Grächwil

Weiler in der polit. Gem. Meikirch BE, hallstattzeitl. Fundort. Der wichtigste archäolog. Fundgegenstand ist ein unter dem Namen Hydria von G. bekannt gewordenes Bronzegefäss. Dieses befand sich in einem der beiden Grabhügel, die auf einem wenig markanten Geländerücken am Westrand des Tannholzes lagen. Nach vorausgegangener Entdeckung versch. Metallgegenstände erfolgte im Frühjahr 1851 eine vom Berner Altertumsforscher Albert Jahn festgehaltene Ausgrabung. Der grössere der beiden Hügel (Höhe ca. 4,5 m, Durchmesser knapp 40 m) enthielt mehrere Brand- und Körpergräber, die jüngsten aus dem frühen MA. In der stark mit Steinen durchsetzten Hügelaufschüttung kamen viele Funde aus der Hallstattzeit zum Vorschein, die heute nicht mehr einzelnen Gräbern zugewiesen werden können, u.a. eiserne Radbestandteile eines vierrädrigen Totenwagens.

Die Bronzehydria (Wassergefäss) war bei der Auffindung stark zerdrückt und fragmentiert. Rekonstruiert erreicht der Gefässkörper eine Höhe von 57 cm. Hauptmotiv des gegossenen Vertikalhenkels bildet die geflügelte Herrin der Tiere, hier wohl in der Gestalt der griech. Jagdgöttin Artemis. Flankiert von zwei Löwen hält sie zwei Hasen an den Läufen; über ihrem Haupt ein Raubvogel und beidseits je ein Löwe und eine Schlange. Von ursprünglich zwei Seitengriffen war nur noch einer als Fragment erhalten. Aus formalen Gründen kommt am ehesten eine Herkunft aus der spartan. Koloniestadt Tarent in Unteritalien in Betracht; als Entstehungszeit gilt die 1. Hälfte des 6. Jh. v.Chr. Die für den prakt. Gebrauch wenig geeignete Prunkhydria ist einer der bedeutendsten Belege griech. Kunsthandwerks nördl. der Alpen. Sie gelangte wohl als Handelsgut, Gastgeschenk oder Beutestück über das Gebirge ins bern. Mittelland und zeugt von der Prachtentfaltung und der Übernahme mediterranen Repräsentationsstils einheim. Machthaber.


Literatur
– A. Jahn, «Die Ausgrabungen zu G. im Kt. Bern», in Mitt. der Antiquar. Ges. Zürich 7, 1852, 108-118
– H. Jucker, «Altes und Neues zur Grächwiler Hydria», in Antike Kunst, Beih. 9, 1973, 41-62
– G. Lüscher, Die Hydria von G., 2002
Die Hydria von G., hg. von M.A. Guggisberg, 2004

Autorin/Autor: Felix Müller (Bern)