Ranflüh

Dorf am rechten Emmenufer am Ramisberg, dessen nördl. Hälfte politisch wie kirchlich zur Gem. Lützelflüh, die südliche zur Gem. Rüderswil gehört, und ehem. Hoch- und Niedergericht. Das Landgericht R. war einer der sieben Blutgerichtsbezirke der Landgrafschaft Burgund; es erstreckte sich über das obere und mittlere Emmental und versammelte sich auf der Talterrasse Than, wo auch der Galgen und eine Taverne standen. Die Gf. von Kyburg, spätestens ab 1313 Inhaber des Landgrafenamts Burgund, verpfändeten das Landgericht 1387 an die Hzg. von Österreich, die es dem Dienstmann Burkart von Sumiswald übertrugen. Von ihm übernahm es 1398 zwischenzeitig die Kommende Sumiswald, bis es Bern nach Reichslehenrecht 1408 erwarb. Nach Errichtung der Landvogtei Trachselwald 1408 ging R. in ihr auf; die Richtstätte und die Abhaltung der Landtage der Landschaft Emmental wurden in R. belassen. Das Niedergericht R., vor 1400 aus Teilen älterer Gerichte (u.a. Laupers- und Rüderswil) zusammengesetzt, wurde Trachselwald unterstellt.

Das Zelgdorf R. ging im 16. Jh. zum Feldgrasbau über; der Dorfberg (Allmend) wurde 1561 aufgeteilt. Die gmeyndt zu R. nützte den Schachen als Weide (Lehen der Landvogtei 1598), aber auch Arme siedelten sich an. 1704 erfolgte die Aufteilung des Schachens auf die Lützelflüher und Rüderswiler Dorfhälften. Regelungen der Emmenwehr im Gemeinwerk stammen von 1704 und 1734. Die komplizierte dörfl. Struktur machte eine vom Landvogt erlassene Gemeindeordnung mit einem Obmann, Redeordnung, Erscheinungs- und Protokollierungszwang nötig (1761, 1767, 1781). Hauptstreitpunkt war stets das Gemeinwerk. Die Zweiteilung war auch Ende des 20. Jh. noch prägend: Jede Hälfte muss ihre Anliegen über eine andere Gemeindeversammlung regeln; das Kleindorf verfügt z.B. über zwei Schulhäuser (R., Than). Gemeinsame Institutionen sind der Kindergarten und die Feuerwehr. R. hat bis heute seine landwirtschaftl. Struktur bewahrt. Mit dem Bau der Umfahrungsstrasse durch den Schachen in den 1980er Jahren war eine Güterzusammenlegung verbunden.


Quellen
SSRQ BE II/8
Literatur
– F. Häusler, Das Emmental im Staate Bern bis 1798, 2 Bde., 1958-68
– A.-M. Dubler, «Adels- und Stadtherrschaft im Emmental des SpätMA», in AHVB 90, 2013, 33-96

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler