• <b>Geografie</b><br>Allegorische Kartusche, welche die vom deutschen Geografen  Georg Matthäus Seutter  hergestellte Karte von Stadt und Republik Bern ziert. Augsburg, um 1740 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner). Der Handelsgott Merkur (links) und die personifizierte Erderkundung (rechts) ermöglichen es dem Staat, den Wohlstand in der Stadt und auf dem Land zu gewährleisten.
  • <b>Geografie</b><br>Mitgliederausweis für den 5. Internationalen Kongress der geographischen Wissenschaften, ausgestellt auf den Namen des Berner Regierungsrats Albert Gobat, der diesen Anlass präsidierte. Allegorisches Motiv des Berner Malers und Illustrators  Robert Kiener (Mémoires d'Ici, Saint-Imier, Fonds Albert et Marguerite Gobat). Der Kongress, der im Rahmen der Feierlichkeiten zur 700-Jahr-Feier der Stadt Bern 1891 im frisch eingeweihten Bundeshaus-Ost stattfand, wurde von einer Ausstellung zur Schulgeografie, zur Geografie der Alpen und zur Geschichte der Schweizer Kartografie begleitet. Die 1972 edierte Neuauflage des mehr als tausendseitigen Tagungsbandes bezeugt die historische Bedeutung dieses Anlasses für die Geografie.

Geografie

G. befasst sich im weiten Sinn mit der Erarbeitung und Vermittlung von Beschreibungen und Erklärungen räuml. Zustände und Prozesse auf der Erde. Zielsetzung der Forschung ist die Darstellung und Erklärung der individuellen Ausprägung der einzelnen räuml. Einheiten in ihrer strukturellen, funktionalen und dynam. Gestalt und die Erforschung und typolog. Ordnung der Bestandteile der geosphärischen Räume, der darin wirkenden Faktoren, der Regeln ihres Zusammenwirkens und ihrer räuml. Ordnung. Die Analyse der physisch-materiellen Umwelt erfolgt unter einer doppelten Perspektive: als Voraussetzung und Beschränkung des Menschen und seiner soziokulturellen, wirtschaftl. und polit. Entwicklung einerseits und als Produkt und Ergebnis dieser Prozesse andererseits. Dies erfordert sowohl einen natur- wie einen geisteswissenschaftl. Zugang. Durch das Zusammenwirken der Physischen G. (Physiogeografie) und der Kulturgeografie (Anthropogeografie, Humangeografie) werden in Zusammenarbeit mit benachbarten Fachbereichen Entwürfe umwelt- und sozialverträgl. Nutzungskonzepte für bestimmte Lebensräume (Raumplanung) erarbeitet. Die Regionale G. untersucht das Zusammenwirken der Einflussfaktoren innerhalb bestimmter Raumeinheiten im lokalen, regionalen oder globalen Massstab, die Allgemeine G. erfasst systematisch analysierend die geogr. Sachkategorien. Die Angewandte G. macht die geogr. Erkenntnisse (Fakten und Methoden) für die Umsetzung verfügbar. Die Schulgeografie entwickelt sich zunehmend über die Fachgrenzen hinaus, um den wachsenden Umwelt-, Gesellschafts- und Wirtschaftsproblemen begegnen zu können.

<b>Geografie</b><br>Allegorische Kartusche, welche die vom deutschen Geografen  Georg Matthäus Seutter  hergestellte Karte von Stadt und Republik Bern ziert. Augsburg, um 1740 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).<BR/>Der Handelsgott Merkur (links) und die personifizierte Erderkundung (rechts) ermöglichen es dem Staat, den Wohlstand in der Stadt und auf dem Land zu gewährleisten.<BR/>
Allegorische Kartusche, welche die vom deutschen Geografen Georg Matthäus Seutter hergestellte Karte von Stadt und Republik Bern ziert. Augsburg, um 1740 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).
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Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

1 - Geografie als Erdbeschreibung und Erdzeichnung

G. geht als Erdbeschreibung wie auch als Erdzeichnung (Kartografie) auf den Griechen Herodot (5. Jh. v.Chr.) zurück. Dieser hat das damalige Weltbild durch das Aufsuchen der Schauplätze der Geschichte bedeutend ausgeweitet. Die hoch entwickelte Kartografie des röm. Reichs (Tabula Peutingeriana) diente noch im HochMA als Grundlage für die Entwürfe der ersten Weltkarten. Mit der Erfindung der Druckverfahren wurden sehr bald auch Karten vervielfältigt. Die G. setzte in der Schweiz mit den Topografen Conrad Türst, Johannes Stumpf und Aegidius Tschudi ein, die Gesamtkarten der Schweiz entwarfen. Josias Simler schuf 1574 die erste, ausschliesslich den Alpen gewidmete topograf. Beschreibung. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) führte erstmals in den Alpen Messungen durch, um die Naturerscheinungen nach physikal. Grundsätzen zu erklären. Der Berner Albrecht von Haller (1708-77) gilt aufgrund seiner genauen Erdbeschreibungen als ausserordentlich bedeutender Geograf des frühen 18. Jh. Horace Bénédict de Saussure aus Genf liess als einer der grössten Hochgebirgsforscher seiner Zeit genaue Messinstrumente bauen und erforschte die Landschaft fast im modernen Sinn komplex. Er war ein Vorbild des Deutschen Alexander von Humboldt, dessen Reise- und Länderberichte den Höhepunkt der G. als Erdbeschreibung darstellen.

Damit war die G. im 19. Jh. als naturwissenschaftl. Disziplin entwickelt. In der Schweiz wurden v.a. die Entstehung der Alpen und die Gletscher untersucht, in Bern durch Bernhard Studer, in Neuenburg durch Louis Agassiz, in Basel durch Ludwig Rütimeyer und in Zürich durch Albert Heim. Sie hielten an den Hohen Schulen und Universitäten als Geologen oder Biologen Geografie-Vorlesungen, lange bevor Lehrstühle für G. eingerichtet waren. Mit dem Kolonialismus und der Internationalisierung der Wirtschaft im 19. Jh. wurde das Interesse an fremden Ländern, Gesellschaften und Kulturen geweckt, worauf Vorlesungen zur Vergleichenden G. der Kontinente, zu den Wirtschaftsverhältnissen und zur Anthropologie angeboten wurden.

<b>Geografie</b><br>Mitgliederausweis für den 5. Internationalen Kongress der geographischen Wissenschaften, ausgestellt auf den Namen des Berner Regierungsrats Albert Gobat, der diesen Anlass präsidierte. Allegorisches Motiv des Berner Malers und Illustrators  Robert Kiener (Mémoires d'Ici, Saint-Imier, Fonds Albert et Marguerite Gobat).<BR/>Der Kongress, der im Rahmen der Feierlichkeiten zur 700-Jahr-Feier der Stadt Bern 1891 im frisch eingeweihten Bundeshaus-Ost stattfand, wurde von einer Ausstellung zur Schulgeografie, zur Geografie der Alpen und zur Geschichte der Schweizer Kartografie begleitet. Die 1972 edierte Neuauflage des mehr als tausendseitigen Tagungsbandes bezeugt die historische Bedeutung dieses Anlasses für die Geografie.<BR/>
Mitgliederausweis für den 5. Internationalen Kongress der geographischen Wissenschaften, ausgestellt auf den Namen des Berner Regierungsrats Albert Gobat, der diesen Anlass präsidierte. Allegorisches Motiv des Berner Malers und Illustrators Robert Kiener (Mémoires d'Ici, Saint-Imier, Fonds Albert et Marguerite Gobat).
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Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

2 - Geografie an den Hochschulen

2.1 - Von der Errichtung der Lehrstühle bis 1945

Die naturwissenschaftl. Ausrichtung der geogr. Forschung im 18. und 19. Jh. hatte zur Folge, dass die Lehrstühle in der ersten Periode an den naturwissenschaftl. Fakultäten eingerichtet wurden: 1886 an der Univ. Bern, 1895 an der Univ. Zürich, 1896 an der Univ. Freiburg, 1912 an der Univ. Basel und 1915 an der ETH Zürich. Diese Einordnung in das bestehende Wissenschaftssystem des 19. Jh. entsprach jedoch nicht dem Wesen des Faches als natur- und geisteswissenschaftl. Disziplin. In der ersten Phase 1886-1915 dominierte in der Physischen G. die Geomorphologie, v.a. die Alpen- und die Eiszeitforschung. Die Anthropologie war Teil der vergleichenden Länderkunde, die vorwiegend der Lehrerausbildung diente. In der zweiten Phase 1915-45 behielt die Geomorphologie ihre starke Stellung. In der Kulturgeografie wurde die Völkerkunde aufgebaut, die sich später als Ethnologie verselbstständigte. Die Länderkunde konzentrierte sich stark auf die Schweiz. In Zürich wurde die Agrargeografie eingeführt, teilweise praxisorientiert und damit als Grundlage für die Raumplanung, in Genf und Freiburg die Polit. G. und die Geopolitik.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

2.2 - Nach dem 2. Weltkrieg

Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine starke Spezialisierung ein. In der Physischen G. traten neben die Geomorphologie die Hydrologie und die Klimatologie. In der Kulturgeografie wurde die Wirtschaftsgeografie ausgebaut und die traditionelle Länderkunde als Regionalforschung weiterentwickelt. Das 1947 gegründete Institut in Lausanne wurde der geisteswissenschaftl. Fakultät unterstellt (seit 2003 der Fakultät der Geo- und Umweltwissenschaften). Das in der deutschsprachigen G. entwickelte sog. Landschaftskonzept war ein Versuch, die Verbindung zwischen Natur und Mensch durch die Interpretation der Landschaften unter Verwendung des ökolog. Ansatzes und der Untersuchung der Systemzusammenhänge zu erkennen.

Ab 1965 erfolgte auch in der G. die Einführung quantitativer Methoden, die sich z.T. zu selbstständigen Teildisziplinen entwickelten (Quantitative G., Fernerkundung, Geogr. Informationssysteme). Die Ausbildung von Lehrkräften für G. ging stark zurück, und die angewandte G. mit Berufsmöglichkeiten in der Verwaltung und in privaten Unternehmen gewann an Bedeutung. In St. Gallen wurde 1972 die Forschungsstelle für Wirtschaftsgeografie und Raumplanung als selbstständiges Institut gegründet, und in Neuenburg öffnete 1974 an der geisteswissenschaftl. Fakultät ein geogr. Institut seine Tore, nachdem bereits ab 1866 Vorlesungen in G. gehalten worden waren.

Seit etwa 1980 gewannen die integrale Umweltforschung sowie die Forschung in Entwicklungsländern zunehmend an Bedeutung. In der Kulturgeografie entwickelte die Sozialgeografie handlungstheoret. Konzepte und führte die qualitativen Methoden der Sozialforschung ein. Die Bodenkunde ergänzte die Physische G., die Teildisziplinen wurden als Landschaftsökologie zusammengefasst und die Umweltprozesse zunehmend mit Hilfe von quantitativen Modellen analysiert.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

2.3 - Entwicklungstendenzen

Die seit den 1960er Jahren v.a. fachintern geführten Diskussionen über die Wissenschaftlichkeit der G. als einer sowohl den Naturwissenschaften als auch den Geisteswissenschaften verpflichteten Disziplin führte im Ausland teilweise zur Spaltung des Faches und zur Ablehnung der Regionalen G. Mit der zunehmenden Umweltbelastung auf lokaler bis globaler Ebene und den dadurch bedingten raumwirksamen Massnahmen gewinnt auch die Regionale G. unter der Fragestellung des Verhältnisses von Raum und Gesellschaft wieder an Bedeutung. Das Mensch-Umwelt-Verhältnis, das weltweit immer weitere Bereiche tangiert, wird auch als wissenschaftl. Fragestellung immer wichtiger. Dessen Behandlung ist nur noch interdisziplinär möglich. Die G. hat besonders gute Voraussetzungen, um natur- und geisteswissenschaftl. Ansätze und Methoden verbindend weiterzuentwickeln.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

3 - Geografische Gesellschaften

Die Gründungen der Geografischen und Geografisch-Ethnografischen Gesellschaften erfolgten im 19. Jh. parallel zum wachsenden Interesse an fremden Ländern (1858 Genf, 1872 Bern, 1878 St. Gallen, 1885 Neuenburg, 1899 Zürich, 1923 Basel, 1995 Tessin). 1970 wurde die Schweiz. Geografische Gesellschaft gegründet, die 1989 vom Verband G. Schweiz abgelöst wurde, in dem alle Institute, die Regionalgesellschaften und die Fachgesellschaften der Geografielehrer, der Angewandten Geografen, der Kartografen, der Geomorphologen und der Geografiestudierenden vereinigt sind.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

Quellen und Literatur

Literatur
Compte rendu du Ve congrès international des sciences géographiques, tenu à Berne du 10 au 14 août 1891, 1892, (Neudr. 1972)
Der Schweizer Geograph, 1923-45
Geographica Helvetica, 1946-
– H. Beck, Geographie, 1973
Nouvelle géographie de la Suisse et des Suisses, hg. von J.-B. Racine, C. Raffestin, 2 Bde., 1990
– G. Grosjean, 100 Jahre Geogr. Inst. der Univ. Bern, 1886-1986, 1991
GeoAgenda, 1994-
– B. Werlen, «Landschaft, Raum und Gesellschaft», in Geogr. Rundschau 1995, 47, 513-522
– E. Ehlers, «Global Change und Geographie», in Geogr. Rundschau 1998, 50, 273-276