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Saint-Gingolph

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Polit. Gem. VS, Bez. Monthey, auf dem Schwemmkegel des Wildbachs La Morge, dem Grenzfluss zu Frankreich, gelegen. Bis 1569 bildete S. mit dem Weiler Le Freney und dem savoy. Ortsteil S. eine einzige Gemeinde. 1153 Sanctus Gengulfus. 1802 321 Einw.; 1850 627; 1900 660; 1950 801; 2000 773. Ab 1153 war S. eine Herrschaft der Abtei Ainay und gelangte wahrscheinlich vor 1204 an die savoy. Abtei Abondance. Diese setzte in S. einen Mistral und später einen Kastlan ein. Ab 1536 unterstand S. den sieben Zenden des Wallis; der Abt von Abondance bewahrte seine Rechte, bis er diese 1563 an die Du Nant de Grilly abtrat. 1646 ging die Herrschaft vom Geschlecht der Du Nant an die Riedmatten über, in deren Besitz sie bis 1798 verblieb. Danach gelangte das 1585-88 in S. erbaute Schloss durch Kauf an die Fam. Rivaz. 1900 wurde es von S. erworben, das es seither als Gemeindehaus nutzt. Weil der Vertrag von Thonon den Zenden 1569 lediglich das Gebiet rechts der Morge zugestand, wurde das Dorf zweigeteilt. Der rechtsseitige Teil kam 1570 zur Landvogtei Monthey, 1798 zum Bez. Monthey. Die Gem. lag mit Evian und La Tour-de-Peilz in Konflikt wegen der Waldnutzung und mit Novel (Hochsavoyen) wegen der Alpweiden (13.-17. Jh.). Die kleine Freihandelszone von S. wurde 1829 geschaffen, später in die Grande Zone im Dep. Savoie du Nord eingegliedert und 1933 wieder hergestellt. 1794 ersetzten zwei Räte den Conseil mixte, der die zu zwei Dritteln auf Schweizer Boden liegenden Burgergüter verwaltete. Seit 1949 obliegt die Verwaltung einer Burgergemeinde mit einem schweiz. und einem franz. Rat. Trotz der polit. Trennung sind die Einwohner in gemeinsamen Vereinen aktiv. Im 2. Weltkrieg nahm die Schweiz 689 Flüchtlinge an der Grenze auf, 167 wies sie zurück. Nach einem Angriff der Widerstandskämpfer auf die dt. Truppen im Juli 1944 floh fast die gesamte franz. Bevölkerung von S. in die Schweiz; danach steckte die SS den franz. Dorfteil in Brand.

Eine erste Kirche befand sich vermutlich in Bret westlich der Morge, einem Ortsteil, der 563 vom Bergsturz von Tauredunum zerstört wurde. Auf derselben Seite der Morge stand die Pfarrkirche, die dem hl. Gingolf, einem Offizier Kg. Pippins des Jüngeren, geweiht war. Sie unterstand ab dem 12. Jh. der Diözese Genf, seit 1822 derjenigen von Annecy. Als einzige Schweizer Gem. gehört S. damit zu einem ausländ. Bistum. Nicht nachgewiesen ist, ob ursprünglich die Morge oder der Rio d'Ediez in Le Bouveret die Bistumsgrenze zwischen Genf und Sitten bildete. Die Kirchgemeinde blieb ungeteilt. Auf der Walliser Seite stifteten die Du Nant eine Kapelle und 1677 liess Jacques de Riedmatten die Kapelle Sainte-Famille bauen.

Obwohl S. durch die Strasse, die 1805-07 als Militärstrasse gebaut wurde, durch die Eisenbahn - seit 1878 mit Anschlüssen nach Le Bouveret und ab 1886 nach Evian (bis 1998) - sowie durch die Seeschifffahrt (Compagnie générale de navigation) erschlossen ist, bleibt es abgelegen. Neben der Viehzucht mit Wald- und Weidewirtschaft auf ausgedehnten Alpen, die bis ins 20. Jh. wichtig blieb, spielten Gewerbe und Industrie vom 15. bis 20. Jh. eine Rolle, so die Kalkbrennerei, die Mühlen und die Papiermanufaktur, die im 19. Jh. durch eine Nagel-, Ketten- sowie Kartonfabrik ersetzt wurde, ein Steinbruch (19.-20. Jh.) und die ab dem 17. Jh. bis 1980 betriebene Schiffswerft. Obwohl die Hotels und Geschäfte heute im franz. Ortsteil liegen, bieten sie einige Stellen im Dienstleistungssektor an. Mit dem Bootshafen und Badestrand sowie Wanderwegen setzte S. auf den Tourismus, um eine weitere Abwanderung zu verhindern.


Literatur
– A. Chaperon, Monographie de S., 1913 (Neudr. 2001)
Walliser Wappenbuch, 1946, 225 f.
– M. Roueche, A. Chabloz, S. village frontalier, Liz. Genf, 1976
HS I/5, 38-42
– A. Winiger, «Le refuge à la frontière valaisanne», in Ann. val., 2003, 43-84

Autorin/Autor: Patrick Maye / MD