Verzascatal

Tal und Kreis des Bez. Locarno. Das 25 km lange, von der Verzasca durchflossene Tal umfasst die Gem. Brione (Verzasca), Corippo, Cugnasco-Gerra, Frasco, Lavertezzo, Sonogno und Vogorno. Obwohl sie nicht zum Kreis Verzasca gehören, werden manchmal auch die Gem. Mergoscia, Tenero-Contra und Gordola als Teil dieser Region angesehen. Cugnasco-Gerra und Lavertezzo besitzen Enklaven in der Magadinoebene. Dieses Gebiet, die sog. Terriciole, war bis 1920 im gemeinsamen Besitz von Locarno, Minusio und Mergoscia und wurde dann den beiden Gemeinden aus dem V. zugesprochen, weil es vornehmlich von Talbewohnern bebaut wurde. Kreis Verzasca: 1596 2609 Einw.; 1801 2912; 1850 2969; 1900 3311; 1950 2181; 2000 3931.

Wahrscheinlich schon gegen das Jahr 1000 bildeten die Siedlungen des Tals eine Gemeinschaft mit vier Nachbarschaften: Vogorno (mit Corippo), Lavertezzo, Brione (mit Gerra) und Frasco (mit Sonogno). Die Talgemeinschaft gehörte zur Pieve Locarno, erhob sich aber 1398 mit dem oberen Maggiatal und Mergoscia gegen diese; die Talleute zogen nach Locarno hinab und forderten grössere Autonomie sowie weniger Abgaben an den Adel. Damit erreichten sie die Bildung eines eigenen Gerichtsbezirks mit dem Gerichtsort Cevio. 1410-1500 fiel das V. nacheinander an die Eidgenossen, an die Savoyer, die Leventina und die Rusca. In der Landvogteizeit kehrte das V. zur Landschaft Locarno zurück. Es wurde von einem Podestà und einem Statthalter regiert. Bald wurden die wichtigen Ämter von auswärtigen Fam. besetzt, v.a. von den Marcacci, die im 17. Jh. das Amt des Podestà innehatten. Nach 1686 gelang es den Gem., sich von den ungeliebten Marcacci zu befreien und die Ämter wieder mit Einheimischen zu besetzen. Abwechselnd besetzte je eine der Nachbarschaften das Amt des Podestà und des Statthalters. Das höchste Organ war die Talversammlung. Seit 1803 bildet das V. einen Kreis mit dem Hauptort Lavertezzo. Kirchlich gehörte das V. bis zum 13. Jh. zur Pfarrei S. Vittore von Locarno; dann entstand die Mutterkirche in Vogorno, von der sich allmählich weitere Pfarrsprengel ablösten.

Die wichtigsten Erwerbszweige waren Viehzucht und Weidewirtschaft, die mit versch. Formen der Transhumanz verbunden waren. Die Fam. wechselten mehrmals im Jahr ihren Wohnsitz und zogen im Winter vom Dorf in die Ebene, im Sommer auf die Maiensässen und Alpweiden. Etwas weniger häufig waren die Wanderungen der Hirten, die ihr Vieh im Winter auf die Weiden des Val Resa, des Luganese oder des Misox trieben. Dazu kamen versch. Formen der Auswanderung der männl. Bevölkerung, ab dem 16. Jh. als saisonale Auswanderung von Dienern, Kaminfegern, Maurern und Taglöhnern, die im Winter in den angrenzenden Staaten arbeiteten, und ab 1850 als dauerhafte Emigration v.a. nach Übersee; die Hälfte der Auswanderer aus dem Locarnese nach Übersee stammte aus dem V. Lange haftete den Verzascern der Ruf an, "wild und rebellisch" zu sein. Das Tal war sowohl hinsichtlich der Ernährung, der Bekleidung wie der Gerätschaften autark; die überschüssigen Produkte wurden auf dem Markt von Locarno verkauft.

1865 wurde eine Fahrstrasse nach Lavertezzo gebaut und 1873 bis Sonogno geführt. Ab 1873 entstanden v.a. in der Gegend von Brione einige Granitsteinbrüche. Die intensive Waldnutzung v.a. im 19. Jh. führte u.a. auch zu schweren Überschwemmungen. Noch zu Beginn des 21. Jh. stellte das Wollhandwerk, das ab 1931 von der Kommission für Heimarbeit (seit 1933 Pro Verzasca) reorganisiert wurde, eine wichtige Einkommensquelle dar. 1979 entstand in Sonogno das Museum des V. Die Nutzung der Wasserkraft der Verzasca begann um die Jahrhundertwende, als die Stadt Lugano in Tenero ein Elektrizitätswerk baute. 1961-65 erstellte die Verzasca AG den Staudamm von Vogorno; der Stausee bedeckt ein Gebiet von 160 ha. Seit den 1970er Jahren hat sich v.a. der Tagestourismus stark entwickelt. 2005 stellten der 1. Sektor 13% und der 2. Sektor 41% der Arbeitsplätze.


Literatur
– M. Gschwend, Das Val Verzasca Tessin, 1946 (ital.22008)
– G. Bianconi, Valle Verzasca, 1966 (31980)
– O. Lurati, I. Pinana, Le parole di una valle, 1983
– S. Bianconi, «Domestici verzaschesi a Roma nella seconda metà del '700», in AST 111, 1992, 37-52

Autorin/Autor: Daniela Pauli Falconi / SK