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Rechtsgeschichte

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R. ist die Wissenschaft vom Recht der Vergangenheit und vom Werdegang der versch. Rechtsordnungen. Gegenstand sind die Rechtsquellen, Rechtseinrichtungen (Institutionen), Rechtslehren (Dogmen) und die Rechtswissenschaften, ferner die Kultur- und die Ideengeschichte des Rechts.

Die R. hat ihren Ursprung in der Rechtswissenschaft; sie wurde ab dem 16. Jh. an Universitäten von gelehrten, im Römischen Recht und im Kirchenrecht ausgebildeten Juristen betrieben, so in Basel durch Claudius Cantiuncula, Bonifacius und Basilius Amerbach. Der Schwerpunkt der R. war bis zu Beginn des 19. Jh. das röm. Recht; die ausschliessl. Verwendung der lat. Sprache liess sie zum gesamteurop. Forschungsanliegen werden. Da R. immer untrennbar mit dem System des geltenden Rechts verbunden blieb, war sie vorab ein rechtswissenschaftl. und nur am Rande ein hist. Fach. Unter dem Eindruck der von Friedrich Carl von Savigny in Berlin gegründeten hist. Rechtsschule wurde im 19. Jh. die quellennahe R. von Friedrich Ludwig Keller (Zürich) und dem Italiener Pellegrino Rossi (Genf) auch in der Schweiz eingeführt. Sie brachte den Anstoss zur Kodifikation des Privatrechts aus der nationalen Überlieferung. Zu deren Resultaten zählen das Obligationenrecht 1881 und das Schweiz. Zivilgesetzbuch 1912. Ausgehend vom Gedankengut der hist. Rechtsschule wurde 1894-98 auf Initiative des Schweiz. Juristenvereins die international anerkannte Editionsreihe "Sammlung Schweiz. Rechtsquellen" (SSRQ) gegründet, in der jeder Kanton eine eigene Abteilung mit "Stadtrechten" und "Rechten der Landschaft" bildet.

In der Schweiz umfasst das universitäre Angebot für R. mit Ausnahme der zwei neu eingerichteten Extraordinariate in St. Gallen (ab 1980) und Luzern (ab 2002) sowohl röm. wie Germanisches Recht. Lehrstühle werden ausschliesslich von im röm. und kanon. Recht ausgebildeten Juristen besetzt. In Basel lehrten Juristen von internat. Ruf und spezieller Ausrichtung, u.a. Johann Jakob Bachofen (Mutterrecht), Andreas Heusler (1802-68, Verfassungsgeschichte) und Ulrich Stutz (Kirchengeschichte und dt. R.). In Zürich hatte die R. ihren Schwerpunkt in Privatrecht (z.B. Johann Caspar Bluntschli, Aloys von Orelli, Heinrich Mitteis), bis Karl Siegfried Bader ab 1951 der rechtsgeschichtl. Forschung den Weg in die spätma.-frühneuzeitl. Landesgeschichte und R. des Dorfes wies. In Bern, wo im 20. Jh. Max Gmür, Hans Fehr, Peter Liver und Pio Caroni lehrten, kamen neben dt. R. auch Themen der schweiz. R. der Räume Ostschweiz, Graubünden und Tessin ins Lehrprogramm. An der Univ. Freiburg lehrten u.a. Emil Franz Josef Müller-Büchi und Louis Carlen (schweiz. R., Verfassungsgeschichte), an der Univ. Genf Wolfgang-Amédée Liebeskind (Institutionengeschichte).

R. wurde indes nicht nur an den Universitäten betrieben: Bedeutende rechtsgeschichtl. Lehrbücher, die das alte einheim. Recht und dessen Entwicklung darstellen, sind u.a. die R.n von Philipp Anton von Segesser für den Kt. Luzern (1850-58) und von Hermann Rennefahrt für den Kt. Bern (1928-36) sowie quellenbasierte rechts- und verfassungsgeschichtl. Monografien, wie jene von Jean Jacques Siegrist im Aargau, Paul Kläui und Walter Müller in der Ostschweiz.


Quellen
SSRQ 1898-
Literatur
– H. Legras, Grundriss der schweiz. R., 1935
– L. Carlen, R. der Schweiz, 1968 (31988, )
– W. Müller, C. Soliva, Zwei Jahrzehnte R. an der Univ. Zürich, 1975
– H.C. Peyer, Verfassungsgesch. der alten Schweiz, 1978
– J.-F. Poudret et al., L'enseignement du droit à l'Académie de Lausanne aux XVIIIe et XIXe siècles, 1987
– L. Carlen, Aufs. zur R. der Schweiz, 1994
Norm und Tradition, hg. von P. Caroni, G. Dilcher, 1998
– P. Caroni, Gesetz und Gesetzbuch, 2003
– R. Pahud de Mortanges, Schweiz. R., 2007

Autorin/Autor: Karl Heinz Burmeister, Anne-Marie Dubler