09/02/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Saanen (Vogtei)

Ma. Landschaftsverband, 1555-1798 bern. Landvogtei, ab 1803 Oberamt bzw. Amtsbezirk BE, seit 2010 Teil des Verwaltungskreises Obersimmental-S. Der von Galloromanen bewohnte Hochgebirgskessel wurde nach Eindringen der Alemannen im 10. oder 11. Jh. Nahtstelle zwischen franz. und dt. Sprachraum; die Sprach- und zugleich auch die Kantonsgrenze bilden der Grischbach im Norden bzw. die Krete von Gummfluh bis Arnenhorn im Süden. Im MA war S. Teil der Kastlanei Vanel (ehem. Burg Vanel, Gem. Rougemont) in der Grafschaft der Gf. von Greyerz, die - von 1244 an als savoy. Vasallen - in S. Grund-, Gerichts-, Leib- und Kriegsherren waren. Im SpätMA amtierte der einheim. Kastlan als ihr Verwalter. Ab dem 14. Jh. zwang Finanznot die Grafen zum Verkauf von Rechten an die Saaner Talleute. Diese waren in einem Landschaftsverband im Umfang des heutigen Amtsbezirks organisiert. Die "Landschaft S." löste sukzessive die ma. Lasten der Bevölkerung ab, u.a. 1312 die Tallia (Leibeigenensteuer), 1341 den Markt- und Pfundzoll, 1397 den Todfall und 1448 sämtl. Grundlasten. Sie erwarb von den Grafen schrittweise eigenes Recht, als erstes 1397 ein der rom. Rechtstradition verpflichtetes Erbrecht, und 1448 das eigene Landessiegel. Zur Sicherung des Passverkehrs handelte S. auch gegen die gräfl. Politik: Die Landschaft schloss 1340 einen Friedensvertrag mit den Simmentalern, der für Streitigkeiten ein gemeinsames Schiedsverfahren (Gerichtsort Saanenwald) vorsah, und 1393 einen weiteren mit den Wallisern. Gf. Rudolf bezog S. 1401 in sein Burgrecht mit Bern ein; 1403 schloss S. mit Bern ein eigenes Burgrecht ab, ein Landfriedensbündnis ähnlich den eidg. Bünden, das oft erneuert und erst 1669 aufgehoben wurde. Dieses verpflichtete S. zu bern. Heerfolge unter dem eigenen Banner (Aargau 1415, Wallis 1418 usw.). Die daraus resultierenden Lasten waren neben Unabhängigkeitsbestrebungen ein Grund für die Teilnahme der Landschaft am Bösen Bund 1445; ein Ausgleich zwischen S. und Bern wurde erst 1451 durch ein eidg. Schiedsgericht vermittelt. In den Burgunderkriegen 1475 eroberte S. mit Zuzug aus Château-d'Œx und dem Simmental die savoy. Herrschaft Aigle für Bern, das S. Anteil an der Verwaltung gewährte. Im 15. Jh. vereinbarte die Landschaft eigene Soldverträge (z.B. jährl. Pension aus Mailand 1498). Die Landschaft S. genoss im Oberland des 16. Jh. eine unabhängige Stellung, doch kam sie im Konkursverfahren des letzten Grafen gegen den Expansionswillen Berns nicht an: Bern erwarb 1555 das obere Saanenland und führte 1556 die Reformation ein. Ein Bernburger Landvogt verwaltete die Landschaft S. und Welschsaanen (Pays-d'Enhaut) bis zum Brand 1575 von S., danach vom ehem. Kloster Rougemont aus; Stellvertreter war der einheim. Kastlan. Im bern. Obrigkeitsstaat verfügte die Saaner Landsgemeinde über die volle Gerichtsbarkeit (Richtstätte unterhalb Vanel; 1596 erbauter, obrigkeitl. Gefängnisturm in S.); sie verwaltete Landschaftsvermögen und -archiv. Ihre Behörde bestand aus Landesvenner, -schreiber und -säckelmeister; Tagungsort war das Grosse Landhaus von S., das als Rats-, Gerichts- und Wirtshaus 1577 errichtet wurde. Da sie auch in Kirchensachen mitbestimmte, übertrug ihr Bern 1556 Kirchengut und -einkünfte und überliess ihr die Besoldung des Predigers. Das Landrecht ist die im "Landbuch" (ältestes von 1598, viele Kopien) kodifizierte Sammlung des erworbenen Rechts und der von der Landsgemeinde erlassenen Satzungen; es wurde 1854 ausser Kraft gesetzt. Ergänzend galt waadtländ. bzw. ab 1646 bern. Recht. Auf Berns Druck wurde die Landsgemeinde 1609 auf 100 Männer beschränkt. 1798 kam das Pays-d'Enhaut zum helvet. Kt. Léman, S. zum helvet. Kt. Oberland, ab 1803 bildete Letzteres ein Oberamt bzw. einen Amtsbezirk im Kt. Bern.

Das Saanenland, wirtschaftlich in 14 Bäuerten unterteilt, betrieb Säumerei sowie Viehwirtschaft im Tal-, Vorsass- und Alpbetrieb; es exportierte Vieh, Käse und Ziegen und - v.a. seit dem Bau der Fahrstrasse 1845 - auch Holz. 1833 konstituierten sich die Kirchgem. S. (mit mehreren Dörfern und Streusiedlungen), Gsteig und Lauenen als Einwohnergemeinden. Deren tourist. Entwicklung wurde durch die Montreux-Oberland-Bahn ab 1905 entscheidend gefördert. Von dem enormen Aufschwung des Fremdenverkehrs seit dem 2. Weltkrieg und dem weltweiten Ruf des Nobelkurorts Gstaad profitierte auch das einheim. Gewerbe (Baufirmen, Holzverarbeitung).


Quellen
SSRQ BE II/3
Literatur
Beitr. zur Heimatkunde der Landschaft S., 1955
– D.E. Seewer, Landschaft S./Amtsbez. S., [1996]

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler