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Rechtswissenschaften

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Die Verwissenschaftlichung des Rechts begann um 1080 mit der philolog. Bearbeitung der Digesten Justinians. Gratian vereinigte diese 1140 mit den kirchenrechtl. decreta im lehrbuchartigen "Decretum", das später durch päpstl. Dekretalensammlungen ergänzt wurde. Im 13. Jh. bemühten sich die Glossatoren um das rechtl. Verständnis der leges, während im 14. Jh. die Kommentatoren - hauptsächlich Bartolus de Sassoferrato und Baldus de Ubaldis - diese für die zeitgenöss. Anwendung bearbeiteten.

Auch in der Schweiz fand eine intensive Frührezeption gelehrten Rechts statt (Eidgenössisches Recht). Zahlreiche Studenten besuchten Bologna und andere Rechtsschulen, woraus sich der Stand der Juristen bildete, dessen Wirken sich in Büchersammlungen, in der Übernahme des kanon. Prozesses sowie in der Annahme des Notariats und in der häufigen Verwendung der Renuntiationsformeln niederschlug. Die schwerpunktmässig im Kirchenrecht ausgebildeten Juristen waren jedoch in der Regel Kleriker, die an geistl. Gerichten oder in Klöstern tätig wurden, nicht aber im weltl. Bereich, dessen Vorrang vor der geistl. Gerichtsbarkeit der Pfaffenbrief von 1370 durchsetzte (Gerichtswesen).

Bis tief in die Neuzeit hinein konnten sich in der Schweiz die Laiengerichte mit der Aufteilung der Richterverantwortung unter die Urteilssprecher behaupten, so dass sich die Bindung an ein objektives wissenschaftl. Verfahren erübrigte. Es fehlte auch an einem übergreifenden obersten Gericht, das solche Massstäbe hätte setzen können. Zudem trug wohl auch die polit. Isolation der Eidgenossenschaft nach 1499 zum fehlenden Interesse an der Rechtswissenschaft bei. Ein im späten 16. Jh. bezeugter Ausspruch eines Thurgauer Landrichters trifft die Sachlage genau: "Wir Aydgenossen fragen nicht nach dem Barthele und Baldele und andern Doctorn, wir haben sonderbare Landsbrüch und Recht."

Die 1460 gegr. Univ. Basel konnte an diesem Zustand nicht viel ändern. Die hier besonders stark vertretene humanist. Jurisprudenz - etwa durch Sebastian Brant, Ulrich Krafft, Claudius Cantiuncula und Basilius Amerbach den Jüngeren - kritisierte die für die Praxis entwickelte Methode des mos italicus und huldigte dem mos gallicus, der eine weniger praxisorientierte textkrit.-philolog. und hist. Exegese bevorzugte. Insgesamt ging das Rechtsstudium in der Schweiz stark zurück.

Auch in Deutschland verlor das röm. gemeine Recht (Römisches Recht) infolge der sich ausbreitenden territorialen Gesetzgebung zunehmend an Bedeutung. Die ab dem 15. Jh. vorgenommenen Reformen der Stadtrechte und Landrechte brachten wichtige Entscheidungen über die Fortgeltung des heim. Rechts und die Rezeption röm. Rechts. Diese Reformen wirkten z.T. vorbildhaft auf die schweiz. Rechtsfortbildung ein und führten insbesondere zu Anlehnungen an wissenschaftl. Terminologie und Systematik. Die materielle Rezeption von gemeinem Recht blieb auf Einzelfälle beschränkt wie z.B. erbrechtl. Repräsentation und Strafrecht. Manche schweiz. Stadtrechte öffneten sich aber stärker dem röm. Recht, etwa das dem westschweiz. Rechtskreis verpflichtete Freiburger "Municipale" von 1648 oder die am Württembergischen Landrecht von 1610 orientierte Basler Stadtgerichtsordnung von 1719.

Das von Hugo Grotius wiederentdeckte Naturrecht fand auch in der Schweiz vielseitige Beachtung. Es wurde an allen Rechtsschulen gelehrt, ab 1680 in Bern, 1694 in Zürich, 1706 in Basel, 1711 in Lausanne, 1719 in Genf, 1775 in Freiburg. In der Westschweiz trugen Jean Barbeyrac, der Hugo Grotius' und Samuel Pufendorfs Werke ins Französische übersetzte, und Jean-Jacques Burlamaqui zur Vertiefung des Naturrechts bei, in Zürich verfasste Johann Heinrich Schweizer ein naturrechtl. Lehrbuch. Einen Höhepunkt fanden diese Bestrebungen in Johann Jacob Leus "Eidg. Stadt- und Landrecht" (1727), das an die europ. R. anschloss, indem die Übereinstimmung des schweiz. Rechts mit dem Naturrecht nachzuweisen versucht wurde.

Der seit 1798 verankerte Verfassungsgrundsatz der Gewaltentrennung und unabhängigen Rechtspflege liess die Forderung nach einem wissenschaftlich ausgebildeten Berufsjuristenstand aufkommen. Zwar blieben die ersten, in die Helvetik fallenden Anstrengungen zur Schaffung eines einheitl. Zivilgesetzbuches (ZGB) ohne Erfolg. Die 1803 erfolgte Rückgabe der Gesetzgebungskompetenz an die Kantone führte aber zu zahlreichen zivil- und strafrechtl. Gesetzeswerken, die für die grundlegende Erneuerung der R. in der Schweiz stehen. Das 1807 in Zürich gegründete Polit. Institut, das angehende Juristen auf das - meist in Deutschland absolvierte - Universitätsstudium vorbereitete, besonders aber die Universitätsgründungen von Zürich (1833), Bern (1834), Genf (1872), Freiburg (1889), Lausanne (1890) und Neuenburg (1909) erneuerten die R. in der Schweiz.

Im Bereich des Privatrechts entstanden namhafte Kodifikationen, die in der Westschweiz am franz. "Code civil" orientiert waren, in der zentralen Schweiz dagegen am österr. "Allg. bürgerl. Gesetzbuch" (ABGB), hier getragen etwa von Samuel Ludwig Schnell in Bern, Kasimir Pfyffer in Luzern oder Johann Baptist Reinert in Solothurn. In der Ostschweiz ging man einen anderen Weg: Friedrich Ludwig Keller, ein Schüler Friedrich Carl von Savignys und daher der hist. Rechtsschule verpflichtet, bekannte sich in seiner programmat. Schrift "Die neuen Theorien in der Zürcher. Rechtspflege" (1828) zur Nationalität des Rechts, das im Volksgeist begründet sei. Er lehnte eine Kodifikation als einen unzulässigen Eingriff in das natürl. Wachstum des Rechts ab. Zuerst gelte es, das heim. Recht in seinen hist. Wurzeln und Tendenzen zu erforschen und darzustellen (Rechtsgeschichte). Das von Keller und seinem Schüler Johann Caspar Bluntschli bearbeitete "Zürcher. Privatrechtl. Gesetzbuch" (1853), das in der Ostschweiz grosse Vorbildwirkung hatte, war eine Frucht dieser Arbeit.

Einzelne Juristen verliehen den kant. Gesetzbüchern eine eigene Note, so Peter Conradin von Planta dem "Civilgesetzbuch von Graubünden" (1862) oder Johann Jakob Blumer dem "Glarnerischen Bürgerl. Gesetzbuch" (1869). Der Basler Kodifikationsversuch von Andreas Heusler (1834-1921) sowie Entwürfe in St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden wurden nicht mehr realisiert, da die Gesetzgebungskompetenz 1874 an den Bund fiel. Das Obligationenrecht (OR) von 1881 und das ZGB von 1907 bilden den krönenden Abschluss dieser anhaltenden Kodifikationsbewegung, die der schweiz. Rechtswissenschaft weltweite Beachtung eintrug.

Das Staatsrecht, das seit Josias Simlers "De Republica Helvetiorum" (1576) von zahlreichen Gelehrten kontinuierlich aufgearbeitet worden war, erlebte im 19. und 20. Jh. weitere Höhepunkte, namentlich durch Fritz Fleiner und Walther Burckhardt. Auch das Strafrecht weist seit dem 19. Jh. bedeutende Leistungen auf: Bereits 1807 schuf Konrad Meyer das an Paul Johann Anselm Feuerbachs Werke angelehnte, aber dennoch eigenständige St. Galler "Peinl. Gesetzbuch". Zahlreiche andere Kantone schufen ebenfalls eigene Strafgesetzbücher. Die Bemühungen von Carl Stooss um ein eidg. Strafgesetzbuch (StGB), das 1942 in Kraft trat, fanden wegen ihrer fortschrittl. Ideen internat. Anerkennung.


Literatur
– S. Stelling-Michaud, L'Université de Bologne et la pénétration des droits romain et canonique en Suisse aux XIIIe et XIVe siècles, 1955
– C. Soliva, Das Eidg. Stadt- und Landrecht des Zürcher Bürgermeisters Johann Jakob Leu, 1969
– F. Elsener, Die Schweizer Rechtsschulen vom 16. bis zum 19. Jh., 1975
Hb. der Qu. und Lit. der neueren Privatrechtsgesch., hg. von H. Coing, Bd. 3/2, 1982
– L. Carlen, Rechtsgesch. der Schweiz, 31988
– M. Senn, Rechtsgesch., 21999
– R. Pahud de Mortanges, Schweiz. Rechtsgesch., 2007, 133-151

Autorin/Autor: Karl Heinz Burmeister