31/03/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Engelberg (Kloster)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Benediktinerabtei in der Gem. E. OW, bis 1814 im Bistum Konstanz, 1815-19 unter apostol. Administratur, seither im Bistum Chur. 1120 setzte (so der Eintrag in den Annalen) das monast. Leben in dem vom Edlen Konrad von Sellenbüren gestifteten Kloster ein. Hauptpatrozinien: Maria (15. Aug.) und Nikolaus von Myra (6. Dez.).

Die gütermässige Ausstattung, die freie Abt- und Vogtwahl und den Namen Mons Angelorum bzw. Engilberc liess sich Konrad 1124 von Papst Calixt II. und Ks. Heinrich V. bestätigen. Die ersten Mönche berief Konrad aus dem Kloster Muri. 1124-26 wurde aus ihrer Reihe Adelhelm zum ersten Abt gewählt. Der unter seinen Nachfolgern, den drei in der Reihe der Äbte nicht mitgezählten Ababbates, eingetretenen Krise setzte der aus dem Reformkloster St. Blasien (Schwarzwald) berufene Abt Frowin (1143/47-78) ein Ende. Unter ihm und seinen Nachfolgern, den Äbten Berchtold (1178-97) und Heinrich (1197-1223) erfolgte ein kultureller Aufschwung, der sichtbar wurde in Frowins eigener schriftstellerischer Tätigkeit ("Lob des freien Willens"; Kommentar zum Vaterunser) und im gemeinsam mit dem Mönch Richene unternommenen Aufbau eines Skriptoriums. Das Skriptorium erlebte seinen Höhepunkt in der Person des sog. Engelberger Meisters, eines um 1200 tätigen anonymen Künstlers. Wie bei andern süddt. Reformklöstern bestand spätestens unter Frowin in der Nähe des Männerklosters ein Frauenkloster, das 1615 nach Sarnen verlegt wurde. Von einer Magistra geleitet, bildete es zusammen mit dem Männerkonvent ein unter der Oberhoheit des Abts stehendes Doppelkloster.

Der Ausbau der in der nächsten Umgebung gelegenen Güter zum geschlossenen Territorium von Grafenort bis zur Blackenalp unterhalb des Surenenpasses wurde zur Hauptsache im 13. Jh. abgeschlossen. Die Pfarrei E. dürfte aufgrund der Mitbegründung der Klosterkirche als zehntberechtigte Taufkirche von Anfang an mit der Abtei verbunden gewesen sein. Die pfarrrechtl. Selbstständigkeit wurde Abt Frowin vom Konstanzer Bf. 1148 bestätigt. Seit dem ausgehenden 13. Jh. erhob Uri Anspruch auf die Alpweiden jenseits des Surenenpasses. Der sich daraus entwickelnde Grenzstreit dauerte bis zur Regelung von 1513, als zum Nachteil des Klosters wenig oberhalb der Herrenrüti der neue Grenzverlauf festgelegt wurde. In der klösterl. Talherrschaft beanspruchte der Abt die niedere und hohe Gerichtsbarkeit. Das Diplom Heinrichs V. von 1124 sicherte dem Kloster die freie Vogtwahl. Der erste namentlich bekannte Klostervogt ist 1199 Otto, Sohn Friedrich I. Barbarossas und Pfalzgf. von Burgund. Mit Philipp von Schwaben 1199, Otto IV. 1208 und Friedrich II. 1213 wurde die Vogtei dt. Königen übergeben. Ohne sich selbst als Vogt zu bezeichnen, nahm Kg. Rudolf I. von Habsburg 1274 das Kloster in seinen Schutz. Nach dem polit. Ausscheiden der Habsburger aus der Innerschweiz 1386 übernahmen die vier Orte Luzern, Schwyz, Ob- und Nidwalden als Schirmorte abwechselnd den Schutz des Klosters. Die älteste Erfassung des Rechtsstatus der Talleute findet sich in der sog. Bibly überliefert, als Anhang einer in der 2. Hälfte des 14. Jh. entstandenen Bibelhandschrift. Im Zusammenhang mit den innerschweiz. Freiheitsbestrebungen bewarben sich die Talleute gegen den Willen des Abts um das Nidwaldner Landrecht, was 1408 zu einem kleinen "Bauernkrieg" im Engelbergertal führte. In der Folge verbesserten die Talleute ihre Rechtslage, indem ihnen vom Kloster eine beschränkte Mitwirkung bei der Besetzung des Talgerichts zugestanden wurde. Mit dem Verkauf des Erbrechts an die Talleute (1422) wurde eine Lockerung der Leibherrschaft bewirkt.

Ausserhalb der Talherrschaft verfügte E. hauptsächlich über Besitzungen in Nidwalden, im Luzernischen, im Aargau und im Zürichgau, wo sich der Güterbesitz des Stifters konzentrierte. Hofrechte regelten die Verwaltung in diesen Besitzungen. Die bedeutendsten Verwaltungszentren lagen in Buochs und Oberurdorf. Ihre Hofrechte geben Einblick in die innere Organisation der Höfe, die im 14. Jh. immer mehr dem wachsenden polit.-emanzipator. Druck der jungen Eidgenossenschaft ausgesetzt waren. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Buochser Hofrechtsänderung um 1400, als die Hofgenossenschaft das Recht, den Hofammann selbst zu wählen und gemeinsam mit dem Kloster die Festsetzung der Gerichtsbestimmungen vorzunehmen, durchsetzen konnte. Wie die meisten Klöster vermochte auch E. im 13. und 14. Jh. durch Kauf oder Schenkung erworbene Patronatsrechte über versch. Pfarreien mittels gezielter Inkorporationspolitik auszubauen. Auf diese Weise waren fast alle Nidwaldner Pfarreien, in Obwalden Lungern (1305) und Kerns (1367), das bern. Brienz (1309), das schwyzer. Küssnacht (1362) sowie die Pfarrei Sins im Aargau (1422) -- bis 1849 E.s wichtigste Korn- und Früchtelieferantin -- dem Kloster inkorporiert. Ab den 1370er Jahren ist innerhalb der eidg. Orte wegen des sich durchsetzenden Verbots der Veräusserung von Grund und Boden an Auswärtige und Klöster keine territoriale Vergrösserung mehr festzustellen. Spirituell war das Klosterleben im 14. Jh. jedoch auf hohem Stand. E. unterhielt Beziehungen zu oberrhein. Mystikerkreisen, die im sog. Engelberger Prediger, einem qualitativ hochstehenden Predigtkorpus (1350-70 als Vorlesebuch für die Frauenkommunität geschrieben), ihren Niederschlag fanden.

Wirtschaftliche, personelle und finanzielle Krisen zeichneten das Kloster im SpätMA. 1330-31 mussten die Klosterfinanzen vom Abt von Einsiedeln verwaltet werden, und 1361 wurden 13 Höfe im Aargau und im Zürcherischen an die Abtei St. Blasien verpfändet, ohne dass sie je wieder ausgelöst werden konnten. Die Gründe lagen in der Verschuldung im Zusammenhang mit dem Brand von 1306 (erster Brand um 1200), in der grossen Pest von 1349 und langfristig im polit. Prozess kommunaler Selbstbestimmung, der sich in vielen inkorporierten Pfarreien bemerkbar machte und auch pfarrrechtl. Belange mit einbezog, so z.B. die freie Pfarrerwahl oder den Abkauf von Zehnten oder Zehntanteilen.

Das Zeitalter der Reformation ist geprägt von Abt Barnabas Bürki (1505-46). Zusammen mit dem Klosterökonomen Heinrich Stulz, dem Jerusalemfahrer von 1519, kompensierte er die Schrumpfung der auswärtigen Ressourcen durch intensivierte Nutzung der klösterl. Eigenbetriebe im Tal. Die Pestzüge von 1548 und 1565, die das Kloster jeweils bis auf einen Mönch dezimierten, und die starke Bevormundung (bei Abtwahlen und in ökonom. Belangen) durch die Schirmorte waren verantwortlich für die Krise in der 2. Hälfte des 16. Jh.

Der 1604 unter Abt Jakob Benedikt Sigrist (1603-19) vollzogene Beitritt zur Schweiz. Benediktinerkongregation steht am Anfang einer neuen Phase der Klostergeschichte. Der 1622 von Papst Gregor XV. gewährten Exemtion der schweiz. Benediktinerklöster von der bischöfl. Jurisdiktion und Visitation folgte der systemat. Ausbau der Unabhängigkeit vom Diözesanbischof. Die bischöfl. Mitwirkung bei der Abtwahl wurde 1630 ausgeschaltet. Auch für die Pfarrei E. beanspruchten die Äbte die Exemtion, wodurch sie innerhalb der Klosterherrschaft ein ius quasi-episcopale (Ildephons Straumeyer) ausübten. 1774 musste das Kloster bezüglich der Pfarrei die Wiederherstellung des Rechtszustands vor 1622 hinnehmen. Mit der Herrschaftsintensivierung im Klosterstaat ging die von Abt Joachim Albini (1694-1724) und seinen Nachfolgern geförderte Steigerung des Käse- und Grossviehexports in die Lombardei und die ennetbirg. Vogteien einher. Die Optimierung der landwirtschaftl. Betriebe im Tal war das Anliegen von Abt Emanuel Crivelli (1731-49), dessen grösste Leistung in der Leitung und Koordinierung des Wiederaufbaus des Klosters lag. 1729 hatte ein dritter Klosterbrand den gesamten Konvent mit Ausnahme der Ökonomiegebäude (erbaut 1716-25) vernichtet. Kirchenschatz, Archiv und Bibliothek konnten durch den Einsatz Ildephons Straumeyers, des bedeutenden Klosterhistorikers, zum grössten Teil gerettet werden. Der Neubau im Régence-Stil ist das erste selbstständige Werk des Vorarlbergers Johannes Rueff. 1737 konnte das Kloster bezogen, 1745 die neue Kirche eingeweiht werden. Der Neubau führte zu einer hohen Verschuldung und belastete den klösterl. Finanzhaushalt bis Ende des 19. Jh. 1744 musste die Abtei zum Abbau der Schulden die Küsnachter Weingüter und 1763 einen Teil seiner Talgüter verkaufen. Wegen der um 1750 einsetzenden Rezession im Grossviehexport führte 1761 der spätere Abt Leodegar Salzmann (1769-98) die Seidenkämmelei ein (Trocknen, Fäulen und Kämmeln von jährl. ca. 200 Ballen Seide). Neben dem weiter forcierten Käsehandel bildete die Seidenkämmelei für gut hundert Jahre einen v.a. im Winter wichtigen Erwerbszweig für das Tal. 1744 beschädigte ein Erdbeben das Kloster.

Auf Druck der Talschaft verzichtete das Kloster 1798, kurz vor dem Einmarsch franz. Truppen, auf seine Herrschaftsrechte. Nach dem Tod Abt Leodegars blieb das Kloster bis 1803 ohne Abt. Ausserdem war es ihm z.Z. der Helvet. Republik untersagt, Novizen aufzunehmen. Ab 1803 gehörte E. zu Nidwalden, das aber 1814-15 im Zusammenhang mit seiner ausgesprochen restaurativen Politik E. die vollen polit. Rechte verweigerte. 1815 schloss sich das Kloster zusammen mit dem Tal E. als territoriale Exklave Obwalden an.

Die Verschlechterung des Verhältnisses von Kirche und Staat im Aargau führten 1849 zur Sequestrierung der Klostergüter in Sins und zur Ausweisung des vom Kloster gestellten Pfarrers. Mit Abt Plazidus Tanner (1851-66) setzte im Kloster eine die folgenden Jahrzehnte bestimmende Neuorientierung und Dynamik ein, die sich u.a. in den Klostergründungen und in der Klosterschule manifestierte. So wirkte E. 1857 bei der Gründung des Frauenklosters Maria-Rickenbach und 1866 bei der Transferierung der Luzerner Benediktinerinnen nach Melchtal mit. Als Präventionsmassnahme für den Fall einer Aufhebung des Klosters während des Kulturkampfs und zur seelsorgerischen Betreuung der Auswanderer wurden 1873 und 1882 Tochterklöster in den Vereinigten Staaten (Conception, Missouri und Mount Angel, Oregon) gegründet. Seit 1932 übt E. seine Missionstätigkeit in Kamerun aus; zunächst mit der Leitung des dortigen Priesterseminars, 1964 durch die Gründung eines Priorats in der Nähe von Yaoundé.

1877 wurde die Klosterkirche im Zeitgeschmack renoviert und von der Firma Goll die grosse Orgel erbaut (durch Erweiterung seit 1926 die grösste Orgel der Schweiz). Der seit der Mitte des 19. Jh. stetig wachsenden Zahl von Konventualen, die sich während der Barockzeit zwischen 20 und 30 bewegt hatte, wurde mit der Klostererweiterung 1926-27 Rechnung getragen. 1951 erlebte E. den personellen Höchststand mit 129 Priester- und Laienmönchen. 2003 betrug die Mitgliederzahl 37.

Genauere Kenntnisse über die wohl seit Abt Frowin bestehende Klosterschule erhält man erst mit den Schulordnungen von 1735 und 1792, die die Anpassung des Schulbetriebs an die monast. Tagesordnung regelten. Mit der Mediation 1803 begann auch für die Schule eine neue Phase. Nidwalden wurden sechs Stipendienplätze zugestanden. 1815 kamen drei davon an Obwalden. Vor dem Hintergrund des Kulturkampfs richtete 1851 Abt Plazidus Tanner ein zeitgemässes, sechs Klassen umfassendes Gymnasium ein, als Beitrag zum apostol. Auftrag der Kirche und zur Nachwuchsförderung der eigenen Abtei. Seit 1909 wird an der Schule die eidg. Matura abgenommen. In die Jahre 1914-18 fällt das bildungspolit. Engagement des Rektors Frowin Durrer, der sich als Mitinitiant eines schweiz. Kartells der kath. Schulverbände exponierte. Die steigenden Schülerzahlen bedingten 1927-28 den Bau des Lyzeums. 1970-87 wurde die Schule erweitert und das alte Kollegium zeitgemäss renoviert.


Literatur
Kdm Unterwalden, 21971, 102-230
HS III/1, 595-657, (mit Bibl.)
Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, 2 Bde., 1990
– R. De Kegel, «Das Doppelkloster E. - eine vergessene Form monast. Zusammenlebens», in Studien und Mitt. zur Gesch. des Benediktinerordens und seiner Zweige 11, 2000, 347-380

Autorin/Autor: Urban Hodel, Rolf De Kegel