10/03/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Literaturwissenschaft

Der Begriff L., der so nur im dt. Sprachraum (franz. critique littéraire, ital. critica letteraria, engl. literary criticism) existiert, bezeichnet verschiedene wissenschaftl. Richtungen, deren Hauptgegenstand die Literatur im weitesten Sinne ist. Er wurde in den 1830er Jahren zum ersten Mal verwendet und setzte sich gegen Ende des 19. Jh. durch. Im Bereich der nationalen Philologien steht er für die wissenschaftl. Beschäftigung mit der Literatur und umfasst somit ihre Entstehungsbedingungen, ihre Verbreitung und ihre Rezeption. Die literar. Interpretation und die Einordnung in geschichtl., ideengeschichtl., sozialhist. und ideolog. Zusammenhänge gehören wie die Untersuchung der Beziehungen zwischen den versch. Nationalliteraturen zueinander und zu anderen Künsten ebenfalls zu den Betätigungsfeldern der L. Der Begriff Philologie reduzierte sich allmählich auf die Beschäftigung mit der Sprachgeschichte und mit der älteren Literatur. In der Gegenwart findet eine weitere Aufspaltung in eine ältere und eine neuere L. sowie in die hist. Sprachwissenschaft und Linguistik statt. Als übergeordnete Begriffe, welche Sprach- und Literaturwissenschaft umfassen, setzten sich im 20. Jh. Germanistik, Romanistik (zunächst als Sammelbegriff für alle rom. Sprachen, später für das Französische) bzw. Italianistik durch.

1 - Die grossen Namen der Literaturwissenschaft

Schon Beat Ludwig von Muralts "Lettres sur les Anglais et les Français" und die Schriften Jean-Jacques Rousseaus enthielten Elemente einer vergleichenden L. Ulrich Bräker, "Der arme Mann im Toggenburg", und der Neuenburger Pfarrer und Redaktor Henri-David Chaillet gehörten jeder auf seine Weise zu den Ersten, die auf dem europ. Kontinent Shakespeares Werke interpretierten. Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger, die führenden Köpfe der sog. Zürcher Schule, der auch Johann Kaspar Lavater, Gotthard Heidegger und Johann Jakob Hottinger angehörten, brachten den Lesern sowohl die alte als auch die zeitgenöss. Literatur näher und übten einen starken Einfluss auf die dt. Frühromantik aus. Der Zürcher Jakob Heinrich Meister publizierte in Paris und in Zürich die "Correspondance littéraire". Zu Beginn des 19. Jh. strahlte die Groupe de Coppet rund um Madame Germaine de Staël auf ganz Europa aus. Sie entwarf im Werk "De la littérature" die Grundlagen einer literaturwissenschaftl. Theorie und legte in "De l'Allemagne" (dt. "Deutschland") das lange Zeit vorherrschende Bild des romant. Deutschland fest, während Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi mit grosser Subtilität die "Littérature du midi de l'Europe" analysierte. Ein kosmopolit. Geist kommt auch in den Schriften Karl Viktor von Bonstettens und Benjamin Constants zum Ausdruck.

In der Deutschschweiz war Josef Viktor Widmann der wichtigste Vertreter der journalist. Literaturkritik, während Jakob Bächtold und später Emil Ermatinger die Literaturgeschichte entscheidend prägten. Alexandre Vinet begründete den ersten, protestantisch und bürgerlich geprägten Zweig der L. in der Westschweiz, dem später auch Henri Warnery, Gaston Frommel und Charles Secrétan angehörten. Der zweite Zweig, dessen Vertreter Philippe Godet und Virgile Rossel waren, hatte universitären Charakter und war der hist. Wahrheit verpflichtet. Der dritte Zweig wies mit Edouard Rod und Marc Monnier eine deutliche europ. Ausrichtung auf. Aus dem italienischsprachigen Graubünden stammte Giovanni Andrea Scartazzini, der Dante Alighieris Werk kommentierte und edierte. Die Literaturkritik von Schriftstellern wie Carl Spitteler, Charles Ferdinand Ramuz, Edmond Gilliard, Gonzague de Reynold oder Charles-Albert Cingria markierte bereits den Übergang ins 20. Jh.

Zürich erwarb sich mit der Stilkritik der Revue "Trivium" (Gerda Zeltner) und den Namen Emil Staiger (textimmanente Analyse), Max Wehrli, Fritz Ernst und Karl Schmid einen ausgezeichneten Ruf. In Basel betrieben Walter Muschg mit einem existenzialist. Ansatz ("Tragische Literaturgeschichte") und Albert Béguin vom kath. Standpunkt aus ("L'Ame romantique et le rêve") eine engagierte Literaturbetrachtung. Die Arbeiten Marcel Raymonds ("De Baudelaire au surréalisme"), Jean Roussets ("Forme et signification" - dieses Werk begründete den literar. Strukturalismus) und Jean Starobinskis verhalfen der Genfer Schule zu einem internat. Renommee. Für die italienischsprachige Schweiz sind mindestens Giovanni Pozzi und Remo Fasani zu erwähnen, für die rätorom. Schweiz und das lat. Mittelalter Reto Raduolf Bezzola. Der Antagonismus zwischen traditioneller und moderner, universitärer und "militanter" Literaturkritik eskalierte 1966-67 im Anschluss an eine Rede Emil Staigers (sog. Zürcher Literaturstreit).

Die journalist. Literaturkritik in Presse und Radio war und ist reichhaltig und vielfältig. Im Fernsehen dagegen nimmt sie einen untergeordneten Platz ein. Während langer Zeit erschienen in Zürich hochstehende literaturkrit. Beiträge in der Zeitung "Die Tat" (Max Rychner) und im Feuilleton der NZZ (Eduard Korrodi, Werner Weber), in der Westschweiz in der "Gazette de Lausanne" und ihrer "Gazette littéraire" (Franck Jotterand) sowie im "Journal de Genève" und seiner Beilage "Samedi littéraire" (Walter Weideli, Georges Anex). Trotz der langen Geschichte und der Bedeutung der L. in der Schweiz gibt es keine themat. Gesamtbetrachtung.

Autorin/Autor: Manfred Gsteiger / AH

2 - Die Literaturwissenschaft an der Universität

Nach der Einrichtung philolog. Lehrstühle an den dt. und deutschschweiz. Universitäten im 19. Jh. wurde zunächst das ganze Gebiet der jeweiligen Philologie von einem Lehrstuhlinhaber gelehrt, wobei sich die meisten mit der älteren Sprache und Literatur beschäftigten. Ab den 1870er Jahren entstanden immer mehr Stellen für den Bereich der neuen Philologien, die sich später in Lehrstühle für L. umwandelten. Die meisten deutschschweiz. Universitäten teilten die L. in eine neuere und eine ältere Abteilung auf (Univ. Bern 1871, Basel 1884, Zürich 1887). In Freiburg wurde 1894 ein Lehrstuhl für franz., 1903 einer für ital. und 1906 einer für dt. Literatur geschaffen.

An den Westschweizer Akademien, aus denen später Universitäten wurden, gehörte die Ausbildung in Literatur, besonders auch in den Fremdsprachen, zum Lehrstoff. So wurde bereits Mitte des 19. Jh. Literatur - oft die deutsche als erstes - als eigenes Fach unterrichtet (Genf und Lausanne 1844, Neuenburg 1866), die franz. Literatur oft in Verbindung mit anderen Literaturen. Schon Ende des 19. Jh. gab es die Möglichkeit, nach franz. Vorbild mit einer "licence moderne", d.h. mit einem mehrere Sprachen umfassenden Lizenziat abzuschliessen.

Autorin/Autor: Rosmarie Zeller

Quellen und Literatur

Literatur