• <b>Theologie</b><br>Titelseite der Abhandlung von  Jean-Frédéric Ostervald,  1700 (Schweizerische Nationalbibliothek). Im "Traité des sources de la corruption" des Neuenburger Pfarrers wird die reformierte Orthodoxie kritisiert, weil deren Theologie zu abstrakt sei und moralische Fragen zu wenig berücksichtige.

Theologie

Als Rede von Gott ist die T. die mit wissenschaftl. Methoden betriebene theoret. Auseinandersetzung mit den Grundlagen, Inhalten und der Geschichte des Glaubens. In der Antike als philosoph. Reflexion über den Wahrheitsgehalt metaphys. Gegenstände entstanden, kann sich T. prinzipiell auf jede Glaubensform beziehen. Im christl. MA (Christentum) war sie die Lehre von Gottes Wesen, Existenz und Trinität. Im Lauf der Neuzeit differenzierte sich die christl. T. in die Fächer Bibelwissenschaft, hist. T. (v.a. Kirchen-, Theologie- und Religionsgeschichte), systemat. T. (Dogmatik, Ethik und Fundamentaltheologie) sowie prakt. T. (Pastoraltheologie, Kirchenrecht, Liturgiewissenschaft und Religionspädagogik) aus.

In der Schweiz haben seit dem MA ausschliesslich die drei christl. Konfessionen, Katholizismus, Protestantismus und Christkatholizismus, T. betrieben. Andere christl. und nichtchristl. Glaubensgemeinschaften wie die Orthodoxen Kirchen, das Judentum oder der Islam haben hier als Einwanderer- oder Randgemeinschaften kein eigenständiges theol. Denken ausgebildet. Themen anderer Glaubensgemeinschaften wurden aber z.T. im universitären Fach der Religionswissenschaft behandelt.

1 - Mittelalterliche Theologie

In den ersten Jahrhunderten des FrühMA wurde die theol. Reflexion in Verbindung mit der lectio divina, d.h. der meditativen Auslegung der Hl. Schrift im Sinne der monast. T. gepflegt, exemplarisch etwa im Werk des Benediktiners Anselm von Canterbury. Die Abtei St. Gallen, wo u.a. Notker der Deutsche die ersten dt. Aristotelesübersetzungen anfertigte, verwirklichte im 9. und 10. Jh. das Ideal derartiger Gelehrsamkeit, die im 12. Jh. in cluniazens. und zisterziens. Klöstern in erneuerter Form weiterlebte. Als eigenständige wissenschaftl. Disziplin entwickelte sich die T. im lat. Westen erst im 12. Jh. im Zusammenhang mit dem Ausbau der Kathedralschulen v.a. in Laon und Paris. Die wichtigsten Impulse kamen dabei u.a. von der Schule der Abtei Saint-Viktor in Paris, der frühen Scholastik, der literar. Gattung der Summa sowie den von Petrus Lombardus zusammengestellten vier Büchern der Sententiae, die aus einer Sammlung von Auszügen v.a. patrist. Texte bestehen.

Mit der Gründung der Universitäten zu Beginn des 13. Jh. (v.a. Paris, Oxford und Cambridge) veränderten sich Lehrbetrieb, Methoden und Inhalt theol. Reflexion. Die streng reglementierte Ausbildung an den theol. Fakultäten, die ein abgeschlossenes Stud. an der Artes-Fakultät voraussetzte, beruhte auf dem Kommentar (einerseits des Sentenzenbuchs, andererseits der Bibel) sowie der Disputation, d.h. einer nach präzisen Vorschriften durchgeführten Diskussion, in der die grundlegenden Themen des christl. Glaubens verhandelt wurden. Die neu gegr. Bettelorden spielten im universitären Lehrbetrieb des 13.-15. Jh. eine hervorragende Rolle: Albertus Magnus und Thomas von Aquin waren die wichtigsten Theologen der dominikan. Richtung, während Bonaventura, Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham die franziskan. T. vertraten. Daneben prägten auch Auseinandersetzungen aufgrund inhaltlich bedingter Schulrichtungen wie des Realismus (via antiqua) oder des Nominalismus (via moderna) das intellektuelle Leben des SpätMA. Besonders wichtig war die bereits im 13. Jh. einsetzende und bis ans Ende des MA anhaltende Diskussion zum wissenschaftstheoret. Status der T. Die Bestände einiger Schweizer Bibliotheken, namentlich in Basel, bestätigen, dass trotz der relativ späten Gründung einer Universität 1459/60 (Universität Basel) das theol. Denken in manchen Klöstern durchaus gepflegt wurde (Mönchtum). Bekannte scholast. Denker aus dem Gebiet der Schweiz waren Jacobus von Lausanne und Johannes Hiltalingen (gestorben 1392) von Basel.

Die Intensität und der Abstraktionsgrad der scholast. Debatten provozierten z.T. heftige Reaktionen. Dazu zählten etwa die sog. Dt. Mystik von Meister Eckhart, Heinrich Seuse und Johannes Tauler, deren seelsorger. Tätigkeit sich auch auf die Frauenklöster des Schweizer Raums erstreckte, später die Kritik des Erasmus von Rotterdam, der für die Begründung christl. Lebens und Denkens die Notwendigkeit des Rückgriffs auf den Originaltext der Schrift betonte und die Zuverlässigkeit von Text und Übersetzung einforderte (Bibel).

Autorin/Autor: Ruedi Imbach

2 - Reformierte Theologie

In der Methode brach die ref. T. mit dem scholast. Modell, denn sie verstand theol. Arbeit v.a. als Kommentar zur Hl. Schrift. Im eigentlich theol. Bereich setzte sie der ma. Aufwertung des Verdiensts und der Werke die Gnade und die Rechtfertigung durch den Glauben entgegen. Doch stellt die ref. T., wie sie sich ab 1520 in der Schweiz ausprägte, keinen homogenen Block dar.

Als Wiege des Zwinglianismus und des Calvinismus spielte die Schweiz eine massgebl. Rolle bei der Herausbildung der ref. T. in Europa; dies v.a. dank des an den Akademien erteilten Unterrichts, der schon bald von Schülern aus allen Himmelsrichtungen besucht wurde. Anfänglich war die ref. T. v.a. durch das Werk Huldrych Zwinglis geprägt, der in der Abendmahlsfrage im Gegensatz zu Martin Luther stand. In Basel war Johannes Oekolampad sowohl gegenüber dem Lutheranismus wie dem Humanismus offener. In der franz. Schweiz stand zunächst die Kontroverstheologie Guillaume Farels im Vordergrund. Ab 1541 übte Johannes Calvin sowohl durch seine dogmat. Summe wie durch seinen Einsatz für die Kirchenverfassung einen beherrschenden Einfluss aus, und dies trotz des geistigen Formats von Gestalten wie Pierre Viret. 1549 unterzeichnete Calvin mit Heinrich Bullinger den Consensus tigurinus, der 1566 durch die Annahme des 2. Helvetischen Bekenntnisses gestärkt wurde.

Mit der Institutionalisierung der Reformation und der sich abzeichnenden Gegenreformation sowie der trident. Reform (Katholische Reform) verwandelte sich die ref. T. zunehmend in eine Scholastik, deren erste Vertreter Theodor Beza, Lambert Daneau und Petrus Martyr Vermigli waren. Sie stand unter dem Einfluss des Aristotelismus, nahm aber auch, etwa im Werk von Amandus Polanus von Polansdorf und Johannes Wolleb, Impulse der Philosophie von Petrus Ramus auf. In der Lehre beherrschte die Orthodoxie der Dordrechter Synode das ganze 17. Jh. in der Schweiz. Sie erreichte ihren Höhepunkt mit der Formula Consensus von 1675 (Protestantische Orthodoxie).

Mit der behutsamen Einführung des cartesian. Rationalismus v.a. an der Genfer Akademie, dem Niedergang des Augustinismus und dem Auftauchen neuer Gegenströmungen wie dem Pietismus sowie dem Deismus Ende des 17. Jh. verabschiedete sich die ref. T. von den dogmat. Synthesen und richtete sich stärker apologetisch und moraltheologisch aus. Sie erneuerte sich unter dem Einfluss eher irenäisch gefärbter Positionen, so im Werk von Jean-Alphonse Turrettini, Samuel Werenfels und Jean-Frédéric Ostervald. Im Lauf des 18. Jh. wird deren Erbe im Dialog mit der Aufklärung durch Autoren wie Johann Jakob Wettstein, Jacob Vernet oder Johann Jakob Zimmermann sowohl vertieft wie umgestaltet.

<b>Theologie</b><br>Titelseite der Abhandlung von  Jean-Frédéric Ostervald,  1700 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Im "Traité des sources de la corruption" des Neuenburger Pfarrers wird die reformierte Orthodoxie kritisiert, weil deren Theologie zu abstrakt sei und moralische Fragen zu wenig berücksichtige.<BR/>
Titelseite der Abhandlung von Jean-Frédéric Ostervald, 1700 (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Im 19. Jh. ging eine starke Wirkung vom Denken des Berliner Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und dem sich in seiner Nachfolge entwickelnden theol. Liberalismus aus, dem das Werk Alexander Schweizers und Alois Emanuel Biedermanns verpflichtet war. In der franz. Schweiz errang Alexandre Vinet eine beherrschende Stellung, obgleich die theol. Debatte durch den wachsenden Gegensatz zwischen Anhängern des Liberalismus und der Erweckungsbewegungen geprägt war, der zu zahlreichen Abspaltungen innerhalb der ref. Kirchen führte (Evangelische Freikirchen).

Im 20. Jh. wurde der Fortbestand des theol. Liberalismus einerseits durch das Wirken von Theologen wie Hermann Kutter und Leonhard Ragaz, die sich dem polit. Engagement verschrieben, andererseits v.a. durch die Ausstrahlung Karls Barths und der Dialektischen Theologie in Frage gestellt. Einer ihrer bedeutenden Vertreter war auch Emil Brunner in Zürich. Ab den 1940er Jahren setzte sich die Barth'sche Richtung in der universitären Lehre v.a. in der franz. Schweiz durch. Die Wirkung des Deutschen Rudolf Bultmann, in seinen frühen Jahren ebenfalls ein Vertreter der dialekt. T., ist nicht zu unterschätzen, auch wenn seine Rezeption in der Schweiz erst etwa ab 1950 einsetzte. In der 2. Hälfte des 20. Jh. beeinflusste auch die heraufkommende Ökumene das theol. Denken, während die Erneuerung der monast. T. im ref. Gewand eine tiefe Wirkung auf einige Schweizer Denker ausübte (Grandchamp, Taizé). Seit dem Ende des 20. Jh. ist eine gewisse Zersplitterung in der ref. T. festzustellen: Neben dem Dialog mit verschiedenen philosoph. Strömungen wie dem Existentialismus und der philosoph. Hermeneutik steht die Beschäftigung mit der Religionswissenschaft.

Autorin/Autor: Pierre-Olivier Léchot / RG

3 - Katholische Theologie

Mit der Reformation verlor die altgläubige Richtung eine Reihe von Klosterschulen und Ausbildungsstätten. 1529 ging auch Basel mit der einzigen Universität auf schweiz. Boden zur Reformation über. Bestrebungen, die um 1600 in Luzern eingeführten höheren Studien der Philosophie und T. in eine Akademie mit Promotionsrecht zu überführen, schlugen fehl. Entsprechend kamen die Impulse kath. T. von der kath. Reform bis zum 18. Jh. weitgehend von aussen und beschränkten sich auf einen kleinen Kreis Eingeweihter. Die Ausbildung von Klerikern fand in internen Klosterschulen und den erst spät errichteten Priesterseminarien statt, die höhere theol. Bildung an den Hochschulen der Nachbarländer, dem Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom, dem Collegium Helveticum in Mailand sowie an den Univ. Freiburg i.Br., Ingolstadt und Dillingen, ab dem 19. Jh. an den Univ. von Landshut, Tübingen und Innsbruck.

Die sog. kath. Aufklärung entfaltete in der kath. Eidgenossenschaft nur punktuell Wirkung. Die Studienreform, die das Jesuitenkolleg in Luzern 1771 einführte, überdauerte die Aufhebung der Jesuiten 1773. Weltgeistliche traten als Theologielehrer die Nachfolge der Jesuiten an. Insbesondere die beiden Schüler Johann Michael Sailers, Joseph Widmer und Alois Gügler, entwickelten ein eigenes Profil romantisch ultramontaner Ausrichtung. Danach beeinflussten die polit. Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Konservativen Wahl und Abwahl der Professoren in Luzern: Josef Burkard Leu lehrte Dogmatik und Apologetik im Geist der Tübinger Schule, Anton Tanner vertrat einen gemässigt liberalen Kurs. Mit der Gründung der Univ. Freiburg 1889 gewann der konservative Flügel der Schweizer Katholiken vermehrt Einfluss auf die kath. T. Die Übertragung des Unterrichts in Philosophie und T. an den Dominikanerorden lenkte die Freiburger Fakultät in die Bahnen des Neuthomismus (Thomismus). Neue Akzente setzten nach dem 2. Weltkrieg die Bibelwissenschafter Ceslas Spicq für das Neue und Jean-Dominique Barthélemy für das Alte Testament.

Die Modernismusdebatte blieb in der Schweiz auf einen engen Kreis von Klerikern und kath. Intellektuellen beschränkt (Modernismus). 1957 durchstiess der von den Churer Prof. Franz Böckle, Johannes Feiner und Josef Trütsch herausgegebene Sammelband "Fragen der Theologie heute" scholast. Strukturen und lockerte antimodernist. Grundhaltungen. Aus dieser Neuorientierung heraus wuchs das von Feiner und Magnus Löhrer verfasste Werk "Mysterium Salutis" (1965-81), das im Ausgang von der Heilsgeschichte die Beschlüsse des 2. Vatikanums (Vatikanische Konzile) zusammenfasste. Wegbereiter konziliarer Öffnung waren auch Otto Karrer und Hans Urs von Balthasar - beide Theologen ohne Lehrstuhl. Letzterer wirkte mit seinem vielschichtigen Werk weltweit. Der Kirchenrechtler Eugenio Corecco, der als Bf. von Lugano 1992-93 auch die theol. Fakultät von Lugano gründete, beeinflusste massgeblich die Revision des Corpus Juris Canonici. In der Pastoraltheologie eröffnete Franz Xaver von Hornstein die Zusammenarbeit mit den Humanwissenschaften. Im kirchl. Leben der Westschweiz übte der Freiburger Seminarprofessor und spätere Kardinal Charles Journet sowohl als spekulativer Theologe wie als prakt. Vermittler grossen Einfluss aus.

Autorin/Autor: Victor Conzemius

4 - Christkatholische Theologie

1874 entstand an der Univ. Bern eine christkath. Fakultät, noch bevor die Organisation der aus dem Kulturkampf hervorgegangenen christkatholischen Kirche abgeschlossen war. 2001 fusionierte sie mit der evang.-theol. Fakultät und ist seit 2008 ein Departement der theol. Fakultät. Die Lehre in den klassischen theol. Fächern, aber auch die Forschung behandelten immer wieder Fragen der Struktur der kirchl. Gemeinschaft und des Verhältnisses von Freiheit und Autorität im Horizont der christl. Tradition. Dazu arbeitete die erste Generation der Professoren mit hist. Mitteln einzelne Elemente aus der früheren Geschichte der Kirche heraus und stellte sie apologetisch-polemisch Entwicklungen in der kath. Kirche entgegen bzw. präsentierte sie als Rechtfertigung von eigenen Reformschritten und als Übereinstimmung vorab mit orthodoxer und anglikan. Theologie und damit als Basis einer künftigen Kirchengemeinschaft. Eine spätere Generation trieb, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Theologie von Barth und in Auseinandersetzung mit ihr, die Problematisierung der Voraussetzungen der Tradition voran und erzwang so einen differenzierteren Umgang mit ihr. In jüngster Zeit wurde versucht, Ansätze des altkirchl. Denkens mehr in einen systemat. Zusammenhang für heutige Fragestellungen wie auch für die Liturgie und Seelsorge fruchtbar zu machen und diese in die theol. Grundfrage, die Frage nach Gott und damit nach der Sinngebung menschl. Lebens, zu integrieren.

Autorin/Autor: Urs von Arx

Quellen und Literatur

Literatur
  • Mittelalter

    – G.R. Evans, Old Arts and New Theology, 1980
    – C.H. Lohr, Aristotelica Helvetica, 1994
    Storia della teologia nel Medioevo, hg. von G. D'Onofrio, 3 Bde., 1996
    La servante et la consolatrice, hg. von J.-L. Solère et al., 2002
  • Protestantische Theologie

    – P. Wernle, Der schweiz. Protestantismus im XVIII. Jh., 3 Bde., 1923-25
    Gegen die Gottvergessenheit, hg. von S. Leimgruber, M. Schoch, 1990
    – K. Blaser, La théologie au XXe siècle, 1995
    Die Reformation verstehen, 2005 (franz. 2005)
  • Katholische Theologie

    – P. Schmid, Kirchentreue und christl. Pragmatismus, 1987
    TRE 21, 630-634
    Theol. Profile: Schweizer Theologen und Theologinnen im 19. und 20. Jh., hg. von B. Bürki, S. Leimgruber, 1998
    Die Rezeption des II. Vaticanums durch Schweizer Theologen, hg. von G. Bedouelle, M. Delgado, 2011
  • Christkatholische Theologie

    – K. Stalder, «Die christkath.-theol. Fakultät», in Hochschulgesch. Berns 1528-1984, 1984, 189-200
    – U. von Arx, «Ein Porträt der christkath. Lehranstalt der Univ. Bern», in Zwischen Freiheit und Gebundenheit, hg. von G. Esser, M. Ring, 2002, 209-237