht Monate) voneinander getrennt lebten und so jeweils zwar spezif. landwirtschaftl. (z.B. Käseherstellung, Emden), daneben aber auch alle hauswirtschaftl. Arbeiten verrichteten. Insgesamt bestanden nebeneinander vielfältige soziale Strukturen, welche sich aus den unterschiedl. naturräuml. und hist. Voraussetzungen der versch. Alpenregionen herleiten lassen.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.3 - Siedlung, politische und soziale Strukturen im 19. und 20. Jahrhundert

2.3.1 - Siedlung und Bevölkerung

Im 19.-20. Jh. erfuhr die Siedlungsstruktur im schweiz. Alpengebiet z.T. tief greifende Veränderungen, gefördert v.a. durch die verkehrsmässige und tourist. Erschliessung sowie lokal durch die Industrialisierung. Die Konzentration zunächst des Bahn-, später des Strassenverkehrs auf bestimmte Hauptachsen und -täler (z.B. Gotthardroute, Churer Rheintal, Rhonetal) führte (z.T. nur vorübergehend) zum starken Ausbau verkehrsgünstig gelegener Siedlungen. Die Industrialisierung und die damit verbundene Binnenwanderung förderte die Bildung kleiner Agglomerationen um die städt. Zentren (z.B. Chur, Sitten, Siders, Brig-Glis). Der Fremdenverkehr liess Touristenorte (z.B. Verbier, Montana, Lenzerheide) prakt. neu entstehen, wobei im 20. Jh. v.a. der Zweitwohnungsbau die Siedlungsbilder stark prägte. Zugleich verfielen entvölkerte Siedlungen in den peripheren Tälern (z.B. Safiental, Seitentäler des Vallemaggia).

Die grossen Flusskorrektionen an Linth, Reuss, Rhein, Rhone und Aare (Gewässerkorrektionen), zahlreiche grossflächige Meliorationen sowie viele Wildbach- und Lawinenverbauungen weiteten das Kulturland aus und dämmten die Naturgefahren ein. Durch diese gewaltigen und vielfältigen Anstrengungen wurden das Leben in den A. erleichtert, die landwirtschaftl. Nutzfläche mind. stabilisiert, teils gar vergrössert und viele neue Möglichkeiten für den Bau von Gehöften und Siedlungen geschaffen.

Bevölkerung des schweizerischen Alpenraumsa 1800-1990
Jahr18001850190019501990
Bevölkerungszahl375 641483 829587 492732 7461 003 898
Index100128,8156,4195,1267,3
Anteil an der Schweizer Bevölkerung22,6%20,2%17,7%15,5%14,6%

a Gebirgskt. UR, SZ, OW/NW, GL, AI/AR, GR, VS; Berner Oberländer Amtsbez. Oberhasli, Interlaken, Frutigen, Nieder-, Obersimmental und Saanen, TI ohne Bez. Lugano und Mendrisio, Waadtländer Gebirgsbez. Pays-d'Enhaut und Aigle.

Quellen:BFS

Trotz konstantem Wachstum der Gebirgsbevölkerung nahm ihr Anteil an der gesamtschweiz. Bevölkerung stetig ab, da sich im Mittelland die Bevölkerung im gleichen Zeitraum fast vervierfachte. Das Bevölkerungswachstum in den A. beruhte auf einer überdurchschnittl. Natalität, welche sich allerdings seit etwa 1960 rasch dem schweiz. Durchschnitt angleicht. Der Wanderungssaldo der Gebirgskantone war indes konstant negativ, wobei der Solddienst im 19. Jh. schon vor dem Verbot (1859) keine grosse Bedeutung mehr hatte. Auswanderungsziel war vielmehr das zunehmend industrialisierte schweiz. Mittelland. Die Auswanderung ins Ausland, mit besonders starken Wellen 1816-17, 1850-55 und 1880-85, richtete sich v.a. nach Übersee, wo sowohl in Nord- wie Südamerika besondere Schweizer Kolonien entstanden (z.B. New Glarus in den USA, S. Jeronimo Norte in Argentinien). Die europ. Länder behielten ihre Attraktivität für die saisonale Berufswanderung bei, welche insbes. von Graubünden und vom Tessin aus gepflegt wurde. Russland war Auswanderungsziel für viele Berner Oberländer Käser, während Freiburger Sennen Frankreich bevorzugten. Die Auswanderung, v.a. von jungen Berufsleuten, aus den A. hielt auch in den Jahrzehnten der Hochkonjunktur nach 1960 an, oft mangels qualifizierter Arbeitsplätze.

Das Ausmass des negativen Wanderungssaldos wurde in Grenzen gehalten durch die Zuwanderung aus dem Ausland, aber auch -- im Zuge der Ausbreitung der modernen Verkehrsinfrastruktur, des Tourismus, der Elektrizitätswirtschaft und von Industrieunternehmen -- von Fachkräften aus anderen Schweizer Kt. Das Bevölkerungswachstum in den A. war von Region zu Region unterschiedlich. Die kant. und regionalen Zentren (z.B. Sitten, Brig, Chur) und die von der Industrialisierung sowie vom Tourismus bevorzugten Gegenden (z.B. Glarner Unterland, Reussebene, Matter- und Saasertal, Bez. Interlaken, Schanfigg und Prättigau) wiesen ein kontinuierl. Wachstum auf. Die auf die traditionelle Berglandwirtschaft, die Heimarbeit und das Transportgewerbe angewiesenen Täler und Regionen stagnierten oder wiesen sogar, v.a. in der 2. Hälfte des 19. Jh. und erneut nach 1950, einen Bevölkerungsverlust auf. Die Gründe sind unterschiedl. Art: Die beschwerliche bergbäuerl. Lebensweise wurde aufgegeben zugunsten besserer Lebensbedingungen in wirtschaftl. aufblühenden Regionen. Die angestammte Landwirtschaft wurde eingestellt oder extensiviert (z.B. im Blenio- und Verzascatal). Ausgelöst werden konnte die Auswanderung auch durch Strukturveränderungen in der Heimindustrie und im Transportwesen (z.B. im Appenzellerland, am Hinterrhein und im urner. Meiental). Wiederkehrende Elementarschäden durch Hochwasser, Lawinen oder Bergstürze, verbunden mit Absatzschwierigkeiten der Landwirtschaftsprodukte und daraus folgender Verschuldung zwangen z.T. zur Aufgabe der Landwirtschaft (z.B. Elm).

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.3.2 - Politische Strukturen

Die Helvetik und die Mediation verursachten auch in den Verfassungen der Gebirgsgegenden wesentl. Änderungen. Alle alten Untertanenverhältnisse wurden 1798 aufgehoben. Das Tessin, Graubünden und die Waadt kamen 1803, das Wallis 1815 als Kt. zur Eidgenossenschaft. In den Kt. der alten Eidgenossenschaft kamen zwar nach der Helvetik die Oligarchien des Ancien Régime grösstenteils wieder an die Macht, doch änderten sich ihre Stellung und ihr Einfluss wegen des Verlustes der traditionellen wirtschaftl. Basis: des Solddienstes und der Landvogteien. Die Regenerationsbewegung drang nur z.T. in den Alpenraum ein (Tessin 1830, Glarus 1836). Erst die Bundesverfassung von 1848 schuf auch in den A. einheitl. verfassungsmässige Voraussetzungen für die gesellschaftl. und wirtschaftl. Weiterentwicklung. Die Gemeingüter (Allmenden, Wälder, Alpweiden usw.) wurden jedoch von den nutzungsberechtigten Bürgern vielerorts als Korporationen konstituiert, z.B. in den Kt. Uri, Schwyz und Tessin, und damit dem uneingeschränkten Zugriff der Kt. und Gem. sowie der gleichberechtigten Nutzung durch Niedergelassene und Fremde entzogen.

Seit den 1920er Jahren beschäftigt sich die eidg. Politik vermehrt mit wirtschaftl. und sozialen Problemen im Alpenraum. Sie führt Erhebungen durch und leitet Massnahmen ein, welche schwergewichtig auf die Verbesserung der Infrastrukturen, die Hebung der Volkswirtschaft und die Förderung der Ausbildung abzielen: Die Motion des Nationalrats Georg Baumberger löste 1926 eine Verbesserung der Landwirtschafts-Gesetzgebung aus. 1943 entstanden die Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) und die Schweizer Berghilfe (SBH). 1971 erschien der bundesrätl. Bericht über die gesamtwirtschaftl. Entwicklung für das Berggebiet, aus welchem 1974 das Bundesgesetz über die Investitionshilfe für Berggebiete hervorging. In jüngster Zeit wirkten die vier wasserreichen Gebirgskantone Graubünden, Wallis, Uri und Tessin in Fragen der Wasserwirtschaft zusammen und verteidigten gemeinsam ihre Interessen gegenüber dem Bund und der Elektrizitätswirtschaft.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.3.3 - Sozialstruktur und Lebensweisen

Die soziale und wirtschaftl. Stagnation oder gar Schrumpfung führte in versch. Gebirgstälern (u.a. der Innerschweiz und des Tessins) zu chron. einseitiger Ernährung mit Mangelerscheinungen (Vitamine, Eisen), vereinzelt zu übermässigem Alkoholgenuss und zu verminderter Volksgesundheit. Die wirtschafts- und sozialpolit. Massnahmen des Bundes verbesserten die Lage. Durch die unterschiedl. verkehrsmässige Erschliessung der Gebirgstäler und das steigende Wirtschafts- und Zivilisationsgefälle zwischen alpinen Rand- und Zentrumsregionen änderte sich die Sozialstruktur: Wegen der Abwanderung, v.a. vieler junger Frauen, stieg der männl. Ledigenanteil in der bergbäuerl. Bevölkerung. Die landwirtschaftl. Betriebe wurden grösser (1990 durchschnittl. 10 ha), wobei einer starken Abnahme der Haupterwerbsbetriebe eine Zunahme der Nebenerwerbsbetriebe (in Uri 1993 40%) gegenübersteht. Nebenerwerbsmöglichkeiten boten die Forstwirtschaft, das Baugewerbe und, je nach Lage, der Tourismus und die Industrie. Letztere führte v.a. im Wallis und in Uri zur Ausbildung des Typus des Arbeiterbauern mit oft langen Pendlerwegen. Die bergbäuerl. Mentalität war meist konservativ, wobei manchenorts eher die männl. (Schächental), andernorts eher die weibl. Bevölkerung (Lötschental) die Traditionen aufrechterhielt. Die Lebensweise der ausschliessl. im 2. und 3. Sektor tätigen Bevölkerung, welche grösstenteils in den industriellen und tourist. Zentren wohnte, weist hingegen kaum noch alpine Besonderheiten auf.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3 - Wirtschaftsgeschichte

3.1 - Landwirtschaft im Mittelalter

Bis ins HochMA war die Landwirtschaft des schweiz. Alpenraums im Wesentl. eine Subsistenzökonomie. An der Schwelle zum SpätMA -- in den westl. und zentralen Schweizer A. um 1300, in den östl. A. etwas später -- vollzog sich eine Umstellung: Es entstanden Austauschbeziehungen zum Alpenvorland, v.a. zu den lombard. Städten. Die nordalpinen Täler konzentrierten ihre Produktion auf die Viehwirtschaft. Sie belieferten im Rahmen des sog. Welschlandhandels (Viehhandel) über spezialisierte Viehmärkte, z.B. Arona (I), Bellinzona, Como (I) und Varese (I) im Süden, Villeneuve (VD) im Westen sowie zahlreiche kleinere Märkte von regionaler Bedeutung im Norden die Städte mit Schlacht- oder Zuchtvieh, Pferden und Milchprodukten und bezogen dafür Getreide.

Diese Marktorientierung galt in deutl. geringerem Ausmass für die inneralpinen Täler. Deren trockenes Klima begünstigte den Ackerbau auch in höheren Lagen, und so blieb ihre Produktionsweise weiterhin gemischt. Etwas Viehhaltung benötigten diese Gegenden nur schon, um über Dünger für die Ackerböden und Zugtiere für die Pflüge zu verfügen, wobei allerdings in den unwegsamen Gegenden der Hackbau vorherrschte. Die Graswirtschaft war manchenorts so weit erschwert, dass eine Bewässerung der Wiesen erforderl. war. Besonders aufwendig waren die Wasserleitungs-Systeme (Bisses, Suonen) des mittleren Wallis.

Die Wirtschaftsweise widerspiegelte sich in der Flurorganisation. Wo Graswirtschaft vorherrschte, war die Flur vergleichsweise grossflächig parzelliert; Einzelhöfe verfügten über eigene, arrondierte Fluren. In Gebieten mit Mischwirtschaft war der Parzellierungsgrad höher, und die Gemengelage der Äcker bedingte eine Koordination des Anbaus. Hatte die hochma. Kolonisationsbewegung eine Ausdehnung der Ackerflur gebracht, so führte die Konzentration auf Viehwirtschaft im SpätMA zur Umwandlung von Äckern in Heuwiesen. Eine besondere Ausprägung erfuhr dieser Wandel der Nutzungsweise in der sog. Wechselwirtschaft (Feldgraswirtschaft, Egartenwirtschaft), die in den nordalpinen Gebieten vorherrschte: Man liess Äcker, die während zwei bis fünf Jahren ohne Unterbruch bebaut worden waren, zu Wiesen grün fallen, um sie nach drei bis zehn Jahren wieder zu Äckern umzubrechen. Damit wurde ohne Brache eine Regeneration der Böden erzielt. In anderen, inneralpinen Gebieten, etwa im Wallis, in Südbünden und im Tessin, war der Dauerfeldbau verbreitet, d.h. die Getreidefelder wurden Jahr für Jahr ohne Unterbruch angesät, im Südtessin sogar noch eine Nachfrucht gepflanzt. Wo Dauerfeldbau und Wechselwirtschaft nebeneinander existierten, scheint Ersterer in einem siedlungsnahen Bereich (infield), Letztere in den flexibler genutzten Randzonen (outfield) betrieben worden zu sein. Aufgrund des erhöhten Regelungsbedarfs im intensiv genutzten "Innenfeld" dürfte die Fruchtfolge hier innerhalb der Nachbarschaft abgestimmt worden sein. Eine Dreizelgenbrachwirtschaft ist nur am Rande des schweiz. Alpenraums nachgewiesen. Aus dem Wallis sind aber immerhin verzelgte Ackerfluren bekannt, so vom 13. Jh. an ein Zelgenbrachsystem (zwei Zelgen) in der Gegend von Sitten.

Als sich die nordalpine Landwirtschaft auf Viehwirtschaft verlagerte, entsprach dies zunächst einer Extensivierung: Die Krise des SpätMA verminderte die Zahl der Arbeitskräfte, und Viehhaltung war weniger arbeitsintensiv als Feldbau. Dafür war sie kapitalintensiver und versprach grössere Erlöse. Hier bot sich eine Investitionsmöglichkeit für Stadtbürger und Klöster, und zwar durch die Verpachtung von Vieh (Viehverstellung). Grosse Viehhalter konnten sich entlasten, indem sie Teile ihrer Bestände zur Sömmerung an kleine Betriebe verliehen. Bei den Gem. und den Alpgenossenschaften waren solche Praktiken allerdings nicht gern gesehen: Oft war es verboten, Vieh von Verbandsfremden in die Alp zu stellen, und Alpgenossen durften nur das mit eigenem Heu gewinterte Vieh sömmern.

Entscheidend für den Aufschwung der Viehwirtschaft war die spätma. Verlagerung von Klein- auf Grossvieh. In geringerem Umfang war Grossvieh allerdings bereits zuvor gehalten worden; die Klöster hatten seine Zucht gefördert. Führend war z.B. das Land Schwyz, das auf Traditionen der Einsiedler Klosterökonomie aufbauen konnte. Auch in diesem Bereich erfolgten die Umstellungen komplementär zur Entwicklung der städt. Wirtschaft. Das zeigt sich am Beispiel von Freiburg: Hier verlagerte sich die zugleich intensivierte Schafhaltung im 14. Jh. aus den A. in die Nähe der Stadt, um das aufblühende Textilgewerbe zu beliefern. Mit dessen Rückgang im Laufe des 15. Jh. sank sie zur Bedeutungslosigkeit herab und wich einer auf Milch- und Käsewirtschaft ausgerichteten Grossvieh-Haltung. Anders verhielt es sich etwa in Südbünden, wo das Kleinvieh bis in das ausgehende SpätMA dominierte.

Die zunehmende Rinderhaltung bedingte eine grössere Produktion von Rauhfutter, das meist in mehreren Ställen (Gadenstätten) pro Betrieb ausgefüttert wurde, und damit eine Ausdehnung der Alpwirtschaft. Die Dezentralisierung der Betriebe, d.h. die Verteilung ihrer Güter auf mehrere Höhenstufen, war im schweiz. Alpenraum des SpätMA eine weit verbreitete Erscheinung. Am ausgeprägtesten zeigte sie sich im mittleren Wallis, wo manche Betriebe Weinbau an den untersten Hängen des Rhonetals und Alpwirtschaft bis in Lagen um 2500 m in sich vereinigten. Je höher die Stufen lagen, desto ausschliesslicher dienten sie einer extensiven Weidewirtschaft. Die Erschliessung der obersten Stufe für die Alpwirtschaft erfolgte hauptsächl. vom HochMA an. Daraufhin entstanden in der Zwischenstufe als eigentl. Rodungsinseln Maiensässe: Nebenbetriebe mit Sennerei (Senn), privaten Wiesen und Allmendrechten.

Die Besitz- und Betriebsformen in der Alpwirtschaft waren unterschiedl. Idealtypisch ist eine Entwicklung von der familienwirtschaftl. Einzelalpung zur Integration in grössere Verbände, parallel zur Siedlungsverdichtung. Oft wurden Alpweiden von Grundherren an Hofgenossenschaften oder Nachbarschaften verliehen, die sich dann als Korporationen verselbständigten. Daneben gab es Gemeindealpen, insbes. in Graubünden und Glarus. Alpen, die in Gemeindebesitz standen, wurden oft auch genossenschaftl. betrieben. Allg. überwog die Genossenschaftssennerei im inneralpinen Gebiet, die Individualsennerei dagegen im nordalpinen Bereich. Der Betrieb als solcher wurde immer eingehender geregelt (Alprechte). Das älteste Beispiel einer schriftl. Alpordnung ist in den Acta Murensia aus der Mitte des 12. Jh. überliefert, worin die Abtei Muri für ihren stark gestreuten Innerschweizer Alpbesitz u.a. Nutzungsbestimmungen, Abgabenforderungen und Herstellungsanleitungen für Milchprodukte festhielt.

Da die Alpweiden von den Siedlungskernen her gesehen in einer Rand- bzw. Grenzzone lagen, entstand hier bei zunehmender Nutzungsintensität jeweils Konkurrenzdruck. Streitigkeiten um Alpungsrechte hatten oft territorialpolit. Bedeutung, so z.B. im Zuge der Expansion der Schwyzer und Urner gegenüber den Klöstern Einsiedeln (Marchenstreit) bzw. Engelberg, aber auch gegenüber den Glarnern. Die Auseinandersetzungen um Alpweiden waren immer auch Nutzungskonflikte: v.a. um Weidegrenzen, um befristete Weiderechte auf fremdem Boden und um Wegrechte. Die Gefahr der Übernutzung bestand aber auch innerhalb der einzelnen Alpgenossenschaften. Daher wurden die Nutzungsrechte beschränkt, entweder durch die Zuteilung von einzelnen "Stössen" bzw. sog. Kuhrechten oder nach der Winterungsregel (d.h. nach der Anzahl Kühe, die ein Alpgenosse mit dem Heuertrag seiner eigenen Güter durch den Winter brachte).

Mit der Sömmerung wachsender Viehbestände auf den Hochweiden musste auch die Allmend im Tal zur Produktion des Winterfutters herbeigezogen werden. Deshalb wurden Allmendstücke zur Sondernutzung als Wiesen ausgegeben, d.h. von der Nachbarschaft an einzelne Genossen verlost, verpachtet oder verkauft. Auf derart privatisierten und eingehegten Gütern (Einschlagsbewegung) lasteten jedoch weiterhin bestimmte kollektive Nutzungsrechte, besonders der allg. Weidgang im Frühling und Herbst (Gemeinatzung, Etzweide).

Neben Äckern und Wiesen bestanden Sonderkulturen. Deren wichtigste, der Weinbau, war in den unteren Bereichen der südalpinen Täler sowie im mittleren und unteren Wallis verbreitet, in etwas geringerem Ausmass im Churer Rheintal und am Vierwaldstättersee. Im Gartenbau wurden überdies Obst, Gemüse und Faserpflanzen gezogen. Einzelne Obstbäume konnten aber auch als Sondereigentum in der Allmende gepflanzt werden.

Das ländl. Handwerk und Gewerbe war zunächst noch vielfach in die grundherrl. Organisation eingebunden, unterstand also dem grundherrl. Bann. Das gilt nicht zuletzt für die Verarbeitung von Nahrungsmitteln, für Einrichtungen wie Mühlen, Backhäuser, Trotten und Fleischbänke, aber auch für Gaststätten. Im SpätMA waren Getreidemühlen, z.T. verbunden mit Sägewerken, Hanfreiben, Gersten- und Knochenstampfen sowie Tuchwalken, im Alpenraum eine allg. Erscheinung. Verbreitet waren auch Schmieden. Die übrigen ländl. Nebengewerbe befassten sich mit der Gewinnung von Rohstoffen und Energieträgern oder mit dem Warenverkehr. Harzgewinnung und Köhlerei betrieb man eher als Kleingewerbe. Bergbau und Säumerei wurden im SpätMA zunehmend professionalisiert (s. Kap. Bergbau bzw. Verkehr).

Autorin/Autor: Florian Hitz

3.2 - Landwirtschaft in der frühen Neuzeit

Die alpine Wirtschaft blieb in der frühen Neuzeit von der Landwirtschaft geprägt, die vom 17. Jh. an zunehmend durch Heimarbeit ergänzt wurde. Bis um 1800 hatten sich drei recht deutl. unterscheidbare Agrarzonen herausgebildet: die inneralpine Zone, das sog. Hirtenland und -- im Übergangsgebiet zu den Voralpen -- die Feldgraszone. Die vielfältige landwirtschaftl. Produktion der inneralpinen Zone diente nach wie vor v.a. der Selbstversorgung. Das nördl. des Alpenhauptkamms gelegene "Hirtenland" hatte sich weiter in Richtung einer marktorientierten Vieh- und Milchwirtschaft spezialisiert. In der Feldgraszone des hügeligen Alpenvorlands wurde neben Vieh- und Milchwirtschaft weiterhin Ackerbau betrieben.

Für die Entwicklung der Alpwirtschaft von oft entscheidender Bedeutung waren die Eigentumsverhältnisse. Wo das Privateigentum vorherrschte -- wie z.B. in Glarus, im Appenzellerland, in Schwyz, Bern und Freiburg --, waren Kapitalinvestitionen oder Grosspachten reicher Grossbauern, Küher (Küherwesen) oder auch frühindustrieller Unternehmer und damit verbundene Innovationen möglich. Wo hingegen das Korporations- oder Gemeindeeigentum vorherrschte -- v.a. in Graubünden, im Wallis oder in Uri --, blieb die Alpwirtschaft den traditionellen Formen verhaftet und die Landwirtschaft eher erneuerungsfeindlich.

Der im MA entstandene und im 16. Jh. schon fest verankerte Welschlandhandel nahm während des Dreissigjährigen Kriegs bedeutende Dimensionen an, welche danach trotz mancherlei Einbrüchen (Viehseuchen, polit. Spannungen) anhielten. Er griff über den engeren Alpenraum hinaus in die Gebiete von Luzern, Zug, Zürich und St. Gallen, ins Bernbiet, in die Freiämter und in die voralpinen Gegenden Freiburgs und der Waadt über. Im 18. Jh. wurden jährl. schätzungsweise 6'000-10'000 Stück Grossvieh allein auf den Tessiner Märkten verkauft.

Vom 17. Jh. an gewannen Milchwirtschaft und neue Sorten von Käse (Greyerzer, Sbrinz) an Bedeutung. Diese Labhartkäse waren gut lagerbar und eigneten sich für den weitreichenden Export. Führend in der neuartigen Käseproduktion waren das Greyerzerland, das Pays-d'Enhaut und das Saanenland, wo während des 17. und 18. Jh. Äcker und Wiesen zugunsten von Weiden stark zurückgedrängt wurden. Auch in Unterwalden nahm die Käseproduktion zu. Bekannt wurde auch der fette Ursner Käse. Absatzmärkte waren wiederum das schweiz. Mittelland, Norditalien und, über den Genfersee und die Rhone erreichbar, auch Marseille (Schiffsbesatzungen). 1720-30 wurden pro Jahr durchschnittl. 742 t Käse allein über den Gotthard geführt, 1790-97 waren es 1'085 t. In der 2. Hälfte des 18. Jh. zeichnete sich die aufkommende Konkurrenz der mittelländ. Landwirtschaft ab, die ihre bis dahin untergeordnete Vieh- und Milchwirtschaft ausweitete.

Besondere Bedeutung kam der Einführung der Kartoffel im Alpenraum zu. Der Anbau dieser Frucht, welche im feuchten und eher kühlen Klima am Alpennordhang gut gedeiht, setzte im frühen 18. Jh. zuerst in den Tälern der Vieh- und Milchwirtschaftszone ein. Weil hier kein Flurzwang bestand und die Naturalzehnten schon lange aufgehoben waren, standen dieser Neuerung weniger Hemmnisse als im Mittelland im Wege. Die Kartoffel breitete sich rasch aus und war für die Einw. des "Hirtenlandes" willkommener Ersatz für fehlendes Getreide. Sie war hier gegen 1800 überall verbreitet, während sie in den inneralpinen Zonen erst später heimisch wurde.

Ausgehend von St. Gallen und Zürich, breitete sich im Voralpen- und Alpenraum der Ost- und Zentralschweiz im 17. und v.a. im 18. Jh. die textile Heimarbeit aus (Wolle, Seide, Baumwolle). Am intensivsten erfolgte die Entwicklung in Appenzell Ausserrhoden und Glarus. Die Landwirtschaft verlor hier ihren Vorrang und passte sich den Bedürfnissen der wachsenden Heimarbeiterbevölkerung an. Der arbeitsintensive Ackerbau verschwand weitgehend. Die alpwirtschaftl. Produkte dienten v.a. der Ernährung der einheim. Bevölkerung. Die Landwirtschaftsbetriebe wurden zu Nebenerwerben mit kleinem Viehbestand, in Glarus auch mit beachtl. Obstbau.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3.3 - Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert

Die Beschäftigungsstruktur in den Gebirgskantonen verschob sich im 19. und 20. Jh., gleich wie in der ganzen Schweiz, kontinuierl. vom 1. zum 2. und etwa seit den 1960er Jahren in besonderem Masse zum 3. Sektor.

Der Wandel der Wirtschaftsstruktur in den A. veränderte die Berglandwirtschaft grundlegend. Der Anteil der landwirtschaftl. Bevölkerung in den acht Gebirgskantonen schwankte um 1870 zwischen 74% (Wallis) und 19% (Glarus), 1980 aber nur noch zwischen 21,6% (Appenzell Innerrhoden) und 1,6% (Tessin) der Gesamtbevölkerung. Die Bauernsame erlitt auch in absoluten Zahlen einen starken Rückgang. 1870-1910 stieg die Quote nur in Appenzell Innerrhoden um 14,7% und im Wallis um 4,5%. In allen anderen Gebirgskantonen ging sie um 1,1% (Nidwalden) bis 17,9% (Tessin) zurück. Im 20. Jh. war der Rückgang noch dramatischer. Um 1980 war der landwirtschaftl. Bevölkerungsanteil auf zwischen 8% (Tessin) und 55% (Appenzell Innerrhoden), im Durchschnitt aller Gebirgskantone auf 26% (rund 43'000) des Bestandes von 1910 (rund 160'000) geschrumpft; die Bergbauern stellten 15% der landwirtschaftl. Bevölkerung der Schweiz.

Die alpinen Wirtschaftsräume verloren allmähl. ihre noch um 1800 charakterist. Eigenarten. Betrieben in den inneralpinen Tälern des Wallis, des Tessins und Graubündens noch um 1905 50% bis über 70% aller bäuerl. Güter Getreidebau, so reduzierte sich die Ackerfläche in diesen Kt. bis 1980 um mehr als 46% von 15'805 ha auf 8'488 ha. Ihr Anteil am gesamten landwirtschaftl. Areal war mit durchschnittl. 7,9% aber immer noch beachtl., wodurch sich die inneralpine Landwirtschaft auch heute noch erhebl. von derjenigen der nordalpinen Gegenden unterscheidet, wo überall weniger als 1% des gesamten Landwirtschaftsareals zur offenen Ackerfläche zählen. Von einer besonderen inneralpinen Zone kann jedoch nicht mehr gesprochen werden, da die dafür charakterist. Selbstversorgung heute nirgends mehr anzutreffen ist. Die Industrialisierung verwischte auch die Grenzen zwischen "Hirtenland" und Heimarbeitsgebieten.

Die Gesamtfläche des landwirtschaftl. Bodens (landwirtschaftl. Nutzfläche, Sömmerungsweiden) in den schweiz. A. ist seit 1800 weitgehend konstant geblieben, da Verluste an die Siedlungsfläche durch Meliorationsgewinne z.T. aufgefangen werden konnten. Einzig im Tessin ging sie im 20. Jh. drastisch zurück (1905-80 um über 35%). Der Viehbestand in den Gebirgskantonen nahm 1866-1978 zwar von 339'482 auf 368'562 Grossvieheinheiten zu, sein Anteil am gesamten Schweizer Vieh sank aber von 28% auf 14%. Diese Entwicklung wies indes grosse regionale Unterschiede auf: Die meisten Gebirgskantone verzeichneten Wachstumsraten, am stärksten Nidwalden, Appenzell Innerrhoden und Obwalden. Hingegen hatten Graubünden, Wallis und Tessin rückläufige Viehbestände.

Der Export von Vieh und Milchprodukten aus den A. in die Lombardei wuchs bis um 1850. Ein Grossteil davon nahm den Weg über den Gotthardpass. Durch den Ausbau der Bahnlinien nach 1882 wurde der Markt grossflächiger. Zudem entwickelte sich der Viehbestand in den nichtalpinen Gebieten der Schweiz nach der Liberalisierung der Agrarverfassung, der Aufteilung des Gemeinbesitzes und aufgrund der intensivierten Bodenbewirtschaftung viel dynamischer als in den A. Er wuchs 1866-1978 um 112% auf rund 1'791'179 Grossvieheinheiten (86% des Schweizer Viehs). Daraus wird ersichtl., dass die traditionelle Arbeitsteilung zwischen dem mittelländ. "Kornland" und dem alpinen Viehwirtschaftsgebiet in neuerer Zeit nur mehr beschränkte Gültigkeit beanspruchen darf.

Schon gegen Ende des 18. Jh. zeichnete sich eine Konkurrenz zwischen Alp- und Talkäsereien ab. Diese Entwicklung verschärfte sich in der 1. Hälfte des 19. Jh. rasch. Zudem entstand, ausgehend von der Westschweiz, im Mittelland ein dichtes Netz von genossenschaftl. Käsereien, welches nach 1850 auch den Alpenraum zu erfassen begann und im 20. Jh. verbandsmässig straff organisiert wurde. Dem Beispiel der Milchwirtschaft folgend, entstanden zahlreiche, für die Berglandwirtschaft wichtige Zusammenschlüsse: Der 1863 gegr. Schweiz. Alpwirtschaftl. Verein bemühte sich um die Förderung der Alpwirtschaft. 1844 wurde der Bauernverein Graubünden gegr., dessen Beispiel bis 1908 alle Gebirgskantone folgten. Die Kantonalvereine schlossen sich alle dem seit 1863 bestehenden Schweiz. Landwirtschaftl. Verein an. Im 20. Jh. sind viele weitere Organisationen entstanden, welche die Berggebietsförderung zum Zweck haben. 1896 gründete Graubünden als erster Gebirgskanton eine landwirtschaftl. Fachschule. 1915 folgte das Tessin, 1918 Glarus, 1920 Wallis, 1925 Schwyz, 1938 Uri und 1957 Obwalden. Seit 1924 sind auch fünf Bäuerinnenschulen entstanden.

Seit dem "Bundesbeschluss betr. die Förderung der Landwirtschaft durch den Bund" von 1884 hat sich die Eidgenossenschaft in wachsendem Masse für die Belange der Landwirtschaft in den A. engagiert (Agrarpolitik). Aus Sorge über die zunehmende Entvölkerung vieler Bergtäler sah das 1929 revidierte Landwirtschaftsgesetz vor, dass die Berggegenden und die kleinbäuerl. Betriebe besonders unterstützt werden sollten. Daraus entwickelte sich ein vielfältiges Netz von Hilfsmassnahmen, welches laufend ausgeweitet und verbessert wurde: Förderung des Viehabsatzes, Entschuldungs- und Investitionskredite, Familien- und Kinderzulagen, Maschinensubventionen für die seit den 1950er Jahren stark zunehmende Mechanisierung, Kostenbeiträge an Rindviehhalter, Kuhalpungsbeiträge, Flächenbeiträge, Verbesserung der Wohnverhältnisse usw. Diese Massnahmen, verbunden mit einer verbesserten Erschliessung durch Strassen und Seilbahnen, technisierten die bergbäuerl. Arbeit, vergrösserten die Betriebsstrukturen der Berglandwirtschaft und beeinflussten insgesamt die bäuerl. Lebensweise und Mentalität.

Die Agrarpolitik des Bundes erfolgt koordiniert mit den Kt. und abgestützt auf sie, doch werden das Engagement und dadurch auch der Einfluss des Bundes immer grösser. Trotz der umfangreichen Stützungsbemühungen erreichten die Bergbetriebe 1960-80 nur 50-70% des parität. Lohnanspruchs, während die Talbetriebe in der gleichen Periode 80-110% erwirtschaften konnten. Am Ende des 20. Jh. tendiert die Landwirtschaftspolitik der Schweiz dahin, den Bergbauern durch produktionsunabh., an ökolog. Vorschriften gebundene Direktzahlungen ein Grundeinkommen zu verschaffen und sie damit für gemeinwirtschaftl. Leistungen, z.B. für die Erhaltung der Kulturlandschaft, zu entschädigen. Förderl. Bestrebungen in der alpinen Land- und Forstwirtschaft werden zunehmend auch auf internat. Ebene unternommen, so im Rahmen der 1972 gegr. Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (Arge Alp), die sich mit grenzübergreifenden Themen des zentralen und östl. Alpenraums befasst und der neben dt. und österr. Bundesländern, ital. Regionen und autonomen Provinzen auch die drei Kt. Graubünden, St. Gallen und Tessin angehören. In einer vergleichbaren internat. Gemeinschaft des westl. Alpenraums, der 1982 gegr. Communauté de travail des Alpes occidentales (Cotrao), sind neben franz. und ital. Regionen die Kt. Genf, Waadt und Wallis vertreten. Die Alpenkonvention von 1991 (Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Deutschland, Slowenien, Liechtenstein, Monaco) verpflichtet die Mitgliedsländer, die Berglandwirtschaft standortgerecht und umweltverträgl. zu betreiben sowie die Bauern für ihre gemeinwirtschaftl. Leistungen zu entgelten.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3.4 - Waldnutzung

In der Diskussion um die Bedeutung des Waldes im Gebirge stand oft die Schutzwirkung gegen Naturgefahren wie Lawinen, Hochwasser und Steinschlag im Vordergrund. Von diesbezügl. Erwartungen gingen seit dem MA wesentl. Impulse für polit. Aktivitäten und rechtl. Erlasse zur Walderhaltung und -nutzung aus. Sog. Bannbriefe für einzelne Wälder (Bannwald) gehören zu den ältesten Dokumenten der Berggebiete. Sie wurden vom 14. Jh. an zunehmend zum Schutz von Siedlungen und Verkehrswegen, aber auch von landwirtschaftl. genutzten Flächen vor natürl. Bedrohungen erlassen. Zugleich regelten sie indes die vielfältige Nutzung der Wälder und sicherten insbes. durch die Beschränkung der Nutzungsrechte die Holzversorgung bestimmter Berechtigter oder der Allgemeinheit. Die konfliktträchtige Kombination von Schutz- und Nutzungsinteressen und ihre rechtl. Sicherstellung führte in gewissen Alpentälern auch zur Entstehung von Privatwald (z.B. Davos). Der von den Bannwäldern ausgehende geheimnisvolle Ruf liess die Vorstellung eines vorausschauenden, durch Naturverbundenheit geprägten, eigentl. nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt entstehen. Dass dies mit der Wirklichkeit im MA und in der frühen Neuzeit nicht übereinstimmte, wurde spätestens aus den Berichten der Forstpioniere am Übergang vom 18. zum 19. Jh. klar.

Die Wälder vieler Gebirgstäler spielten eine wichtige Rolle für die Energie- und Rohstoffversorgung für das Gewerbe und die sich entwickelnden Industrien in einem weiteren Umkreis, sofern die Voraussetzungen für den Holztransport auf den grösseren Flüssen günstig waren (Holzwirtschaft). Beispielsweise lag im Gebiet des heutigen Nationalparks im Unterengadin das Schwergewicht der Holznutzung im Hoch- und SpätMA beim Bergbau (Buffalora, Il Fuorn, S-charl). Ab der Mitte des 17. Jh. verlagerte es sich auf die Holzausfuhr auf dem Inn zugunsten der Saline Hall im Tirol. Aber nicht nur auf dem Inn, sondern auf beinahe allen Schweizer Flüssen und Bächen wurde teilweise bis Ende des 19. Jh. Holz getriftet und geflösst (Flösserei). Die wirtschaftl. Bedeutung der Bergwälder für die Binnenversorgung, aber auch für den Holzexport ist eng verknüpft mit der techn. Entwicklung, sowohl hinsichtl. der Erschliessung (Transportsysteme) wie auch der Nachfrage (Industrialisierung, Substituierung durch andere Rohstoffe und Energieträger wie Kohle, Erdöl, Elektrizität).

Die Versorgung der einheim. Bevölkerung mit vielfältig verwendetem Holz und anderen Produkten des Waldes (Harz, Streue, Beeren, Pilze etc.) ging von regional sehr unterschiedl. Voraussetzungen aus. An der oberen Waldgrenze, z.B. im Avers, hatte sich die Bevölkerung damit abzufinden, dass wenig Holz vorhanden war. Sie behandelte dieses denn auch als Kostbarkeit. Im Urserntal andererseits war die Bedeutung der Wiesen und Matten für die Landwirtschaft so gross, dass in Kauf genommen wurde, das Holz auf beschwerl. Weise durch die Schöllenenschlucht heraufzuführen. Ähnl. Verhältnisse werden aus Grindelwald geschildert. In den wichtigsten Ausfuhrgebieten trat die von der finanziell interessierten Obrigkeit geförderte Ausbeutung in Konkurrenz zur einheim. Holzversorgung bzw. zu den anderen Funktionen der Gebirgswälder.

Die bis ins 19. Jh. anhaltende unkontrollierte Ausbeutung der Gebirgswälder, aber auch der wachsende Arealbedarf der Landwirtschaft führte zu einer Entwaldung, die im 19. Jh. vermehrt als Ursache für viele Überschwemmungen wahrgenommen wurde. Die neuen Erkenntnisse liessen schliessl. nach vielen Berichten und Gutachten (Charles Lardy, Xavier Marchand, Elias Landolt) die Bereitschaft zu einer umfassenden Sicherung des Gebirgswaldareals reifen. Diese fand im Eidg. Forstpolizeigesetz von 1876, das im Übrigen bis 1898 nur für das "Hochgebirge" galt, ihren Abschluss (Forstgesetze). Es schränkte einerseits die Waldweide für Gross- und Kleinvieh ein und postulierte andererseits die Anlage neuer Schutzwälder in hydrolog. empfindl. Gegenden (z.B. Flyschgebiete der Voralpen). Durch die damit eingeleitete Walderhaltungspolitik und infolge der gleichzeitig abnehmenden wirtschaftl. Bedeutung des Rohstoffs Holz hat die Waldfläche in den A. teilweise erhebl. zugenommen, am stärksten auf der Alpensüdseite. Gemäss dem ersten Schweiz. Landesforstinventar (LFI, Aufnahmen 1982-86) lagen Ende des 20. Jh. 32% aller Schweizer Wälder in der Alpenregion. 57% der Alpenwälder waren Hochwälder (im forstl. Sinne), 13% plenterartige Hochwälder. Der Rest bestand aus aufgelösten Bestockungen und Gebüschwald. Hauptbaumart der LFI-Region A. ist die Fichte (über 50%), gefolgt von Lärche, Föhre, Weisstanne und Arve. Hauptbaumarten unter den Laubhölzern sind Buche, Ahorn und Esche. Das in den 1980er Jahren der Öffentlichkeit bewusst gemachte Ausmass der Waldschäden sowie deren Zunahme (Waldsterben) -- besonders auch in den A. und hier v.a. in den inneralpinen Tälern -- hat den Bund 1983 zur Lancierung des Programms Sanasilva veranlasst (jährl. Waldschadenbericht, Massnahmen zur Erhaltung gesunder Wälder).

Autorin/Autor: Anton Schuler

3.5 - Bergbau, Industrie, Energie

3.5.1 - Bergbau

In ihrem Innern bergen die A. zahlreiche Bodenschätze wie Erze (Edelmetalle, Eisen), Kohle, Salz, Mineralien und Kristalle (Bergkristalle). Fundstätten wurden von Zeit zu Zeit, je nach Stand des Wissens, der Technik, der Verwendungsmöglichkeiten und Wirtschaftlichkeit ausgebeutet. Neben der Jagd ist der Bergbau die älteste nicht-agrar. Tätigkeit im Alpenraum. In den schweiz. A. sind die Vorkommen allerdings wenig ergiebig, und ihr Abbau war meistens unrentabel. Relative Blütezeiten sind im späten 15., im frühen 17. und abgeschwächt z.T. im 18. Jh. zu verzeichnen, wogegen die Ausbeutung im 19. und 20. Jh. prakt. zum Erliegen kam. Wichtige Standorte waren (in Klammern erstmalige Bezeugung bzw. Dauer der Ausbeutung):- im Kt. St. Gallen der Gonzen (spätestens ab Ende 1. Jh. v.Chr., Eisen, bis 1966),
- in Graubünden das Val S-charl und das obere Münstertal (frühes 14. Jh., Eisen, Silber), das Val Medel und Trun (Mitte 14. Jh., Eisen), Davos (Ende 15. Jh., Silber, Blei, Zink), das Albulatal (16. Jh., Eisen, Buntmetalle) und das Schams (17. Jh., Eisen, Silber),
- in der Innerschweiz das Melchtal (15.-17. Jh., Eisen), das Maderanertal (15.-18. Jh., Eisen, Silber) und das Entlebuch (15.-18. Jh., Waschgold, Eisen),
- im Wallis das Val de Bagnes (spätestens vom 15. Jh. an, Silber), Grund bei Brig (2. Hälfte 17. Jh., Eisen), das Lötschental (17. Jh., Blei) und Gondo (18. Jh., Gold),
- im Berner Oberland das Oberhasli (16.-18. Jh., Eisen), das obere Lauterbrunnental (17. Jh., Eisen) und das Frutigland (Steinkohle im 2. Weltkrieg),
- in der Waadt Aigle und Bex (2. Hälfte 16. Jh., Salz),
- im Tessin das Valle Morobbia (Ende 18. Jh., Eisen).

Besonders mit dem allerdings nur in den grösseren Zentren eingeführten Blashochofen im 16. Jh. wurde die Erzgewinnung und -verhüttung ein kapitalintensives Unternehmen. Über die entsprechenden Mittel verfügende lokale Unternehmer aus Notabelnfam. schlossen sich hierzu oft mit auswärtigen Kaufleuten zusammen. Den Kern der Arbeitskraft stellten in der Regel Knappen und Fachkräfte dar, die aus den grossen zentral- und ostalpinen Bergbau-Zonen (Bresciano, Comasco, Tirol, Steiermark) zugewandert waren und ein eigenständiges Brauchtum pflegten. Die lokale Bevölkerung war v.a. über die Befriedigung des enormen Holzbedarfs und Spanndienste, mittelbar auch über die an Kommunen fliessenden Erträge von Regalien mit dem Bergbau verbunden. Allerdings führte der Kahlschlag der Wälder auch zu Konflikten, so im 16.-17. Jh. im oberen Haslital oder im 18. Jh. in der Herrschaft Aigle. Stets gesucht und vielfältig verwendet wurden div. Gesteine wie Marmor, Granit, Gneise, Kalke, Schiefer und Speckstein (Steinindustrie).

Autorin/Autor: Ulrich Pfister, Thomas Busset

3.5.2 - Wandergewerbe, Protoindustrie

Parallel zur Extensivierung der alpinen Landwirtschaft im SpätMA und in der frühen Neuzeit entwickelten sich im grössten Teil der schweiz. A. Systeme saisonaler oder lebenszykl. Wanderarbeit, die neben dem gewerbl. Sektor auch die Landwirtschaft (Gesindewanderung in das benachbarte Flachland, v.a. aus den Voralpen) und die Dienstleistungen (Solddienst, v.a. aus der Innerschweiz und dem Wallis, sowie Hausiererwesen) betraf. Wandergewerbe scheinen v.a. dort häufig, wo die anderen Sektoren selten vertreten waren. Wichtige Branchen waren erstens das Baugewerbe, das in etlichen italienischspr. Tälern (Mendrisiotto, Centovalli, Misox) vertreten war und von Architekten (Bauunternehmern) über Stuckatoren zu einfachen Maurern die ganze Qualifikationspalette dieser Branche umfasste, zweitens Gewerbe, welche die Endverarbeitung neuartiger Konsumgüter betreffen, wie diejenigen des Chocolatiers (v.a. aus dem Bleniotal) und des Zuckerbäckers, Cafetiers bzw. Konditors (v.a. aus ref. Graubünden, insbes. dem Engadin und Davos), drittens eigentl. Spezialgewerbe am Übergang zu Handel und Dienstleistungen, wie die Schornsteinfegerei (aus dem Verzasca- und dem Calancatal), die in Glarus verbreitete Tischmacherei und das Wattengewerbe. Die Zielgebiete der gewerbl. Wanderung waren weitgestreut und umfassten Städte in Oberitalien, der Donaumonarchie und im Rest des Reichs. In der Regel handelte es sich um neu entstehende nichtzünft. Gewerbe mit stark variierender bzw. weit verstreuter Nachfrage. Die Spezialisierung auf ein Gewerbe vollzog sich hauptsächl. im kleinen Raum einer Talschaft oder Gem. Dies hängt mit der Rekrutierung der Arbeitskraft im Verwandtschafts- und Nachbarschaftsverband zusammen. Der Zusammenhalt zwischen abwesenden Männern und zurückbleibenden, den landwirtschaftl. Betrieb versorgenden Frauen und Verwandten wurde durch intensiven briefl. Verkehr sichergestellt, der mit einer relativ frühen und starken Alphabetisierung einherging.

Die Kombination von saisonalem bzw. lebenszykl. Wandergewerbe mit alpiner Subsistenzlandwirtschaft wurde erst gegen Mitte des 19. Jh., insbes. durch die verstärkte Auswanderung nach Übersee, aufgelöst. Ausgehend von Wandergewerben konnten sich in Ausschöpfung von wahrgenommenen Marktchancen (sesshafte) Protoindustrien entwickeln (Protoindustrialisierung). Wichtigstes Beispiel ist der Kt. Glarus, wo im frühen 18. Jh. die Baumwollspinnerei aus der durch die erw. Wandergewerbe geschaffenen Handelsinfrastruktur entstand. Wegen der Stadtferne und der dadurch gegebenen Knappheit an unternehmer. Know-how sind ansonsten Protoindustrien im Alpenraum rar. Ausnahmen sind das nahe bei St. Gallen gelegene Appenzell Ausserrhoden (Leinen, Baumwolle, Stickerei), das Engelberger Tal (Schappe), wo das Kloster eine unternehmer. Funktion wahrnahm, sowie Gersau, das als wichtiges Zentrum für die Innerschweiz fungierte.

Autorin/Autor: Ulrich Pfister, Thomas Busset

3.5.3 - Industrie, Elektrizitätswirtschaft

Zu Beginn des 19. Jh. befanden sich die Gebirgskantone wirtschaftl. in einer eigentl. Krise. Natürl. Ressourcen wie Wasser, Holz, Kalk, Lehm etc. sicherten noch immer den Bestand kleiner Produktionseinheiten, die den lokalen oder regionalen Markt belieferten. Die Wasserläufe versorgten Sägereien, Papiermühlen usw. mit Antriebskraft. Das Holz diente den Glashütten in Hergiswil (1818), Monthey (1822) und Domat/Ems (1839) als Brennstoff, den Möbel-, Zündholz- oder Bodenfabrikanten sowie Holzschnitzlern als Rohmaterial. Einige Betriebe überlebten mit knapper Not oder verschwanden, andere wurden mechanisiert (1813 Baumwollspinnerei in Glarus, 1822 Florettseidenproduktion in Brunnen, 1831 Einführung der Papiermaschine im Rotzloch usw.). Insgesamt blieb die Mechanisierung jedoch bescheiden.

Von der Mitte des 19. Jh. an eroberte städt. Kapital, zu Beginn häufig ausländ. Provenienz, das Alpengebiet. Die Schweizer A. gerieten in zunehmendem Masse in den Einflussbereich der mittelländ. Entscheidungszentren. Dieses Eindringen war verbunden mit dem Aufkommen der Bahn, deren Wirkung auf das lokale Handwerk und Gewerbe, die sich nun einer überregionalen Konkurrenz ausgesetzt sahen, sehr oft verhängnisvoll war. Einige Unternehmen allerdings, wie z.B. die Glashütte Hergiswil, die 1870 auf Kohle umstellte, passten sich dem Ausbau des Bahnnetzes an, andere entstanden neu, wie die Baumwollspinnerei in Churwalden und die Maschinenfabrik in Landquart 1858, oder erlebten eine Blütezeit, wie die Gneis-Steinbrüche in Uri und in der Leventina.

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. zog die auf der Wasserkraftnutzung basierende Elektrifizierung in einigen Alpentälern, z.B. im Wallis, die Gründung chem. (1897 Visp und Gampel, 1904 Monthey) und metallverarbeitender Industrien nach sich (1905 Chippis). Im Tessin ermöglichte die Konzession zur Nutzung der Wasserkraft des Tessins in der Biaschina-Schlucht, verbunden mit der Verpflichtung, die Energie an Ort und Stelle zu verwenden, die Entwicklung von Bodio zum Industriezentrum (Elektrizitätswirtschaft, chem. Industrie, Stahlwerk usw.). Bereits vor dem 1. Weltkrieg bot der Transport von elektr. Energie über grosse Distanzen keine techn. Probleme mehr, und die Nähe zum Elektrizitätswerk stellte keine Vorbedingung bei der Standortwahl von Industrien mehr dar (Industrialisierung). In polit. Hinsicht setzte nun jedoch ein Kampf um die Verbindung der einzelnen Netze ein. Dieser endete in einer Konzentration bei einigen wenigen Elektrizitätsges. mit Sitz im Mittelland (Elektrizitätswirtschaft). Die betroffenen Berggem. kamen in den Genuss der Wasserzinsen.

Die verbreitete Verwendung elektr. Energie in der ganzen Schweiz und die damit verbundene erhöhte Nachfrage führte zum Bau neuer Elektrizitäts- und Stauwerke, deren wichtigste nach dem 2. Weltkrieg entstanden: im Wallis Mauvoisin (1957, erhöht 1990), Grande-Dixence (1961), Mattmark (1967) und Emosson (1974), in Graubünden Zervreila (1957), Valle di Lei (1961) und Punt dal Gall (1969), im Tessin Luzzone (1963, erhöht 1999) und Contra (1965). Einige Projekte wurden in Angriff genommen, ohne vorerst die lokale Bevölkerung einzubeziehen, so in den 1950er Jahren auf der Göscheneralp und in Marmorera.

Autorin/Autor: Ulrich Pfister, Thomas Busset

3.6 - Verkehr

3.6.1 - Inneralpiner Verkehr

Grundsätzl. zu unterscheiden sind der inneralpine Verkehr und der internat. Transit. Der inneralpine Verkehr umfasst über den lokalen Kreis hinaus den Verkehr zwischen Alpentälern, die über Pässe verbunden sind (darunter die für den Längsverkehr wichtige Verbindung Rhonetal-Ursern-Vorderrheintal), und den Verkehr mit dem jeweils benachbarten Unterland, mit dem die Kommunikation vom 12. Jh. an anstieg. Vorwiegend dem Binnenverkehr und nicht oder nur begrenzt dem Transit dienten bis ins 20. Jh. unzählige regional bedeutsame Pässe wie z.B. Albrun-, Bernina-, Ofen-, Grimsel-, Furka-, Oberalp-, Klausen-, Kunkels- oder Flüelapass. Pässe wie der Lötschen-, Theodul- oder der Griespass führten gar über Gletscher; auch sie wurden mit Saumtieren und Viehherden begangen. Die Transportmittel und -erfahrungen der Gebirgsbewohner waren lange Zeit die Voraussetzung für einen leistungsfähigen Transitverkehr. Die Beteiligung daran konnte sich vom Neben- zum Haupterwerb entwickeln (Säumerei). Aus den südl. Alpentälern erwuchs ein eigener Verkehr über die A. hinweg, weil vom SpätMA an die Augstaler (Aostataler) und vom 16. Jh. an Calangger (Calancataler) Krämer sowie jene von den oberital. Seen mit Gebieten nördl. der A. Handel trieben. In der Gegenrichtung wurden vom MA bis zum 20. Jh. v.a. Vieh und Pferde ausgeführt. Erst der Fuhrverkehr des 19. Jh., die Eisenbahnen und das Automobil verlagerten das ganze Gewicht des Verkehrs von vielen Pässen weg auf die neuen Schienenstränge und Fahrstrassen in der Tiefe der Haupt- und einzelner Seitentäler. Eine Reihe von Nebenpässen wurden in jüngerer Vergangenheit neu mit Autostrassen für den Tourismus und Binnenverkehr erschlossen.

Autorin/Autor: Fritz Glauser

3.6.2 - Transit

Der internat. Transit durch die A. verdankte seine Anziehungskraft von jeher der kirchl.-religiösen, wirtschaftl., polit. und kulturellen Attraktivität des Mittelmeerraums, v.a. aber Italiens, sowie der Wirtschaftskraft der wachsenden Gewerbe- und später Industrielandschaften nördl. der A. und in England. Umgangen wurden die A. im Westen auf dem Seeweg um die Iberische Halbinsel herum (vom Ende des 13. Jh. an) und auf der Linie Rhonetal-Mittelmeer, im Osten auf einem breiten Band bis zum Schwarzen Meer. Alle drei Umfahrungsrouten konkurrenzierten den Alpentransit, der v.a. den Luxusgütern vorbehalten war, je nach Konjunktur in unterschiedl. Ausmass. Der zur Arbeitsbeschaffung stets begehrte Verkehr hat durch die Übergänge vom Saumweg zur Fahrstrasse, zur Eisenbahn und zur Autobahn schon wiederholt starke Umbrüche und Konzentrationen gebracht.

Die alpenquerenden Haupttransitachsen strebten im Bogen zwischen Nordwest- und Nordosteuropa über Zentren wie Lyon, das Genferseebecken, Basel und den Bodenseeraum, die sich im Verlauf des MA entwickelten, auf die A. zu, überquerten diese und liefen in Mailand und Venedig zusammen. Im Früh- und HochMA wurden zwischen dem Brenner im Osten (dem mit 1370 m niedrigsten Alpenpass) und dem Mont-Cenis im Westen im heute schweiz. Teil der A. hauptsächl. zwei Übergänge im Transit benützt, näml. im Westen der Grosse Sankt Bernhard und im Osten der Julierpass. Um 1000 zählten die Honorantie civitatis Papie an den Engnissen (cluse) einzelner wichtigerer Talausgänge im Süden u.a. die Talsperren und Zollorte Bard (I), Bellinzona und Chiavenna (I) auf. Im 10.-12. Jh. erreichte der Lukmanierpass eine vorübergehende polit. und kommerzielle Bedeutung, wurde dann aber vom Gotthardpass verdrängt. Der Grosse St. Bernhard, der im Königreich Burgund, dann lange in der Herrschaft Savoyen lag, verdankte seine hohe Bedeutung im 12.-13. Jh. den Messen in der Champagne, deren Anziehungskraft für den Alpenverkehr allerdings zwischen 1260 und 1320 nachliess und dann verschwand. Sie wurden durch neue Messen abgelöst, insbes. die Genfer Messen, die im 14.-15. Jh. blühten. Im 13.-14. Jh. zog zusätzl. der von der Kaufmannschaft in Mailand erschlossene Simplonpass Verkehr ab, doch verlor auch dieser vor 1400 sein Transitaufkommen ganz. Wohl nicht ganz zu Recht schreibt man den grossen Abschwung des Verkehrs durch die Westalpen dem Aufkommen des kürzesten Alpenübergangs, des Gotthardpasses, zu. Es ist auch an die Verlagerung zu den Bündner Pässen und zum Brenner zu denken sowie an die um 1300 aufkommende Konkurrenz durch die risikoreichere, zeitraubendere, aber ungleich grössere Transportkapazitäten anbietende Meerschifffahrt. Der Gotthard begann erst im Verlauf der 2. Hälfte des 12. Jh. als Weg für Reisende und v.a. Pilger ins europ. Bewusstsein einzudringen. Er erreichte als Handelsweg nicht vor Ende des 13. Jh. eine gewisse Bedeutung, polit. gefördert durch die Verkehrspolitik des Hauses Habsburg-Österreich und wirtschaftl. durch das Aufkommen neuer Messen wie jener in Frankfurt, Brügge, später Antwerpen oder Zurzach. Die grossen Mailänder Speditionshäuser bevorzugten spätestens vom 16. Jh. an den Splügenpass, um via Zürich, Basel und v.a. via den Bodenseeraum, Deutschland zu erreichen. So behielten die Bündner Pässe und insbes. der Brenner bis 1882 ihre z.T. überragende Stellung bei, während im Westen der Aufschwung der Lyoner Messen im 16. Jh. eine gewaltige, aber nur vorübergehende Verkehrssteigerung über den Mont-Cenis verursachte. Sodann belebte in den Westalpen die Handels- und Verkehrspolitik Kaspar Stockalpers nach 1650 für einige Jahrzehnte den Gütertransit über den Simplon. Der Gotthard wurde im Verlauf der polit. Entwicklung der Eidgenossenschaft in der allg. Vorstellung mythisch übersteigert. Weil er mehr militär.-polit. als wirtschaftl. Zuspruch genoss, übertraf sein Ruf die eher bescheidene Bedeutung des Gütervolumens. Sein Vorteil der kurzen Verbindung reichte nicht aus, um vom europ. Handel in grösserem Masse benützt zu werden, auch wenn sich der Gotthard dank seiner Vorzüge als einer der wichtigen Alpenübergänge halten konnte.

Seine überragende Bedeutung erreichte er jedoch erst mit der 1882 eröffneten Gotthardbahn, die einen radikalen Durchbruch und einen rasanten Aufschwung nach sich zog. Mit der 1980 eingeweihten Gotthardautobahn vergrösserte sich das Verkehrsvolumen ein weiteres Mal massiv. Der seit ihrer Eröffnung sich regende Widerstand führte zur Initiative zum Schutz des Alpengebietes vor dem Transitverkehr (Alpeninitiative), die vom Schweizervolk am 20.2.1994 angenommen wurde. Auch das vom Souverän am 27.9.1992 beschlossene, umstrittene Projekt der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat), das die Schweiz in das Netz der europ. Hochleistungsbahnen integrieren soll, trägt ökolog. Anliegen Rechnung.

Autorin/Autor: Fritz Glauser

3.6.3 - Infrastruktur

Die Transitpässe wurden im Winter ebenso begangen wie im Sommer und bedurften der Infrastrukturen. Die Anwohner stellten feste Anlagen, bewegl. Einrichtungen und Personal bereit. Am Julier und am Gr. St. Bernhard sind Spuren und Reste röm. und frühma. Transportorganisationen erkennbar. Im 13.-14. Jh. bildeten sich innerhalb der Tal- und Nachbarschaften (1237 Osco) Säumergenossenschaften (Porten in Graubünden, Marones/Marronniers am Gr. St. Bernhard) aus, an denen alle Talleute teilnahmeberechtigt waren, die für ihr Gebiet das Transportmonopol beanspruchten, den sicheren Transport im Turnus der Genossen (Teil- oder Rodfuhr) garantierten und für den Wegunterhalt aufkamen. Die Direkt- oder Strackfuhr über die ganze Bergstrecke war gegen Entrichtung der Fürleite (forleitum) als Weggebühr stets zugelassen, professionalisierte sich im 17.-18. Jh. und löste allmähl. die Teilsäumer ab. Im MA kamen die Hospize auf, ab dem 13. Jh. die Susten (von ital. sosta) als kommunale, gebührenpflichtige Transitlagerhäuser. Vom 15. Jh. an wurden Säumerwege ausgebaut, bald auch gepflästert und die Holz- durch Stein-Brücken ersetzt, so 1595 die Teufelsbrücke in der Schöllenen. 1707-08 wurde mit dem Urnerloch zuoberst in der Schöllenen der erste schweiz. Alpen-Tunnel gebaut. Mit dem Bau von Fahrstrassen über die Alpenpässe, der in der Schweiz erst im 19. Jh. einsetzte (z.B. Simplon 1801-05, Gotthard 1820-30), wurden die Säumer durch die Fuhrhalter verdrängt, diese ab 1882 durch die Alpenbahnen. Seit den 1960er Jahren wird die Bahn von den Nationalstrassen mit ihren Alpentunneln (Gr. St. Bernhard 1964, S. Bernardino 1967, Gotthard 1980) und den Rohrleitungen (Öl 1963, Gas 1970) stark konkurrenziert. Vermehrt in Erscheinung traten auch die Hochspannungsleitungen zum Transport des elektr. Stroms.

Autorin/Autor: Fritz Glauser

3.6.4 - Verkehrsvolumen

Quantitative Angaben über das Verkehrsvolumen sind bis 1882 nur für den Gütertransit erschliessbar, nicht aber für den Reiseverkehr. Die folgenden Zahlen sind Schätzungen und Extrapolationen.

Im 9. Jh. wurden in Walenstadt Sklaven und Pferde umgesetzt, um 1000 in Bard (I), Bellinzona und Chiavenna Pferde, Sklaven, Tuche aus Wolle, Hanf und Flachs sowie Zinn und Schwerter. Rompilger mussten keine Zölle bezahlen. Um 1300 ist in Saint-Maurice ein Transitvolumen von jährl. 400 t und auf allen Schweizer Pässen zusammen ein solches von höchstens 1'000-1'500 t (Brenner 4'000 t) zu verzeichnen. Als Güter bezeugt sind engl. Wolle, Tuche, ital. Seide, Grautuche, Spezereien, Öl, Salz, Stahl, Waid, Pferde, insbes. ital. Streitrosse, Ochsen, Schafe und auch Sensen. Im 15. Jh. ging das Verkehrsvolumen über die Schweizer Pässe wegen der polit. Unruhen und der Verkehrsverlagerungen zurück. Um 1500, als am Gotthard ein jährl. Transitaufkommen von rund 170 t verzeichnet wurde, war es wohl kaum höher als um 1300. An Gütern sind der ab 1478 neu in Oberitalien angebaute Reis, (engl.) Wolle, Baumwolle, Tuche (gold- und silberdurchwirkte Seide), Bücklinge, Zucker, Wetzsteine, Farbe, Wachs und Eisen erfassbar. Aufgrund der europ. Politik, weiträumigen Verkehrsverlagerungen, Seuchen und wirtschaftl. Konjunkturen nahm der Gotthardverkehr ab 1535 stark zu und erreichte um 1550 ein jährl. Volumen von 1'500 t; er fiel dann aber ab 1566 erneut ab, um bis 1620 wieder 1'500 t zu erreichen. Da über die Bündner Pässe kaum weniger, sondern eher mehr Verkehr verlief, ist für alle Schweizer Pässe um 1550 mit 3'500 t, um 1600 mit 4'000 t und um 1650 wiederum mit etwas weniger zu rechnen.

Mit dem Aufkommen der geschlossenen Wirtschaftsräume und der Nationalstaaten lenkten Frankreich und Österreich vom 16. Jh. an die Verkehrsströme auf Kosten des Schweizer Transits durch ihre Territorien. In der 2. Hälfte des 17. Jh. verringerte sich das Volumen nur dank Stockalpers Aktivitäten nicht allzu stark. Populäre Lebensmittel wie Wein, Salz, Käse, Reis, ferner Kupfer, Zinn und Eisenwaren wirkten sich in dieser Zeit aus; um 1700 jährl. etwa 5'000 t, 1750 und 1800 je 6'500 t. 1850 erreichte der Transit um die 11'000 t (Brenner 1700 über 12'000 t, 1850 über 100'000 t). Nach der Eröffnung der Gotthardbahn erweiterte sich das Einzugsgebiet bedeutend. Das Verkehrsvolumen erreichte 1889 459'000 t und zehn Jahre später 728'000 t; dazu kamen etwa 700'000 Reisende. Seit der 2. Hälfte des 20. Jh. haben die enormen Gütermassen, welche die Europ. Union möglichst ungehindert und direkt verkehren lassen will, einen weiteren Anstieg bewirkt. 1999 überquerten im Binnenverkehr, Import, Export und Transit Güter im Nettogewicht von 26,8 (1970 15; 1994 23,9) Mio. t die Schweizer A., näml. 8,4 (1970 0,8; 1994 6,2) Mio. t auf der Strasse und 18,4 (1970 14,2; 1994 17,8) Mio. t auf der Schiene. Davon waren 20 (1994 17) Mio. t oder 75% (1994 71%) Transitgüter. 1991-92 durchquerten im Tagesdurchschnitt an die 83'000 Personen die Schweizer A.

Autorin/Autor: Fritz Glauser

3.7 - Tourismus

3.7.1 - Anfänge

Die heilfördernde Wirkung alpiner Mineral- und Thermalquellen (Bäder) wurde bereits in frühgesch. Zeit, in der Antike und erneut vom ausgehenden MA an hoch geschätzt. Im 15. Jh. werden über die A. reisende Pilger (Pilgerwesen) fassbarer, für die auch vor- und inneralpine Wallfahrtsorte (Einsiedeln, Beatushöhlen) eine wichtige Rolle spielten. Einige Humanisten -- Albrecht von Bonstetten, der die Rigi "Regina montium" nannte, Glarean, für den die Schweiz das Haupt Europas war, Sebastian Münster, Johannes Stumpf und Josias Simler -- stehen für erste emotionale Annäherungen an die Bergwelt; im 16. und 17. Jh. erfolgten in den Voralpen die ersten Bergbesteigungen (Pilatus, Niesen, Stockhorn). Zu den ersten Ausländern, die sich ausdrückl. zur Besichtigung der Naturschönheiten in ein Alpental begaben, gehörte der 18-jährige Markgf. Albrecht Friedrich von Brandenburg, der 1690 die Gletscher von Grindelwald besichtigte. Auf der Grand Tour wurde die Schweiz vom 17. Jh. an meist durchquert und gelegentl. auch eingehender besucht. Reisebeschreibungen belegen vom beginnenden 18. Jh. an ein vermehrtes Interesse für die A. Zu den Hauptpropagandisten gehören zuerst der Zürcher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733), dann der Berner Albrecht von Haller und schliessl. die Genfer Jean-Jacques Rousseau und Horace Bénédict de Saussure. In ihrem Gefolge wirkten Naturforscher, Autoren von Reisebeschreibungen und schliessl. Kleinmeister, die die Schönheit der A. vermarkteten. Zwischen dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) und der Helvetik war eine Schweizerreise, in deren Programm den A. ein bedeutender Teil zukam, bereits ein "Muss" für die gebildete europ. Gesellschaft.

Die Naturattraktionen blieben bis in die Gegenwart Hauptmotiv des alpinen Tourismus. Am meisten interessierten die Gletscher. Die glaziolog. Forschungen von Franz Joseph Hugi, Edouard Desor und Louis Agassiz wurden zu Werbeträgern für Gletscher und Hochgebirge. Begeistert waren die Reisenden auch von Wasserfällen, auf deren vollst. Aufzählung die Reiseführer im 18. und 19. Jh. grössten Wert legten: u.a. Staubbach, Giessbach, Reichenbach -- das Schwergewicht lag eindeutig im Berner Oberland --, Tosafall im ital. Pomat und Pissevache im Unterwallis. Von Interesse waren auch Schluchten, z.B. die 1889 erschlossene Aareschlucht im Berner Oberland, die 1860 zugängl. gemachten Unterwalliser Gorges du Trient, die Glarner Pantenschlucht, die Taminaschlucht südwestl. von Pfäfers, die Bündner Viamala oder der Tessiner Dazio Grande.

Zu den kulturellen Interessegebieten gehörten die "demokrat." Einrichtungen. Die Schweiz als eine der wenigen Republiken im frühneuzeitl. Europa und insbes. die alpinen und voralpinen Länderorte erregten die Aufmerksamkeit. Vom Ende des 17. Jh. an und besonders von Haller in seinem Lehrgedicht "Die Alpen" (1729) gefördert, spielte die Hirtenbegeisterung eine ausserordentl. Rolle (Hirtenvolk). Äusserst werbewirksam waren 1805 und 1808 die Alphirtenfeste von Unspunnen. Der im 18. Jh. geschaffene Mythos Schweiz wirkt bis in die Gegenwart als Werbeträger. Auch Baudenkmäler und Ingenieurwerke, z.B. die Axenstrasse sowie die neuen Strassen durch Schluchten und über Pässe (Schöllenen, Simplon, Splügen) übten vom 18. Jh. an eine Anziehungskraft aus.

Autorin/Autor: Quirinius Reichen

3.7.2 - Infrastruktur

Bis weit ins 19. Jh. bewegten sich die Touristen im Alpenraum zu Fuss oder zu Pferd. Nur wenige Orte waren zu Beginn des 19. Jh. schon per Wagen erreichbar. Insbes. Damen benutzten gelegentl. Tragsessel. Leicht erreichbar waren das Berner Oberland, die durch Rousseaus "Nouvelle Héloïse" (1761) berühmt gewordene Gegend von Montreux und Vevey sowie die Zentralschweiz, weil hier der Wasserweg nahe an die Ziele heranführte. In das Wallis und in die Bündner Bergtäler war der Weg länger und beschwerlicher, weshalb sich hier der Fremdenverkehr später entwickelte: Das erste Gasthaus in Zermatt nahm erst 1839 seinen Betrieb auf. Der nach 1815 stark geförderte Strassenbau erleichterte die Zugänglichkeit. Dampfschiffe auf den grösseren Seen beschleunigten und verbilligten ab den 1820er und 30er Jahren das Reisen. Eine erste Demokratisierung des Fremdenverkehrs bewirkten aber erst die Eisenbahn und ihre Integration in das europ. Netz ab ca. 1860. Beim Bauprojekt der Bahnlinie Bern-Thun (1858-61) wurde der Transport von Touristen in das Berner Oberland als wichtige Aufgabe erwähnt.

Der Unterkunft dienten bis ins beginnende 19. Jh. v.a. kirchl. Institutionen: Klöster (Einsiedeln, Disentis, Saint-Maurice), Kloster- oder Pilgerherbergen (z.B. Interlaken), Hospize (Gotthard, Gr. St. Bernhard, Simplon) und Pfarrhäuser. So wurden die neuen Pfarrhäuser von Lauterbrunnen und Grindelwald um 1770-80 ausdrückl. für die Aufnahme von Fremden konzipiert, wie sich denn überhaupt im 18. und 19. Jh. Pfarrer als Pioniere und Förderer von Fremdenverkehr, Bädern und Alpinismus hervortaten. Als Unterkünfte, wenn auch mit mangelhaften Strukturen, dienten zudem Susten entlang der Passstrassen und Gasthöfe in den Kirch-, Gerichts- und Marktorten. Wesentl. Impulse für ein gehobenes Beherbergungswesen gingen von den Bädern aus. Ihnen folgten Fremdenpensionen (in Interlaken ab 1805), die sich speziell auf lange Aufenthaltsdauern einstellten. Der spezif. auf Touristen ausgerichtete Hotelbau in den Schweizer A. begann erst ab 1830 mit der Liberalisierung von Handel und Gewerbe und erlebte 1850-75 einen ersten Schub (Montreux, Interlaken, Rigi, St. Moritz). Seine Blüte fällt in die Zeit zwischen 1890 und 1914 (Waadtländer Riviera, Interlaken, Oberengadin, Zermatt).

Um 1815 begann die Erschliessung tourist. Attraktionen mit der Errichtung von Wegen zu Gletschern oder in Schluchten, Aussichtspavillons usw. Für die engl. Gäste entstanden ab 1840 anglikan. Kapellen, für die Alpinisten wurde ein dichtes Netz von Schutzhütten erstellt (Schweizer Alpen-Club (SAC)). Das Baufieber auf dem Gebiet der Bergbahnen setzte, nach der Errichtung der Rigibahnen (1871-75) und der Giessbachbahn (1879), 1888 mit besonderer Intensität ein. Die erste Luftseilbahn fuhr ab 1907 am Wetterhorn bei Grindelwald, die erste moderne Luftseilbahn ab 1927 in Engelberg.

Autorin/Autor: Quirinius Reichen

3.7.3 - Konjunkturen

Die relativ ruhige Periode nach dem Ende der napoleon. Kriege förderte den Fremdenverkehr in den A. Weitere Frequenzsteigerungen bewirkte die verbesserte Infrastruktur (Dampfschiff, Eisenbahn). Das intensivierte Badewesen, der Alpinismus und Hochgebirgs-Sanatorien erschlossen zusätzliche Besuchersegmente. Den Spitzenalpinisten folgte ein Tross, der den Nervenkitzel der Eroberer miterleben wollte und an prominenten Gebirgsorten Sommerfrische suchte. Ein neues Medium, die Ansichtskarte, wurde vom ausgehenden 19. Jh. an werbewirksam. Die Branche, die sich selbstbewusst als "Fremdenindustrie" bezeichnete, verlieh den wirtschaftl. zurückgebliebenen Alpentälern neue Impulse.

1875-85 erlebte der Fremdenverkehr die erste Krise seit 1815. Die allg. konjunkturelle Erholung Ende der 1880er Jahre brachte jedoch erneut einen ausserordentl. Aufschwung. Die neuen Bergbahnen erleichterten den Zugang und ermöglichten eine v.a. auch quantitative Steigerung des Tourismus. Eine analoge Entwicklung bezügl. Zahl und Komfort erfuhr die Hotellerie (Gastgewerbe). Gleichzeitig veränderte die stärkere soziale Differenzierung innerhalb des Touristenstroms die Tourismuskultur: So verdrängte der kleine Gasttisch mit individueller Bedienung und Verpflegung die klass. Table d'hôte, und das Zimmer mit Bad löste das Etagenbad ab. Alle wichtigen Fremdenorte gründeten Verkehrsvereine, die Werbung, Unterkunftsvermittlung und Gästebetreuung betrieben (Kursäle, Spazierwege usw.). Um 1912/13 befand sich der alpine Fremdenverkehr auf einem Niveau, das er quantitativ erst um 1955 wieder, qualitativ in versch. Hinsicht wohl gar nicht mehr erreichte. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 setzte der Blüte ein jähes Ende; die meisten Hotels schlossen ihre Pforten.

In der Zwischenkriegszeit erholten sich die tourist. Einrichtungen erst ab der Mitte der 1920er Jahre. Verdienstvoll waren hierbei die Aktivitäten der Schweizerischen Verkehrszentrale (SVZ). Sie kämpfte u.a. dagegen, dass einige europ. Staaten Reisebeschränkungen eingeführt hatten, welche sich negativ auf den schweiz. Tourismus auswirkten. Die neu erwachte Hoffnung wurde überdies durch die Weltwirtschaftskrise rasch wieder gedämpft. Im 2. Weltkrieg entfiel der Tourismus aus dem Ausland zwar erneut; der Ausfall wurde jedoch durch den Inlandtourismus, die Bedürfnisse der Armee (Réduit) und Internierungen teilweise kompensiert. In den ersten Nachkriegsjahren genossen Soldaten der alliierten Besatzungsmächte in Deutschland Ferien in der Schweiz. Die olymp. Winterspiele, die 1948 in St. Moritz zum zweiten Mal nach 1928 ausgetragen wurden, belebten den Wintersport. Dieser war aus zaghaften Anfängen in den 1870er Jahren (Winteralpinismus) hervorgegangen. In den 1890er Jahren begann das alpine Skifahren, und 1906 empfahlen sich bereits rund 60 Kurorte für den Wintertourismus. Zwischen den Weltkriegen setzten die krisengeschüttelten Fremdenverkehrsorte grosse Hoffnungen in die Wintersaison, z.B. Zermatt ab 1927, obwohl in dieser Zeit die meisten Hotels nicht einmal heizbar waren.

Von den 1950er Jahren an erlebte der alpine (Winter-)Tourismus eine explosionsartige Entwicklung: Die gegenüber den Zahnrad- und Standseilbahnen kostengünstigeren Luftseil- und Sesselbahnen wurden rasch populär und erschlossen neue Bergspitzen, Skigebiete und auf der Strasse nicht erreichbare Ortschaften. 1959 zählte man in der Schweiz rund 600 Seilbahnen (über 80% Skilifte, ferner Luftseil-, Gondel-, Sesselbahnen), davon 95% im Alpenraum. 1995 waren 2'361 Seilbahnen (davon 60 Standseilbahnen) in Betrieb.

Der wirtschaftl. Aufschwung der Nachkriegszeit erlaubte es vermehrt, Skiferien in der Schweiz zu verbringen. Der arbeits-, aber auch ertragsintensivere Wintertourismus ergänzte in willkommener Weise den sich nur langsam erholenden Sommertourismus und die in andern Bereichen stagnierende alpine Wirtschaft. Der Wintersport bewirkte in den meisten neuen Kurorten (z.B. Verbier, Laax) einen übermässigen Zuwachs des Wintertourismus (Gornergratbahn: ab 1950 höhere Winter- als Sommerfrequenzen), so dass 1995 die Wintersaison im schweiz. Alpenraum 85% der Tourismus-Erträge erbrachte.

In den 1960er Jahren setzte in den Wintersportorten ein Boom im Zweitwohnungsbau ein. Diese rückblickend als ungesund erachtete Bautätigkeit belastet seither die lokalen Infrastrukturen in einem Grad, dass selbst in den Orten, die jahrelang von dieser Entwicklung profitiert haben, Skepsis aufgekommen ist. In den Krisenjahren 1991-97 ging auch der Wintertourismus zurück, bedrängt u.a. von der Konkurrenz der preisgünstigeren Nachbarländer und der Zunahme des aussereurop. Badetourismus. Die wirtschaftl. weniger interessante Parahotellerie stagnierte. Das ertragreichere Hotelwesen war sogar rückläufig und erreichte 1995 mit einem Rekordtief den Wert von 1980.

Die durch klimat. Veränderungen steigende Schneegrenze bedeutet v.a. für die unterhalb von 1200-1500 m gelegenen Wintersportorte eine ernsthafte Bedrohung, der mit der ökolog. fragwürdigen künstl. Beschneiung nur punktuell begegnet werden kann. Gleichzeitig offenbaren sich die Folgen der übermässigen Bautätigkeit, welche den hauptsächl. Anreiz des Sommertourismus, die intakte Alpenlandschaft, erhebl. angegriffen hat. Der alpine Fremdenverkehr der 1990er Jahre schwankt zwischen Beharrung auf konventionellen Vorstellungen und der Suche nach alternativen Modellen für einen umweltgerechten Tourismus.

Autorin/Autor: Quirinus Reichen

4 - Kulturgeschichte

4.1 - Kirche und religiöses Leben

Die Christianisierung des schweiz. Alpenraums nahm ihren durch archäolog. Zeugnisse vielfach belegten Anfang in den Städten und in Gegenden mit einem dichten Netz röm. Gutshöfe. In den Hauptorten der Civitates hat man die Spuren grosser Basiliken oder gar ganzer Kirchengruppen gefunden. In Zillis, Schiers und Chur (St. Stephan) kamen die Reste von Kirchen aus dem 4. Jh. zum Vorschein. 451 wurde der erste bekannte Bf. von Chur, Asinio, vom Bf. von Como an einer Synode in Mailand vertreten. Die erste nachweisbare Kathedrale von Chur stammt ebenfalls aus dieser Zeit, desgleichen eine Grabkammer unter der Stephanskirche, die man als Grablege der Bf. deutet. Auch im Wallis stand der erste namentl. bekannte Bf. von Octodurus (Martigny), Theodul, in Beziehung zur Kirche von Mailand: 381 unterschrieb er die Dekrete des Konzils von Aquileja, 390 diejenigen des Konzils von Mailand. Er war es auch, der die Reliquien der Thebäischen Legion fand und eine erste Kirche in Saint-Maurice baute. Die Grabungen in Sitten, Martigny, Saint-Maurice und einigen ländl. Pfarreien des Wallis haben gezeigt, dass sich das Christentum hier im 4. und 5. Jh. zunächst in bereits romanisierten Gegenden verankerte. Der Bischofssitz Genf, der in enger Verbindung zu Lyon und dem Rhonetal stand und dessen Sprengel die Gebiete westl. des Genfersees sowie die Voralpen und A. Hochsavoyens umfasste, wurde im 3. Viertel des 4. Jh. gegründet. Das Bistum Konstanz, welches einen Grossteil der schweiz. Alpennordseite umfasste, scheint vom Herzogtum Alemannien in der 2. Hälfte des 6. Jh. gegr. worden zu sein, womögl. als Teilnachfolger des zu vermutenden Bistums Vindonissa. Vielleicht umfasste sein Diözesangebiet im Süden und Westen auch Teile der älteren Bistümer Chur und Aventicum bzw. Lausanne. Die erste Kathedrale dürfte um 600 gebaut worden sein. Die heute schweiz. Gebiete südl. des Alpenhauptkamms wurden Teile der Bistümer Como und Mailand.

Die Pfarreigründungen in den A. sind nicht ohne Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zu verstehen. Bereits sehr früh, wahrsch. zur Frankenzeit, bildete sich in den Alpentälern ein Pfarreinetz heraus, ausgehend von Kirchen christl. Gemeinschaften in Talzentren oder von Eigenkirchen weltl. und geistl. Grundherren.

Eine wichtige Rolle für die Erschliessung und Christianisierung der A. spielten die Klöster. Unterstützt wurden sie dabei von Dynastien, die sich an den Alpenübergängen Stützpunkte sichern wollten. Die Reliquien des hl. Mauritius und seiner Gefährten waren zunächst ein Wallfahrtsziel und damit auch ein wichtiges Zentrum der Christianisierung des Wallis. Das Kloster Saint-Maurice, das an diesem Ort entstand, wurde von den Rudolfingern und später durch die Savoyer mit Besitz und Rechten ausgestattet, denn beide Herrscherhäuser wollten die Strasse zum Gr. St. Bernhard beherrschen. Die Abtei Disentis, die ihre Entstehung den Pilgerfahrten zu den Gräbern des Märtyrers Placidus und des fränk. Einsiedlers Sigisbert verdankt, ist v.a. ein Werk des Bf. von Chur und Präses von Churrätien, Tello, der das Kloster 765 reich beschenkte, zweifellos um seiner Fam., den Viktoriden, die Herrschaft über die Strasse zu Oberalp- und Lukmanierpass zu sichern. Andere Schenkungen an Klöster auf der Alpensüdseite und in Ursern durch Karolinger, Ottonen und Ks. Friedrich Barbarossa zeigen die kaiserl. Interessen an der Beherrschung der Alpenpässe. In diesem Bestreben wurde Pfäfers karoling. Reichskloster. Als religiöses und kulturelles Zentrum im früh- und hochma. Churrätien beteiligte es sich an der Gründung des Klosters Müstair, das im letzten Viertel des 8. Jh. auf kaiserl. Boden errichtet wurde. Dieses wurde von den Karolingern ebenso reich beschenkt und 881 dem Bf. von Chur im Tausch mit Gütern im Elsass überlassen. Das Ziel scheint auch hier die Sicherung eines Übergangs (Ofenpass) gewesen zu sein.

Die unwirtl. A. und die weiten Wälder der Voralpen zogen stets auch Eremiten an. Am Ufer der Steinach, bei der Einsiedelei und dem Grab des hl. Gallus, der nach der Überlieferung zu jenen irischen Mönchen gehörte, die in der 1. Hälfte des 7. Jh. den Jura und die A. missionierten, gründete 719 der Alemanne Otmar ein Kloster, welches der Benediktregel folgte und für die Erschliessung und Christianisierung Alemanniens von grosser Wichtigkeit wurde. Anderthalb Jahrhunderte später zog sich der Reichenauer Mönch Meinrad in den Finstern Wald zurück, wo er in völliger Abgeschiedenheit lebte. 861 wurde er dort von Räubern erschlagen. Bei seiner Einsiedelei gründeten später Benno, der -- von seinen Feinden geblendet -- auf sein Bistum Metz verzichtet hatte, sowie der Strassburger Dompropst Eberhard die Benediktinerabtei Einsiedeln. Diese wurde von den Ottonen mit Streubesitz bis ins Vorarlberg beschenkt. Sie bewahrte indes stets ihre Unabhängigkeit und wurde schliessl. ein Mittelpunkt der Gorzer Reform, die auch auf die Klöster Muri (1027-30 gegr.), Hermetschwil (um 1083 gegr.) und Engelberg (kurz vor 1124 gegr.) ausstrahlte.

Zur Christianisierung und Binnenkolonisation der A. trugen auch andere Orden bei. In der Westschweiz liessen sich Cluniazenser in mehreren Prioraten nieder und belebten von dort aus das Pfarreileben des Umlands. Zisterzienser gründeten ab der Mitte des 12. Jh. Abteien in Hauterive (FR), Hautcrêt und anderen voralpinen Orten. Prämonstratenser gründeten 1137 Humilimont, Karthäuser 1295 La Valsainte im Greyerzerland und 1331 Gerunden bei Siders. In abgelegenen Gegenden wie im Ranft (Flüeli), Horbistal (oberhalb von Engelberg), Entlebuch, Obertoggenburg oder in der Gegend von Einsiedeln bildeten sich myst. Männer- und Frauengemeinschaften, deren Ruf bis ins Elsass drang. Zwar war der geheimnisvolle "Gottesfreund vom Oberland", unter dessen Namen um die Mitte des 14. Jh. mehrere myst. Schriften Verbreitung fanden, eine Erfindung des Strassburger Kaufmanns Rulman Merswin, wie bereits im 19. Jh. nachgewiesen werden konnte. Dennoch sind im 14. und 15. Jh. in der Innerschweiz myst. Kreise bezeugt, die mit ähnl. gesinnten Zirkeln am Oberrhein in Verbindung standen.

Die bis zum 13. Jh. andauernde Bevölkerungszunnahme führte zur weiteren Verdichtung des Pfarreinetzes. Da in den Bergen die Wege zur Pfarrkirche häufig beschwerl. lang und im Winter überdies gefährl. waren, wurden neue Pfarreien gegründet. Das Wachstum der Flecken und Städte führte im 13.-15. Jh. zur Gründung neuer oder zur Lösung bestehender Stadtkirchen von ihren Mutterkirchen; die alten Kirchen der grossen Landpfarreien verloren dadurch an Bedeutung. Die Alpwirtschaftszonen wurden erst im 16. Jh. durch Kapuziner missioniert (z.B. Wildkirchli, Rigi).

Die Reformation fiel in einigen Städten und Flecken des schweiz. Alpenraums auf fruchtbaren Boden, v.a. in Graubünden, weniger dauerhaft im Wallis. Die Reisen des Mailänder Ebf. Karl Borromäus in die Schweiz, das entschlossene Handeln einiger Magistraten der Innerschweiz, die am Konzil von Trient teilgenommen hatten, sowie die Volksmission der Kapuziner stärkten die Gegenreformation. Das Wallis wurde förml. in die Zange genommen von Kapuzinern aus Savoyen und solchen aus der Innerschweiz, die das Oberwallis mit ihren Predigten überfluteten. Da die Reformierten im Wallis von Bern nur schwach unterstützt wurden, gaben sie zu Beginn des 17. Jh. ihren Widerstand auf. Sie behaupteten sich jedoch in Graubünden und in den Bergtälern, die unter der Herrschaft der ref. Orte Bern, St. Gallen und Zürich standen. Zunächst allerdings hatte die einheim. Bevölkerung, namentl. in Les Ormonts und im Berner Oberland, den von den Obrigkeiten ausgesandten ref. Prädikanten erhebl. Widerstand entgegengesetzt.

In der Innerschweiz und im Wallis war auch die alpine Landschaft, welche die Gläubigen umgab, in die kath. Volksfrömmigkeit einbezogen: Heidn. Symbole, wie etwa Findlinge oder Grotten, wurden durch ein Kreuz oder gar durch die Erscheinung der Gottesmutter "verchristlicht", Quellen sprach man die Kraft zu Wunderheilungen zu, auf Berggipfeln, die mitunter heidn. Kultstätten gewesen waren, baute man von Eremiten betreute Kapellen, oder man schuf "hl. Berge" wie Madonna del Sasso in Locarno und Hergiswald am Pilatus. All diese Äusserungen der Volksfrömmigkeit lassen eher an Aberglauben als an eine besondere alpine Religiosität denken, doch waren diese Bräuche wichtig für den Zusammenhalt der alpinen Gemeinschaften. Betrachtet man die Frömmigkeitspraxis dieser Gegenden, so fallen Hauptthemen auf: das stets gegenwärtige Totengedächtnis, das durch Friedhöfe, Kapellen und Beinhäuser wachgehalten wurde, die weite Verbreitung der Bilder volkstüml. Hl. wie Christophorus oder Rochus, schliessl. die enge Verbindung von Religion und Patriotismus, wie sie sich in den Schlachtfeiern und in der Verehrung militär. Heiliger wie Mauritius oder Georg zeigt.

Die Reformation und die kath. Reform führten auch zu -- regional allerdings höchst unterschiedl. -- Veränderungen im alpinen Pfarreinetz: Während v.a. in den nordalpinen Gebiete die Zahl der Pfarreien vor der wirtschaftl. abgestützten Expansionsphase des 18. Jh. bestenfalls gehalten werden konnte, verdoppelte sich in der frühen Neuzeit die Zahl der Pfarrgem. in den von scharfer konfessioneller Konkurrenz geprägten Drei Bünden sowie im Oberwallis. Zudem führten der Einsatz von Reformorden in der Seelsorge (Kapuziner, seltener Jesuiten), Stipendien für den Besuch auswärtiger theol. Hochschulen sowie in bescheidenem Umfang auch die Errichtung eigener theol. Schulen (z.B. in Einsiedeln) zu einer verbesserten Versorgung mit Seelsorgegeistlichen. Erst mit der Entvölkerung der A. gegen Ende des 20. Jh. kehrte sich die Situation wieder ins Gegenteil.

Autorin/Autor: Catherine Santschi / AW

4.2 - Die Kunstlandschaft im Mittelalter

Wenn man auch nicht direkt von einer alpinen Kunstlandschaft mit über die Jahrhunderte hinweg gemeinsamen Merkmalen und Traditionen sprechen kann, so steht doch fest, dass dem Alpengebiet in der europ. Kunstgeographie des MA eine besondere Bedeutung zukommt: einerseits wegen der zahlreichen klösterl. Zentren, welche die künstler. Produktion begünstigten, andererseits als Raum, in dem sich Künstler begegneten und künstler. Traditionen versch. Ursprungs aufeinander trafen und sich vermischten. Überdies blieben manche Zeugnisse künstler. Schaffens hier länger erhalten als anderswo, einmal wegen der oft am Hergebrachten festhaltenden Bevölkerung, zum anderen wegen der abrupten Wechsel der wirtschaftl. und polit. Bedingungen, die in einigen Fällen fast zur Erstarrung führten. Als Transitraum zwischen Italien und West- sowie Mitteleuropa waren die A. für viele Jahrhunderte nicht nur in strateg. und polit., sondern auch in künstler. Hinsicht von grosser Bedeutung.

In den Schweizer A. haben sich -- v.a. in den hier im Vordergrund stehenden Bereichen der Architektur und der Kunst am Bau -- eine beträchtl. Anzahl ma. Kunstdenkmäler erhalten, die auf bedeutende alte Bistumssitze wie Chur, Sitten, Genf und Lausanne sowie auf Benediktinerabteien wie Saint-Maurice, Disentis und Müstair zurückzuführen sind. Im 8.-9. Jh. vermehrte das Wirken der fränk. Herrscher die Zahl der Klöster namentl. an strateg. günstigen Lagen zur Kontrolle des Verkehrs über die Bündner Pässe (St. Gallen, Pfäfers, Disentis, Müstair).

Die karoling. Zeit drückte der künstler. Produktion im Alpenraum in besonderem Masse ihren Stempel auf. Bauten wie die Klosterkirchen von Müstair und Mistail sind namhafte Beispiele der dreiapsidigen Saalkirche. In Disentis sind bemerkenswerte Fragmente von Stuckaturen erhalten, in Schänis, Chur und Saint-Maurice bearbeitete Steinplatten von Chorschranken und Ambonen. Einzigartige Fresken befinden sich in Müstair, wo sich der umfangreichste Zyklus karoling. Wandmalereien erhalten hat. Für ihre Goldschmiedarbeiten sind Saint-Maurice und Chur berühmt, für die illuminierten Handschriften St. Gallen und Pfäfers. In der Architektur wie auch in der Malerei sind die mailänd. und allg. lombard. Einflüsse stark. Daneben wurden aber auch andere Formen übernommen. Die Fresken von Naturns (I), das bis 1820 zur Diözese Chur gehörte, zeigen beispielsweise insulare Einflüsse, die wahrsch. über St. Gallen dorthin wirkten. Im FrühMA wurden in Zentren des benachbarten Tieflandes -- besonders in Mailand, Verona, Aquileia, Konstanz, Augsburg, Salzburg und in der grossen Abtei Reichenau -- künstler. Formen und Lösungen erarbeitet, die eine nachhaltige Wirkung im Alpenraum entfalteten.

Eine Blütezeit für die Kunst in den A., sowohl was die Zahl der erhaltenen Kunstwerke wie auch deren Bedeutung betrifft, ist das 12. Jahrhundert. Wie in der vorhergehenden Epoche befinden sich die wichtigsten Werke im rät. Raum. Bedeutend sind die Fresken in der Krypta der Abteikirche Marienberg (I), die um die Mitte des 12. Jh. erbaut wurde. Diese Fresken zeigen Formen, die aus dem Norden stammen. Die Künstler dürften aus Süddeutschland gekommen sein, vielleicht aus Ottobeuren, woher die ersten Äbte des Klosters stammten. Auf den Zyklus von Burgeis beziehen sich die rom. Fresken von Müstair, ebenso die der nahen Kirche von Taufers (I) und einige Fresken der Schlosskapelle von Hocheppan (Gem. Appiano, I). Ebenfalls im alten Rätien hat sich ein eindrückl. Zeugnis ma. Malerei erhalten: die um 1160 gemalte Holzdecke der Kirche St. Martin in Zillis. In der Kathedrale von Chur findet sich eine Gruppe von Kapitellen, in denen lombard. Einfluss sichtbar ist, der entweder direkt oder über die Bauhütte des Zürcher Grossmünsters wirksam wurde. Für die Apostelsäulen aus dem frühen 13. Jh. wurde häufig provenzal. oder, was wahrscheinlicher ist, nordital. Einfluss geltend gemacht. Zahlreich und oft von hoher Qualität sind die Holzschnitzereien des ausgehenden 12. und des 13. Jh. im Wallis und in Graubünden. Eines der bedeutendsten got. Denkmäler in den Schweizer A. ist die Kirche von Valeria, die alte Kathedrale von Sitten, die in Etappen im 12. und 13. Jh. erbaut wurde. Hier befindet sich eine Gruppe von einzigartigen Kapitellen, deren Plastik einige Elemente mit den Kapitellen der Kathedrale von Embrun (Dep. Hautes-Alpes, F) gemeinsam hat.

Im 14. Jh. wurden viele Kirchen und Kapellen in den A. mit Wandmalereien ausgestattet, die z.T. gut erhalten sind. Von der zeitgenöss. profanen Kunst hingegen ist nur wenig überliefert. Tendenzen und Formen versch. Herkunft traten nebeneinander, trafen aufeinander oder standen im Gegensatz zueinander: vom lombard. Giotto-Stil zur höf. franz. Gotik bis zum oberrhein. got. Expressionismus. Grosse Künstler arbeiteten in dieser Epoche im Alpengebiet: Die Spanne reicht vom süssl. Stil des Meisters von S. Biagio in Ravecchia zum dramat. des in Graubünden wirkenden Waltensburger Meisters. Im Schloss Chillon finden wir Zeugnisse ital. Einflusses, v.a. in den Malereien der St. Georgskapelle, unmittelbar neben dem eleganten zeichner. Stil nach franz. Manier in der späteren -- allzu oft restaurierten -- Ausschmückung der fürstl. Camera domini.

Zu Beginn des 15. Jh. wurde Genf wegen seiner Beziehungen ins Piemont und nach Savoyen ein in jeder Hinsicht wichtiges Zentrum der alpinen Kunstlandschaft. Zuvor waren die künstler. Verbindungen fast ausschliessl. auf die Zentren des Rhonetals ausgerichtet gewesen. Im westl. Alpenraum wirkten Künstler wie der in Genf tätige Turiner Maler Giacomo Jaquerio, Jean Bapteur, Perronet Lamy und Peter Maggenberg (Fresken in Freiburg und Sitten). Charakterist. für die Kunst des 15. Jh. in den Westalpen sind die geschnitzten Chorgestühle, wie man sie in Genf, Saint-Claude (F), Aosta (I), Saint-Jean-de-Maurienne (F), Romont (FR), Estavayer-le-Lac, Lausanne und Freiburg findet. Die Bedeutung der A. in der europ. Gesch. des ausgehenden MA zeigt sich auch darin, dass zwei Fürsten aus der Alpenregion zu den höchsten Würden des Abendlandes aufstiegen: Amadeus VIII. von Savoyen als Papst Felix V. und Friedrich V. von Habsburg als Ks. Friedrich III.

Autorin/Autor: Enrico Castelnuovo / GG

4.3 - Baukunst von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart

In der frühen Neuzeit verlor der Alpenraum an polit. und wirtschaftl. Bedeutung. Das Schwergewicht im Welthandel verlagerte sich vom europ. Binnenverkehr auf die Übersee-Handelswege; der Transit über die Alpenpässe ging zurück. Durch die Reformation entstanden zudem innerhalb der A. konfessionelle Grenzen, die auch kulturell trennend wirkten. In den kath. Gebieten weckte die tridentin. Reform eine grosse Nachfrage nach neuen Sakralräumen und kirchl. Ausstattungen. In den alten kulturellen Zentren (Bischofssitze wie Chur, Klöster wie Einsiedeln, Pfäfers, Engelberg, Disentis) entstanden im 17. und 18. Jh. prunkvolle Bauten des Barock. Die neuen Orden der Kapuziner und Jesuiten erstellten ebenfalls Klosteranlagen, Hospize in Graubünden und Kollegien im Barockstil. Auch die Pfarreien beteiligten sich am barocken Bauboom und errichteten Pfarrkirchen und Kapellen mit prächtigen Malereien, Stuckaturen, Skulpturen, Silber- und Goldschmiedarbeiten. Die kath. Gebiete erhielten so ein deutl. sichtbares barockes Gepräge, wogegen in den ref. Gegenden die ma., zurückhaltender auftretende Bausubstanz besser erhalten blieb. Im profanen Bereich errichteten die eidg. und zugewandten Orte im Zuge der frühneuzeitl. Herrschaftsverdichtung öffentl. Gebäude wie Rathäuser (Schwyz, Sarnen), Kornhäuser (Schwyz, Altdorf), Zeughäuser (Stans, Zug) oder Landvogteisitze (Lottigna, Bironico). Private Auftraggeber waren in erster Linie die in fremden Diensten reich gewordenen Militärunternehmer, die sich nach ausländ. Vorbildern vornehme Herrenhäuser erbauen liessen (Schwyz, Näfels, Gersau). Der Stockalperpalast in Brig ist eines der wenigen Zeugnisse von privatem Reichtum, der durch Wirtschaftstätigkeit im Alpenraum geschaffen worden ist.

Das Alpenmassiv war auch in der frühen Neuzeit mehr Impuls als Hindernis. Es beeinflusste den Kunstbetrieb durch die topograph. Begrenzung, aber auch durch den damit verbundenen Zwang zur Öffnung. Einerseits blieben die einheim. Traditionen über eine besonders lange Zeitspanne bewahrt, andererseits förderte die lokale Kargheit die Auswanderung. Da alle grossen kulturellen Zentren ausserhalb des Alpenraums lagen und sich die Lebensbedingungen in den Bergen verschlechterten, gewannen die in der Regel saisonalen Wanderungen in die Metropolen eine europaweit registrierte, wirtschaftl. und kulturelle Bedeutung. Handwerkl. Können und soziale Organisationsformen blieben in den traditionellen Auswanderungsgebieten, v.a. in den Südtälern, erhalten. Dank ihren Fähigkeiten und engen verwandtschaftl. Beziehungen stiegen die Handwerker in der Fremde rasch auf und wurden ihrerseits zu bedeutenden Kulturträgern, deren Können in die Heimat zurückstrahlte. Von dieser grossräumigen Wanderarbeit lebten insbes. die sog. Prismeller aus der Valsesia, die Comasken, die Tessiner des Sottoceneri und die Graubündner oder Misoxer. Die wichtigsten Berufsgattungen waren Baumeister, Steinmetzen, Stuckatoren, Maler, Bildhauer und Schreiner. Einige von ihnen erlangten europ. Ruhm wie die Tessiner Domenico Fontana, Carlo Maderno und Francesco Borromini, die während eines Jahrhunderts die Bautätigkeit in Rom beeinflussten. Diesen grossräumigen Kulturbeziehungen standen die lokalen und regionalen künstler. Tätigkeiten gegenüber, die in der Barockzeit Künstlerdynastien wie die Walliser Fam. Sigrist und Ritz hervorbrachten.

Der am Ende des 18. Jh. einsetzende gesellschaftl. Umbruch drängte die traditionellen Kulturträger (Klöster, Soldunternehmer) in den Hintergrund. In den wenigen proto- und frühindustrialisierten Gebieten des Alpen- und Voralpenraums (z.B. Glarus, Appenzell Ausserrhoden) trat eine neue Schicht von Unternehmern auf, die sich architekton. mit Fabrikantenvillen manifestierte. Um die Mitte des 19. Jh. setzte durch den Aufschwung des Tourismus, des Eisenbahn- und Strassenbaus und der Energiegewinnung ein Bauboom ein, der die Physiognomie des Alpenraums entscheidend veränderte.

Die myth. überhöhte Wertschätzung der A. in der Geistigen Landesverteidigung gab dem alpinen Kulturgut und Schaffen eine nationale Weihe: Das Chalet tauchte als Inbegriff des Schweizer Hauses auch in den städt. Agglomerationen des Mittellandes auf. Die städt. wirkenden Hotelpaläste dagegen wurden im Sinne des Heimatschutzes als Fremdkörper im Alpenraum abgerissen (z.B. Rigi-Kulm). In der Nachkriegszeit griff die zeitgenöss. Architektur die phys. Kraft der Berge und die extremen Bedingungen des Bauens in den A. wieder auf. Architekten und Künstler begegneten dem alpinen Ort und seiner noch heute oft archaischen Tradition mit einfachen und beeindruckenden Bauten. Neue Bergkirchen, wie S. Benedetg (Gem. Sumvitg) von Peter Zumthor (1988) oder Mario Bottas Kapellen in Mogno (1995) und auf dem Monte Tamaro (1996), sowie mehrere SAC-Hütten sind starke Zeichen in der alpinen Landschaft. Mit den unscheinbaren Interventionen, die Künstler im Umfeld des Hotels "Furkablick" vornahmen, griff Marc Hostettler in seinem 1983 begonnenen Projekt "Furk Art" die im Übrigen besonders in der Malerei (s. Kap. Wahrnehmung und Ideologie) geleistete Auseinandersetzung mit den A. neu auf.

Autorin/Autor: Heinz Horat

5 - Wahrnehmung und Ideologie

5.1 - Die "Entdeckung" der Alpen

Wie haben die allg. gesch. Entwicklung, natürl. Veränderungen sowie Eingriffe des Menschen in die Umwelt auf das Bild der A. gewirkt? Wohl keine andere Naturlandschaft in Europa hat die Vorstellungswelt sowohl ihrer Bewohner wie auch der auswärtigen Betrachter so nachhaltig mitgeprägt wie das Alpengebirge. Die geistige und symbol. Aneignung erfolgte in mehreren Schüben seit dem ausgehenden MA. Bis dahin hatte das Gebirge als abweisender und gefährl. Raum gegolten, den man umging oder notfalls auf dem kürzesten Weg hinter sich brachte. So ist es nicht verwunderl., dass Kelten und Römer nur die bedeutendsten Gebirgsübergänge benannten -- z.B. den Mons Jovis/Mons Poeninus (heute Gr. St. Bernhard). Die Entdeckung der A. in der Moderne ist denn auch gekennzeichnet von einer "Besitzergreifung" durch Namengebung.

Ein Wandel bahnte sich im Laufe des MA an, als die Bevölkerungsdichte zunahm, die Alpentäler erschlossen wurden und sich ein reger Verkehr über die Alpenpässe entwickelte. Zwar blieben die "wilden Gebirge" mit ihren Gefahren noch immer unheiml. und boten zahlreichen abergläub. Vorstellungen Nahrung. So sind um 1430 aus dem Gebiet zwischen dem Wallis und der Dauphiné erstmals die grundlegenden Elemente des Hexensabbats überliefert, die später verteufelt und zum Vorwand für die grossen Hexenverfolgungen in der gesamten abendländ. Christenheit wurden. Der gleichzeitig geführte Kampf der Kirche gegen den Dämonenglauben bewirkte, dass überall in den A. Andachtsstätten und -bilder zu Ehren der Schutzheiligen entstanden, v.a. für St. Niklaus, St. Jakob, St. Bernhard und St. Theodul.

Die erste wirkl. "Entdeckung" der A. geht auf die Renaissance zurück. Man begann, das Gebirge an sich wahrzunehmen, in der Wirklichkeit wie auch in der Darstellungsweise. In gewissem Sinne renaissancehaft war schon die Besteigung des Pilatus durch den Luzerner Mönch Niklaus Bruder und fünf Begleiter im Jahr 1387. Sie missachteten dadurch das religiös begründete Verbot, mit dem der myth. Berg aus Angst vor Gefahren belegt war. Im Gemälde "Der wunderbare Fischzug" schuf Konrad Witz 1444 mit dem Panorama des Mont Blanc über der Genfer Seebucht die erste realist. Landschaftsdarstellung. Ein Gebiet mit einem Gebirge als Horizont abzugrenzen, wurde auch zum Mittel, die objektive Wahrnehmung der Landschaft zu fördern.

Die Entmythisierung der A. haben erst die geistigen Eliten von Zürich und Bern wirkl. eingeleitet, indem sie sie ganz einfach als nüchterne Betrachter wiss. zu erforschen begannen. Der St. Galler Humanist Vadian unternahm 1518 erneut eine Besteigung des Pilatus, frei von religiösen Skrupeln oder Nutzungsabsichten. Sein Unternehmen symbolisiert damit den Anfang einer gewandelten Beziehung zum Gebirge. Der Humanist und Naturforscher Konrad Gessner sprach schon 1541 von seiner Bewunderung angesichts der Erhabenheit und Mannigfaltigkeit des Gebirges. Aegidius Tschudi verfasste 1538 als Erster eine geogr. Abhandlung über die Bündner A. Der Berner Thomas Schöpf zeichnete 1578 die erste Karte des Berner Oberlands, und Kosmographen, wie 1543 Sebastian Münster, schlossen die Beschreibung der A. in ihre Werke ein. Der berühmte Theologe und Geschichtsschreiber Josias Simler veröffentlichte 1574 in Zürich "De Alpibus Commentarius", ein Werk, in welchem dem Begriff A. Bedeutungen zugeschrieben werden, die z.T. noch Gültigkeit haben: die A. zum einen als Sperrriegel zwischen Italien und dem übrigen Europa, zum andern als Begriff für die offenen Passübergänge durch die Gebirgskette und im erweiterten Sinn auch als nutzbare Weiden an den Berghängen.

Die in der Renaissance aufgekommene Betrachtungsweise fand erst im 18. Jh. allg. Verbreitung. Sofern die A. im 17. Jh. überhaupt zur Darstellung gelangten, geschah dies v.a. als Hindernis. Kartographen und Topographen stellten das Gebirge in Parallelperspektive dar und unterstrichen so dessen Charakter als Grenze und Wall. Matthäus Merians "Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae" (1642) ist ein Beispiel unter vielen für diese Sichtweise.

In engem Zusammenhang mit der Entwicklung des wiss. Denkens entstanden vom ausgehenden 17. Jh. an zahlreiche physikal.-theol. Betrachtungen über Gebirge. Der Waadtländer Pastor Elie Bertrand veröffentlichte 1754 als einer der Ersten eine allg. Abhandlung über das Gebirge. Im "Essai sur les usages des montagnes" deckte er hinter dem scheinbaren Chaos der Topographie eine göttl. Ordnung zum Nutzen des Menschen auf. Doch schon um die Mitte des 18. Jh. hatten neue Methoden der Naturforschung das Bild der Alpenwelt grundlegend verändert. Bahnbrechend wirkte in dieser Hinsicht der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer, ein unermüdl. Ouresiphoités (= Berggänger, so auch der Titel seiner Sammlung von Reiseberichten durch die Schweizer A.), Verfasser zahlreicher Schriften (1700-23), die unter dem Sammeltitel "Itinera alpina" bekannt geworden sind. Gottlieb Sigmund Gruner veröffentlichte 1760 eine ausführl. Beschreibung der Gletscher ("Die Eisgebirge des Schweizerlandes").

Nach und nach wurden die Gelehrten zu kühnen Alpinisten, die auch höchste Gipfel erklommen: eine entscheidende Etappe der Entmythisierung des Gebirges, die in der Renaissance begonnen hatte. Schwierige Besteigungen folgten einander in Graubünden, im Berner Oberland, im Wallis und im Mont-Blanc-Massiv. Den Pionieren, oft Gelehrten von Ruf, folgten bald begüterte Reisende, darunter viele Engländer. V.a. von Genf aus ergoss sich eine eigentl. Reisewelle in das "Eisgebirge". Horace Bénédict de Saussure, bekannt durch seine Besteigung des Mont Blanc 1787 (ein Jahr nach der Erstbesteigung), war ein leidenschaftl. wiss. Experimentator, der den Geheimnissen der Erdgesch. auf die Spur kommen wollte. Auch der Genfer Naturforscher Jean-André Deluc (1727-1817), für den die A. ein weitläufiges Laboratorium waren, wurde vom selben enzyklopäd. Wissensdrang getrieben, der für die Aufklärung bezeichnend ist.

Neu an der Wahrnehmung der A. im 18. Jh. ist nicht nur, dass sie zum Gegenstand wiss. Forschung geworden waren, sondern auch, dass sie als erhabenes Schauspiel erlebt wurden. Die Erfahrung des Erhabenen geschah in der Begegnung des empfindsamen Menschen mit der grossartigen Gebirgslandschaft. Der grosse Berner Gelehrte und Literat Albrecht von Haller (1708-77) beschrieb das Gebirge als maler. Ort des Gefühls, harmon. verwoben mit dem einfachen Leben seiner Bewohner. Seine Dichtung "Die Alpen" (1732) wurde bald übersetzt und zu Lebzeiten des Autors elfmal aufgelegt. In Salomon Gessners "Idyllen" (1762) erhielt die gefühlsbetonte Soziologie der glückl. Alpenbewohner ihre poet. Form: Der Dichter idealisierte sie zu tugendhaften, kraftvollen und gastfreundl. Hirten. In Jean-Jacques Rousseaus Roman "La Nouvelle Héloïse" (1761) fanden die Sozialanthropologie und die natürl. Umwelt ihren vollendeten literar. Ausdruck. Die Alpenlandschaft war von der Literatur entdeckt worden und wurde natürlicherweise bald auch Gegenstand der Malerei und des kolorierten Stichs. Alpenansichten waren beim Publikum so beliebt, dass eigentl. Schulen für Schweizer Landschaftsmalerei entstanden: vorromant. idealisierend im 18. Jh. diejenige von Caspar Wolf und Johann Ludwig Aberli, in romant. Geiste und fasziniert vom Schauspiel der Naturkräfte die Genfer Schule der 1. Hälfte des 19. Jh. (François Diday, Alexandre Calame).

In den 1830er Jahren zogen die neuen Kunststrassen über die Alpenpässe den Blick auf sich, kühne Werke der Ingenieurskunst und erste Boten des techn. Fortschritts, der das Verhältnis des Reisenden zum Berg grundlegend veränderte. Die Faszination, die von der Wechselwirkung zwischen Technik und Natur ausging, vermitteln Bilder von Friedrich Wilhelm Delkeskamp, Rudolf Koller oder Johannes Weber (1846-1912). Im Zuge der tourist. Erschliessung der Bergtäler liessen sich Künstler in den A. nieder, die ihre Wahrnehmung der alpinen Landschaften und ihrer Bewohner -- oft als Fremde, die sie blieben -- in vielfältigen Formen zum Ausdruck brachten: in symbolist. Weise Giovanni Segantini, der ab 1886 als erster europ. Maler dauernd im Hochgebirge lebte, in befreiter Farbe und von impulsiver Sinnlichkeit der Bergeller Giovanni Giacometti, in expressionist. Darstellung als Psychogramm der eigenen Individualität Ernst Ludwig Kirchner, als von der Landschaft seelisch sichtbar berührter Betrachter Oskar Kokoschka.

Autorin/Autor: François Walter / AA

5.2 - Die Alpen und die schweizerische Identität

Ganz allg. in der Gesch. waren Gebirgsgegenden der Identitätsbehauptung ihrer Bewohner förderlich. So verband man schon sehr früh, näml. bereits in der Renaissance, das Bild der schweiz. Nation mit den A. Es formte sich ein schweiz. Modell der Freiheit, vorgelebt von den Gebirgsbewohnern und im Widerspruch zur Gesellschaftsordnung der in Europa vorherrschenden Monarchien stehend. Das 18. Jh. gab diesen Vorstellungen einen neuen Zusammenhalt, indem es sie ausdrückl. mit einem Landschaftsmodell verband: Der echte Schweizer konnte nur ein Bergler sein. So wurde die ganze Gesch. der Eidgenossenschaft aus der Optik besonderer hist. und topograph. Vorstellungen neu gedeutet. Hirtentum und Gebirge wurden zu Wesenselementen schweiz. Identität, wie sie später beispielhaft in Johanna Spyris Heidi-Erzählungen zum Ausdruck kam.

Solche Bezüge spielten im 19. Jh. bei der Bildung des neuen Bundesstaats eine wesentl. Rolle. Gegenüber den grossen Nationalstaaten fand die Schweiz ihre Legitimation als Mutter der Ströme (Helvetia mater fluviorum) und Hüterin der Alpenpässe im Herzen Europas. Das polit. Bewusstsein der Schweiz äusserte sich in Bezügen auf die A.: sei es bei grossen patriot. Jubelfeiern (z.B. der 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1891), im grossen Wandgemälde, das Charles Giron 1901 für den Nationalratssaal schuf, in einem um die Jahrhundertwende v.a. patriot. und ideolog. motivierten Naturschutz, der zur Schaffung des Nationalparks führte, oder in den Landesausstellungen. So verwundert es nicht, dass sich Ferdinand Hodler (1853-1918) mit seiner Gebirgs- und Historienmalerei trotz seiner maler. Kühnheit gewissermassen als Maler der offiziellen Schweiz profilierte. Ebenso wenig verwundert es, dass alpine Themen -- wie auf Alpweiden grasende Kühe oder das Matterhorn -- immer wieder weltweit in der Werbung eingesetzt wurden. Dass diese Bilder am Ende des 20. Jh. etwas an Symbolkraft eingebüsst haben, passt wiederum zur fortschreitenden Verunsicherung über die Bedeutung von Gesch. und Identität in einer rasch sich wandelnden Gesellschaft.

Autorin/Autor: François Walter / AA

Quellen und Literatur

Literatur
– Die folgende Auswahl beschränkt sich grundsätzl. auf jüngere Publikationen mit Überblickscharakter. Berücksichtigt wurden überdies orts-, regional- und kantonsgesch. Werke, die hinsichtl. der Ansätze und Methoden als beispielhaft gelten können.

Autorin/Autor: Jean-François Bergier