• <b>Sprachwissenschaft</b><br>Titelseite der ersten Ausgabe des Werks von Ferdinand de Saussure, das postum 1916 herausgegeben wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).

Sprachwissenschaft

Die S., auch als Linguistik bezeichnet, etablierte sich im frühen 19. Jh. als wissenschaftl. Disziplin. Auslöser dafür war die Entdeckung der hist. Dimension der Sprache, das heisst der Sprachverwandtschaft und -geschichte. Seither hat sich die S. - beschleunigt im 20. Jh. - in zahlreiche Unterdisziplinen aufgegliedert. Neben die Teilbereiche Phonologie, Morphologie, Wortschatz, Syntax, Text und Kommunikation traten strukturalist., typolog., hist. (diachrone), pragmat., psycholog. und soziale Betrachtungsweisen sowie neuerdings insbesondere Fragen des Spracherwerbs und der Sprachverarbeitung im Gehirn (Neurolinguistik). Dabei beschäftigen sich einige dieser Bereiche mit jeweils einer einzigen Sprache, andere vergleichen mehrere Sprachen oder Sprachvarietäten miteinander; einige stehen der Literaturwissenschaft oder der Philologie näher, andere ferner.

Die in der Schweiz praktizierte S. untersucht sprachl. Phänomene sowohl im eigenen Land als auch anderswo. Bei der landesspezif. S. steht seit Langem die Erforschung der vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sowie ihrer Mundarten im Mittelpunkt. Gerade in der Dialektologie hat die Schweizer Forschung dank günstiger sprachgeogr. Voraussetzungen method. und prakt. Pionierarbeit geleistet, insbesondere bei der präzisen wissenschaftl. Beschreibung von Dialekten (zuerst Jost Winteler, 1876), der hist. Interpretation ihrer Entstehung und Entwicklung (Isolation versus Kontakt) sowie ihrer Darstellung in monumentalen Wörterbüchern und - besonders eindrücklich - in Sprachatlanten. Eng mit der Dialektologie verbunden ist die Ortsnamenforschung (Orts- und Flurnamen), die mittels hist. Deutung der geogr. Verbreitung von Orts-, Flur- und Gewässernamen zur Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte beiträgt. Zur Zeit steht das Verhältnis der Landessprachen zueinander sowie - v.a. in der Deutschschweiz - die Beziehung zwischen Mundart und Standardsprache im Vordergrund. Auch die Mehrsprachigkeit und die Kontakte zwischen einheim. und Immigrantensprachen sowie zum Englischen werden untersucht. Meist dienen die entsprechenden Studien, wie auch die Sprachdidaktik im weiteren Sinne, als sog. angewandte S. der Sprach- und Bildungspolitik. Ein weltweit einzigartiges Unternehmen war die Schaffung und Förderung des Rumantsch Grischun.

Abgesehen von den landeseigenen widmete sich die S. in der Schweiz anfänglich v.a. den klass. Sprachen Latein, Griechisch und Sanskrit sowie ihrer hist. Verwandtschaft (Indogermanistik). Die erste Professur für S. bzw. vergleichende Sprachforschung wurde 1856 in Zürich für Heinrich Schweizer eingerichtet. Herausragend auf dem Gebiet der historisch-vergleichenden S. waren Jacob Wackernagel, Ferdinand de Saussure (v.a. mit seinem Jugendwerk "Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européennes" 1879), Robert von Planta, Eduard Schwyzer und Manu Leumann. Ernst Risch übertrug die Methode der hist. Dialektologie auf das Altgriechische.

Weniger historisch als typologisch vergleichend und von sprachpsycholog. und -philosoph. Interessen geleitet arbeitete Franz Misteli. Ein früher Vorläufer der Sprachtypologie war Konrad Gessner mit seinem Werk "Mithridates" (1555). Auch de Saussure verlagerte sein Interesse später auf die allg. S., welche die Sprache als System und Kommunikationsmittel untersucht. Seine im "Cours de linguistique générale" beschriebene Unterscheidung von "langue" und "parole" und die Lehre vom sprachl. Zeichen und seiner Willkürlichkeit wurden international wegweisend v.a. für die synchrone (d.h. ahist.) Richtung der S. im 20. Jh. De Saussures "Cours de linguistique générale" war 1916 postum von seinen Schülern Charles Bally und Albert Sechehaye herausgegeben worden und wurde in der Folge von ihnen und ihren Nachfolgern (z.B. Henri Frei), der sog. Genfer Schule, kommentiert und weitergeführt.

<b>Sprachwissenschaft</b><br>Titelseite der ersten Ausgabe des Werks von Ferdinand de Saussure, das postum 1916 herausgegeben wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Titelseite der ersten Ausgabe des Werks von Ferdinand de Saussure, das postum 1916 herausgegeben wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Im Laufe des 20. Jh. wurden an den Schweizer Universitäten Lehraufträge und Professuren für einzelsprachl. S. geschaffen, v.a. für die schweiz. Nationalsprachen und die Anglistik. Lehrstühle und Institute für allg. S. sind - die Univ. Genf ausgenommen - meist jüngeren Ursprungs; solche für vergleichende S. sind seit den 1980er Jahren gefährdet oder bereits aufgehoben worden. Einige Schweizer Sprachwissenschafter haben ausschliesslich oder überwiegend im Ausland gelehrt, etwa der Latinist Eduard Wölfflin (Begründer des "Thesaurus Linguae Latinae" in München), der Romanist Wilhelm Meyer-Lübke und der Keltologe Rudolf Thurneysen.


Literatur
– M. Leumann, Der Anteil der Schweiz am Ausbau der Sprachforschung, 1944
Cahiers Ferdinand de Saussure 29, 1974-75, 101-204
Les linguistes suisses et la variation linguistique, hg. von J. Wüest, 1997
– A.-M. Frýba-Reber, «Philologie et linguistique à l'aube du XXe siècle - l'apport de la Suisse», in Cahiers Ferdinand de Saussure 51, 1998, 133-149
S. in Basel 1874-1999, 2002
– L. de Saussure, «Geneva School of Linguistics after Saussure», in Encyclopedia of Language and Linguistics 5, hg. von K. Brown, 22006 (1993), 24 f.

Autorin/Autor: Rudolf Wachter