Informatik

Die I. als Wissenschaft hat zwei voneinander unabhängige Wurzeln, das wissenschaftl. Rechnen (Mathematik) mit programmierbaren Rechenautomaten bzw. Computern (ab ca. 1945) einerseits und die maschinelle Datenverarbeitung (ab ca. 1890) andererseits, die beide erst spät zusammenfanden (um 1955 gerätetechnisch, ab 1967 für Datenbanken). Das in Europa gebräuchl. Kunstwort "I." (1962 in Frankreich geschaffen aus dem Zusammenzug von Information und Automatik) deckt beides in Theorie und Anwendung ab (brit. Übersetzung "Information Technology" = IT), während das in den USA übliche Begriffspaar "Computer Science" und "Data Processing" noch heute auf die beiden Wurzeln hinweist.

Die maschinelle Datenverarbeitung (Informatisierung) begann mit der in den 1880er Jahren entwickelten Hollerith-Maschine, mit welcher Lochkarten elektromechanisch ausgewertet werden konnten. Sie wurde für die amerikan. Volkszählung von 1890 eingesetzt und blieb anfänglich auf einzelne Grossbetriebe beschränkt. So richtete 1928 die Rentenanstalt in Zürich mit Geräten des Norwegers Fredrik Rosing Bull für Versicherungsanwendungen eine Lochkartenabteilung ein. Der breite Durchbruch der Büroautomation (Büro) erfolgte aber erst nach 1960, als auch für die Datenverarbeitung Computer zum Einsatz kamen (Elektron. Datenverarbeitung = EDV). Seither gehört die Schweizer Wirtschaft durchgehend zu den intensivsten Informatikanwendern weltweit.

Beim numer. Rechnen (Zahlenrechnen) wurden für Einzeloperationen (Addition usw.) seit Jahrhunderten neben Papier und Bleistift auch Geräte eingesetzt (Abakus, Rechenschieber, mechan. Rechenmaschine). Aber erst der programmierbare Rechenautomat (heute Computer) revolutionierte das numer. Rechnen, weil er Zwischenresultate speichern und eine beliebig lange, programmierte Folge von Operationen selbstständig ausführen kann. Erst so lassen sich auch grössere Probleme mit einer Vielzahl von Rechenoperationen überhaupt angehen (wissenschaftl. Rechnen, Ingenieurberechnungen, Simulation). Erstmals funktionsfähig gebaut wurden solche Rechenautomaten knapp vor und während des 2. Weltkriegs durch Forscherteams in den USA sowie völlig isoliert davon durch einen einzelnen Ingenieur in Deutschland, Konrad Zuse.

In der Schweiz erfolgte 1948 an der ETH Zürich die Gründung des Instituts für angewandte Mathematik durch Eduard Stiefel. Dieser schickte 1949 seine Oberassistenten Heinz Rutishauser und Ambros Speiser im Hinblick auf einen eigenen Computerbau (Ermeth) zu den Pionieren in die USA und nahm gleichzeitig Verbindung zu Zuse auf; er konnte von diesem den im Krieg beschädigten Rechenautomaten Z4 reparieren lassen und mietweise 1950-54 nach Zürich holen. So verfügte die ETH ab 1950 als erste kontinentaleurop. Hochschule über einen programmierbaren Rechenautomaten. Bald erlebte dieses Institut eine Hochblüte in drei Richtungen: neuartige numer. Rechenmethoden (Stiefel, Rutishauser), neue Programmiermethoden und -sprachen (Rutishauser, Konzept des Compilers 1951), voll dezimal arbeitender elektron. Rechenautomat (Speiser, Ermeth 1956).

Auch an anderen Schweizer Universitäten wuchs um 1960 das Interesse am numer. Rechnen (Charles Blanc an der EPUL bzw. ETH Lausanne; Ernst Peter Billeter in Freiburg; Hans Künzi in Zürich); neue Gebiete wie Operations Research und Statistik kamen dazu. Ausserhalb der Hochschulen beschränkte sich die Informatikforschung bis heute auf wenige Zentren: auf das 1956 von Speiser gegr. IBM-Forschungslabor in Rüschlikon, die BBC/ABB, das europ. Kernforschungszentrum CERN bei Genf und das Ubilab der UBS (1984-2000). Informatikforschungsleistungen aus der Schweiz mit weltweiter Resonanz waren die Programmiersprache Pascal des ETH-Professors Niklaus Wirth (1970) und das World Wide Web (Internet), das der Brite Tim Berners-Lee und der Belgier Robert Cailliau 1989-90 am CERN entwickelt hatten.

Die Schweizer Informatikforschung stand früh auf hohem Niveau, aber damals wie heute auf schmalem Fundament, weil eine Schweizer Informatikindustrie fehlt. Die Nutzung der I. erfolgte hierzulande aber immer breit und kräftig. Ein Stiefkind blieb jedoch lange die Ausbildung von Informatikern im Hauptberuf. Erst 1976 begannen an der Univ. Genf die ersten Informatikstudenten ihr Studium; die meisten Schweizer Hochschulen (inklusiv ETH Zürich und ETH Lausanne) und einige wenige Technika (heute Fachhochschulen) folgten um 1980, zehn Jahre später als im benachbarten Ausland. Erst seit 1993 wird die Berufslehre zum Informatiker angeboten.


Literatur
– H.R. Schwarz, «The Early Years of Computing in Switzerland», in Annals of the History of Computing 3, 1981, 121-132
– A.P. Speiser, «38 Jahre I. in der Schweiz», in Bull. SEV/VSE 78, 1987, 3-7
Loading History - Computergeschichte(n) aus der Schweiz, hg. von B. Tobler, S. Sunier, 2001

Autorin/Autor: Carl August Zehnder