• <b>Kirchengeschichte</b><br>Titelseite des 3. Bandes von Johann Jakob Hottingers "Helvetischen Kirchengeschichten" (1698–1729) mit der Abhandlung der Reformation (Schweizerische Nationalbibliothek). Hottinger argumentiert in seiner von Christi Geburt bis ins Jahr 1728 reichenden, gegen die katholische Kirchengeschichtsschreibung polemisierenden Darlegung für die These, dass die Reformation nichts Neues sei, sondern die ursprüngliche christliche Kirche wiederherstelle, während die katholische Kirche von ihr abgefallen sei.

Kirchengeschichte

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Als K. wird die wissenschaftl. Erforschung von Kirche und Christentum bezeichnet. Institutionell ist sie in der Schweiz und im dt. Sprachraum in der Theologie verankert. Kirchengeschichtl. Themen werden - zumeist unter profaner Perspektive - auch von der allg. Geschichtswissenschaft (Geschichte) untersucht.

K. wurde bereits in frühchristl. Zeit und im MA betrieben. Dabei galt sie als integraler Teil der Weltgeschichte und wurde einer heilsgeschichtl. Deutung unterstellt. Humanismus und Reformation trugen zur Ausbildung einer eigenständigen K. bei: Der Humanismus wertete die antiken Quellen auf und förderte das Verfassen von Stadtchroniken, während die Glaubensspaltung die Protestanten zur Legitimierung der Kirchenreform, die Katholiken zur Verteidigung des Hergebrachten antrieb. Der Zürcher Theologe Johann Heinrich Hottinger schrieb eine "Historia ecclesiastica" (1651-67), sein Sohn Johann Jakob die "Helvet. Kirchengeschichten" (4 Bde., 1698-1729). Auf kath. Seite verfasste der Ittinger Kartäuser Heinrich Murer eine "Helvetia Sancta" (1648), der Frauenfelder Pfarrer Johann Kaspar Lang einen "Hist.-theol. Gründ-Riss der alt- und jeweiligen christl. Welt" (2 Bde., 1692). Konfessionspolemik, die sich besonders an den frühchristl. und ma. Legenden entzündete, kennzeichnete diese Darstellungen (Konfessionalismus). Zu erwähnen sind auch die Klostergeschichten der grossen Benediktinerabteien jener Zeit. Abraham Ruchat, Prof. der Eloquenz an der Akademie Lausanne in der 1. Hälfte des 18. Jh., gilt als erster Kirchenhistoriker der Waadt.

<b>Kirchengeschichte</b><br>Titelseite des 3. Bandes von Johann Jakob Hottingers "Helvetischen Kirchengeschichten" (1698–1729) mit der Abhandlung der Reformation (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Hottinger argumentiert in seiner von Christi Geburt bis ins Jahr 1728 reichenden, gegen die katholische Kirchengeschichtsschreibung polemisierenden Darlegung für die These, dass die Reformation nichts Neues sei, sondern die ursprüngliche christliche Kirche wiederherstelle, während die katholische Kirche von ihr abgefallen sei.<BR/>
Titelseite des 3. Bandes von Johann Jakob Hottingers "Helvetischen Kirchengeschichten" (1698–1729) mit der Abhandlung der Reformation (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Eine neue Epoche leitete die hist.-krit. Forschung des 19. Jh. ein. Als Quellen wurden Märtyrer- und Mönchsviten (Hagiografie), Chroniken, Annalen und die im SpätMA entstandenen Stadtchroniken, später auch archäolog. Zeugnisse ausgewertet. Der in Bern lehrende Ernst Gelpke schrieb eine "K. der Schweiz", die er aber nur bis zur Karolingerzeit führen konnte (2 Bde., 1856-61). Nicht über die Reformation hinaus gingen die "Studien und Beiträge zur Schweiz. K." (3 Bde., 1902-08) des Luzerner Geistlichen Bernhard Fleischlin. Einen kräftigen Schub erhielt die wissenschaftl. Forschung durch die Gründung der Zeitschriften "Zwingliana" (1897) und der kath. "Zeitschrift für schweiz. K." (1907, seit 2004 "Schweiz. Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte"). Auch die Organe der kant. und regionalen Geschichtsvereine publizierten zahlreiche Arbeiten zur K. Eine knappe Gesamtdarstellung der Schweiz. K. - für die nachreformator. Zeit auf die kath. Kirche beschränkt - veröffentlichte 1935 der Einsiedler Benediktiner Theodor Schwegler. Auf ref. Seite verfasste der Zürcher Pfarrer und Honorarprof. Rudolf Pfister eine "K. der Schweiz" (3 Bde., 1964-84), die auch die kath. Kirche und andere Religionsgemeinschaften miteinbezieht. An der "Ökumen. K. der Schweiz", die 1994 erschien, arbeiteten Vertreter der christl. Kirchen und der jüd. Gemeinschaft mit. Für die K. sind auch die frühen Periodika, die Kantonsgeschichten und die Geschichten der einzelnen Bistümer von Bedeutung. Das vom Schweiz. Nationalfonds unterstützte, seit 1964 erscheinende Nachschlagewerk "Helvetia Sacra" stellt die Geschichte der kirchl. Institutionen auf eine neue Grundlage.

Als eigenes Lehrfach wird K. an allen theol. Fakultäten der Schweiz gelehrt (ausser in Neuenburg), in Freiburg, Luzern und Chur in Verbindung mit Patrologie (wissenschaftl. Beschäftigung mit den Schriften der Kirchenväter). Während die ref. Seite in der Erforschung der K. traditionell stärker theologiegeschichtlich ausgerichtet war, betonte die kath. Seite die institutionellen Aspekte. In jüngerer Zeit werden in beiden Konfessionen vermehrt sozial-, mentalitäts- und alltagsgeschichtl. Themen bearbeitet.


Literatur
– Feller/Bonjour, Geschichtsschreibung
– « K. und allg. Gesch. in der Schweiz», in Itinera 4, 1986
– E. Tremp et al., «Zwischen Institution und Frömmigkeit», in SZG 41, 1991, 452-466
ZSK 87, 1993; 90, 1996
Ökumen. K. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994 (mit Forschungsber.; 21998)
– V. Conzemius «K.», in Neues Hb. theol. Grundbegriffe, hg. von P. Eicher, Bd. 2, 2005, 370-377

Autorin/Autor: Victor Conzemius