15/09/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Bäretswil

Polit. Gem ZH, Bez. Hinwil. Im Übergang zwischen oberem Glatt- und Tösstal gelegen, umfasst die Gem. nebst den ehem. Zivilgem. B. und Adetswil die Weiler Bettswil, Wappenswil, Hof-Neuthal, Tanne und Klein B. sowie Einzelsiedlungen und -höfe in voralpinem Hügelgebiet. 741 Berofovilare, 745 Perolfeswilari. 1470 45 Haushalte; 1629 1'244/494 Einw. (vor/nach Pest); 1723 1'216; 1771 2'698; 1810 3'549; 1850 3'237; 1900 2'698; 1950 2506; 1970 2'733; 2000 4'172.

Horte mit röm. Silbermünzen des 1. bis 3. Jh. wurden 1880 (verschollen) und 1993 am Pultenberg entdeckt. Die Nähe zur Römerstrasse im Glatttal sowie Flurnamen lassen eine voralemann. Besiedlung vermuten. Ein frühma. Gräberfeld wurde 1836 bei Adetswil gefunden. Gehäufte -wil-Namen weisen auf eine alemann. Besiedlung vom 7. bis 9. Jh. hin. Bereits im 8. Jh. verfügte das Kloster St. Gallen in B. über Grundbesitz. Das Niedergericht und die damit verbundene Burg Greifenberg befanden sich im 13. Jh. als St. Galler Lehen im Besitz der Gf. von Rapperswil, 1321-1507 als habsburg. Pfandbesitz in Händen der Herren von Hinwil. Die Grenze der Herrschaften und späteren Zürcher Landvogteien Grüningen und Kyburg verlief durch das Gemeindegebiet (bis um 1460 Aabach, danach Staldenbach). Die 1275 erw. Kirche mit frühem Dionys-Patrozinium erhielt nach dem Umbau 1504 den Kirchenpatron Michael. Die Kollatur besassen 1279-1541 die Hohenlandenberger als St. Galler Lehen. In Wappenswil standen im SpätMA eine Kapelle mit Friedhof sowie ein Beginenhaus (1321 erw.); beide gerieten nach der Reformation in Abgang. Das Kirchspiel B. reichte im SpätMA von Adetswil über die Töss bis an die Flanken des Hörnli. Während der Reformation trat die Gem. gegen den Widerstand des Priesters zum neuen Glauben über. Von 1525 an waren in B. die Täufer relativ stark präsent (Johann Grebel, Marx Bosshart). Sie blieben bis ins 17. Jh. wirksam: Am Allmen befindet sich die im 16. und 17. Jh. zeitweise bewohnte sog. Täuferhöhle. Als 1651 Bauma kirchl. von B. abgetrennt wurde, galt dieses als "gottlob gesägnet und rych". 1827 erfolgte der klassizist. Neubau der Kirche (1968-69 Innenrenovation), 1990 der Bau einer kath. Kirche (23% kath. Einw.).

Die vom Beginn des 16. Jh. an günstige Agrarkonjunktur förderte die Zunahme der Viehwirtschaft und die Güterzersplitterung hin zu bäuerl. Kleinstellen. Trotz Einzugsbriefen (ab 1558) wuchs und verarmte zugleich die Bevölkerung v.a. in der 2. Hälfte des 18. Jh. Die Weiler ohne Zelgenstruktur im Hügelgebiet standen dem Zustrom der Armen ungeschützt offen. In Wappenswil und Tannen lebten 1771 je fast 500 Einw., viele in den für die textile Heimindustrie typ. Flarzbauten. Die Bevölkerungszunahme und das gleichzeitige Anwachsen der zusehends lebensnotwendigeren Textilverarbeitung in Hausarbeit bewirkten eine doppelte Krisenanfälligkeit: Ca. 75% der Bevölkerung ernährten sich als Kleinstbauern im Nebenerwerb oder als Landlose durch Arbeit am Spinnrad. Der wirtschaftl.-techn. Strukturwandel (Mechanisierung der Garnproduktion) zwang 1814-16 die Heimarbeiter zur Verlagerung von der Spinnerei auf die Handweberei. Schwer getroffen wurde B. zudem von der Hungersnot 1817. Als "Haupturheber" des Usterbrandes (1832) wurde Hans Felix Egli (gen. Rellsten-Felix) verurteilt, eine hohe Zahl von Bäretswiler Teilnehmern verhaftet. Um 1850 hatte B. den höchsten Weberanteil im Zürcher Oberland (52%). Zur Heimarbeiterkultur dieser Zeit gehörten eine (religiös)-konservative Mentalität (Herrnhuter Brüdergemeine) sowie ein fröhlicher Hang zu sorgenlosem Festen. Die erste mechan. Spinnerei im Neuthal 1827 wurde zum Sammelbecken eines frühen Industrieproletariats. Webfabriken am Aabach brachten ab 1858 Verdienst. 1880 lebten 35% der Einw. von der Landwirtschaft, 55% von der Textilindustrie. Vieh- und Kälberhandel blühten, der Ackerbau blieb nach 1850 marginal. 1901 erhielt B. Anschluss an die Uerikon-Bauma-Bahn (1947 SBB, 1969 durch Busbetrieb Wetzikon-Bauma ersetzt). 1850-1940 entvölkerte sich die Gem. aufgrund ihrer Lage abseits der Verkehrsachsen spürbar. Die letzte Weberei schloss 1982. In nebelfreier Lage, wurde B. seit 1960 als Wohngem. wieder begehrt. 1990 waren 63% der Erwerbstätigen Wegpendler, v.a. nach Wetzikon, Uster und Zürich. Gewerbe und Kleinindustrie prägten das Dorf.


Literatur
– J. Studer, Die Gesch. der Kirchgem. B., 1870
– A. Sierszyn, Unser B., 1983
– A. Sierszyn, 1250 Jahre B., 1991

Autorin/Autor: Armin Sierszyn