Grasswil

Aus zwei Siedlungskernen hervorgegangenes Dorf in der Einwohner- und Kirchgem. Seeberg BE, zu dem mehrere Weiler und Einzelhöfe zählen. Es bestand bis zur Gemeindezentralisation 1991 aus den Ortsgem. Ober- und Niedergrasswil. 1070 Craolteswile. 1764 417 Einw.; 1850 869; 2000 675. Die Gf. von Kyburg dominierten im 13. und 14. Jh. als Grund- und Gerichtsherren die beiden ma. Zelgdörfer: Niedergrasswil mit Taverne, Stock und Trülle war Sitz des Niedergerichts G. (mit Obergrasswil, Seeberg, Riedtwil, während Juchten-Loch zum Gericht Bollodingen gehörte) und zugleich eine der Gerichtsstätten ("Landstuhl") des kyburg. bzw. ab 1406 bern. Landgerichts Murgenthal, später dann Teil der Landvogtei Wangen. 1370 kam das Niedergericht G. durch Verkauf an Bürger (Junker, Matter), 1395 dann an Burgdorf. Dieses fasste seine Gerichte G., Oberösch, Niederösch (mit Rumendingen, Bickigen), Heimiswil sowie 1402-1720 auch Inkwil zum Verwaltungsbezirk "Vogtei G." zusammen. Alternierend amtierte ein Burgdorfer Ratsherr als "Grasswilvogt", assistiert vom burgerl. Amtsschreiber und dem einheim. Weibel. Im 17. und 18. Jh. kam es zwischen der Landvogtei Wangen und Burgdorf zu Kompetenzstreitigkeiten, die meist zu Ungunsten Burgdorfs ausgingen. Ober- und Niedergrasswil hatten untereinander (im Steinenberg mit Seeberg ab 1540) und mit solothurn. Dörfern gemeinsame Weide. Im bäuerl. Obergrasswil kam es zum Allmendzwist mit den Taunern (1663 teilweise Allmendteilung). Niedergrasswil ist seit 1794 Sitz der Schule G. und seit 1991 auch der Gemeindeverwaltung Seeberg. Unter den Handwerken genoss der Ofenbau bis ins 20. Jh. guten Ruf; eine Likörfabrik wurde 1890-1973 betrieben. Im bäuerlich-gewerbl. Ort entstanden Neuquartiere im Brüschrain und im Bereich der vormaligen Taunersiedlung Regenhalden.


Literatur
– K. H. Flatt, Errichtung der bern. Landeshoheit über den Oberaargau, 1969
– A.-M. Dubler, «Die Herrschaften der Stadt Burgdorf im Oberaargau», in Jb. des Oberaargaus, 1996, 105-130

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler