Philosophie

Es gibt eine Vielzahl nennenswerter philosoph. Aktivitäten in der Schweiz, jedoch weder eine von der Schweiz ausgehende wirkungsmächtige philosoph. Strömung noch eine als schweizerisch zu bezeichnende philosoph. Lehre oder Schule. Dass sich immerhin ein schweiz. Philosophieren (u.a. gekennzeichnet durch sachorientiertes Denken und die Aversion gegen spekulative P.) ausmachen lässt, wird da und dort behauptet, ist aber umstritten. Es steht ausser Zweifel, dass das philosoph. Schaffen in der Schweiz kulturgeschichtlich bedingte Besonderheiten aufweist, etwa das Vermitteln zwischen dt. und franz. P.

Die Ursprünge institutioneller P. im Gebiet der Schweiz gehen auf die Scholastik zurück, die sich durch aristotel., neuplaton. und christl. Grundideen auszeichnet. Im 10. und 11. Jh. entwickelte sich in St. Gallen auf Anregung von Notker dem Deutschen eine expansive Schultätigkeit. In den Lehrbüchern seines Kreises wurden log. Regeln mustergültig in dt. Sprache ausformuliert. Im 12. und 13. Jh. war die Klosterschule Engelberg unter den Äbten Frowin und Berchtold philosophisch aktiv. Inspiriert von Pierre Abaelard befasste sich Frowin eingehend mit dem Problem der Willensfreiheit. Von ihrer Gründung 1460 bis zur Reformation war schliesslich die älteste Hochschule auf schweiz. Gebiet, die Univ. Basel, wichtiger Ausgangspunkt scholast. Denkens. Sie sorgte u.a. für die Ausbreitung der nach Petrus Hispanus gelehrten Logik. In der frühen Neuzeit lehrten die Jesuiten das scholast. Gedankengut.

Eine markante Phase schweiz. Philosophierens begann im 16. Jh. Durch das Wirken des Erasmus von Rotterdam gingen von Basel entscheidende Impulse für die humanist. und reformator. Erneuerung der antiken und christl. P. aus. Zudem machte sich, angeregt durch Theophrastus Paracelsus, auf schweiz. Gebiet die theosoph.-naturphilosoph. Neubegründung der Scholastik bemerkbar. Mit den zu einer Religion des natürl. Gottesglaubens drängenden Ideen Huldrych Zwinglis und Johannes Calvins hielten sodann an einigen Hohen Schulen Strömungen der neuzeitl. P. Einzug. Im 16. Jh. gewann in Basel und Bern die antiaristotelisch auftretende P. des Petrus Ramus (Theodor Zwinger und Johann Thomas Freigius), im 17. und frühen 18. Jh. in Basel und in der Westschweiz der Cartesianismus an Bedeutung (Samuel Werenfels, Jean-Robert Chouet und der frühe Jean-Pierre de Crousaz). Im Zuge dieser Entwicklung etablierte sich im 18. Jh. in der deutschsprachigen ref. Eidgenossenschaft die System-P. von Christian Wolff.

Die Aufklärung des 18. Jh., die den kath. und ref. Ansichten einer göttl. Ordnung Vorstellungen von autonomer Vernunft und der Vervollkommnung der natürl. und geistigen Anlagen des Menschen gegenüberstellte, ging auch in eidg. Zentren mit einem äusserst fruchtbaren philosoph. Schaffen einher. Dieses wurde insbesondere durch die Gelehrten Gesellschaften und Clubs belebt, aber auch durch die aufstrebende Naturforschung und die Anthropologie (Albrecht von Haller, Charles Bonnet, Johann Jakob Scheuchzer), die überdies wesentl. Grundlagen des neuen Denkens bereitstellten. Insgesamt hat die Schweiz in dieser Zeit erhebl. Anteil an der franz., engl.-schott. und dt. Aufklärung. Im In- und Ausland tätige Schweizer schufen anerkannte philosoph. Arbeiten im Bereich der Erziehungslehre (Jean-Pierre de Crousaz, Beat Ludwig von Muralt, Karl Viktor von Bonstetten, Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Francesco Soave), der Theologie (Johann Kaspar Lavater), der Geschichtstheorie (Isaak Iselin), des Naturrechts (Jean Barbeyrac, Jean-Jacques Burlamaqui, Jean-Jacques Rousseau), der Ästhetik (Johann Jakob Bodmer, Johann Georg Sulzer) und der Logik (Leonhard Euler, Johann Jakob Breitinger, Johann Heinrich Lambert). Ende des 18. Jh. entfalteten sich in Bern, Zürich und in der Waadt auch die für die ethischen Ideale der Helvetik bedeutsam werdenden kritischen Vernunftlehren Immanuel Kants und Johann Gottlieb Fichtes (Johann Samuel Ith, Philipp Albert Stapfer, Jens Baggesen, Germaine de Staël, Benjamin Constant). Dank schweiz. Übersetzungstätigkeit hatte Kants P. in Frankreich rasch Erfolg. In der Schweiz hatten die Gedanken der Aufklärung auch eine ausgeprägte staatsphilosoph. Seite und verfügten über einen starken Rückhalt in der polit. Elite.

Im 19. Jh. setzte mit dem Ausbau der Hohen Schulen zu Universitäten in Zürich, Bern, Genf, Lausanne und Neuenburg ein Schub der Professionalisierung der philosoph. Lehrtätigkeit ein. Der seit der frühen Neuzeit auf Vorlesung und Disputation abgestützte Unterricht wich einer differenzierteren und mit neuen Prioritäten (Fachstudium statt Universalbildung) versehenen Lehrform. In der gesamten Schweiz dominierten die dt. P. und franz. Denkansätze, die dem dt. Idealismus nahe standen (z.B. jener von François-Pierre Maine de Biran). Über die 1. Hälfte des Jahrhunderts hinaus standen die Freiheitsphilosophie Kants und Fichtes, die Naturphilosophie Friedrich Wilhelm Joseph von Schellings sowie die Geistphilosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels hoch im Kurs (Ignaz Paul Vital Troxler, Carl Hebler, Alexandre Vinet, Charles Secrétan, Ernest Naville, Henri-Frédéric Amiel).

In der 2. Hälfte des Jahrhunderts stiessen aufgrund des Wirkens namhafter dt. Denker an Schweizer Universitäten (Friedrich Albert Lange, Wilhelm Windelband, Wilhelm Dilthey und Friedrich Nietzsche) der Neukantianismus und die Lebensphilosophie auf beträchtl. Resonanz. Mit der Gründung des schweiz. Bundesstaates stellte sich ein Kompromiss zwischen konservativen und liberalen Kräften ein, der sich auf die Akzeptanz gegensätzlicher philosoph.-theol. Ansichten positiv auswirkte. In der ref. Westschweiz erstarkte ein ethisch-religiöser Idealismus. Diese philosoph. Bewegung, die sich z.T. der sozialen Frage zuwendete, führte 1868 zur Gründung der bis heute bestehenden "Revue de Théologie et de Philosophie". Die nach der Reformation wesentlich in Freiburg, Luzern, Chur, Lugano und im Wallis gelehrte kath. Theologie und P. verschaffte sich mit der Wende zur neuscholast.-thomist. P. erneut Geltung. An der 1889 gegr. Universität Freiburg wurde der Philosophieunterricht dem Dominikanerorden übertragen (Gallus Maria Manser, Norbert A. Luyten, Arthur Fridolin Utz). 1923 erfolgte die Gründung der Zeitschrift "Divus Thomas", die seit 1954 als "Freiburger Zeitschrift für P. und Theologie" erscheint. Ab Mitte des 20. Jh. lockerte sich an der Univ. Freiburg wie auch an der im Jahr 2000 zur Universität erweiterten Hochschule Luzern die Bindung der P. an die offizielle Lehre. Auch Schweizer Philosophen lieferten im 19. Jh. philosoph.-wissenschaftl. Beiträge richtungsweisender Natur, so in der Sprachphilosophie Ferdinand de Saussure und Anton Marty.

Noch bis Mitte des 20. Jh. stand die P. in der Schweiz im Banne der philosoph. Hauptströmungen in Deutschland und Frankreich. Nach dem 2. Weltkrieg verstärkte sich die Ausrichtung auf den Neupositivismus (Positivismus), der vom Wiener Kreis ausging und in der Folge im anglo-amerikan. Sprachraum zu versch. Ansätzen der analyt. P. weiterentwickelt wurde. Die Erfahrung des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs führte zudem zur Besinnung auf die eigentl. Aufgaben der P. und zum Wunsch, sich auf organisator. Ebene ein eigenständigeres Profil zu geben. 1940 entstand als Dachverband kantonaler und regionaler philosoph. Sozietäten die Schweiz. Philosoph. Gesellschaft, die seither mit der 1941 gegr. Zeitschrift "Studia philosophica" an die Öffentlichkeit tritt. 1947 wurde auf Initiative Paul Bernays und Ferdinand Gonseths die Zeitschrift "Dialectica" und 1948 die Schweiz. Gesellschaft für Logik und P. der Wissenschaften ins Leben gerufen. Wie in anderen europ. Ländern ist seit der 2. Hälfte des 20. Jh. die sozialpolitisch konnotierte Polarisierung von hermeneut. (bzw. dialekt.) und analyt. Denken ein wichtiger Antrieb des philosoph. Fortschritts. Als Folge des ökolog. Denkens und neuer technolog. Schübe verstärkte sich Ende des 20. Jh. das Interesse an angewandter Ethik. In Zürich, St. Gallen, Basel und in Genf wurden Ethikinstitute gegründet. Die Besinnung auf das eigene Schaffen erfährt heute durch die 1991 gegründete Schweiz. Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jh. eine Fortsetzung. Breitere Anerkennung finden Beiträge von Schweizer oder in der Schweiz lehrenden Philosophen auf dem Gebiete der Logik und Wissenschaftstheorie (Joseph M. Bochenski), der Erkenntnistheorie (Jean Piaget) der Ontologie und Anthropologie (Paul Häberlin), der Existenzphilosophie (Karl Jaspers, Heinrich Barth, Ludwig Binswanger) sowie der politischen P. (Jeanne Hersch, Hermann Lübbe, Hans Saner).


Literatur
P. in der Schweiz, 1946
– A. Tumarkin, Wesen und Werden der schweiz. P., 1948
– A. de Muralt, Philosophes en Suisse française, 1966
– P. Good, «Das soziale Geschehen der P. in der Schweiz von 1900-1977», in Studia philosophica 37, 1977, 295-354
P. in der Schweiz, hg. von M. Meyer, 1981
– H. Lauener, Zeitgenöss. P. in der Schweiz, 1984
– R. Imbach, «Thomist. P. in Freiburg», in Menschen und Werke, 1991, 85-113
– C. Dejung, P. aus der Schweiz, 1994
Ethik in der Schweiz, hg. von H. Holzhey, P. Schaber, 1996
– F. Minazzi, «La filosofia in Svizzera», in Storia della filosofia, hg. von G. Paganini, 11, 1998, 1187-1258
Artisten und Philosophen, hg. von R.C. Schwinges, 1999
– M. Bondeli, Kantianismus und Fichteanismus in Bern, 2001
– W. Rother, «Die Hochschulen in der Schweiz», in Das Hl. Röm. Reich Dt. Nation, hg. von H. Holzhey et al., 2001, 447-474

Autorin/Autor: Martin Bondeli