Bellelay

Abtei (Prämonstratenser) in der Gem. Saicourt BE. Das um 1140 gestiftete und 1797 säkularisierte Kloster (u.a. Belilaia, Bellelagia, Belelai) lag in der Diözese und im Fürstbistum Basel. Selber Filiale der Abtei Lac de Joux, gründete B. am Ende des 12. Jh. eine bald zum Priorat herabgestufte Niederlassung in Grandgourt und 1255 die Abtei Gottstatt. B. hatte die Obhut über die 1303 begr. und 1523 in ein Priorat umgewandelte Abtei Himmelspforte (bei Wyhlen, heute Baden-Württemberg) inne. B. gehörte zunächst zur Zirkarie (Ordensprovinz) Burgund, ab 1672 zur Zirkarie Schwaben. Patrone: St. Immer, später Maria und St. Peter.

Nach der Legende soll Siginandus, Propst von Moutier-Grandval, B. in Erfüllung eines bei einem Jagdunfall gemachten Gelübdes gestiftet haben. In der Tat ging die Hauptinitiative aber wahrscheinlich vom Basler Bf. Ortlieb von Frohburg aus, der in der ersten päpstl. Bestätigungsbulle für B. (1142, nicht 1141) als Schirmherr von B. erwähnt ist, markierte doch B. einen wichtigen Eckpfeiler an der Westgrenze der Diözese. Der Bf. entnahm das Stiftungsgut für B. im Wesentlichen den Gütern von Moutier-Grandval, das er damals fest kontrollierte. Nach bescheidenen Anfängen gewann B. an Bedeutung. Der Grundbesitz verteilte sich über das ganze heutige Gebiet des Kt. Jura und des Berner Juras. B.s Wirtschaftsführung, bei welcher das Hauptgewicht auf Patronatsrechten und Zehnten lag, war für das SpätMA typisch. Nach den Erschütterungen durch die wirtschaftl. und polit. Krise des ausgehenden 14. Jh. leitete die tatkräftige Verwaltung von Abt Heinrich Ner (1401-24?), eines Verwandten des Basler Bischofs und ersten Mitraträgers unter den Äbten von B., den Wiederaufschwung ein. Spätestens ab 1414 stand B. im Burgrecht mit Bern (bis zur Reformation) und Solothurn (bis zur Säkularisation), spätestens ab 1516 auch mit der Stadt Biel (bis 1606). Im Schwabenkrieg wurden die Gebäude 1499 niedergebrannt.

Durch die Reformation fand sich B. an der Konfessionsgrenze wieder, und einige Konventualen traten zum neuen Glauben über. Im 17. und besonders im 18. Jh. durchlebte das Kloster, trotz äusserer Gefahren, eine Blütezeit: Im Dreissigjährigen Krieg blieb B., obschon bedroht, dank des Bündnisses mit Solothurn verschont. Bei den Landestroublen, welche das Fürstbistum Basel 1726-41 erschütterten, spielte der Abt von B. als Vorsitzender der Landstände eine wichtige Rolle: Er suchte die Machtbefugnisse dieses Organs zu mehren und die absolutist. Herrschaft des Fürstbischofs einzuschränken, wofür er 1741 von Letzterem bestraft wurde. Erst 1791 wurde B. wieder in die Landstände aufgenommen und dem Abt der Vorsitz übertragen.

Im 18. Jh. wurden die Klostergebäude erneuert, wobei der Baumeister Franz Beer (von Blaichten) mit der im Vorarlberger Barockstil erbauten und 1714 geweihten Kirche den Anfang machte. 1772 wurde ein Kollegium eröffnet, dessen Bedeutung rasch zunahm: 1779 zählte es 62 Schüler, welche v.a. aus dem Ausland, insbesondere dem Elsass, aber auch aus den kath. eidg. Orten kamen. 1782 wurde der Bau eines neuen Pensionats notwendig, und 1797 besuchten über 100 Schüler das Kollegium.

Die Ausrufung der Raurachischen Republik und die folgende franz. Besetzung der nördl. Teile des Fürstbistums zogen B. in Mitleidenschaft. Das Priorat Grandgourt wurde geräumt, später suchten die Pensionäre und der Abt mitsamt der Klosterbibliothek Zuflucht in Solothurn. In die eidg. Neutralität einbezogen, entging die Abtei dem Anschluss an Frankreich, ehe sie im Dez. 1797 aufgehoben wurde, ihre Güter beschlagnahmt und verkauft sowie die Ordensleute ausgewiesen wurden.

Die grosse Mehrzahl der 42 namentlich bekannten Äbte von B. entstammte dem städt. Bürgertum der Region. Die Zahl der Kanonikate unterlag im Laufe der Jahre Schwankungen: In der Krise um 1402 waren es möglicherweise nicht mehr als acht, 1435 wiederum 15. Nach der Reformation sank die Zahl im 16. Jh. erneut, stieg im 17. Jh. dagegen wieder an, um sich im 18. Jh. bei rund 30 einzupendeln. Das übliche Aufgabenfeld der Chorherren wurde durch das Priorat Grandgourt und Pfarrstellen wie in La Neuveville, Tavannes und Bévilard erweitert. In der Abtei lebten auch Konversen, über deren Zahl und Ämter aber wenig bekannt ist. Im 15. Jh. traten sie gegenüber den renduiz, mehr oder weniger stark in die Abtei integrierten Laien, in den Hintergrund. Letztere genossen grosse Freiheiten (einige waren sogar verheiratet), lebten jedoch in enger wirtschaftl. und geistiger Verbindung mit der Abtei. Im 14. Jh. liess die Disziplin, der allg. Entwicklung folgend, deutlich nach, und die Chorherren genossen bis ins 16. Jh. ihre Einkünfte als persönl. Pfründen. 1580 liess der päpstl. Nuntius die Missbräuche beheben. Zu Beginn des 17. Jh. schloss der Ordensdelegierte Servais de Laruelle B. in seine Reformbestrebungen ein. Die zahlreichen Pfarreien stellten v.a. dank der Zehnten eine wichtige Einnahmequelle dar und wurden oft von den Chorherren selbst versehen: Boécourt, Bassecourt, Les Genevez, Montignez, La Neuveville, Tavannes, Lengnau, Pieterlen und Bévilard. Die fünf Letztgenannten traten zur Reformation über, der Abtei blieben jedoch das Kollaturrecht und grosse Machtbefugnisse. Aus spirituellen Motiven und Sicherheitserwägungen verband sich B. mit benachbarten, auch nicht dem eigenen Orden angehörenden Gotteshäusern: 1362 wurde eine Gebetsverbrüderung mit den Klöstern Erlach, Frienisberg, Fontaine-André, Gottstatt und jenem auf der St. Petersinsel geschlossen. Eine andere Art von Verbindung wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt (jedenfalls vor 1460) mit den Mönchen von Lützel (F) sowie den Chorherren von Moutier-Grandval und Saint-Ursanne eingegangen.

Das Kloster war Mittelpunkt einer kleinen Herrschaft, welche vom 15. Jh. an den Namen Courtine de B. trug. Neben bedeutenden grundherrl. Rechten und Einkünften, welche ihm in versch. Teilen des ehemaligen Fürstbistums Basel zustanden, verfügte B. auch über Niedergerichte in der unmittelbaren Nachbarschaft, namentlich in den jurass. Dörfern Fornet (Gem. Châtelat und Lajoux), Lajoux und Les Genevez. Landesherr und Inhaber der Hochgerichtsbarkeit war jedoch der Fürstbf. von Basel, der auch die Rodungsfreiheiten gewährte und den Grenzverlauf der Courtine de B. überwachte.

Im 19. Jh. verfiel die Abtei zusehends. Auf dem Klosterareal wurden u.a. eine Gerberei, eine Schmiede und eine Brauerei betrieben. 1899 wurden die Klostergebäude in eine Psychiatr. Anstalt umgewandelt, die auch zu Beginn des 21. Jh. noch ihren Dienst versieht. Die 1960 restaurierte Kirche beherbergt seit 1970 alljährlich Gemäldeausstellungen.


Literatur
– «B.», in Intervalles, 1986, Nr. 15, 3-193
– A. Wyss, D. de Raemy, L'ancienne abbaye de B., 1992
– J.-C. Rebetez, L'abbaye prémontrée de B. (1140-1420), Thèse Ecole des Chartes Paris, MS., 1993

Autorin/Autor: Jean-Claude Rebetez / EB